Pistole .22 lang: Röhm RG 600

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  • Pistole .22 lang: Röhm RG 600

    Röhm RG600 (PTB 348)

    Dem Ursprung nach wird zu Silvester Krach gemacht, um die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben. Je mehr Krach, desto besser.
    Die kleinkalibrigen Waffen von RÖHM beweisen aber auch, dass weniger mehr sein kann.



    Auf den ersten Blick sieht die RG600 aus wie eine (Selbstlade-)Pistole. Von der Funktion her ist sie aber eine Art Revolver mit Stangen- statt Trommelmagazin.



    Die RG600 ist technisch baugleich mit der RG300 - beide Modelle nutzen das gleiche Griffstück. Die größere RG600 unterscheidet sich lediglich durch das, (bedingt durch die längere Munition) höhere Magazin und das dadurch höher ausfallende Waffenoberteil.

    Technische Daten:
    Kaliber: .22 lg.
    Kapazität: 10 Patronen/ Magazin
    Gesamtlänge: 156 mm
    Gewicht: 480 Gramm
    Preis: ca. 65-70 EUR (Stand: Januar 2005)

    Die RG600 ist sowohl brüniert, als auch velour-vernickelt (gegen Aufpreis) erhältlich.
    Doch auch bei der vernickelten Variante sind die Magazine schwarz brüniert.
    Auf neueren Abbildungen scheint nur noch das Oberteil der Waffe vernickelt worden zu sein (das Griffstück ist schwarz brüniert = Bi-Color).


    Funktionsweise
    Die Waffe schießt sozusagen um die Ecke. Das heißt: die Patronen (in der Skizze gelb dargestellt) stehen senkrecht zum Lauf und werden in dem Magazin (blau) gezündet. Ein Keilstück (grün) leitet den Feuerstrahl in das über dem Magazin liegende Rohr um und nach vorne heraus.





    Sicherung/ Wahlschalter
    Die RG600 verfügt über einen Wahlschalter, über den sich die Waffe entladen, sichern und abfeuern lässt.



    Bei der oberen Einstellung "E" (= entladen) wird nur der Auslösevorgang des Hahns außer Betrieb gesetzt, der Weitertransport des Magazins wird aber nicht behindert.

    Bei der mittleren Einstellung "S" (= sichern) wird der Abzug blockiert. Das Durchziehen des Abzugs (sowie spannen und feuern) ist damit nicht mehr möglich.

    Das Schießen (untere Stellung "F" = feuern) ist nur im DAO-Modus möglich.
    Das heißt: der innen liegende Hahn wird jedes Mal durch Betätigen des Abzugs gespannt und ausgelöst. Ein Vorspannen ist nicht möglich.
    Entsprechend hoch ist der Abzugswiderstand, er liegt bei ca. 4.200 Gramm.


    Hahn-Attrappe (hintere Magazinschacht-Abdeckung)
    Die RG600 besitzt am hinteren Ende des Gehäuseoberteils eine Klappe, die wie ein Hahn ausgeprägt ist und sich auch spannen und ebenso leicht wieder schließen lässt. Dazu befindet sich im Griffstück eine Feder, die auf der einseitig kantig ausgeführten Achse aufliegt und die Klappe in den beiden Stellungen (offen/ geschlossen) hält. Nach dem sechsten Schuss öffnet sich die Klappe automatisch und lässt sich auch nicht mehr schließen, da dann der hintere Teil des Magazins die Klappe nach unten drückt.

    Kleiner Tipp: Ich habe bei meiner RG600 diese Achse rund gefeilt, wodurch die Hahn-Attrappe nicht mehr gespannt werden kann, bzw. die Klappe nicht geöffnet bleibt. Dies soll verhindern, dass unnötig Schmutz, Regen und Schnee in die Waffe eindringen kann.


    Über das Magazin…
    Das Magazin ist nicht nur ein Vorratsbehälter, aus dem die Patronen zur Schussabgabe in ein Patronenlager geführt werden, sondern dient selbst als Patronenlager und das gleich zehnfach.
    Das erklärt auch, warum jede Patrone seine eigene Kammer besitzt und nicht, wie bei anderen Magazinen, Patrone an Patrone, Schulter an Schulter angereiht ist.
    Und weil die Magazine damit beschusspflichtig sind, finden sich auch auf den Magazinen jene Stempel, die man sonst nur auf Griffstücken oder Verschlüssen der Schreckschusswaffen selber sieht.

    Die Magazine tragen die Stempel des Beschussamtes seitlich.
    Neben dem Bundesadler mit dem N (Normalbeschuss), sind zusätzlich noch der Stempel des Beschussamtes Ulm (in Form eines Geweihs) und die codierten Jahreszahlen des Beschuss-Jahres eingeprägt (siehe auch Lexikon: Beschussämter/ -Stempel).



    Die älteren Magazine, die ich besitze, sind alle (in Schussrichtung) links gestempelt, die zuletzt gekauften Magazine (mit Beschuss von 2004), tragen die Prägungen auf der rechten Seite, zudem noch weiß hervorgehoben.
    Bei den Magazinen von 1985 (Code: IF) fehlt noch die seitliche Verstärkung.



    Seltsamer Weise fehlte bei meinen 1985er Magazinen vorne eine Nut, um fehlerfrei transportiert zu werden.
    Dieses Problem habe ich mittels einer Rundfeile gelöst (Abb. 6, rechts im Bild).




    Laden/ Aufmunitionieren
    Zum Laden stellt man das Magazin am besten auf den Kopf und öffnet die Spange (das Federblech) auf der Unterseite.



    Sollen weniger als zehn Patronen abgefeuert werden, sollte man darauf achten, dass die erste Patrone am entgegen gesetzten Ende der Federblech-Achse steckt.
    Die Magazine werden in die Waffe von vorne (unterhalb des Laufs) eingeschoben. Ein Haken greift in das Zahnstangenband der Magazine ein und zieht (bei der Einstellung schießen oder entladen) die Magazine Stück für Stück nach hinten.

    Kleiner Tipp: ich lade die Magazine nie ganz voll, sondern lasse die letzte Kammer immer frei. Beim theoretisch letzten Schuss ertönt dann ein Klacken und man weiß, dass die Munition verschossen ist. Man kann dann (nach einem erneuten Durchziehen des Abzugs) mit der anderen Hand das Magazin auffangen. Andernfalls bricht noch ein Schuss, es ertönt ein Klack! und das das Magazin saust ungehindert aus der Waffe heraus.


    Munition
    Die RG600 ist, wie auch die meisten Schreckschuss-Revolver, anspruchslos in Sachen Munition.
    Ein bestimmter Gasdruck für das störungsfreie Funktionieren ist, wie bei (halb)automatischen Waffen, nicht relevant.
    Vom welchem Hersteller die Munition stammt und aus welcher Charge, ist für die Funktion der Waffe an sich nicht maßgebend. Hauptsache, die Munition ist fehlerfrei (nicht überlagert, feucht, etc.).

    Der Clou der RG600: sie kann nicht nur Patronen des angegebenen Waffenkalibers verschießen, sondern gleichfalls die (auch für die RG300 bestimmten) kleineren Patronen im Kaliber 6mm kurz (Flobert).
    Auch diese Munitionssorte verdaut die RG600 problemlos, lediglich kann es dann zu Nicht-Zündungen von Signalmunition kommen.
    .22 lg-Platzpatronen gibt es nur mit Schwarzpulver. NC-Patronen gibt es, meines Wissens nach, nicht dafür.


    Schießen mit der RG600
    Man kann dabei nur wenig falsch machen. Entweder der Wahlschalter ist in der falschen Position (sichern oder entladen) oder man zieht den Abzug nicht kräftig genug nach hinten durch.
    Ansonsten funktioniert die RG600 die ersten fünfzig bis hundert Schuss einwandfrei.

    Bei mehr als hundert Schuss sollte/muss man zwischendurch mit der Bürste grob die gröbsten Schwarzpulverrückstände beseitigten, sonst klemmen die Magazine oder es kommt im Abschussbecher kaum noch etwas an.
    Gut sichtbare Schmauchspuren findet man aber nicht nur an der Waffe, sondern auch am Abzugsfinger. Wem das nicht liegt, sollte zum Schießen Handschuhe tragen.


    Entladen (Leeren der Magazine)
    Da die Patronen in den Magazinen gezündet werden und nicht durch einen mechanischen Vorgang ausgestoßen werden, muss man nach dem Schießen die leeren (und wenn man nicht mehr schießen möchte auch die vollen) Patronen manuell aus dem Magazin entfernen.
    Als kleine Hilfe besitzt die RG600 einen ausklappbaren Ausstoßer am unteren Ende des Griffstücks.
    Da aber die RG600 das Griffstück der RG300 verwendet, ist der Ausstoßer für die langen .22er Patronen einfach zu kurz dimensioniert.
    Die Spitze des Ausstoßers erreicht gerade mal den Patronenboden der leeren Hülsen (siehe Abb. 9).





    Wenn die Magazine durch das Schießen verdreckt sind, sitzen die Patronen zum Teil sehr fest im Magazin.
    Man kann versuchen, mit dem kleinen Ausstoßer, den oberen Rand der Patrone zu erwischen und sie darüber herauszudrücken.
    Trotzdem ist und bleibt es dann eine Fummelarbeit, bei der man sich die Finger auf jeden Fall schmutzig macht.

    Kleiner Tipp: Wenn man die Magazine (zu Silvester) mehrfach hintereinander laden und verwenden möchte, sollte man einen kleinen Schraubendreher oder etwas Ähnliches (z.B. Inbusschlüssel, Stechpfriem am Taschenmesser) griffbereit haben, um die Magazine schnell und weniger mühsam zu entleeren.


    Verschießen von Signalmunition
    Die RG600 verfügt, wie die meisten Schreckschuss-/ Signalwaffen, über die Möglichkeit, damit Pyrotechnik für Silvester in die Luft zu schießen.
    Zum Lieferumfang gehört, neben der Reinigungsbürste, ein aufschraubbarer Becher im Kaliber 15mm.



    Auffällig bei dem Becher sind zum einen die fehlenden Entlastungsbohrungen, wie man sie von anderen Schreckschusswaffen kennt, zum anderen ist das Verbindungsstück (mit dem Schraubgewinde) exzentrisch angeordnet.
    Dies ist notwendig, da das Magazin sonst - bei aufgeschraubtem Becher – nicht in die Waffe eingeführt werden könnte (siehe Abb. 11).



    Das Gewinde der RG600 ist fest mit dem Lauf/ dem Gehäuse der Waffe verbunden. Es gibt hier keine Sollbruchstellen, wie sie bei anderen Schreckschusswaffen teilweise vorkommen.
    Durch diese hohe Stabilität dürfte man problemlos Mehrfach-Abschussgeräte (z.B. Roto-Star, Mulit-Shooter, Lesimat) oder den RÖHM-Kompensator installieren können, ohne Gefahr zu laufen, dass die Waffe durch das auf dem Gewinde lastende Gewicht beschädigt werden könnte.
    Problematisch wird dann aber das Einführen des Magazins (weshalb der Becher ja versetzt angebracht ist.
    Auch berichten andere Schützen, dass die kleinkalibrigen Platzapatronen nicht genügend Kraft haben, um gleichzeitig vier Signaleffekte zu zünden. (habe ich selbst noch nicht ausprobiert)

    Kleiner Tipp: Ich habe Silvester den Lesimat mit der RG600 verwendet. Wenn man den Apparat nicht fest mit dem Becher verschraubt und beim Schießen festhält, kann man ihn zum Magazinwechsel leicht abnehmen und danach wieder auf-/ einsetzen.


    Zerlegen – Zusammensetzen
    Die RG600 kann man zur Reinigung auf zweierlei Arten auseinander nehmen:

    A) zur einfachen Reinigung:
    Dabei entfernt man nur das Umlenkstück (in der Abbildung 2 grün dargestellt) aus dem Oberteil des Gehäuses, welches durch eine Schraube fixiert ist.
    Nach Lösen der Schraube kann man diesen Klotz von vorne (mit einem Schraubendreher (o. ä.) und einem Hammer) nach hinten heraus treiben. Nun kann der Lauf mühelos gereinigt werden.

    B) komplett zerlegen:
    Dabei entfernt man beide Griffschalen und drückt die beiden Haltebolzen (siehe Abbildung 12) von einer Seite zur anderen heraus.



    Danach kann man das Oberteil abnehmen und kommt so an die gesamte Mechanik heran.
    Vorsicht: die Hahnfeder steht ganz schön unter Druck. Diese wieder zu spannen und einzusetzen ist nicht ganz einfach.
    Wer das vermeiden möchte, sollte (bevor er das Oberteil abnimmt) die Griffschalen durch Klebeband kurzfristig ersetzen, um zu vermeiden, dass die Hahnfeder (auf der in Schussrichtung rechten Seite) herausspringt.




    Reinigen der RG600
    Die RG600 lässt sich relativ einfach reinigen, da es keinerlei Laufsperren gibt, um die man umständlich mit Zahnstochern, Wattestäbchen und Pfeifenreinigern herum putzen muss.
    Dadurch kann man mit der mitgelieferten Reinigungsbürste ausgiebig im Lauf hin und her putzen.

    Kleiner Tipp: Da die RG600 keinen gezogenen Lauf hat, der durch unsachgemäßes Reinigen beschädigt werden könnte, spanne ich eine Laufbürste in das Bohrfutter einer Bohrmaschine/ eines Akku-Schraubers ein und reinige damit den Lauf, das Innere des Gehäuses und die Patronenlager der Magazine. Das hat sich bisher gut bewährt und weniger Macken und Kratzer an der Waffe zurück gelassen, als man vermuten möchte.



    Übrigens: das Unternehmen aus Sontheim stellt nicht nur Waffen her, sondern auch Spannzeuge (siehe Abbildung 14). Allerdings sind beide Produktbereiche, zumindest die Internetseiten, strikt voneinander getrennt.

    Reinigungsmittel:
    Wie und womit man die Waffe reinigt, sei jedem selbst überlassen.
    Heißes Wasser schadet der Waffe nicht, sofern man danach alle Teile ordentlich trocknet und einölt.
    Welches Waffenöl man verwendet kommt bei einigen Usern einer Glaubensfrage gleich (ich verwende seit Jahren Ballistol und bin damit zufrieden). An sich kann man die Waffe mit jedem Mehrzweck-/ Waffenöl reinigen.
    Hilfreich sind zusätzlich spezielle Schwarzpulverlöser (als Spray).
    Ersatzbürsten (auch für den 15mm-Becher) und komplette Reinigungssets bekommt man ebenfalls im Fachhandel.


    Selbstverteidigung mit der RG600
    Ob eine Schreckschusswaffe - als Gaspistole geführt - zur Selbstverteidigung sinnvoll ist, darüber streiten sich die Geister (vor allem hier im Forum).
    Doch das Kaliber 6mm oder .22lg hat einfach zu wenig Energie, um eine größere Menge Reizgas weitreichend nach vorne zu beschleunigen.
    Die effektive Reichweite liegt ungefähr bei einem Meter, was wiederum dem Mindestsicherheitsabstand entspricht.
    Zudem gibt es für die kleinen Kaliber nur Patronen, die schlichtweg als ´Reizstoffpatronen´ bezeichnet werden.
    Meist handelt es sich bei dem Reizstoff um Chloracetophenon (kurz: CN).
    Das wirkungsvollere Ortho-Chlorbenylidenmalondinitril (kurz: CS) gibt es dafür meist gar nicht.
    Und das zur Tierabwehr zugelassene Pfefferspray (Oleoresin Capsicum = OC) habe ich bislang weder für die 6mm kurz, noch für die .22 lang gesehen.

    Fazit: Die RG600 scheidet, trotz der führigen Bauweise, als Verteidigungswaffe aus.


    Persönliche Einschätzung:
    Man sollte die RG600 nur danach bewerten was sie ist: eine Signalpistole. Nicht mehr und nicht weniger.
    Für den, der auf der Suche nach einem möglichst echt aussehenden Nachbau einer scharfen Waffe ist, kommt die RG600 ohnehin nicht in Frage; ebenso wenig für den, der meint, sich mit einer Schreckschusswaffe verteidigen zu wollen.

    Sicherlich gibt es die eine oder andere Verbesserungsmöglichkeit.
    Das Griffstück könnte großzügiger (länger und breiter) ausfallen,
    ebenso der Ausstoßer im Griffboden.
    Der Schlossgang könnte weicher sein und weniger Abzugswiderstand aufweisen.
    Auch der Abzugsbügel könnte ein klein wenig größer ausfallen, um mit der Waffe auch in kalten Silvesternächten problemlos mit Handschuhen schießen zu können.
    Ideal wäre noch ein Checkering am Griffstück und an den Magazinen.

    Wer einfach nur eine preisgünstige und zuverlässige Schreckschusswaffe für Silvester sucht, ist mit der RG600 bestens bedient.
    Auch schnelle Schussfolgen (trotz des enormen Abzugswiderstands) übersteht die RG600 ganz gut, zumal jeder Schuss in einem neuen Patronenlager gezündet wird.

    Ich selber besitze die RG600 seit November 1993 und sie hat sich als zuverlässiges Arbeitstier bewiesen.

    Im Hinblick auf Preis-Leistung findet man kaum etwas Besseres.
    Wer zu Silvester nur 20,- Euro für Munition ausgeben möchte, kommt mit den Automatikkalibern (z. B. 9mm PAK) nicht weit.


    Denn während die Großkaliberschützen bereits wieder einpacken müssen, ist bei der RG600 der Spaß noch längst nicht vorbei. Und langfristig vertreibt man die bösen Geister des alten Jahres auch mit einer kleinkalibrigen Silvesterwaffe.



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    Weitere Bilder der RG600:

    Mündungsansicht


    Größenverhältnis Waffe : Hand


    RG600 - vorbereitet für den Silvestereinsatz

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