Opus Monthly

    • Übel!



      ...staunte Lynn über den imposanten, dunkelblauen Daimler, hinter dem Henriksen mit seinem Vauxhall herfuhr, als sie auf dem Weg zum Präsidium waren. Das lebhafte Ereboidenmädchen saß auf dem Beifahrersitz und war sichtlich beeindruckt von den eleganten Linien der Limousine mit dem berühmten Hooper-Heck: „Haben die im Lotto gewonnen – oder die Queen beklaut?“
      „Harhar... nee, die Karre gehört Lady Messinah Pendragon – sie leitet das Waisenhaus für Nightsider und ist in der Regierung für PSI-Angelegenheiten zuständig.“ antwortete Henriksen und Lynn sah ihn ihn an: „Nie von gehört...“
      „Ist eine von diesen Personen, denen irgendwie immer alles gelingt – und es sieht bei diesen Leuten immer voll simpel aus, und man steht daneben dann erst recht da wie´n kompletter Kretin.“ grummelte der Lycanthrop in sein Lenkrad hinein und Lynn beobachtete ihn kichernd: „Habe immer noch nix von ihr gehört, hihi...“
      „Ist so´n hurenreicher, rothaariger Satansbraten – bin froh, daß sie auf unserer Seite ist und nicht bei den Russen.“ erklärte Henriksen weiter: „Hochintelligent, exzentrisch und sieht schweinegeil aus. Ein absolut krasses Teil!“
      „Das Auto?“ wunderte sich Lynn und Henriksen fuhr auf: „Ach was – die Alte!“
      Lynn zuckte zusammen, während er weiterwetterte: „Und `nen Knall hat sie auch... also, irgendwie. Ich glaube, wenn man zuviel weiß, passiert das automatisch. Da weißte ja gar nicht, was Du zuerst tun sollst!“
      Lynn beobachtete den vor sich hingrummelnden Polizisten und runzelte die Stirn: „Kann es sein, daß Sie nicht genau wissen, was Sie von ihr halten sollen?“



      „Das kannste aber annehmen! Es ist mein Job einschätzen zu können, mit wem ich es zu tun habe – und normalerweise klappt das auch ganz gut – aber diese Frau... ist wie ein Buch auf Sanskrit – im Spiegel. Und Du kannst zusehen, wie sich die Buchstaben ändern, während Du dabeistehst! Das ist... irritierend!“ erwiderte Henriksen – und Lynn sah ihn interessiert an: „Okay – was also... halten Sie von mir?“
      Verblüfft sah Henriksen das Mädchen an: „Was?!“
      Lynn lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sah ihn erwartungsvoll an: „Na, Sie sagten doch, Sie könnten die Leute gut einschätzen – dann... schätzen Sie mal! Bin schon gespannt!“
      `Diese kleine...´ dachte sich Henriksen – und konzentrierte sich besser wieder auf den Verkehr. Dann grinste er: „Für `nen Succubus bist Du erfrischend geradeheraus. Normalerweise sind sie sehr... diplomatisch – ich denke, so kann man es nennen. Du aber sagst, was Du denkst. Das mag ich. Solche Leute respektiere ich. Und dabei ist Dir auch völlig egal, daß Du so´n Bodenturner bist. Du hast also auch noch Mut.“
      An einer Ampel standen sie eine Weile und Henriksen musterte Lynn: „Und Du verstehst es, durch stylische Klamotten das Maximum aus Deinem Typ zu machen – zudem hast Du recht: Es ist völlig gleichgültig, wie man rumrennt – man hat ein Anrecht darauf, unbehelligt von A nach B zu kommen.“
      Sie fuhren weiter und Henriksen grinste breit: „ Und Du hast Elaine die Meinung gegeigt wie niemals jemand zuvor – die meisten machen sich vor ihr ins Hemd. Und wahrscheinlich auch zu Recht – keine Ahnung, wie alt diese Frau ist – aber sie ist wirklich steinalt. Sie hatte mehrere Menschenleben Zeit, die Kunst des Krieges zu lernen. Und ich glaube, das können selbst die stunpfesten Idioten merken. Denn wenn Elaine eine Waffe benutzt, ist das nicht einfach nur eine temporäre Anwendung – es ist eine formvollendete, absolut tödliche Kunst. Weshalb sie auch tatsächlich in Ruhe gelassen wird, das hast Du schon richtig bemerkt.“
      Er sah Lynn kurz an: „Zurück zu Dir – Du hast eine gesunde Einstellung dazu, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte, die für sich selbst proklamiert zivilisiert zu sein. Wie oft ich in Vergewaltigungsfällen schon den dämlichen Satz `Ich bin auch nur ein Mann!´ gehört habe, meine Fresse...“
      Frustriert fuhr Henriksen weiter: „Wie so eine Möchtegern-Entschuldigung! Die Super-Machotypen, die sonst pausenlos den Breiten markieren, hauen dann sowas raus und hoffen, daß sie sich als `Opfer ihrer Hormone´ hinstellen und damit Verständnis heischen können – da krieg´ ich regelmäßig `nen Kropf.“
      Lynn hörte ihm zu – musste schwer sein als Polizist in so einer Stadt...
      „Das sind keine Männer!“ fuhr er auf: „Das sind wirklich nur ganz winzige, schäbige Asseln! Sieh mich an: Angeblich sind Lycanthropen wild und unbeherrscht – mache ich so einen Mist? NEIN – mache ich nicht! Und WARUM mache ich sowas nicht? Das werde ich Dir verraten – weil ein RICHTIGER Mann sich stets unter Kontrolle hat! Echte Kerle heute sollten echt wie Gralsritter sein – ohne Rüstung, aber... ach, verdammt – Du weißt schon, was ich meine!“
      „So, wie Sie!“ schlussfolgerte Lynn lächelnd und Henriksen nickte: „Ganz genau! Deshalb bin ich bei der Polizei – sieh mich an – wenn man so aussieht wie ich, dann ist man kein herumkuschender Bürofraggle, oder schwafelnder Versicherungstypie. Wenn man kann, was ich kann – hat man auch die Verpflichtung, diese Fähigkeiten für etwas Sinnvolles einzusetzen – wie das Gemeinwohl zum Beispiel!“
      „Das ist mein Problem – so, wie ich aussehe... ist es schwer, als Heiler einen Job zu finden – viele trauen den Ereboiden einfach nicht. Dabei bin ich echt gut.“ murmelte Lynn – und Henriksen musterte sie: „Du bist arbeitslos, hm? Bist also bei der Common Welfare und wohnst sicherlich in so einer winzigen 15m²-Quetsche?“
      „Sie sind echt gut.“ musste Lynn leise zugeben. Henriksen zündete sich an einer weiteren Ampel seine Pfeife an: „Ha – ich sehe schon... Du bist mit Dir nicht ganz zufrieden, lass´ mich Dir was sagen: Du bist okay – genau so, wie Du bist. Such´ Dir kein Vorbild, dem Du vergeblich nacheifern würdest – steh´ zu Dir! Hätte ich so eine Tochter wie Dich – ich wär´stolz wie Sau!“
      Lynn sah Henriksen an wie ein besonders gelungenes Denkmal: „Irgendwie sind Sie wirklich total krass!“
      „Selber krass. Hättest allen möglichen Mist machen können – easy was, wo Du echt Knete schieben könntest. Und was ist? Du bist eine Heilerin geworden – jemand, der anderen Leuten tatsächlich mal HELFEN kann und will – jemand, der unbesorgt morgens in den Spiegel sehen kann und keinen totalen Drecksack vor sich hatt. Echt – Du bist wirklich klasse.“ paffte Henriksen und fuhr weiter. Lynn schüttelte ungläubig den Kopf: „Wenn alle Leute so denken würden wie Sie, hätte ich einen Job!“
      „Harr! Wenn alle so denken würden wie ich , hätte ICH keinen Job!“ lachte Henriksen amüsiert und meinte dann: „Und wegen einem Job – ich hab´ da schon eine Idee...“



      „Zum ersten Mal bin ich echt froh, daß Lady Pendragon ihr spezielles Waisenhaus ins Leben gerufen hat! Gute Arbeit, ihr alle! Schmutzfuß Nummer eins - eingesackt!“ erklärte Henriksen, als sie alle in seinem Büro waren – sogar Ivy war da, die gemütlich an der Tür lehnte und feststellen musste, daß sie mit Sally wohl eine Art `Fan´ hat. Denn die lehnte in einer vergleichbaren Art und Weise neben ihr.
      „Zurück zum Thema – nach allem, was in euren Aussagen steht, gibt es keinerlei Widersprüche – das ist gut.“ sah Henriksen die Papiere durch – und sah dann zu Lynn: „Was besagt, daß Du höchstwahrscheinlich der spontanen paranormalen Brandstiftung in Notwehr angeklagt werden wirst. Und wahrscheinlich werden sie da dann alle rumspringen und sich nicht mehr einkriegen.“
      Lynn sah nicht gerade begeistert aus. Der Lycanthrop aber legte den Papierkram zur Seite und sah den kleinen Succubus genau an: “Okay – hier also haben wir ein 27 Jahre altes Mädchen, das...“
      „Echt jetzt? Sooo alt ist die?!“ staunte Jessica und Sally hob überrascht eine Braue: `Dieser Winzling ist bald dreißig? Oh, Mann...´
      „Und? Bin ich eben klein!“ schmollte Lynn und Henriksen räusperte sich: „... das dann nicht nur vorbestraft wäre, sondern auch noch in den Bunker wandern würde. Der Gesetzgeber reagiert sehr nickelig bei Brandstiftung, weil Feuer äußerst unberechenbar ist. Aber dann gibt es da ja noch EUCH.“
      Er sah den bunten Verein um Elaine wieder genau an: „Aufgrund von akutem Personalmangel ordne ich hiermit an, daß besagte Lynn Swanheart, ausgebildete Heilerin und plastische Formerin zum Underrcoverteam überstellt wird – sämtliche Dokumentationen und Zeugenaussagen zu diesem Vorfall werden somit eingezogen und werden erst wieder gesichtet werden können, wenn die zu erwartende Höchststrafe verjährt ist. Muss ja zu was gut sein, daß der Innenminister sagt, egal, was ich mache – er deckt es.“
      „Interessant.“ bemerkte Elaine – und sah Sally und Jessica an: „Dann macht in eurem Zimmer schon mal Platz für eine neue Kameradin.“
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    • Lycanthropie



      ...hat nichts mit Wölfen zu tun. Wir gehen heute davon aus, daß die `Reinform´ eines Lycanthropen eine psychoreaktive Neukonfiguration darstellt – eine willentlich hervorgerufene Mutation.“ erklärte Lady Messinah Pendragon an der Tafel. Sie drehte sich von der Tafel weg und sah ihre Schüler an: „Was bedeutet, daß sie Wölfen nur ähnlich sehen, ohne wirklich etwas mit ihnen zu tun zu haben. Ähnlichkeiten dieser Art könnte man wie auch die in der Biologie bekannten Beispiele als Konvergenz bezeichnen.“
      Eigentlich brauchte Lynn nicht hier zu sein – ihre Schulzeit war ja nun schon lange rum – aber in einer kleinen Übereinkunft mit ihren neuen Kameraden und der in ihren Augen oberlässigen `Heimleiterin´... haben sie aus der Altersangabe von 27 Jahren mal flugs eine 17 gemacht. Und alleine rumhängen, während ihre Clique im Unterricht ablähmt, wäre auch öde.
      So kann´s gehen.
      Der einzige, vom dem bekannt war, daß er eigentlich schon antik war, war Elaine´s Bruder Shannon. Der kam auf gute 550 Jahre. Die Langlebigkeit von PSI-Begabten und Artverwandten hatte in der Vergangenheit schon für groteske Zustände gesorgt – so waren Elaine´s und Sally´s Vorfahren oftmals die Gejagten gewesen, um für Alchemisten als Versuchskaninchen zu dienen, um Unsterblichkeitselixiere oder Ähnliches zu brauen. Ereboiden wurden nicht gejagt - man hatte aufgrund der hartnäckigen Gerüchte über Seelenmord nicht die Absicht, es sich mit ihnen zu verscherzen – die waren mit ihrer weit verbreiteten Pyrokinese im Kampf auch wirklich fürchterlich und wer will, wenn was schiefläuft, schon Hörner haben? Und gefleckte Haut? Lycanthropen hatten in dieser Hinsicht auch die Nase vorn (wortwörtlich) – abgesehen davon, daß ihre Lebensspanne nur unwesentlich länger war als die der Menschen. Andererseits – die schmerzhafte Metamorphose zu einer haarigen Monstrosität wollte man auch nicht wirklich über sich ergehen lassen. Wie dem auch sei – in dieser Zeit gab es auf beiden Seiten viel Elend – Die Menschen wurden wegen einer in Finley´s Welt unvorstellbaren biologischen Anomalie hier tatsächlich gejagt und gerissen – und als diese so weit organisiert und bewaffnet waren, drehten sie den sprichwörtlichen Spieß um – und jagten nach der Unsterblichkeit. Das war das, was hier der `Hundertjährige Krieg´ war. Faszinierend. Das hier war eine Welt, in der es tatsächlich sehr unterschiedliche Hominiden gab – in Finley´s Welt gab es nur eine Art. Und selbst dort gab es regelmäßig Streit, Kampf und Mord.



      Der Homo Venatvm mit seinen Unterarten war natürlich selten. Was würde es bringen, wenn es von ihnen viele geben würde – die Nahrungsgrundlage wäre schnell verbraucht... Und so also nun, nach dem `Hundertjährigen Krieg´, begann die lange Zeit der allmählichen Annäherung. Denken und fühlen konnten alle Hominiden. Dies vereinte sie durchaus. Und dennoch... ewiggestrige (und teilweise sehr alte) Individuen vermissten offenbar manchmal die Zeit, als das `Wild´ noch intelligent war – ihnen fehlten die Herausforderungen. Weshalb diese Polizeitruppe, die P4 nun mit aller Gewalt aufgestockt werden sollte. Und wenn Lynn sich ihren kleinen Verein so ansah – sie konnte sich schon denken, weshalb Henriksen ausgerechnet sie dabeihaben wollte. Lynn hatte keinen Zweifel daran, daß Sally und Jessica durchaus in der Lage waren, äußerst unangenehm zu werden – ausgerechnet bei den drei Jungen war sie da nicht so von überzeugt – erst recht nicht bei Daniel, der...
      ...gerade Jessica davon abhielt, wütend aufzuspringen. Wahrscheinlich hat irgendein Idiot sie wieder geärgert, dachte sich Finley noch. Dann aber stand Daniel selber auf – ging zielstrebig zu einem anderen Jungen hin – und schallerte ihm so dermaßen eine, daß es wirklich laut in der Klasse zu hören war. Sogar Messinah war überrascht, als sie sich wieder zu ihrer Truppe umdrehte, Daniel höflich lächelnd zwischen den Bänken stehen sah – und der Junge neben ihm sich mit großen Augen die linke Backe hielt. Das alles holte auch Lynn schlagartig wieder aus ihrer Gedankenwelt zurück. Und Daniel meinte lächelnd zu dem Jungen: „Und wenn Du nun fragst, wofür das war – gibt’s gleich noch eine auf die andere Backe. Dann siehst Du nicht so asymmetrisch aus.“
      Dann stand er da – und sah sich um: „Sowas... Niemand da, der für DICH einsteht... Woran kann das nur liegen? Würde ich mal drüber nachdenken...“
      Danach ging er gelassen wieder zu seinem Platz zurück – und alle starrten den schwarzhaarigen Knirps erstaunt an. Jessica wusste gar nicht, was sie tun sollte – sie staunte nur. Und Sally lehnte sich zurück und grinste breit: „Hähähä... äußerst diplomatisch...“
      Lynn war sichtlich beeindruckt von dem kleinen, schmalen Kerl, der Jessica offenbar davor bewahrt hatte, selber tätig zu werden, was hätte... ausarten können. Shannon grinste: „Wusste gar nicht, daß Schutzengel sowas machen...“
      „Ich habe ihn ja nicht verletzt – ich hab´ ihm nur eine gelangt. Es gibt Grenzen bei Scherzen, finde ich.“ entgegnete Daniel ruhig.
      Finley... dachte sich seinen Teil. In einer solchen Welt... ach, was sagte er – wie würden diese Leute sich bei ihm zu Hause wohl fühlen? Noch dazu – Wesen wie Nightsider... in einer gläsernen Informationswelt... da sah man ja förmlich schon die Drohnen kommen – und die Versuchslabore zu Hochtouren auflaufen...
      Ungerührt fuhr Messinah fort: „Es hat sich gezeigt, daß Umwelteinflüsse oftmals einen großen Einfluss auf psychoreaktive DNA haben...“
      Finley kannte Sellafield. Bei sich zu Hause war es ein riesiger Nuklearkomplex mit einer beunruhigend holprigen Vergangenheit – und hier schien es nicht anders zu sein. Jessica kam aus einem Dorf in der Nähe – und dank der dortigen Hintergrundstrahlung in ihrer Jugend war sie unfähig eine vollwertige Lycanthropin zu werden. So, wie es aussah, hatte sie damit aber kein Problem – andere Strahlungsopfer hatten ja nun oftmals nicht mal mehr Zeit, um herauszufinden, daß sie Probleme hatten...



      „Wo... kommen Engel eigentlich her?“ fragte Lynn ihre Lehrerin nach dem Unterricht – sich sehr wohl der Skurrilität der Situation bewusst, wenn ein Succubus sich für Engel interessiert. Die hochintelligente rothaarige Frau aber sparte sich eventuelle dumme Kommentare. Sie sah von ihren Unterlagen auf und entgegnete: „Keine Ahnung – das weiß mit Sicherheit... niemand.“
      Dann aber stand sie auf – und lächelte: „Du fragst Dich, warum wir uns nie mit den Celestialen beschäftigen? Und warum Daniel noch ein Teenager ist? Sozusagen der jüngste uns bekannte Engel?“
      Lynn nickte – und ein... geradezu dämonisches Lächeln breitete sich auf Messinah´s Gesicht aus: „Ich kann Dir nur eine Theorie anbieten – mehr nicht. Interesse?“
      Erneutes Nicken. Messinah setzte sich zu Lynn und fing an zu erzählen: „Seit wir denken können, haben wir gewisse Ängste – und Hoffnungen. Und diese Welt ist durchsetzt mit psychoreaktiven Materialien und Wesen. Im Prinzip sind alle Menschen latent PSI-aktiv – die meisten allerdings in wirklich nur minimalem Maße. Früher, als wir uns Vieles noch nicht erklären konnten, war nicht Wissenschaft die erste Wahl auf der Suche nach Antworten – sondern die Religion.“
      „Okay – und dann?“ wollte Lynn wissen. Messinah sagte: „Nun, es ist messbar: Wenn viele Leute an das Gleiche denken, gestalten sie durch ihre ungenutzte PSI-Energie einen Kraftüberschuss. Und manchmal... manifestiert sich dieser in einem Wesen, das geeignet ist.“
      „Also...“ staunte Lynn und Messinah flüsterte: „Ja, das ist nur meine Theorie, okay? Ich denke, die Menschheit – nun, wo sie so zahlreich ist, hat sich Verbündete geschaffen – die ehrlichsten und zuverlässigsten Wesen, die allgemein bekannt sind.“
      „Werden die so geboren?“ staunte Lynn und Messinah schüttelte den Kopf: „Nein, ich gehe eher davon aus, daß sie so gestorben sind.“
      Lynn stutzte und sah Messinah mit ihren großen katzenartigen Augen an. Die Magisterin erklärte: „Wirklich fast selbstlose Menschen sind selten – und es hat den Anschein, daß die Leute solche Personen äußerst ungerne verlieren – also geben sie ihnen unterbewusst mit ihrer überschüssigen PSI-Energie eine zweite Chance, wenn Du so willst... Einmal über´n Jordan scheint es, als manifestieren sie sich einfach an bestimmten Orten, an denen sich Energie sammelt – die werden dann zu Pilgerstätten, wo sich dann noch mehr Energie sammelt. Ivy zum Beispiel ist seit 1943 hier – und sieht noch genau so aus wie damals...“



      Das alte Foto, das Messinah dem Mädchen zeigte bewies, daß die beeindruckende Frau mit der eleganten Frisur sich tatsächlich nicht verändert hatte. Und daß allem, was sie tat tatsächlich etwas... irgendwie Ritterliches anhaftete. Dann musste Lynn überlegen... starrte auf das Foto und fragte sich in Gedanken: `Was hat Daniel wohl gemacht, daß er... so wurde?´
      „Keine Ahnung – aber er ist ein netter kleiner Kerl. Möglicherweise war er Opfer eines Verbrechens...“ sinnierte Messinah und Lynn starrte sie an. Die Magisterin fragte: „Stimmt was nicht?“
      „Sie haben meine GEDACHTE Frage beantwortet!“ staunte Lynn und Messinah lief rot an: „Ups – ja, das passiert mir manchmal. Da muss ich wohl noch ein wenig üben...“
      „Und ich offensichtlich auch.“ stellte Lynn sachlich fest. Henriksen hatte recht – irgendwas ist mit dieser Frau...
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    • Für Unterhaltung



      ...war auf jeden Fall gesorgt – das kleine, unternehmungslustige Succubus-Mädchen, das die Ärmel ihrer Jacken immer etwas aufgekrempelt trug, hatte schnell einen Ruf weg wie Donnerhall. So wie Sally wegen ihrer düsteren Schweigsamkeit und ihrer manchmal recht unheimlichen Art den Spitznamen `NightMary´ bekommen hatte, war der des kleinen Succubus `EviLynn´.
      Ja, Lynn ließ sich nichts gefallen – und sie ließ auch nichts durchgehen, was auf ihre neuen Kameraden abzielte. War die Beleidigung für Jessica zu groß oder der `Scherz´ zu grob und Jessica konnte nicht aktiv werden, ohne ein Gemetzel zu hinterlassen – und war der Urheber zu groß, um von Daniel gefahrlos zur Rechenschaft gezogen zu werden... war EviLynn an der Reihe.
      Und dann gab´s erst mal das Wort zum Sonntag – danach passte der jeweilige Übeltäter meistens aufrecht unter dem Türspalt durch – mit Abe-Lincoln-Zylinder noch dabei. War der Typ dann erst mal kräftig bedient, wurde wieder zur allgemeinen Tagesordnung übergegangen.
      Denn eigentlich war Lynn ein wirklich niedlicher kleiner Wonneproppen.
      In Sport war sie super und sie ging gerne mal mit den anderen in die Bibliothek um etwas nachzuschlagen, was eventuell nützlich war für die Nachhilfe. Lynn war jemand, der unbedingt vertrauenswürdig, zuverlässig und sehr sozialkompetent war. Und – was die anderen nach und nach feststellten: Man konnte mit ihr über wirklich alles reden. Lynn verstand sowieso nicht, was alle gegen Jessica hatten. Lynn war noch kleiner als Jessica – und sie fand das sehr athletische Mädchen einfach toll. Lynn mochte den knallharten Sixpackbauch von Jessica – ihr V-Kreuz und diese starken Arme. Und Jessica war stets gutgelaunt und sehr herzlich.
      Sally war noch größer als Jessica – und in ihrer insektenhaften Schlankheit sehr düster-elegant. Leise, selbstsicher und irgendwie... wie jemand, den man an seiner Seite wissen möchte, sollten Worte einmal nicht scharf genug sein. Lynn konnte mit ihren Zimmergenossinnen wirklich zufrieden sein. Daniel hingegen war ein Mysterium – er mochte erst einmal einfach alle, bis ihm manche einen Grund gaben dies nicht mehr zu tun. Doch Finley war irgendwie... fremdartig. Der kam ihr vor wie von einem anderen Stern. Noch hat ihr niemand gesagt, was es mit ihm auf sich hat, aber daß der nicht normal war, das sah man schon an seinen Augen.
      Shannon aber war toll. Er sah in ihren Augen sagenhaft aus, war sehr gebildet, ruhig und geduldig. Er war wunderbar schlank und langgliedrig. Lynn mochte Beine – und das, wo sie zumeist dran befestigt waren. Da merkte man, daß er Elaine´s Bruder war. Und sie fand es witzig, wie manche anderen Kerle ihn in der Klasse immer musterten, wenn sie glaubten, keiner beachtete sie...
      Nur seine Schwester schien großteils immer noch im Mittelalter festzuklemmen. Was immer sie Lynn auch vorwarf, war wohl eher so etwas wie rassistische Ressentiments.
      So auch an diesem Tag, als Elaine in die Bibliothek kam, wo Lynn in diversen Büchern stöberte.
      „Ich möchte nicht, daß Du mit meinem Bruder zusammen bist.“ sagte Elaine einfach – und Lynn sah sie an: „Ah, der `Falsche Hase´. Interessant...“
      „Hör auf, mir immer solche Namen zu geben.“ runzelte Elaine die Stirn. Und Lynn stand auf und ging zu ihr hin, um sie genau anzusehen: „Ich erzähl´ Dir jetzt mal was. Solange Du mich aus mir unbekannten Gründen wie eine Aussätzige behandelst, werde ich Dich genau so nennen, wie ich es für richtig halte. Damit wir uns da gleich mal verstehen.“
      „Du und Deine Art – ihr seid gefährlich.“ erwiderte Elaine ungerührt – und das kleine Mädchen stutzte ungläubig: „Sagt mir die Frau, die im Leute umlegen trainiert ist, seit sie laufen kann? Ist ja´n Ding...“
      „Ihr habt... Unaussprechliches getan.“ erwiderte die Nebelelfe – und Lynn musterte sie: „Aha – und wann?“
      „Ich war noch ein Kind...“ sagte Elaine leise: „Sie kamen nachts in ein Dorf... und haben gejagt – ihre Opfer machten sie... irgendwie kleiner. Und dann haben sie sie einfach verschluckt...“
      „Ist das... dieses Seelenmord-Ding?“ fragte Lynn ungläubig.
      „Wenn jemand stirbt – verschwindet irgendetwas aus ihm, das zwischen 8 und 23 Gramm zu wiegen scheint. Wir können das sehen. Sind diese sterbenden Wesen aber komplett von einer größeren Aura umgeben – entweicht... nichts. Es wird einfach... mit verdaut, so scheint es.“ flüsterte Elaine und Lynn bekam die Gänsehaut ihres Lebens. Dann schüttelte sie dieses unsagbar finstere Gefühl wieder ab und erwiderte: „Okay – das ist... ohne Worte. Aber fällt Dir was auf? Du musstest mir das erst mal erzählen – ich hatte davon keine Ahnung.“
      Lynn ging zu einem der Fenster und sah in die Nacht: „Wie sollte ich sowas auch wissen? Ich war damals nicht dabei. Noch dazu... ich kann keinen... kleiner machen.“
      Dann drehte Lynn sich wieder um: „Und was soll das jetzt alles? Nur wegen einiger durchgeknallter Freaks in grauer Vorzeit wird jetzt meine ganze Sippe gleich mal prophylaktisch unter Generalverdacht gestellt? Wie die katholische Kirche bis in die 60er jeden Juden als Christusmörder ansah? Das ist ja wohl superlächerlich!“
      Elaine stutzte: „Wie bitte?“
      „Ich werde nicht die Schuld auf mich laden lassen für etwas, mit dem ich NICHTS, aber auch GAR NICHTS zu tun habe. DAS will ich damit sagen. Meinst Du, ich habe mir von Vorneherein gewünscht, eine Ereboidin zu sein? Daß jeder mich ansieht wie eine verdammte Massenmörderin? Und diese Polizistin Cyrene? Die ist sehr sensibel! Wie soll DIE sich denn wohl die ganze Zeit fühlen? Wenn der auch jeder so kreuzdämlich kommt, wie Du mir hier gerade? Das ist nicht nur rassistisch – das ist verdammt egozentrisch und vor allem gefühllos!“ wetterte Lynn aufgebracht – und dann sah sie Elaine angewidert an: „Und dann immer dieser überhebliche Tonfall – ich weigere mich zukünftig strikt, mich von Dir in dieser Art und Weise anreden zu lassen. Ich verbitte mir jegliche Konversation, die in einem solch arroganten Ton begonnen wird. Habe ich das klar und deutlich zum Ausdruck bringen können?“
      Das Mädchen stellte die Bücher wieder ins Regal zurück und grummelte weiter: „Mit dem Alter kommt die Weisheit? Ah, ja? Warum merk´ ich davon nix? Die Geschichte ist voller unnötiger sadistischer Grausamkeiten – jeder hat jeden schon x-mal ermordet, gefoltert und verbrannt. Aber die Welt dreht sich weiter – komm´ Du erst mal im Hier und Heute klar!“
      Lynn nahm sich wutentbrannt ihre Jacke und war gerade auf dem Weg zur Tür raus – als sie sich noch mal umdrehte: „Oh, und wo wir gerade bei Alter sind – ich denke doch mal, dein Bruder ist nach einem dreimal in die Ecke verfluchten HALBEN JAHRTAUSEND sicherlich alt genug, für sich selber entscheiden zu können was er will – oder eventuell auch nicht.“
      Und Elaine stand wieder einfach so da – mit hängenden Ohren. Sie zuckte zusammen, als die schwere Tür zuknallte, als ob ihr gleich die Klinke einzeln entgegenfliegen würde.



      Als der kleine, aber geradezu vibrierend schlecht gelaunte Temperamentsbolzen über den Flur gerauscht war – sahen Shannon und Finley mal vorsichtig um die Ecke. Und Shannon pfiff leise: „Wow – das war also jetzt schon mal die Monster-Abfuhr No.:02...“
      „Ja – Deine Schwester scheint die sammeln zu wollen.“ bestätigte Finley lakonisch. Shannon ging um die Ecke und sah Lynn hinterher: „Also echt – wenn die mal stinkig ist, kann man sich aber warm anziehen...“
      „Was noch erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, daß Lynn mit dem, was sie sagt meistens auch noch recht hat.“ gab Finley zu. Irgendwie war das schon ziemlich beeindruckend – sozusagen eine Art `Instant-Lawyer-Ability´. Lynn war wirklich eine bemerkenswerte Person. Shannon aber sah zu Finley rüber: „Und Dir geht’s soweit gut?“
      „Warum soll´s mir nicht gut gehen?“ runzelte Finley die Stirn, als Shannon ihn interessiert musterte. Dann lächelte der Nebelelb und meinte: „Nunja – in Deiner Welt gibt’s sowas wie Succubi und PSI-Kräfte... und sowas alles nicht. Und nun bist Du da – und hast nun Augen wie wir – und ein Loch mehr im Kopf. Von dem ich allerdings vorher auch nichts wusste. Wie fühlt man sich da so?“
      „Naja, also – nun kann ich so Einiges deuten, was Elaine früher mal alles erlebt hat. Und ich kann Dir sagen, diese... `Seelenfresserei´... das zu erleben, darauf hätte ich gut und gerne verzichten können.“ erwiderte Finley und Shannon nickte verständnisvoll. Dann aber lachte er – und Finley sah ihn verwundert an: „Hab´ ich was Komisches gesagt?“
      „Keine Sorge – es ist nur sehr absurd...“ grinste Shannon, während sie in ihr Zimmer zurückgingen: „Der einzige Mensch, der uns versteht ist ein Mensch, der nicht mal von hier ist.“
      `Und ob ich euch so toll verstehe, bleibt erst mal abzuwarten.´ dachte Finley so bei sich.

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    • Jessica



      ...fand Lynn genau so klasse – endlich kam sie dem `Geheimnis der Geflügelten´ näher auf die Spur. Und Lynn... fand das toll. Es war ja nun kein besonderer Aufand, der neugierigen Lycanthropin auf ihrem Zimmer zu zeigen, daß sie eigentlich einen ganz normalen Rücken hatte.
      Natürlich hatte ihre Garderobe ein paar Überraschungen parat – ansonsten könnte das sogenannte `Morphen´ auf die Dauer wirklich ins Geld gehen. So hatten Lynn´s Blusen und T-Shirts ein wirklich großes Stück hinten frei – der Hals war umschlossen (aus nachvollziehbaren Gründen) und die Taille natürlich auch – aber der Rücken war frei. Jacken und dergleichen hatten bei Leuten, die in der Lage waren bei Bedarf auf ein Paar Flügel zurückgreifen zu können, hinten zwei Schlitze mit Klettverschlüssen oder Druckknöpfen. Was bei Wesen wie den Engeln und Ereboiden eine Notwendigkeit war, war vielerorts allerdings inzwischen zu einem Modegag avanciert – mit dem Effekt, daß diese Art Kleidung inzwischen in allen möglichen Ausführungen und Preisklassen zu haben war. Wogegen Lynn verständlicherweise nichts einzuwenden hatte.
      Die erstaunliche Verwandlung geschah auch lautlos – die Schwingen wuchsen einfach sagenhaft schnell – und konnten sowohl erstaunliche Spannweiten aufweisen, als auch verblüffende Muster.
      „Es kommt selten vor, daß man zwei Succubi findet, die annähernd identische Schwingen haben.“ erklärte Lynn nicht ohne Stolz, während Sally und Jessica die zwei auffälligen `Augenflecken´ bestaunten, die sich auf ihren Flughäuten präsentierten. Das alles gab Lynn etwas, das irgendwo zwischen Nachtfalter und... Flugsaurier anzusiedeln war.
      Wie bei diesen archaischen Flugwesen schien ihr zweites Paar `Arme´ über unwahrscheinlich lange und kräftige `kleine Finger´ zu verfügen, während die anderen Finger (und `Daumen´) ziemlich beeindruckende Krallen hatten, mit denen Lynn beispielsweise problemlos an einer Fassade klettern konnte, sollte dies nötig sein. Und Lynn konnte sich auch darin einwickeln – wie eine übergroße Fledermaus. Sally fand es interessant, mal aus der Nähe bestaunen zu können, wie das alles am Rücken `montiert´ war. Für sie sah es so aus, als würde Lynn einfach ein zweites Paar Schultern weiter hinten wachsen, die über den eigentlichen Schultern lagen. Wie das braunhäutige Mädchen mit dem massiven milchweißen Zopf jedoch all die Kraft zum Fliegen aufbrachte, war auch weiterhin ein Mysterium für die Nospheratin. Sally vermutete, daß auch hier irgendwelche PSI-Mysterien am Werk waren.
      Wofür sie von Messinah eine 1+ mit * bekommen hätte. Früher, als diese heute wohl etablierte Wissenschaft noch `Magie´ genannt wurde und die jeweiligen Anwender oftmals Hilfsmittel wie Kristallkugeln, Hexenkessel und ähnlich Abenteuerliches verwendet hatten, war man noch nicht so weit zu verstehen, daß dies alles eigentlich nicht nötig war. Denn damals war es durchaus nötig – denn die PSI-Fähigkeit wächst durchschnittlich bedingt durch die weiter voranschreitende Evolution der Hominiden. Früher also war man durchschnittlich noch nicht so begabt wie heute – und verwendete diese Hilfsmittel als – man könnte sagen `Konzentrationshilfe´. Mit genügend Übung hätte es oftmals wahrscheinlich auch ohne funktioniert – aber gerade im Fall von `Flügeln´ war es natürlich eher unwahrscheinlich, daß jemand jemals auf diese sehr plausibel erscheinenden Hilfsmittel verzichtet hätte.
      Und während Sally so in Gedanken versunken war, wurde Jessica nun ausgiebig von Lynn bestaunt – und kicherte, als Lynn mit ihren niedlich kleinen Händen ehrfürchtig ihre Muskeln befühlte: „Woah... das ist wirklich krass! Gib Dir diese Taille – und dann dieses Kreuz! Verschärft!“
      Lynn sah Jessica fasziniert an: „Trainierst Du?“
      Sally grinste breit: „Näh – außer Idioten verkloppen! Wenn Jessica sauer wird, hat sogar der Hulk verkackt! Ihr Wahlspruch: Wem Du´s heute kannst besorgen, den vermöbel´ nicht erst morgen!“
      Und Jessica wurde knallrot: „Ja – öhhm... daran arbeite ich noch. Ich werde schnell sauer – und eigentlich hab´ ich nicht die geringste Ahnung, wie stark genau ich eigentlich bin... So bin ich auch hier gelandet – auf Bewährung.“



      Und während Jessica an damals zurückdachte – grinste Sally weiter: „Yeah – sie hat´n paar rumrandalierende Chaoten durch `ne Ziegelwand gedroschen! Daher ist es gut, daß Daniel jetzt da ist. Er hat nämlich einen signifikant `de-eskalierenden´ Effekt auf sie – und er mag wirklich alles an und in ihr, hähä...“
      „Ist aber wirklich schwer, das zu dosieren. Du musst immer aufpassen, daß Du nicht aus Versehen was kaputtmachst – oder wen verletzt. Und ich steh dann immer total... ungeschickt da.“ meinte Jessica leise und Lynn dachte sich: `Deshalb also wird sie dauernd aufgezogen – so nach dem Motto stark wie Elch, aber dumm wie Brot...´
      Dann lächelte Lann verlegen: „Und wenn ich wütend bin, muss ich aufpassen, daß nicht die ganze Gegend abraucht – wir können uns also gegenseitig ein wenig trainieren!“
      „Ist mir aufgefallen.“ bestätigte Sally trocken. Und Lynn sah das düstere, schmale Mädchen an: „Und was ist mit Dir? Was hast Du verbockt?“



      „Ich hab´ mich selbst überholt.“ kam es zurück – und Lynn begriff nicht, was Sally meinte. Und Jessica erklärte es: „Wie alle Nospheraten ist Sally sehr schnell – und eines Nachts hat sie einem Typen aus Reflex mit so `nem Horror-Kung-Fu-Trick `nen Arm abgerissen, weil der ihr an die Brust gefasst hatte.“
      „Kann nicht behaupten, daß mir das leid getan hat – die Typen sollen mal lernen, sich zu beherrschen.“ grummelte Sally mit verschränkten Armen und Lynn musste wieder an Henriksen denken, was der über `echte Kerle´ gesagt hatte. Und so langsam begriff sie die Auswahlkriterien, weshalb sie alle hier waren – und nicht im Knast. Im Grunde... hatten sie nämlich alle recht. Wer aggressiv ist und sich Ärger sucht, muss sich nicht wundern, wenn er auch welchen findet. Und Lynn hatte es ja selber gesagt: Manchmal geraten sie eben an den Falschen.
      Sie lächelte: „Okay – so kann´s gehen! Habe mir schon die Poster hier angesehen – Du bist schon länger hier, ja?“
      „Könnte auch so eine Strichliste in die Wand ritzen wie die Typen im Bau.“ grinste Sally – meinte dann aber: „Ist aber okay hier. Besser, als auf der Straße. Und Messinah hat echt was auf´m Kasten.“
      Sally betrachtete die Poster: „Yeah – ich mag solche Filme, wo die Drecksäcke mal richtig was auf den Zylinder bekommen. Kosugi und Norris rocken total! Waren wohl meine Vorbilder, irgendwie... Daher bin ich ziemlich gut in Martial Arts – und wenn man dann noch so schnell ist... Oh – Idee: ich zeig´ euch mal was...“
      Nachdem Sally sich ihren Mantel und ihr Shirasaya gegriffen hatte, gingen sie runter – in den Garten hinter dem Haus. Dann standen Lynn und Jessica etwas abseits, während Sally zu einer großen, alten Holzkiste ging, die seit dem Umzug von Lady Pendragon hierher nicht mehr gebraucht wurde: „Wollte eigentlich immer so `ne Art – was weiß ich... `Super-Antiheld´ sein oder sowas. Dirty-Harry-Power! Und wenn ich konnte, hab ich immer trainiert wie eine Bekloppte – das war befreiend und ich konnte mich austoben. Dann hab´ ich diesen Trick gelernt – Battojutsu*.“
      „Sagt mir nichts.“ gestand Lynn, während Jessica eine Gänsehaut bekam. Irgendwie... wurde es dunkler. Und Sally stand da, vor der Kiste – mit ihrem Mantel fast wie ein Typ vor der Schießerei in Tombstone. Und dann wurde es surreal – irgendwas schien in einer unmessbar kurzen Zeitspanne Mondlicht zu reflektieren – und Sally´s Mantel blähte sich mit seinem weiten Saum auf, von einem sehr kühlen, unwirklich kräftigen Windstoß erfasst. Sally aber stand da – so reglos wie zuvor – mit dem Schwert an ihrer Seite. Und die schwere Holzkiste zerfiel... in lauter kleine Stücke. Lynn und Jessica brauchten einen Moment, um zu begreifen, was sie gerade NICHT gesehen hatten: Offenbar hatte Sally die Klinge gezogen – die Kiste damit mehrere Male fein säuberlich kleingewürfelt – und das Schwert tatsächlich auch noch zurückgesteckt, bevor auch nur einer von den beiden was davon hätte mitbekommen können. Sally stand weiterhin da – und meinte: „Messinah nennt das den `Zeittaschen-Trick´. Pistolen und Revolver sind zu langsam - ich bin schneller als ihre Mechanik. Aber Schwerter sind okay - keine beweglichen Teile. Nur ich - und die Klinge."
      Dann drehte Sally sich um: "Ich habe dann was herausgefunden: Je dunkler es ist, desto schneller werde ich. Und inzwischen kann ich es sogar dunkler werden lassen.“
      Das musste erst mal sacken. Soweit Jessica und Lynn es wussten, hatten sie noch nie eine derart mächtige Demonstration übersinnlicher Fähigkeiten gesehen. Eine Kombination von gleich drei Künsten. Und Sally war nach nospheratischen Maßstäben noch sehr jung.
      Oben im zweiten Stock ging leise ein Fenster zu. Elaine war beeindruckt. Dieses schweigsame Mädchen arbeitete offenbar hart an sich. Wer weiß, was sie zukünftig noch zu Wege bringen würde...

      *Battojutsu: Eine Duellanten-Technik im japanischen Schwertkampf. Der Ziehschlag - man zieht, trifft im optimalsten Fall den Gegner, bevor der einen trifft - und steckt die Klinge wieder weg.

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    • Die Sagrada Familia



      ...in Barcelona war neben London und Rom einer der bekanntesten Engelshorte Europas. Die beeindruckende Kathedrale, erdacht und erbaut von Antoni Gaudi, hatte in ihrer quasirunden, Basilikenartigen Grundstruktur nicht nur Platz für unzählige enorm riesige Türme, Wasserspeier und Erker – sondern war zudem auf einem Grundstück errichtet worden, das es wortwörtlich `in sich´ hatte.Vor Urzeiten, als die Inquisition sich langsam zu ihrer ganzen düster-barocken Pracht entfaltete, stand hier ein sogenannter `Magisterturm´. Und der hatte einen ziemlich tiefen Keller.
      Im frühen 15. Jahrhundert traf sich hier oft ein Magisterzirkel, um über die Unsterblichkeit zu sinnen – und über die Fähigkeiten, die man benötigte, um diese auch angemessen verteidigen zu können.
      Der Deal war einfach: Hohe Würdenträger und Adlige wollten von dem erhofften Endergebnis profitieren – und die Magister sollten zur Abwechselung mal nicht verhört, gefoltert und verbrannt werden. Klang an damaligen Gepflogenheiten gemessen nach einer echten Win-Win-Situation.
      Da gab es nur ein Problem...
      Das Endergebnis war damit nicht einverstanden. Denn dieses Endergebnis mit Namen Donna Diana... war nicht gewillt, weiter an sich herumbohren, extrahieren oder sonstwas mit sich machen zu lassen. Die `Tiefenhexe´ hauste also von nun an in der Finsternis unter dem Magisterkonvent. Die psychoreaktiven Versiegelungen und die schweren Lemanthantore zu den Katakomben konnten sie nur gerade so da unten festsetzen. Und immer, wenn die frustrierten Mitglieder dieser Verschwörung wieder mal Soldaten oder Söldner dort hinunterschickten, um dieser verfahrenen Situation Herr zu werden...
      ...kam niemand mehr zurück.
      Schließlich musste man das `Experiment´ als gescheitert einstufen – und die Katakomben wurden zugemauert. Dennoch... nach beinahe 550 Jahren machte sich eine Expedition auf, um dort unten zu erforschen, was vor so langer Zeit eingemauert worden war. Ohne Luft und Nahrung sollte da unten ja nun keine Gefahr mehr lauern, nicht wahr? Dabei allerdings hatte man etwas zu berücksichtigen vergessen, das man erst letztens herausgefunden hatte...
      Nur die eigene Phantasie beschränkt einen in der Nutzung der paranormalen Fähigkeiten. Und es stellte sich heraus, daß Donna Diana wirklich sehr viel Phantasie hatte. Neben einem völlig verwüsteten und unter einer dicken, eigenartig `rostig´ wirkenden Kruste steckenden Labor und teilweise mit den Steinwänden verwachsenen, entsetzlich verformten und entstellten Skeletten in spanischen Rüstungen, die wie Wachs verlaufen zu sein schienen, fand man weitere menschliche Überreste, wie man sie von typischen Beutefällen kannte – der Verbiss an den Knochen war eindeutig. Was man nicht erwartet hatte, war inmitten von all dem Chaos einen riesigen, massiven Sarkophag vorzufinden.
      Es stellte sich nach eingehenden Untersuchungen Folgendes heraus – dieser Sarkophag war aus reinstem Lemanthan – dem Metall, aus dem ursprünglich die versiegelten Tore der Katakomben bestanden. Es konnten auch nach eingehenden Untersuchungen keinerlei Bearbeitungsspuren auf dem Metall gefunden werden. Keine Schmiede- oder Gußspuren, keine Schleif- oder Polierriefen... nichts.
      Der Sarkophag war einfach nur... da.
      Und es stellte sich heraus, daß diese eigenartige Kruste im Labor wohl offenbar mal... Blut war. Unmengen davon. Das war ebenso bemerkenswert, wie die Tatsache, daß dieses gesamte Gewölbe steril zu sein schien. Es gab in weitem Umkreis nicht mal im Gestein selber mikrobielles Leben. Dies alles hätte man genau so gut auf dem Mond finden können. Irgendetwas hat alles Leben aus diesen Gängen getilgt. Und man ging schwer davon aus, daß dieses Etwas in dem monolithischen Sarkophag zu finden war. Der noch dazu aus einem Guss zu bestehen schien. Öffnen ließ er sich nicht. Nicht auf herkömmlichem Wege. Dieses 9-Tonnen-Ungetüm nur ans Licht zu holen, war allein schon ein Unterfangen von nicht unerheblichem Umfang. Und das alles möglichst geheim zu halten, war ebenfalls ein Unternehmen für sich.



      In den Schriftsammlungen der Kirche fand man schließlich nähere Unterlagen, wen oder was genau man da allem Anschein nach vor sich hatte. Diana Selena Escorial war ein normales Mädchen gewesen. Man hatte es offenbar einfach von der Straße weg entführt, wie es damals offenbar oft der Fall gewesen war. Sie war siebzehn, als sie verschwand. Nicht sehr gebildet, aber offenbar ziemlich intelligent.
      Von allen Probanden, die mit unterschiedlichsten Extrakten und Elixieren `behandelt´ worden waren, war sie die Robusteste. Diana mutierte nicht, wie viele andere. Sie wurde auch nicht (offensichtlich) wahnsinnig, wie noch andere. Sie `wurde´ offenbar genau nach Plan. Und darüber hinaus. Das Endergebnis wurde dann als `Chrysalide´ beschrieben.
      Die verwendeten Flüssigkeiten wurden von Nospheraten, Ereboiden, Lycanthropen und sogar Elben gewonnen. Durch die Behandlung der Magister hatte man sich erhofft, die jeweils besten `Fähigkeiten´ herauskristallisiert zu haben. Und allem Anschein nach hatte dies auch funktioniert. Die einzig unberechenbare Konstante war Diana selber – und wie all diese Ingredienzien in ihr miteinander interagierten. Und offenbar gingen ihre Wut über ein geraubtes Leben und die Möglichkeiten in ihrem Geist eine unheilige Allianz mit den Experimenten der Magister ein – das Ergebnis war Donna Diana – die `Schwarze Madonna´.
      Eine Ungeheuerlichkeit mit einem nie dagewesenen Metabolismus. Ein Anathema, das mit aller Gewalt totgeschwiegen werden musste. Etwas, das nicht zu beherrschen und nicht zu töten war.
      Der Kurator der `Verbotenen Bibliothek´ des Vatikan begann sich Sorgen zu machen.
      Der allgemeine Konsens war, daß es bis dato noch nie einen erfolgreichen Versuch gegeben hat, irgendjemanden mit irgendwas zu behandeln, was ihm eine PSI-Fähigkeit verliehen hätte. Die CIA und der KGB hatten dies natürlich oftmals versucht – und es hat offiziell nie geklappt.
      Man hatte den Sarkophag also eingehend untersucht – ja, man hatte ihn sogar geröntgt und zu durchleuchten versucht. Und das Ergebnis war enttäuschend – man hätte genausogut einen Fels untersuchen können. Nun war er ein Kuriosum inmitten des Kirchenschiffs der Sagrada Familia – und nicht wenige beteten dort auch zu der Schwarzen Madonna.
      Das aber barg ein Problem – wie jeder, der sich mit PSI-Angelegenheiten auskannte, wusste auch der Kurator, was passieren kann, wenn viel Gedankenenergie sich auf ein Ziel konzentriert. Kommt genügend Energie zusammen, kann sich etwas manifestieren. Der Glaube kann tatsächlich Berge versetzen. Barcelona hatte ohnehin schon einen PSI-Hotspot mit der Sagrada Familia – der Engelshort in den Türmen dieser enormen Kathedrale sprach Bände und man war sehr gläubig im katholischen Spanien. Und diese Stadt war enorm groß...
      Möglicherweise musste man den Sarkophag also reqiuirieren.
      Das aber könnte der Kirche schaden – der Sarkophag war bei den Gläubigen skurrilerweise beliebt. Und ihn diskret gegen eine Fälschung auszutauschen war schwer – sogar Laien erkannten Lemanthan. Und das war nicht gerade billig.



      Während der Körper ruhte, war der Geist aktiv – man könnte ihn als Astralleib verstehen. Donna Diana hatte alles gesehen... und war fasziniert. Wie seltsam die Welt doch geworden war – und nach einiger Zeit hatte man ihre Ruhestatt geöffnet – und ihren Sarkophag in einer wirklich riesigen Kirche aufgebahrt. Welche Ehre... Und siehe, all die Menschen, wie sie für sie beteten... oder sogar mit ihr! Gegen das Übel auf der Welt! Und welch immense Kraft sie ihr bereitwillig gaben! Bald würde sie den Kampf aufnehmen können – denn seit ihrer Zeit hatte sich das Übel exponentiell vergrößert... Ja, Donna Diana wusste, was es heißt zu leiden. Wie die kleinen Leute immer leiden, damit die Mächtigen noch mächtiger werden konnten.
      Sie hatte vor, das zu ändern. Oh ja – sie würde ihnen zeigen, daß alle Lampen dieser Melt nicht die Nacht erhellen können würden, die sie imstande war über sie zu bringen. Bald würden sie einen Grund haben, die Finsternis wirklich zu fürchten...
      Und sie lernte durch die Betenden ein Konzept kennen, das ihr bis Dato verschlossen gewesen war. Freundschaft... und sogar Liebe. Dies muss etwas beeindruckend Intimes sein – sie würde es ausprobieren. Also ließ Donna Diana ihren Geist auf Reisen gehen, um zu sehen, wer ihr... irgendwie... ähnlich war. Wer von all den Milliarden von Seelen würde ihre Präsenz bemerken, ohne zu erschauern? Wer würde ihre schier überwältigende Nähe begrüßen, ohne von Entsetzen geschüttelt die Flucht zu ergreifen? Wer nur...

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      Shannon und Daniel



      ...waren toll. Keine hirnrissigen Streiche, kein Rumgeschubse und Imponiergehabe – sie waren zwei ruhige, umsichtige Zeitgenossen. Schon skurril, wenn Finley bedenkt, daß er erst in eine andere Dimension reisen musste, um – nunja, ein `normales´ Leben führen zu können...
      Und irgendwie... war Finley hier mittendrin. Daniel war der Kleinste und hatte lange, schwarze Haare. Finley war größer, hatte schwarze Haare – und sah mit seiner gesamten Augenpartie und dem Kinn Shannon ähnlich, der der Größte der drei war. Es war einfach angenehm, die zwei um sich zu wissen. Ab und zu war es zwar befremdlich, wenn Shannon und Daniel sich zusammentaten um darüber zu diskutieren, wie man Jessica wohl am besten in Shannon´s Comic unterbringen könnte – aber da Shannon der erste Typ war, den Finley kannte, der überhaupt zeichnen konnte – vielleicht war das ja normal so.
      Ebenso normal, wie von Shannon gebeten zu werden, sich mal einfach rumzudrehen, wenn man neue, in seinen Augen tolle Klamotten anhatte. Oder mal kurz Modell zu sitzen – was wirklich nicht lange dauerte, da der Nebelelb tatsächlich ein eidetisches Gedächtnis hatte. Finley musste immer grinsen – bei ihm zu Hause gingen die Supergeeks immer davon aus, daß die Elben alle eine gewisse Grundarroganz an den Tag legen würden. Wenn die Shannon kennen würden, die wären aber verblüfft...
      Abgesehen davon, daß niemand hier wusste, was ein Geek war – hier hießen sie Freaks. Der Terminus `Freak´ war hier ohnehin wirklich vielseitig in Gebrauch. Serienkiller – Freak. Computerhacker? Freak. Jeder, der sich irgendwie unangenehm oder auffällig in einer gewissen Profession bemerkbar macht, ist erst mal ein Freak. Früher hieß so jemand auch noch Crack – aber das war ja wohl total 70er, sagte man ihm hier.
      Und hier waren sie alle Freaks. PSI-Freaks. Der eine mehr – der andere weniger. Inwieweit Finley nun selber diesem exklusiven Club angehörte, wusste er nicht zu beurteilen. Es war aber interessant, wie Elaine und Shannon auf ihn reagierten – oder inwieweit er ihre Reaktionen inzwischen zu deuten in der Lage war – inklusive dem Minenspiel, das – wie Finley von Anfang an vermutet hatte – die Ohren mit einschloss. Irgendwie fand Finley das... putzig. Und Shannon schien das zu bemerken.
      Und so erlaubte sich der lebhafte Nebelelb immer einen Gag, wenn sie und ihre Truppe mal wieder auf Beobachtung rausgingen – und sie zum Beispiel mal in einen Nachtclub mussten, der bekannt dafür war, von Homo-Pärchen frequentiert zu werden. Und auch hier lernte Finley wieder was dazu: Männer, die sich für andere Männer interessierten... waren sehr oft überdurchschnittlich reinlich und gepflegt. Was ja nun nicht unbedingt von Nachteil war.
      Also liefen Finley und Shannon dort meist zu zweit ein – mit Mikros und Funk ausgestattet. Und drinnen angekommen, wurde der Nebelelb sehr anschmiegsam. Shannon fand es immer wieder sehr amüsant, daß man sein Volk dort, auf Finley´s Welt, wo es nicht mal Elben gab, für homosexuell hielt. Und Finley... wusste anfangs nicht so recht, was er davon halten sollte. Oh, mittlerweile wusste jeder, daß Shannon `ganz normal´ war – denn er wurde oft von Lynn begleitet – und Shannon mochte Lynn wirklich sehr gern. Der Größenunterschied war zwar enorm – aber das war den beiden völlig egal. Gut so.
      In diesen speziellen Nachtclubs allerdings gehörte Shannon ganz Finley. Auf die Frage, warum er das nicht mal mit Daniel machte, antwortete Shannon lächelnd, daß Finley das wohl am besten verstehen würde – immerhin kannte er Shannon´s Volk nun recht gut. Okay – das half ihm auch nicht weiter – aber es war schon irgendwie seltsam, wie Shannon sich ihm und den anderen in den Clubs gegenüber präsentierte.
      Finley war noch sehr jung – und so hatte er eigentlich nicht besonders viel, um das er sich kümmern musste. Er konzentrierte sich auf seine Studien und den Unterricht, bereitete sich auf mögliche kleinere Einsätze vor (die Gott sei Dank nicht alle so furios abliefen, wie damals, als sie Lynn kennenlernten) und hatte dann Zeit für eventuelle Hobbies und seine Freunde.
      Und nachts... beschäftigte sich sein hyperaktives Unterbewusstsein viel mit seinen Freunden – und deren teilweise unmöglichen anatomischen Absonderlichkeiten. Gedankengänge, die ihn, würde er sie aussprechen, knallrot vor Scham im Erdboden verschwinden lassen würden. Nun, da er sie alle näher kannte, hatte er die meiste Scheu vor ihnen verloren – und sie ist in Neugier, Faszination und auch Bewunderung umgeschlagen. Was für faszinierende Wesen er zu kennen die Ehre hatte... Sie in all ihrer ungewöhnlichen Pracht so nah um sich zu wissen... Und die meisten anderen Leute würden eine Menge verpassen, nur weil sie nicht genau hinsahen.
      Schön blöd.



      Doch eines Nachts... fand er sich irgendwie... im All wieder. Zumindest sah es so aus. Die Tiefe des Raumes um ihn herum war einfach unfassbar. Nur, daß die Lichter, die er sah, wohl keine Sterne waren. Denn sie... bewegten sich. Man könnte meinen, daß dies eher der... Tiefsee entsprach. Manche der Lichter hier waren sehr klein... wie willkürlich umhertreibende leuchtende Schneeflocken. Manche aber waren größer. Und wieder andere hatten klar definierte Formen. Manche davon sehr fremdartig – sie trieben in dieser tief dunkelblauen Ewigkeit dahin wie unirdische Luftschiffe – und andere sahen aus wie kleine, schwerelose Menschen. Sie schienen zu... träumen. Was aber tat er dann hier? Träumte er dann auch?
      „Nein... Du träumst... luzid.“
      Erschreckt drehte Finley sich um – und sah... eine Entität. Von der Größe eines Schlachtschiffes war da eine Gestalt, die er vage erkannte – nicht zuletzt an der Stimme. Dieses riesige Ding war zweifellos... Cyrene.



      „Hallo, kleiner Wolkenjunge! Du bist das erste Mal in der Astralen See, nicht? Hihi... wie niedlich klein Du bist!“ kicherte sie. Dann drehte sie sich schwerelos um sich selbst: „Wie sehe ich aus? Fast normal, ja? Ich dachte mir, das wäre besser, damit Du Dich nicht erschreckst...“
      „Du bist riesig groß!“ erwiderte Finley und Cryene kicherte erneut: „Theheheee... Kleiner machen kann ich mich nicht – also, zumindest nicht hier... Du wirst auch noch größer – wenn Du das luzide Träumen besser beherrschst. Du brauchst nur Übung...“
      „Luzid... hab´ ich schon mal gehört... sowas gibt’s?“ wunderte sich Finley und Cyrene lächelte: „Sieht ganz so aus, hehe...“
      Dann flüsterte sie ihm zu: „Ist aber gut, daß ich Dich hier treffe – so muss ich Dich nicht anrufen! Du musst morgen um 2100 unbedingt im Fantasy sein – das ist ein Metal-Club in Soho! Da will Dich jemand kennenlernen! Das ist wichtig!“
      „Mich? Wer denn – und wieso?“ fragte Finley skeptisch. Und die enorme Entität flüsterte noch leiser: „Jemand seeehr Mächtiges. Hat lange geschlafen – und ist ziemlich scheu.“
      „Ahh... ja. Okay – das klingt ja schon mal angenehm beunruhigend.“ musste Finley feststellen. Und Cyrene zeigte in einen sehr finsteren Winkel des Tiefraumes: „Du kannst sie `sehen´. Da, wo nichts ist – da ist sie. Aber jetzt würde ich da nicht hingehen...“
      Und dort war tatsächlich nichts – keines der Lichter... einfach nur absolute Finsternis. Finley erschauerte, als er diese... Abwesenheit von Allem in diesem `Quadranten´ betrachtete: „Jetzt würde ich da auch nicht hinwollen, denke ich...“
      „Oh, ich denke, sie ist sehr nett... aber Du wirst sie morgen ja dann kennenlernen...“ erwiderte Cyrene lächelnd – und schnippte Finley mit dem Finger...
      ...wach.
      Automatisch setzte sich Finley auf – und sah in die besorgten Gesichter von Daniel und Shannon. Er runzelte die Stirn: „Was ist mit euch?“
      „Was ist mit DIR, solltest Du besser fragen!“ erwiderte Daniel und Shannon nickte: „Du hast voll im Schlaf geredet – und ich könnte schwören...“
      „...daß hier jemand war.“ kam Elaine in das Zimmer und sah sie alle an: „Hier geht etwas vor sich – etwas sehr Ungewöhnliches.“
      Elaine kam näher – und hinter ihr tauchten auch Sally, Jessica und Lynn auf. Und die Nebelelfe meinte zu Finley: „Wir haben ein seelisches Band. Also weiß ich, was Cyrene Dir gesagt hat...“
      „Echt?“ staunte Finley und Elaine nickte: „Deine Freunde werden schon vorher dort sein – und Dich dann im Auge behalten. Man weiß ja nie...“
      „Wow – Du reagierst echt schnell!“ musste Daniel anerkennen und Shannon wunderte sich: „Du hast Dich mit Lynn vertragen?“
      „Ja. Ich muss sagen, sie kann hervorragend argumentieren. Sie hat recht – ich bin... altmodisch – manchmal.“ gab Elaine zu und Lynn strahlte Elaine an: „Aber ich mag Dich! Du hast auch so ewig lange, schöne Beine, hihi!“
      Und während Elaine rot wurde, grinste Sally mal wieder: „Ja, so ist das – Lynn fährt voll auf Stelzen ab, hehe...“
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      Wenn die Vernunft schläft



      ...werden Ungeheuer geboren.“ war Superintendent Henriksen´s Kommentar, als Ivy an diesem Abend losging, um `den Gast´ im Auge zu behalten. Schön und gut, wenn sich jemand aus Spanien´s finsterster Vergangenheit zurückmeldet – aber was will´ne `Schwarze Madonna´ unbedingt in London? Und ist die nicht katholisch? Nicht, daß es wieder mal Stress mit den ultraharten Typen aus dem Vatikanstaat gibt... Konservatives Gezuppe – als ob man ihnen die Leute abspenstig machen wolle...
      „Und Sie sind sicher, daß das in Ordnung geht?“ sah Henriksen zu Cyrene rüber, die in seinem Büro saß. Und die lächelte optimistisch zurück: „Oh, ja! Sie ist ein wenig wie ich, hehe... und ich bin sicher, daß sie Finley mögen wird!“
      „Aha... ein wenig wie Sie?“ musterte der Lycanthrop die ungewöhnliche Polizistin. Er wusste, daß Cyrene nichts dagegen hatte, daß sie von den Kollegen oftmals fotografiert wurde. Er fragte sich, ob sie wohl wusste, wieviele dieser Fotos wahrscheinlich an den Spindtüren landeten...
      „Könnte mir vorstellen, daß viele Frauen froh wären, wenn sie ein wenig wie Sie wären.“ zog Henriksen an seiner Pfeife und sah aus seinem Fenster in die nächtlichen Straßenschluchten hinaus. Und Cyrene lächelte verlegen: „Finden Sie? Hehe... Danke!“
      Henriksen sah zu ihr zurück und fragte sich manchmal, ob Cyrene ihn irgendwie aufzog. Sie rannte immer in diesen abenteuerlichen Klamotten rum – nur perfekt mit diesen seltsamen hochschaftigen Stiefeln, die sie zu bevorzugen schien – die Dinger wirkten immer eher wie Hufe – machten aber ungeheuer lange, elegante Beine. Der Lycanthrop fragte sich immer, wie man in solchen Dingern überhaupt vernünftig stehen konnte – von Laufen ganz zu schweigen. Aber er wusste aus Erfahrung, wie schnell diese Frau damit unterwegs sein konnte. Sehr verwirrend...
      „Wie kamen Sie ausgerechnet auf unseren `Turmspringer´ als möglichen Ansprechpartner?“ wechselte Henriksen das Thema und Cyrene hob abwehrend die Hand: „Bin ich gar nicht – sie selber wollte das so! Wahrscheinlich, weil er nicht von hier ist – und nicht durch all die... `Propaganda´ verhunzt worden ist. Er ist... neugierig und aufgeschlossen. Klar fand er das erst mal alles sehr erschreckend, wenn es sowas wie uns bei ihm zu Hause nicht gibt...“
      Sie dachte nach: „Aber Finley ist... sehr sensibel und einfühlsam. Er scheint uns inzwischen besser zu verstehen, als Menschen das normalerweise so tun...“
      Cyrene lehnte sich dann zurück und streckte sich genüsslich lächelnd durch: „Und er ist so drollig! Ich könnte ihn pausenlos knuddeln, hihi...“
      „Sack Zement, dann heiraten Sie ihn, bevor ich es tue!“ grummelte Henriksen und Cyrene sah ihn mit ihren tiefblauen Augen erstaunt an: „Aber Chef – Finley ist doch noch nicht volljährig!“
      Henriksen´s Kopf knallte auf die Tischplatte.



      `Knarre einstecken.´ dachte Finley sich und sah auf seinen Tisch, wo die große NARVAL-Pistole lag. Schon skurril – er durfte offiziell noch nicht Auto fahren – aber gegen ein solches Riesending hatte keiner was einzuwenden. Sie passte gerade so unter seine Jacke. Wie die HK VP-70 und die Waffen von Glock war die Narval hier eine der ersten Pistolen mit Copolymergriffstück – aber immer noch in diesem Killerkaliber aus der Kolonialzeit - .577AE. Das hatte einen Grund – viel hilft nun mal viel – und diese massiven Hohlspitz-Kugeln mit Natriumkern waren das letzte I-Tüpfelchen, um sich als Mensch gegen ausgerastete Nightsider behaupten zu können.



      Die Waffe war aus rostfreiem Stahl und das Griffstück war grau – ganz offenbar keine Behördenwaffe. War auch besser – wie würden die Leute reagieren, wenn ein Typ wie er mit einer Polizeiwaffe mal dumm auffällt? Andererseits – wenn er schon mit seiner Waffe blöd auffällt, war er logischerweise schon vorher – ohne Waffe – blöd aufgefallen. Wenigstens konnte er mit diesen Dingern umgehen - dank seines Vaters. Finley musterte das siebenschüssige Monsterding – und packte es in seinen Schulterholster. Lynn und Sally waren der Meinung, er solle sich einen Holster für den Gürtel besorgen – das würde an ihm `supergeil aussehen, weil er so `nen knuffigen Apfelhintern hat´. Darauf konnte er nichts erwidern, außer verlegen darauf hinweisen, daß das etwas sehr auffällig wäre, da er eigentlich nur Jacken trug. Und darauf erwiderten die zwei, daß das auch der Sinn der Übung sei – unter einem Mantel sähe man das ja nicht. Seltsam – das war das erste Mal, daß Finley gleich von zwei Mädchen so etwas wie ein Kompliment bekam. Eigentlich... war es das erste Mal überhaupt.
      Also stiefelte er los – Lynn hatte ihn noch `zurechtgemacht´, wie sie es nannte, damit er in einer Metal-Disco nicht auffiel wie ein... Was eigentlich? Aber er musste zugeben, als er so in den Spiegel sah, der auf dem Weg nach draußen an der Wand zur Bibliothek hing (warum auch immer): Mädchen wie Lynn hatten offenbar immer Quellen an der Hand, wie man an gute Klamotten rankommt. Die braune, leicht abgewetzt aussehende Lederjacke hatte schon mehr von einem kurzen, aber exzellent geschneiderten Sakko. Man sah die Mündung der Pistole gerade so nicht. Das schwarze, etwas weite T-Shirt zeigte einen Adler im Sturzflug, der Springerstiefel trug – und darunter war zu lesen: `We endanger Species!´ Das im Zusammenspiel mit einer in den Augen der Mädchen gutsitzenden hellblauen Jeans, einem Paar dicksohliger Turnschuhe und etwas `Gebamsel´, wie Finley´s Vater einschlägigen Schmuck zu nennen pflegte ließ Finley mit seiner struppigen, frechen Kurzhaarfrisur schon eher punkig als `metalig´ erscheinen. Und immer noch fragte er sich, wie Lynn an diesen ganzen Kram rangekommen war – und woher zum Kuckuck sie seine Kleidergrößen so gut kannte. Naja... Er sah auf die Uhr – Zeit für den Bus...



      Die roten Doppeldeckerbusse hier wirkten wie aus hyperamerikanischen, chromüberladenen 50ern. Sowas gab es bei ihm zu Hause nicht. In Metall geformte Rundungen, massive leicht beige eloxierte Aschenbecher an den Wänden... ja, Aschenbecher. Es wurde hier erstaunlich viel geraucht. Fahrkarten wurden hier auch von Schaffnern verkauft und kontrolliert. Man konnte sich auch an Fahrkartenschaltern direkt an U-Bahnhöfen kaufen.
      Finley´s Handy hatte hier natürlich keinerlei Sinn – außer als MP3-Player oder Fotoapparat. Immerhin hatte Shannon eine Möglichkeit gefunden, es wieder aufzuladen. Es gab hier viele dieser roten Telefonzellen – wie Finley sie eigentlich nur noch aus Dr-Who-Filmen und alten Krimis kannte. Zudem trugen viele Leute hier noch Hüte. Eigentlich... war dies das erste Mal, daß er in diesem Stadtungetüm wirklich alleine unterwegs war – Er wunderte sich immer noch, daß Luftschiffe hier offenbar ganz normal waren. Manche hatten Werbeaufdrucke, andere sahen aus wie Privatmaschinen – für die oberen Zehntausend wahrscheinlich. Sie bewegten sich durch die ziemlich breiten Straßenschluchten mit ihrer gemütlichen Geschindigkeit und manche landeten sanft auf speziellen Plattformen an den Fassaden der riesigen Gebäudekomplexe - oder hoben von dort gerade ab. Sie waren bei Weitem nicht so riesig wie beispielsweise die R-101 gewesen war, die Finley von zu Hause aus dem Geschichtsunterricht kannte... aber es waren eindeutig Luftschiffe.



      „Du bist eigentlich ziemlich stylisch!“ gab Lynn aus ihrem Versteck zu, während sie Elaine beobachtete, wie die Nebelelfe die Gegend um das Fantasy im Auge behielt. Elaine sah an sich runter – sie hatte weder Probleme damit, die bei der P4 üblichen, riesigen zehnzölligen Webley&Scott-Pistolen zu tragen – noch dies an Gürtelholstern zu tun. Erstaunlicherweise stellte sie fest, daß sie nach einer Aussprache mit Lynn momentan mit gar nichts mehr Probleme hatte – das war ungewöhnlich... aber fühlte sich gut an.
      Sie lächelte: „Es ist gut, daß unser Zwist beigelegt ist...“
      Lynn kam zu ihr hin und sah skeptisch zu ihr auf: „Woah, Du klingst sogar wie aus einem Shakespeare-Stück! Aber kein Problem...“
      Sich schwer an eine überraschte Elaine lehnend schnurrte Lynn zufrieden: „Hab´ Shannon versprochen, daß keiner seine lässige Schwester klaut!“



      Sally und Jessica hingegen waren schon im Fantasy. Jessica passte hier ohnehin irgendwie gut rein – und Sally hatte sich dieses Mal auch für etwas Helleres entschieden. Bis auf ihre Jacke. Die war schwarz – und ziemlich aggressiv gestylt. Diverse Spitznieten, Aufnäher und eine wie eine Schützenschnur drapierte Kette zeigten an, daß sie... nicht so leicht `abzuschleppen´ war. Von `aufreißen´ ganz zu schweigen.
      Jessica hatte mit ihrer typischen Garderobe – und ihrem Körperbau – da natürlich von Vorneherein weniger Probleme. So also war alles bereit. Fehlten nur noch die Hauptakteure. Und es würde hoffentlich keinen weiteren Ärger geben.
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      Unmöglich!



      Das Ding... das da auf dem Dachboden der St. Paul´s Cathedral aufgetaucht ist, konnte es so einfach nicht geben! Großmeister Gabriel wusste das erste Mal einfach nicht, was nun zu tun war. Offenbar aber hatte Ivy schon eine Idee – die sie von ihrer `Kollegin´ hatte, diesem geradezu grotesk frivolen Succubus. Also packte Großmeister Gabriel dieses... Unding am Kragen – trug es wie eine junge Katze durch den Hort und warf es einfach auf die Straße. Was um Himmels willen hatte sich der Herr da für einen üblen Scherz erlaubt? Ein... Engel mit schwarzen Flügeln?

      Donna Diana war völlig überwältigt! Es war eine Sache, die Welt als Abbild der Astralen See wahrzunehmen – aber sie nun tatsächlich zu sehen, zu erleben und zu riechen... zu spüren, wie alles vor reiner, schierer Existenz zu vibrieren schien... Unglaublich viele Menschen waren hier zu sehen – und keine zwei sahen gleich aus. Die Häuser waren so hoch wie die Wände von Felsenschluchten! Es ROCH nach STADT! Und dann waren da noch die vielen Dinge, die sie nie zuvor gerochen hatte... Das Prinzip Auto, das sie aus Gesprächen und Gedanken kannte, mal in Aktion zu sehen, war... eigenartig. Das Einzige, was diese Dinger mit Kutschen gemeinsam hatten, waren die Räder – und selbst die waren völlig anders. Und... Dinge, die mit Lichtern durch die Luft flogen... Eine Welt voller Wunder! Und Donna Diana konnte das alles sehen! Und dann... war da die Taverne! Was für eine unglaubliche Musik – was für Instrumente nur machten solche Geräusche? Und die Leute hier drinnen sahen anders aus, als die tristen, grauen Leute draußen – die hier sahen fast aus wie... Wilde. Aber lustige Wilde – die auch diese seltsam blauen Kleider bevorzugten, wie Ivy, ihre `Aufpasserin´. Noch dazu... Frauen heutzutage trugen offenbar oft Hosen – wie Männer... oder aber Röcke, die so kurz waren, daß es fast nur noch ziemlich breite Gürtel waren. Sie selber hatte nun eine Hose aus einem eigenartigen Leder an – aber das gefiel ihr. Es knarrte so nett – und es... rieb sehr angenehm.



      Ivy selber saß neben ihrer `Kundin´ an der Theke – und wusste nicht so recht, was sie von diesem Mädchen halten sollte. Sally und Jessica – weiter weg in der Menge, die sich an der Tanzfläche staute – sahen ihr das an. Jessica aber wusste genau, was sie von Donna Diana hielt: „Die ist ja voll drollig! Sieht aus wie `ne erfrorene Prinzessin!“
      „Oh, wow – das´ ja mal verdammt romantisch, hähä...“ grinste Sally und musterte das Mädchen ebenfalls: „Ich mag, wie sie sich umsieht – die sieht aus, als würde sie gleich auf `ne schön beknackte Idee kommen...“
      Ivy atmete aus – diese Idee hatte Cyrene schon gehabt – um die frisch aufgetauchte Donna Diana nicht nackt rumlaufen zu lassen hatte die umtriebige Ereboidin ihr ein `Willkommenspaket´ aus ihren Klamotten zusammengestellt – und auch hier zeigte sich: Succubi hatten einen Blick dafür, wer was tragen konnte – und in welcher Größe er dies tun sollte.

      Also trug Donna Diana nun eine kurze, weitgeschnittene, irgendwie leicht indianisch wirkende Jeansjacke in verschiedenen Schwarz- und Blautönen, die einzelnen Stoff- und Lederstücke durch unterschiedliche, nicht zu aufdringlich wirkende Nieten abgegrenzt. So, wie sie jetzt, in den 80ern, modern waren eben. Dazu hatte sie von ihren ihr unbekannten Spendern ein sehr kurzes T-Shirt bekommen, das ihren... Bauch freiließ. Ein Blick in die Runde aber zeigte ihr, daß dies offenbar nicht ungewöhnlich war – kein Vergleich zu den beengenden Stehkrägen und Korsetts, die sie einst gewohnt war... Die schwarze, glänzende Lederhose stattdessen, die an den Seiten wie ein Korsett geschnürt war, endete in schweren, hohen Stiefeln mit Schnallen, die auch an Gürteln nicht fehl am Platze gewesen wären. Donna Diana kannte solche Stiefel eigentlich nur von Soldaten.
      Alles in Allem...
      ...hatte es den Anschein, als wären Frauen heutzutage selbstbewusster und den Männern gleichgestellter als zu ihrer Zeit. Das gefiel ihr. Und wenn sie in eine der spiegelnden Flächen hier sah (es gab hier so viele Spiegel!), drückte ihre Garderobe und auch die von dem Engel namens Ivy neben ihr genau das aus. Ja, Donna Diana war zweifellos eine Frau, die unter all diesen modernen Menschen nicht fehl am Platze wirkte. Komischerweise aber sollte es noch etwas dauern, bis sie sich auch genau so... angekommen fühlen würde.



      Hundekacke, Zigarettenkippen, Zeitungen und Scherben von Bierflaschen. Kleine Flachmänner, Pappbecher, Fastfood-Verpackungen. Diese Stadt war völlig anders, als das London, das Finley kannte. Einerseits erschlug sie einen mit ihrer enormen Architektur – andererseits war sie wild, ungezähmt und dreckig. Manche der Modegags, die er hier beobachten konnte – wie unsägliche durchsichtige Regenmäntel, gab es bei ihm zu Hause nicht – wozu auch? Was nützt es, wenn man nicht nassgeregnet wird – sich dafür unter dem Ding kaputtschwitzt?
      Schließlich kam er in die Gegend von Soho – und auch die war anders, als er es gewohnt war.
      Dunkler zum Beispiel.



      Finley konnte sich gut vorstellen, daß hier – in den schmalen, dunklen Gassen ab und zu jemand verschwand. Manchmal waren die Straßenlaternen einfach aus – wegen einer kaputten Birne zum Beispiel. Manchmal aber hatte man da offenbar auch auf teilweise recht kreative Art und Weise nachgeholfen. Da war er froh, daß er von Elaine gute Augen `geerbt´ hatte.
      Dann kam er zum Fantasy – und stellte erneut etwas fest: Hier fuhren Geräte durch die Gegend, wie sie bei ihm zu Hause undenkbar gewesen wären. Teilweise monströs aussehende Autos standen hier auf dem Parkplatz vor der Metal-Disco, deren Musik auch hier draußen schon recht gut zu hören war. Auch wirklich brutal aussehende Motorräder standen hier rum – nebst den dazugehörigen Besitzern. Wie war das? In den Industriebrachen gab es Gangs? Nunja...
      Und so ging Finley in diesen Laden – und war sich nicht sicher, was oder wen er erwarten sollte. Donna Diana – klang erst mal recht spanisch. Klang sogar ziemlich... adlig – irgendwie. Er hatte noch nie wissentlich jemanden aus Spanien kennengelernt – also war er schon mal gespannt...
      Aber nichts hätte Finley auf das vorbereiten können, was ihn hier erwartete...
      Da war zuerst mal Ivy – mit einer Zigarette. Einen leger an der Bar sitzenden, rauchenden Engel in Jeansklamotten zu sehen – mit einer offensichtlichen Dienstmarke an ihrem Gürtel – das war ohnehin schon mal was. Und neben ihr saß... eine wirklich bemerkenswerte Person.



      Sie sah aus wie eine düstere Frontfrau einer Band. Das lange, schwere, schwarze Haar war zu einer beeindruckend passenden Frisur geformt, die ein wenig an Prinzessin Leia erinnern mochte. Bei ihr allerdings wirkte es deshalb so passend, weil sie dieses angenehm, breite, katzenartige Gesicht hatte, das allerdings durch zwei wache, eher wölfisch aussehende, bernsteinfarbene Augen und deren ausdrucksstarke Brauen dominiert wurde. Sie hatte eine nette Stupsnase und einen Mund, der leicht lächelnd verriet, daß sie sich gerade wohl fühlte. Diverser Silberschmuck mit kleinen Bergkristallen und ihre rosenquarzähnliche Blässe verstärkten den Eindruck, daß sie tatsächlich sowas wie adlig sein mochte – allerdings machte sie einen eher sehnig-mageren Eindruck. Wie eine Sportlerin – oder eine Jägerin.



      Ja – das dürfte es wohl treffen.
      Ivy winkte Finley zu sich her – und dieses Mädchen sah zu ihm rüber. Und wie es das tat... Hypnotisierend war wohl das passende Wort. Ihre tiefschwarzen Pupillen schienen sich jedes Detail einprägen zu wollen – und Finley spürte die pure Macht ihrer Präsenz. Das also war die Schwarze Madonna...
      Und dann... schien die Welt um Finley herum langsam... steifzufrieren. Die Leute wurden langsamer, die Musik schien in einem sich bis in die Unendlichkeit dehnenden, tiefen Basston zu verklingen... und alles stand still. Bis auf Finley, der fast vergessen hatte, Luft zu holen – und Donna Diana. Sie stand auf – und er... schien auf sie zuzufallen. Sie war das Massezentrum dieser Akkretionsscheibe aus in der Ewigkeit eingefrorener abendlicher Zerstreuung – und fing breit an zu grinsen: „Buenas Noches... ja... Du bist genau derjenige, auf den ich gewartet habe...“
      Die Visionen, die Finley nun durch seine Seelensicht erlebte, waren... betäubend. Tiefe, dunkelrote Strudel, die in einer Art sich windenden, rosa Schlauch verschwanden, der in einem saugenden schwarzen Nichts endete – war da nicht die Schattenschlange, welche die lichtlose Eva fragte, ob sie nicht in den (knuffigen) Apfel(Hintern) beißen wolle – und wie sie dies bejahte...
      „Du hast gewartet – auf mich?“ nahm Finley den angenehm kühlen Geruch von regennasser Walderde wahr und die Schwarze Madonna lächelte: „Oh, ja... Du bist der, der versteht – lass´ mich Dir helfen, mich zu verstehen...“
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      Ich war sündig!



      ...konnte Finley hören... irgendwo in den Untiefen eines beinernen Riffs voller splitterscharfer Zähne, welches das kaum noch vorhandene Licht vor der bodenlosen Schwärze dahinter schützte. Instinktiv wusste der Junge, was Donna Diana meinte – und wie dies alles nicht mit ihrer eigentlich streng katholischen Erziehung vereinbar war. Wie man ihr etwas (hin)zugefügt hatte, das nie Teil ihrer Persönlichkeit gewesen war, nachdem man ihr etwas Anderes nahm...
      „Das war nicht ich – ich fresse keine Leute...“ flüsterte sie mit einer Stimme wie Rauhreif... Und Finley erlebte die Metamorphose dieses Mädchens in etwas Ungeheuerliches erneut... Fühlte, was sie fühlte – im Verlies. Im Dunkel. Bar jeden Lichtes – und bar jeder Hoffnung.
      Und schließlich, eines Nachts... war es auf einmal nicht mehr so dunkel. Donna Diana konnte selbst dort sehen, wo niemand mehr etwas sah... Und dort konnte sie auch agieren.
      Finley fragte sich in seiner angenehmen Paralyse des Staunens, wie wohl all diese sehr skurrilen Gedankengänge seinerseits zustandekamen. Einen gewissen tudor´schen Unterton konnte man ihnen ja nun nicht absprechen. Aber nein, bisher hatte die finstere Age-21-and-over-Eva nicht in besagten Apfel(hintern) gebissen – passend zum grotesken Gleichnis mit der Schöpfungsgeschichte wuchtete sie ihre Martialwerkzeuge lieber rund um den (Adams)Apfel in Finley´s Hals...



      Mit einem verblüffend nüchtern-objektiven Interesse stellte Finley fest, was für eine wirklich effektive Kieferpartie dieses Mädchen hatte – würde sie nun `reißen´ wäre bestimmt die Hälfte seines Halses weg – und er würde herumspritzend und eine erschütternde Sauerei hinterlassend innerhalb kürzester Zeit verblutet sein – aber das tat sie nicht. Das war so surreal, daß Finley nicht mal Schmerz fühlte – dafür waren diese unglaublichen Zähne einfach zu scharf. Aber er spürte sehr wohl, daß da diverse keramikscharfe Dinge tief in seinem Hals waren – die Schnitte, die sich gegeneinander verschoben, während eine weiche, neugierige und erstaunlich rauhe Zunge zwischen diesen Zähnen ihn genau so interessiert untersuchte, wie Donna Diana´s kleine und zierliche Hände. Nein, Donna Diana würde ihn nicht zerfetzen – sie tat kurzzeitig etwas, das Finley instinktiv ein nie gekanntes kreatürliches Entsetzen fühlen ließ – irgendwie... saugte sie Finley unheimlich stark vom Fenster seiner zwei müden Augen weg, nach hinten runter – und in die Finsternis, wo er durch diesen Krater in seinem Hals verschwinden würde...
      „Ich mache sowas nicht... mehr.“ versicherte ihm dann aber eine besorgt aussehende Donna Diana, die überlegte: „Irgendwie... geht das auch nicht mehr - glaube ich. Die stecken dann da unten drin... und das war´s dann.“
      Kichernd klopfte sie mit der flachen Hand auf ihren Bauch, der irgendwie... hohl klang. Und Finley konnte das alles sehen, so... wie er mit seinem Kopf auf ihrem rechten Oberschenkel lag. Sie kniete wohl irgendwie am Boden und ihr linkes Bein ragte angewinkelt über Finley´s Brustkorb. Dann hob Donna Diana den Zeigefinger: „Irgendann später muss ich nämlich ab und zu `n bisschen rülpsen – und dann... FUFF! ...sind sie weg! Ist aber auch besser so, denke ich – ich will ja keinen `aus dem Spiel´ nehmen...“
      Sie sah an sich runter: „Sieh – nun habe ich eine zweite Chance – und sogar Flügel bekommen – da kann ich doch nicht... machen, was ich eigentlich tun wollte!“
      Mit ihren großen, klaren Bernsteinaugen sah Donna Diana den somnolent wirkenden Jungen an, der in ihrem Schoß sowohl sicher, als auch gefangen wirkte: „Eigentlich wollte ich... sie alle jagen. Und vielleicht... nunjaaa... `n bisschen essen.“
      Sie lächelte ihn an: „Oh, ich hatte mir fest vorgenommen, was ich alles tun wollte, würde ich diese Folterei überleben – und als ich dann schließlich so mächtig und stark war wie nie zuvor in meinem Leben, wollte ich sie alle zertreten, wie – nun... wie...“ schnippte sie mit den Fingern: „...wie etwas... das man leicht zertreten kann.“
      Das alles zu hören – mit einem wirklich lustigen, spanischen Akzent – war auf skurrile Art und Weise amüsant und Finley begann unwillkürlich zu lächeln, als sie weiterredete: „Du hättest mich sehen sollen – wie ich in den Katakomben gewütet hatte – ich war gewalttätig, fies, brutal, gnadenlos – und auch... wie nennt man das hier... gemein?“
      Alleine sie dabei zu beobachten, wie sie die passenden Wörter zusammensuchte – war das komplette Gegenteil von... monströs. Auch ihr stolzes Lächeln war eher erfrischend burschikos als ungeheuerlich, als sie Finley erzählte: „Und dann hab´ ich alle gefressen, die ich finden konnte! Nun waren sie es, die zappelten und kreischten... Aber ich wusste – draußen in der Welt gibt es noch viel mehr solcher Leute...“
      Sie sah dann auf Finley herab: „Du... musst mich für sehr... eigenartig halten, nicht?“
      Finley lächelte matt: „Was will man von jemandem erwarten, dessen Leben großteils daraus bestand, in einem Keller gequält zu werden?“



      „Sie haben mir... Mittel gegeben – ich weiß nicht, was genau...“ nickte sie und flüsterte dann: „Und die veränderten mich!“
      Heute ist es allgemein bekannt – der freie Wille ist eine Illusion – mit bestimmten Chemikalien kann man die Verhaltensmuster jeglicher Person beliebig manipulieren. Weil Botenstoffe wie Enzyme und Hormone aus Chemikalien bestehen. Und wenn diese dann auch noch psychoreaktiv sind... Für ein Mädchen aus der Frühzeit der Renaissance, für eine Person also, für die alles in feststehenden, geregelten Bahnen vorherbestimmt zu sein schien... musste es eine wirklich grauenerregende Erfahrung gewesen sein, festzustellen, daß sich da etwas entsetzlich Fremdartiges in einem ohnehin schon verunsicherten Geist herausbildete.
      Wahrscheinlich kam dies dem Begriff `besessen sein´ damals am nächsten.
      Und so kam es, daß Donna Diana den geschwächten Jungen, den sie bei sich hatte, beobachtete – aber weder Angst noch Abscheu erkannte – sondern Verstehen und etwas, das ihr sagte, daß er genau verstand, was sie ihm so holprig erklären wollte, als seine rechte Hand ihre runde Wange berührte: „In diesen Zeiten... ich und meine Freunde, hier tut niemand einem so etwas an...“
      Es war immer noch fremdartig für Finley, jemanden zu sehen, der unter gewissen Umständen reagierte wie eine Art Raubtier... Donna Diana zog die Luft ein, und ihre Nase berührte Finley´s Handwurzel. Ihre zierliche, linke Hand umfasste neugierig seinen Unterarm... Und dann – verschwand Finley´s Hand einfach tief in ihrem Hals. Und sie lächelte: „Gu chnekchk gukh!“
      `Das sind... Dinge, an die man sich wirklich erst gewöhnen muss...´ dachte Finley sich, während er ihre rauhe Zunge auf seinem Handteller fühlte. Er kannte ähnliche, noch skurrilere Eskapaden bereits von Daniel und Jessica – aber es selber zu erleben... Sichtlich gut gelaunt lutschte Donna Diana ein wenig auf seiner Hand rum – und dann wurde sie rot. Mit einem `Plop!´ kam Finley´s Hand also wieder frei – und sie fragte leise: „Ich... hab´ Dich nicht erschreckt?“
      Finley schüttelte sanft den Kopf. Seine Seelensicht verriet ihm, daß Donna Diana nun all das in sich vereinte, was den Menschen fremd war auf dieser Welt. Aber sie selbst war mal einer. Was ihr auch sehr wohl bewusst war. Es war aber nun eine Tatsache, daß sie nie die Chance gehabt hatte, normal mit anderen Personen zu interagieren – was zu... Komplikationen führen könnte.
      „Du kannst nun endlich ein freies Leben führen – und ich denke...“



      „Du bist so´n Umfaller!“ grummelte Sally, als Finley wieder aufwachte – und schon wieder in seinem Bett lag. Der Kasettenrekorder lief und sie saß gelangeilt daneben auf einem Stuhl und musterte ihn: „Du bist mal wieder zusammengeklappt! Was war das jetzt – das fünfte Mal?“
      „Tja, unser... `Neuzugang´ ist ziemlich PSI-aktiv – ihre Aura hat ihn wohl umgehauen.“ erwiderte Messinah, die so etwas wie einen Arztkoffer schloss und aufstand. Sie grinste breit: „Alles in Ordnung – das wird wieder!“
      Dann wandte sie sich zum gehen: „Und nun – mal sehen, was Patient No.:02 für Überraschungen für uns parathält, hähä...“
      Finley... sah sich um: „Wo sind denn die anderen?“
      „Jessica hat sich mit Daniel in eine Fastfood-Bude verkrümelt und frisst ihn wahrscheinlich gerade pleite.“ erwiderte Sally und fuhr fort: „Shannon und Lynn hocken in der Bibliothek und machen irgendeinen elektromedizinischen Nerdkrams – mit seinem komischen PC-Dingens.“
      „Also wie immer...“ lächelte Finley matt. Aber Sally musterte ihn genau. Und Finley runzelte die Stirn: „Stimmt was nicht?“
      „Das wollte ich gerade fragen.“ entgegnete Sally: „Die hat nicht irgendwelche komischen Sachen mit Dir in Deinem Kopf angestellt, oder?“
      „Nicht, daß ich wüsste.“ antwortete Finley und Sally meinte nur: „Gut. Das ist nämlich mein Job.“
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      Was meinst Du



      ...denn damit?“ fragte Finley stirnrunzelnd nach und setzte sich langsam auf. Sally hingegen stand auf – und ihr rechtes Knie landete auf der Bettkante, als sie sich zu ihm vorbeugte. Ihr Gesicht kam dem von Finley immer näher – und sie sagte einfach nur: „Wie ich schon sagte – MEIN kleiner Trottel.“
      „Du meintest das ernst...“ staunte Finley und Sally wurde rot: „Du bist eben... Du. Du bist nett, geduldig und so ruhig... Und irgendwie...“
      Finley beobachtete Sally – sie wirkte tatsächlich ein wenig asiatisch – wie frisch aus einem japanischen Gangsterfilm. Faszinierend. Sie sah seitlich an ihm vorbei: „Du wirst nie sauer und hast für alles Verständnis – irgendwie...bist Du das komplette Gegenteil von... mir.“
      „Du wirst - soweit ich weiß – auch nie sauer.“ lächelte Finley unbeholfen und fügte hinzu: „Aber ich habe bemerkt, daß es schlimm wird, wenn Du lange Zeit nichts sagst.“
      Sally schnaubte: „Ich war ziemlich lang allein. Da spart man sich Kommentare gegenüber Ziegelhirnen. Man gibt ihnen immer besser mal´n paar mit, damit sie wissen, wo ihr Platz ist.“
      Finley lachte leise: „Das ist etwas, was ich an Dir sehr mag – Du hast so einen – kann ich `Kriegerstolz´ sagen? Ich finde, der steht Dir ausgezeichnet...“
      Sally sah ihn wieder mit ihrer undeutbaren `Westernhelden-Mine´ an. Finley wusste, daß sie graugrüne Augen hatte – manchmal sah man sie – aber zumeist sah man wegen ihren dichten Wimpern nur in etwa, wohin sie gerade guckte. Sie legte ihren Mantel ab – und hockte dann in ihrem dunklen Batikshirt und der alten dunkelgrauen Stretch neben ihm auf dem Bett. Und sah ihn wieder an. Dann flüsterte sie lächelnd: „Du... machst es Dir echt selber schwer, mir vertrauen zu können, hähä...“
      „Wie meinst Du das denn?“ fragte Finley irritiert – und als Antwort rieb Sally´s katzenartig flache, rauhe Zunge genüsslich raspelnd über sein Kinn und seine Nase - und so zeigte sie Finley mit mindestens eben so viel Genuss, was er schon von Jessica her kannte. Mit dem Unterschied, daß Sally – falls überhaupt möglich – noch mehr... `Raum ´ zur Verfügung hatte – und alles eine Nuance dunkler war. Dann grinste sie ihn mit laut zuklackenden Kiefern an: „Was ich meine ist, Du bist irgendwie... lecker. Das könnte sich als kontraproduktiv herausstellen, hähähä...“
      Sie stieß ihn zurück auf sein Kopfkissen - und setzte sich einfach rittlings auf seine Brust: „Aber ich bin... dickköpfig. Dein Glück. Einmal mein Trottel, bleibt es dabei. Du bist außerdem viel zu knuddelig, um Dich zu verkümmeln...“
      „Najaaa...“ meinte Finley überrumpelt und bewunderte Sally´s drahtige, schmale Eleganz: „Kann man `lecker´ genauer definieren?“
      „Nö.“ kam es kurz und bündig zurück: „Ist eben so. Wir können gut Gerüche und Geschmäcker wahrnehmen. Deshalb sind Leute mit tonnenweise Parfum auch so schlimm – oder stark gewürztes Essen. Und Leute, die viel Knoblauch fressen – denen könnte ich geradewegs ins Gesicht reihern.“
      „Okay...“ nickte Finley – und seine linke, flache Hand klopfte sanft auf Sally´s Bauch, was sie zum Kichern brachte und Finley feststellen ließ: „Hm... klingt leer. Ich denke, ich kann Dir also vertrauen...“
      „Klar kannst Du das!“ lache Sally vergnügt: „Hab´ Dir ja gezeigt, daß da nix drin ist, hehe...“



      „Natürlich bleibt sie hier – wenn sie will.“ gab Messinah zurück, während Ivy sich das Untersuchungsdossier von Donna Diana genau ansah. Die rothaarige Frau fuhr fort: „Sie wäre – rein rechnerisch – alt genug, um hingehen zu können, wo immer sie hin will. Euer Verein hat sie ja effektiv verstoßen.“
      „Sie ist kein Engel. Das steht nun schwarz auf weiß hier drin – sie ist eine Nospheratin! Mit einigen Ereboiden- und Lycanthropenmerkmalen. Und sie hat schwarze Flügel!“ verteidigte Ivy die Aktion von Großmeister Gabriel. Donna Diana saß mit all den anderen in der Bibliothek und hörte alledem genau zu – sagte aber nichts. Stattdessen aber sagte Finley etwas: „Und da wunderst Du Dich, daß sie hierbleiben will?“
      „Wieso sagst Du das?“ sah Ivy ihn an. Und Finley sah zurück: „Gesetzt mal den Fall, alle Engel wären wie sie – und DU wärst dann der `Einzelfall´. Wie würdest Du Dich nach einem solchen `Willkommen´ fühlen?“
      „Das ist nicht der Punkt.“ gab Ivy zurück – und Finley meinte: „Im Gegenteil – dies ist der größte Punkt von allen! Ihr tut gerade so, als ob Donna Diana sich hätte aussuchen können, so zu sein! Ich dachte immer, Engel würden für Toleranz und Verständnis, Gnade und Liebe stehen? Oder habe ich mich da geirrt?“
      „Du hast die Schriften nicht gesehen – Du weißt nicht mal, was sie einst tat!“ fuhr Ivy herum.



      Finley stand auf: „Nochmal – wenn DU von 44 Lebensjahren 27 in einem Keller gefoltert und misshandelt worden und mit irgendwelchen Hexengebräuen behandelt worden wärst, ohne eine Ahnung, was dies alles mit Dir anstellt – was hättest DU an ihrer Stelle getan? Auch noch die andere Wange hingehalten?“
      Finley sah all die anderen in der Bibliothek an – unter Anderem auch Henriksen, Cyrene und einige Notare der Kirche: „Seht euch doch mal alle an – jeder von uns sieht anders aus und wenn möglich betont er das auch noch. Weil wir alle INDIVIDUEN sind. Und kaum ist da jemand, der wirklich anders ist als alle anderen – wird er ausgegrenzt? Das ist beinahe faschistoid!“
      Messinah sagte nichts. Sie lehnte an der Wand – und lächelte stillvergnügt vor sich hin. Elaine stand neben ihr und nickte bedächtig. In der Tat – Finley stellte alles und jeden in Frage. Wie absolut berauschend...
      „Und wo wir schon mal dabei sind – Donna Diana ist meines Wissens nach genau so aufgetaucht wir ihr anderen Engel auch. Also hat dieses bisher noch unidentifzierte Etwas, was für eure Existenz gesorgt hat, es für eine gute Idee gehalten, Donna Diana dieselbe Gelegenheit zu geben. Kann es also sein, daß euer Großmeister...“ musterte Finley die blonde Frau: „...die Entscheidung dieses Etwas gerade in Frage stellt? Heißt es nicht, die Wege des Herrn seien unergründlich?“
      „Blasphemie!“ flüsterte der anglikanische Notar empört und sein Kollege schrieb alles mit. Dann aber sah der Mann in einem der Bücher nach, das er bei sich hatte und räusperte sich: „Nun, das ist in der Tat eine gewagte Fragestellung.“
      Alle sahen sich zu dem älteren Herrn um, der mit dem Buch zu einem Lesepult ging: „Ein Engel mit schwarzen Flügeln ist in Großbritannien noch nie aufgetaucht – woanders aber schon. Wir hatten einen Fall in Russland, in Lateinamerika und in Indochina. Sie sind selten.“



      Er schlug eine andere Seite auf: „Wir kennen Schutzengel wie Daniel einer ist, Kriegsengel wie Ivy, Gnadenengel, Wächterengel wie Großmeister Gabriel und noch einige andere – aber dies dürfte der erste Racheengel sein, den wir zu Gesicht bekommen.“
      Messinah bekam große Augen: „Sieh an – wieder was gelernt! Racheengel... erstaunlich!“
      „Manchmal werden sie auch Richtengel, Rabenengel oder Todesengel genannt – zu alttestamentarischen Zeiten waren sie verbreiteter.“ nickte der Gelehrte. Und Sally flüsterte grinsend: „Cool! Ein echter Street Judge!“
      Der Mann wandte sich an Donna Diana: „Mein Kind – Du bist hier für den Fall, daß Gottes Gnade eines Tages nicht mehr ausreicht. Gewisse Zeichen deuten bedauerlicherweise darauf hin, daß dieser Tag nicht mehr allzu fern ist. Du bist ein Werkzeug seines Zorns. Aber leider wissen nur die wenigsten Menschen Dein Opfer zu würdigen – was oft darin resultiert, daß sie Dich meiden werden.“
      Dann sah er zu Messinah und ihrem bunten Haufen: „Aber offenbar hast Du wirklich Glück hier zu sein – diese... `jungen Wilden´ sind ganz offenbar der richtige Umgang für Dich. Und noch für einige andere Leute hier...“
      Und während Ivy rot wurde, Elaine inzwischen mit Sally um die Wette grinste und Lynn ein kleines Victory-Zeichen hinter Henriksen machte, wandte sich der klerikale Würdenträger direkt an Donna Diana: „Du also bist tatsächlich ein Engel – wenn auch ein außergewöhnlicher. Du kannst nichts dafür, was aus Dir wurde – aber Du kannst das Beste daraus machen.“
      Donna Diana sah ihn ganz erstaunt an – und Jessica staunte: „Woah – Sie sind aber echt cool!“
      „Das wird auch nötig sein – denn nun muss ich mich um einige katholische Abgesandte kümmern, die wissen wollen, warum ein katholischer Engel mit diversen Geheimnissen aus der Inquisitionszeit ausgerechnet hier aufgetaucht ist...“ lächelte der Mann müde – und alle zeigten auf Finley: „Wegen ihm hier.“
      „Ah – des `Teufel´s Advokat´, sieh an...“ lächelte der Mann – und Finley wurde rot.
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