Wiederladen von Kaliber 0.224

  • Hallo an alle,


    war neulich am Schießstand und habe da eine Diskussion mit einen anderen Schützen gehabt.
    Es ging darum, dass er seine Munition im Kaliber 0.224 Wiedergeladen hat, und diese seiner Meinung nach schneller im Ziel seien. Das Ergebnis bewies dies auch, jedoch meinte er auch, das zu wenig NC Pulver in der Patrone genau so gefährlich sei wie zu viel. Da haben bei mir dann die Fragen begonnen, die er leider nicht eindeutig wusste. Deswegen frage ich euch mal:


    Zu viel NC Pulver erzeugt zu viel Druck, das leuchtet ja auch ein. Die Waffe hält den nicht stand, und geht kaputt. Aber ab wann is es zu viel? Dachte immer die Patronenhülsen wären randvoll? Haben die noch Luft dazwischen? Wenn ja, wozu?


    Was bewirkt denn zu wenig NC Pulver?


    Meines Erachtens ist zu wenig Pulver gleichbedeutend mit zu wenig Leistung.





    Beste Grüße


    Mertakker

  • Ich hab zwar (noch) keinen Wiederladeschein, ich habe jedoch mal gehört dass es zu jeder Laborierung auch eine "Mindestladung" an Pulver gibt.
    Stell dir mal eine Patrone z.B. in Kaliber .30-06 vor. Wird bei so einer Patrone wesentlich zu wenig Pulver geladen, sammelt sich (wenn man das Gewehr in den Anschlag bringt) das Pulver im unteren Drittel der Hülse. Kommt nun von hinten der Zündstrahl des Zündhütchens, schlägt dieser sehr weit nach vorne durch und entzündet eine große Menge des Pulvers gleichzeitig > gefährlicher Druckanstieg.


    Zudem ist es wohl für die Gasdruckentwicklung entscheidend, wie weit der Geschossboden in die gefüllte Hülse hineinrangt (Setztiefe). Ich stell mir das in etwas so vor, wie die Verdichtung bei einem Verbrennungsmotor.


    Es gibt dann noch im Abbrandverhalten der Pulver sehr starke Unterschiede. Progressive Pulver verbrennen eher langsam und bauen konstant und lange Druck auf (z.B. .30-06), benötigen hierfür aber mehr Lauflänge. Dann gibt es noch sehr schnell verbrennende, offensive Pulver (z.B. Schrotpatronenpulver)
    Offensives Pulver erzeugt sehr schlagartig eine hohe Druckspitze, weshalb man mit dem zulässigen Höchstdruck aufpassen muss. Dafür kann man aber aus einem kürzeren Lauf mehr Power holen und hat einen geringeren Mündungsblitz.


    Ein Widerlader versucht im Prinzip eine für seine Waffe optimal funktionierende (hauptsächlich auf die Präzision) bezogene Laborierung (Zusammenspiel aus Hülse, Pulver, Geschoss) zu kreieren. Dabei bedeutet viel Pulver nicht automatisch viel Präzision. Man stellt sich eine ganze Reihe an Patronen her, beginnend bei der Mindestladung und dann in 0,1 Grain Schritten nach oben (Ladeleiter) . Diese testet man dann auf dem Schießstand bezüglich der Präzision und Streukreise aus. Dabei kann man in gewissen Grenzen verschieden schnell brennende Pulver testen und vor allem auch mit dem Geschossgewicht "spielen".


    Bitte korrigiert mich, falls es jemand Fachkundiges besser erklären kann, oder Fehler entdeckt.

  • Er hat sicherlich .223 Rem wiedergeladen und Geschosse im Diameter 0,224" verwendet.
    Es ist richtig, dass zu wenig Pulver zu unvorhergesehenen Drucksprügen bis zur Waffensprengung führen kann. Aus diesem Grund sollten insbesondere Langwaffenpatronen eine Ladedichte von mindestens 0,8 haben. Lediglich zylindrische Kurzwaffenpatronen sind davon frei. Das ist allerdings unabhängig davon, dass man Ladedaten bevorzugen sollte, die eine Ladedichte von > 0,5 haben, einfach aus dem Grund, weil dann unbemerkte Doppelfüllung nicht möglich sind.
    Wenn man doch mit sog. abgebrochenen Ladungen experimentieren will, weil man z.B. bewusst langsame Geschosse für Schalldämpferanwendung haben will, sollte man Reduzierhülsen von Samereier verwenden oder geeignete Füllmaterielien verwenden.


    Aber auch bei VL ist das wichtig, wo überhaupt keine Hohlräume beim Laden vorkommen sollen. Allenfalls der geringe Hohlraum bei der Verwendung von SP-Pesslingen ist tolerabel, aber auch deswegen könnten das zu ungleichmäßigen Drücken führen, was bekanntlich die Präzision versaut.


    Generell sollte sich der Wiederlader oder VL-Schütze an "offizielle" Ladedaten halten, denn diese sind geprüft. Wer davon abweichen will, sollte genau wissen was er tut.

  • Ich hab zwar (noch) keinen Wiederladeschein, ich habe jedoch mal gehört dass es zu jeder Laborierung auch eine "Mindestladung" an Pulver gibt.

    Richtig.
    Wer das mal genauer sehen will, der kann sich gerne die offiziellen Ladedaten des bekannten finnischen Treibmittelherstellers Vithavouri anschauen:
    https://www.vihtavuori.com/wp-…ng_Guide_2020_GER-www.pdf

    Stell dir mal eine Patrone z.B. in Kaliber .30-06 vor. Wird bei so einer Patrone wesentlich zu wenig Pulver geladen, sammelt sich (wenn man das Gewehr in den Anschlag bringt) das Pulver im unteren Drittel der Hülse. Kommt nun von hinten der Zündstrahl des Zündhütchens, schlägt dieser sehr weit nach vorne durch und entzündet eine große Menge des Pulvers gleichzeitig > gefährlicher Druckanstieg.

    So ist tatsächlich eine Theorie. Der Anfänger vergisst nämlich gern, dass das Treibmittel niemals schlagartig bzw. explosionsartig verbrennt, sondern für die Verbrennung steht der ganze Lauf zur Verfügung. Idealerweise ist der Verbrennungsvorgang erst abgeschlossen, wenn das Geschoss die Laufmündung verlassen hat. Genau deswegen gibt es Treibmittel in verschiedenen Abbrandklassen. Damit kann man Rücksicht auf Lauflänge und Geschossgeschwindigkeit nehmen.

  • Bei zu wenig Pulver kann dieses unkontrolliert abbrennen und damit Druckspitzen erzeugen.
    Bei zu viel Pulver wird auch durch das verbrennen ein zu hoher Druck erzeugt.
    Wieviel Pulver genau in die Hülse gehört hängt unter anderem vom verwendeten Pulver ab und dem maximal zulässigen Gasdruck der Patrone nach CIP Vorgaben.
    Und auch vom Zweck. Als Jäger will ich möglichst hohe Energieausbeute bei guter Präzision. Der Rückstoß ist recht egal, da man auf der Jagd nicht sehr viele Schüsse hintereinander abgibt.
    Als Sportschütze will ich möglichst hohe Präzision verbunden mit angehmem Schussverhalten, sprich wenig Rückstoß. Leistung ist nicht wirklich relevant.
    Es gibt, wie Floppyk schon schrieb, Grenzen für den Füllungsgrad einer Patrone. Prinzipiell kann man so voll laden, dass man beim Setzen des Gschosses das Pulver zusammenpresst. Wäre eine Pressladung. Bei ausreichend voller Hülse brennt das Pulver ja kontrolliert vom Zündhütchen an bis vorne durch ab.
    Bei zu geringer Ladung ist dieses kontrollierte Abbrennen nicht gewährleistet. Prinzipiell kann sich ja eine Flamme direkt über die gesamte Länge der Hülse ausbreiten. Dann verbrennt trotz weniger Pulver erstmal mehr Pulver auf einmal als bei voller Hülse, weil ja die entzündbare Oberfläche größer ist.

    "Büchsen kann man nie zuviele haben!"
    Pippi Langstrumpf

    "A shotgun, in my opinion, must have three things: Boom, Boom, Boom."

    Phil Robertson

  • Kurze Frage in die Runde, wenn wir gerade beim Thema Wiederladen sind...
    Weiß von euch jemand, wie viel Geld man ganz grob investieren muss, um Wiederlader zu werden? Sprich Ausbildungs- und Prüfungskosten bis zum Schein plus eine Ausrüstung im preislichen Mittelfeld, welche solide funktioniert.


    Ich überlege gerade nämlich mit 2 Schützenkollegen eventuell in dieses Thema "einzusteigen". Den Berechtigungsschein müssten ohnehin alle Beteiligten selbst machen, da die Abgabe von selbst geladener Munition an Dritte verboten ist, aber zumindest das Equipment könnte man sich gemeinsam beschaffen, da wir größtenteils auch noch die gleichen Kaliber schießen.


    Uns geht es dabei weniger um die Kostenersparnis bei hoher Trainingsintensität / Schusszahlen, sondern um Steigerung der möglichen Präzision durch Anpassung der Laborierung. Dazu kommt, dass ich dieses Thema alleine schon technisch hoch interessant finde.


    Ich befürchte nur, dass ich von meiner "Regierung" zu Hause einen gehörigen "Einlauf" bekommen würde, wenn ich jetzt auch noch anfange, zum Murmeln Stopfen in den Keller zu sitzen... :D

  • Weiß von euch jemand, wie viel Geld man ganz grob investieren muss, um Wiederlader zu werden? Sprich Ausbildungs- und Prüfungskosten bis zum Schein plus eine Ausrüstung im preislichen Mittelfeld, welche solide funktioniert.

    Das kannst viele Info auf dieser hervorragenden Homepage finden:
    https://www.pulverschein.de/html/nutzliches.html


    Zu den Preisen im Groben:
    Unbedenklichkeitsbescheinigung 40 - 100 €
    Lehrgang etwa 160 - 200 € - wobei man immer VL und Wiederladen kombinieren sollte.
    Anfahrt, Übernachtung?
    Grundwerkzeug ~ 600 €, je weiteres Kaliber KW ~ 90 €, LW ~ 60 €
    Erlaubnis ~ 100 - 150 €


    Meistens wird aus wirtschaftlichen Gründen wiedergeladen, jedoch kann man auch Präzisionssteigerungen erreichen. Munition 9x19 ist finanziell gesehen grenzwertig, weil in Massen gekauft ist die schon günstig. Je größer oder exotischer die Munition, desto eher lohnt das Wiederladen.

  • Du kannst ungefähr einen Tausender rechnen.
    Mein Kurs hat um 200€ gekostet.
    Dazu kamen noch Gebühren für den Schein, ich weiss es nicht mehr genau, aber meine, es waren ca. 160€.
    Dazu kommt noch eine Aufbewahrungsmöglichkeit/stabiler Schrank, Kleinkram wie Feuerlöscher etc.
    Ausrüstung mit ordentlicher Presse z.B. Lee Classic Cast oder RCBS Rock Chuler, Waage, Matrizensatz etc. so ca. 600€, wenn man nicht das billigste aber auch kein High End nimmt.

    "Büchsen kann man nie zuviele haben!"
    Pippi Langstrumpf

    "A shotgun, in my opinion, must have three things: Boom, Boom, Boom."

    Phil Robertson

  • Vielen Dank für eure schnellen Antworten! Mit den 1000€ habe ich jetzt schonmal eine Hausnummer im Kopf.
    Bei der 9mm habe ich das auch schon mitbekommen, dass das wirtschaftlich gesehen, eher ein Reinfall ist. Wenn man sich jetzt aber 5 verschiedene Fabrikladungen in 9x19 anschaut beim schießen, erkennt man bei allen 5 ein unterschiedliches Mündungsfeuer. Sowohl von der Farbe her, als auch von der Intensität. Zudem ist auch der Rückstoß unterschiedlich. Bei meiner Glock habe ich festgestellt, dass Geschosse mit 115 Grain tendenziell von der Präzision her besser laufen.


    Allein schon das Ausprobieren würde mich dabei reizen und macht sicher auf wahnsinnig Spaß, dieses Hobby um diesen Bereich zu erweitern.


    Präzisionstechnisch kann man aber wahrscheinlich einiges bei der .308 rausholen. Ich war gestern Morgen das erste Mal in Phillipsburg auf der Schießanlage. Ein wahrer Traum. Neben mir waren auf dem Stand einige professionelle Schützen, welche auf Benchrest-Spiegel geschossen haben. Da kam ich mir fast schon etwas blöd vor, mit meinem Jagdrepetierer und "normalen" Spiegeln :D .
    Jedenfalls habe ich vor Ort mal eine Schachtel Hornady BTHP Match 160 grain gekauft. Der pure Wahnsinn, was eine andere Laborierung bewirken kann.
    5 Schuss auf 100 Meter gingen locker in ein 1€ Stück.

  • Bei der 9mm habe ich das auch schon mitbekommen, dass das wirtschaftlich gesehen, eher ein Reinfall ist.

    Reinfall ist der falsche Begriff. Entweder man schießt viel oder benötigt spezielle Laborierungen, dann lohnt auch das Wiederladen. Aber wer eben nicht IPSC-Schütze mit entsprechenden Munitionsbedarf ist, lohnt das Wiederladen eher nicht. Sobald aber andere Kaliber dazu kommen, sieht das schnell anders aus.

  • Meistens wird aus wirtschaftlichen Gründen wiedergeladen, jedoch kann man auch Präzisionssteigerungen erreichen.

    Es kommt immer darauf an, wovon man ausgeht. Mit Wiederladen kommt man preislich schwer in die Region von Massenware wie z.B. 9mm oder .308. Ausnahme ist die Verwendung von (verkupferten) Bleigeschossen oder Großeinkäufe.
    Wenn man aber von Matchmunition ausgeht gibt es durchaus Sparpotential. Vor allen kann man die Ladung an die Waffe anpassen.
    Insbesondere bei alten Ordonnanzgewehren hat man mit Fabrikmunition oft Probleme.


    Auf dem Lehrgang lernt man aber nur die Grundlagen. Hilfreich ist es, wenn man andere Wiederlader kennt, die am Anfang praktische Tips geben können oder bei denen man Werkzeuge ausprobieren kann.
    Vom Equipment her verwende ich mittlerweile fast nur noch Produkte von Lee (preiswert und gut). Insbesondere gefallen mir die Collet Halskalibriermatrizen von Lee.


    Letzt endlich muss aber jeder für sich herausfinden, was einem am meisten liegt und was zu den Waffen passt.


    Auf dem Lehrgang lernt man aber auch, wie man Ladungen entwickelt und wo man diese testen lassen kann.


    "Die Welt ist zu komplex für einfache Erklärungen!"