Opus Monthly

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    • Auf See



      ...zu sein, war immer ein einmaliges Gefühl – vor allem auf einem kleineren Schiff, das dennoch hochseetüchtig war. Es war immer etwas in Bewegung. Nun also war die BRUNCH auf dem Weg nach Neukaledonien – was genau man da dann wollte, wusste vor lauter Begeisterung erst mal noch keiner. Das... würde man ja dann sehen, nicht wahr?
      Kyle und Reese wussten aus dem Internet, daß es da einen Haufen neuseeländischer Freiwilliger gab – und warum? Weil es da französische Typen zu vermöbeln galt – und als Neuseeländer mit einem guten Gedächtnis kannte man da einen Spruch, der genausogut von den Amerikanern hätte stammen können: Remember the Rainbow Warrior. Neuseeland ist ein Land voller netter Kerle – niemand sprengt Löcher in Schiffe, wenn diese in neuseeländischen Häfen liegen – und kann ernsthaft glauben, daß das vergessen wird.
      So also schaukelte sich das auf ungewöhnliche Art und Weise zusammengestöpselte Schiff gemütlich seinen Weg durch den Südpazifik. Und während Ozzy und Dana stolz auf der Brücke stehen und den Kurs halten – liegt Silke gemütlich in ihrer Koje und döst vor sich hin.



      Cooper hingegen hatte sich mit ihrem ganzen Kram in einer ungenutzten Kammer ausgebreitet, die möglichst nahe am `Geschützturm´ lag. Das selbstbewusste und resolute Mädchen hatte Ozzy noch überreden können, Haubitzen zu besorgen, die zwar ein kleineres Kaliber hatten – dafür aber war die Munition nicht so teuer, so selten und so... sperrig. So war die BRUNCH auf `kostengünstige´ Weise ziemlich gut bestückt. Cooper war überzeugt davon, daß auch diese Dinger wirklich gute Ergebnisse (und große Löcher) liefern würden. Treffen würde sie damit auf jeden Fall. Denn genau dafür schien sie ja gemacht wurden zu sein.
      Hinten – im Heck hatte sich Mirage mit ihrer Zimmergenossin Candy eingerichtet. Abgesehen davon, daß diese Unterkunft angenehm nahe an der Kombüse (und Candy´s sehr unterhaltsamen Eltern) lag, war hier auch alles Andere zu finden, was unter Umständen zum Tauchen oder unter Wasser sonstwie nützlich war. Die beiden verstanden sich blendend – und so war es auch nicht verwunderlich, daß Candy begann, von Mirage in der Handhabung von Tauchergerät unterwiesen zu werden – sie selber brauchte es nicht mehr so dringend – in ihrer `Einsatzgröße´ war sie durchaus in der Lage, mit einer Finnwalschule zu agieren.
      Kyle und Reese wiederum hatten sich (aus nachvollziehbaren Gründen) in der Nähe von Cooper niedergelassen – für die beiden Thrillseeker war sie einfach ein Faszinosum, das eingehend weiter bewundert, bestaunt und genauestens inspiziert werden musste – was Cooper sehr gefiel. Diese zwei neugierigen Kerlchen waren genau nach ihrem Geschmack. In nächster Nähe dazu war der `War Room´ untergebracht – sozusagen die Feuerleitzentrale des Schiffes. Hier tobten sich die Japaner, Chinesen und Koreraner aus und stöpselten Unmengen von zum Teil hochillegaler Hardware und anderen, normalerweise nicht im Handel erhältlichen Geräten mittels eines Kabelbaums Marke Zimmerbrand 2000 zu etwas Ungeheuerlichem zusammen, das auf Standby immer noch beachtlich vor sich hinbrummte – und Einiges an Leistung raushauen konnte.
      Überall standen Kisten mit Zeugs rum - abgesehen von medizinischem Equipment, das in der Nähe der Sanitätsstation, die von Tara geleitet wurde – einer gut 40 Jahre alten Frau, die aussah wie ein Realität gewordener Leji-Matsumoto-Traum. In ihrer hochgeschossenen und feingliedrigen Fragilität, mit den ewig langen, rotbraunen Haaren und einem Gesicht, das zu einer besorgten Göttin hätte passen können, war die desillusionierte Greenpeace-Aktivistin schließlich hier gelandet. Und im Gegensatz zu den meist recht abenteuerlichen Klamotten des Restes der Mannschaft trug sie immer helle Farben und recht schlicht, aber elegante Freizeitkleidung. Sie wirkte immer dermaßen `de-eskalierend´, daß sich das Gerücht verbreitete, sie sei ebenfalls eine Irregular – und ihre beruhigende Art sei ihre Fähigkeit.
      Auf dem Heck – quasi das Sonnendach von Mirage´s kleinem Reich war ein Hubschrauberdeck zusammengebraten worden, auf dem ein MI-2 stand. Verglichen mit den Hubschraubern, die man sonst heutzutage so sieht, ist dieses Ding ein Oldtimer. Aber immerhin ein äußerst zuverlässiger. Die alte, russische Maschine ist kompakt, rundlich und hat einen recht langen, schlanken Heckausleger, an dem ein kleiner Zweiblattrotor seinen Dienst versieht. Im Gegensatz zum gewaltigen MI-8 ist der MI-2 mit seinem Dreiblattrotor geradezu zierlich – aber das täuscht. Das Ding ist sehr robust, vielseitig einsetzbar, wartungsarm und simpel zu reparieren. Man kann an den Seiten noch alles Mögliche anbringen – von Panzerabwehrwaffen über schwere MGs bis hin zu Langstreckentanks. Dieser hier hat die Tanks. Festgezurrt wartet die in einer unsäglichen Militärgrundierung lackierte Maschine auf einen endgültigen Tarnanstrich, auf einen Einsatz – aber zuallererst wahrscheinlich mal auf einen Piloten.



      So gesehen könnte die BRUNCH nicht zuletzt auch wegen ihres gewagten Tarnkleides also durchaus als kleine Freestyle-Fregatte durchgehen. Ohnehin hatte jeder hier an Bord die eine oder andere Waffe dabei – bis auf Silke. Die war sich nämlich immer noch nicht sicher, zu was sie nun eigentlich so alles zu gebrauchen war – Cyrene schien das noch am ehesten zu wissen – und momentan brauchte sie Silke, um sich zufrieden zusammenzurollen – und an ihrem Bauch zu kuscheln. So war Silke also endlich richtig wach und wunderte sich: `Dachte mir doch, daß ich hier ursprünglich mehr Platz drin hatte...´
      Die Deutsche erinnerte sich an einen ungewöhnlichen Traum – Worte drängten sich in ihre Erinnerung, die sie eigentlich weder kannte, noch jemals gehört hatte. Worte wie `impaktreaktive Karboceramitbeschichtung´, `Hermes-Effekt bei autark oszillierenden Hexalan-Modulen´ oder `optische Zustandsalterierung unter konstanter statischer Spannung´ und sowas... sehr verwirrend. Sich aufsetzend streckte Silke sich durch – und Cyrene murmelte etwas vor sich hin, während sie sich einfach in Silke´s Schoß kuschelte. Irritiert blickte die Deutsche zu ihr runter: „Hätte jetzt nicht gedacht, daß Du mich gleich so sehr magst...“
      Cyrene blickte zu ihr auf: „Was ich sage – meine ich auch. Du bist so schön groß, nett und ruhig – ich genieße das einfach.“
      „Öhm... ja – aber Du bist´n Mädchen!“ stammelte Silke – und Cyrene lachte auf ihre drollige Art: „Schön, daß Du es bemerkt hast!“
      Die weißhaarige Latina stand auf und tänzelte um den mit einer Schlingerleiste versehenen, kleinen Tisch, der am Boden festgeschraubt war: „Ich mag Dich einfach – Du bist sowas wie eine Ecke, in der ich zur Ruhe komme – bei Dir fühle ich mich sicher.“
      „Sicher... vor wem oder was?“ fragte Silke skeptisch und Cyrene dachte nach: „Hm... so genau weiß ich das noch nicht... ist irgendwie so ein Gefühl.“
      „Na, hoffentlich enttäusche ich Dich nicht...“ stand Silke auf und die Latina schüttelte bestimmt den Kopf: „Nö. Du musst Dich nur erst selber finden!“
      „Na, hoffentlich enttäusche ich MICH nicht.“ kommentierte Silke das Gesagte – weil sie es nicht verstand. Und da sagte Cyrene etwas, das Silke nicht von ihr erwartet hätte: „Och, menno...Sei kein Schmock!“
      Schallend lachte Silke drauf los – und Cyrene lachte mit ihr: „Schon besser!“
      Grinsend legte Silke den linken Arm um ihre neue Freundin: „Okay – was soll´s... Jetzt aber erst mal Frühstück auftreiben.“
      Und gerade wollte sie die Tür öffnen – da bekam sie diese direkt ins Gesicht: „Ups – sorry!“
      „Das war mit voller... Nicht-Absicht!“
      „Ihr zwei seid echt die Show.“
      Überrascht sah Silke Kyle und Reese an, hinter denen Cooper stand. Sie war nur irgendwie überrumpelt – aber Schmerzen hatte sie nicht. Sie kam auch gar nicht auf die Idee, sich darüber zu wundern – stattdessen riefen Kyle und Reese gleichzeitig: „Wir sind da!“
      „Wir werden in Touho an Land gehen!“
      „Schon? Der Kahn ist schneller, als ich dachte!“ staunte Silke und eilte mit den dreien zum Niedergang: „Das will ich sehen! Das hier ist eine tolle Inselgruppe!“
      Cyrene sah ihnen nach – und lächelte. Was für ein lebendiger Haufen. Sie wollte die Tür zumachen – und das ging nicht. Erstaunt sah sie sich die Tür an – und versuchte es noch mal. Es ging einfach nicht.
      „Hm...“ grübelte die Latina. Und sah sich die Tür noch mal genauer an. Die Scharniere arbeiteten einwandfrei – am Schloss war auch nichts zu finden. Aber die Tür selber, bemerkte sie schließlich... war verzogen. Ziemlich kräftig sogar. Die Zwillinge hatten offenbar viel Elan. Und Silke einen wirklich erstaunlich stabilen Schädel.


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