Opus Monthly

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    • Übel!



      ...staunte Lynn über den imposanten, dunkelblauen Daimler, hinter dem Henriksen mit seinem Vauxhall herfuhr, als sie auf dem Weg zum Präsidium waren. Das lebhafte Ereboidenmädchen saß auf dem Beifahrersitz und war sichtlich beeindruckt von den eleganten Linien der Limousine mit dem berühmten Hooper-Heck: „Haben die im Lotto gewonnen – oder die Queen beklaut?“
      „Harhar... nee, die Karre gehört Lady Messinah Pendragon – sie leitet das Waisenhaus für Nightsider und ist in der Regierung für PSI-Angelegenheiten zuständig.“ antwortete Henriksen und Lynn sah ihn ihn an: „Nie von gehört...“
      „Ist eine von diesen Personen, denen irgendwie immer alles gelingt – und es sieht bei diesen Leuten immer voll simpel aus, und man steht daneben dann erst recht da wie´n kompletter Kretin.“ grummelte der Lycanthrop in sein Lenkrad hinein und Lynn beobachtete ihn kichernd: „Habe immer noch nix von ihr gehört, hihi...“
      „Ist so´n hurenreicher, rothaariger Satansbraten – bin froh, daß sie auf unserer Seite ist und nicht bei den Russen.“ erklärte Henriksen weiter: „Hochintelligent, exzentrisch und sieht schweinegeil aus. Ein absolut krasses Teil!“
      „Das Auto?“ wunderte sich Lynn und Henriksen fuhr auf: „Ach was – die Alte!“
      Lynn zuckte zusammen, während er weiterwetterte: „Und `nen Knall hat sie auch... also, irgendwie. Ich glaube, wenn man zuviel weiß, passiert das automatisch. Da weißte ja gar nicht, was Du zuerst tun sollst!“
      Lynn beobachtete den vor sich hingrummelnden Polizisten und runzelte die Stirn: „Kann es sein, daß Sie nicht genau wissen, was Sie von ihr halten sollen?“



      „Das kannste aber annehmen! Es ist mein Job einschätzen zu können, mit wem ich es zu tun habe – und normalerweise klappt das auch ganz gut – aber diese Frau... ist wie ein Buch auf Sanskrit – im Spiegel. Und Du kannst zusehen, wie sich die Buchstaben ändern, während Du dabeistehst! Das ist... irritierend!“ erwiderte Henriksen – und Lynn sah ihn interessiert an: „Okay – was also... halten Sie von mir?“
      Verblüfft sah Henriksen das Mädchen an: „Was?!“
      Lynn lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sah ihn erwartungsvoll an: „Na, Sie sagten doch, Sie könnten die Leute gut einschätzen – dann... schätzen Sie mal! Bin schon gespannt!“
      `Diese kleine...´ dachte sich Henriksen – und konzentrierte sich besser wieder auf den Verkehr. Dann grinste er: „Für `nen Succubus bist Du erfrischend geradeheraus. Normalerweise sind sie sehr... diplomatisch – ich denke, so kann man es nennen. Du aber sagst, was Du denkst. Das mag ich. Solche Leute respektiere ich. Und dabei ist Dir auch völlig egal, daß Du so´n Bodenturner bist. Du hast also auch noch Mut.“
      An einer Ampel standen sie eine Weile und Henriksen musterte Lynn: „Und Du verstehst es, durch stylische Klamotten das Maximum aus Deinem Typ zu machen – zudem hast Du recht: Es ist völlig gleichgültig, wie man rumrennt – man hat ein Anrecht darauf, unbehelligt von A nach B zu kommen.“
      Sie fuhren weiter und Henriksen grinste breit: „ Und Du hast Elaine die Meinung gegeigt wie niemals jemand zuvor – die meisten machen sich vor ihr ins Hemd. Und wahrscheinlich auch zu Recht – keine Ahnung, wie alt diese Frau ist – aber sie ist wirklich steinalt. Sie hatte mehrere Menschenleben Zeit, die Kunst des Krieges zu lernen. Und ich glaube, das können selbst die stunpfesten Idioten merken. Denn wenn Elaine eine Waffe benutzt, ist das nicht einfach nur eine temporäre Anwendung – es ist eine formvollendete, absolut tödliche Kunst. Weshalb sie auch tatsächlich in Ruhe gelassen wird, das hast Du schon richtig bemerkt.“
      Er sah Lynn kurz an: „Zurück zu Dir – Du hast eine gesunde Einstellung dazu, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte, die für sich selbst proklamiert zivilisiert zu sein. Wie oft ich in Vergewaltigungsfällen schon den dämlichen Satz `Ich bin auch nur ein Mann!´ gehört habe, meine Fresse...“
      Frustriert fuhr Henriksen weiter: „Wie so eine Möchtegern-Entschuldigung! Die Super-Machotypen, die sonst pausenlos den Breiten markieren, hauen dann sowas raus und hoffen, daß sie sich als `Opfer ihrer Hormone´ hinstellen und damit Verständnis heischen können – da krieg´ ich regelmäßig `nen Kropf.“
      Lynn hörte ihm zu – musste schwer sein als Polizist in so einer Stadt...
      „Das sind keine Männer!“ fuhr er auf: „Das sind wirklich nur ganz winzige, schäbige Asseln! Sieh mich an: Angeblich sind Lycanthropen wild und unbeherrscht – mache ich so einen Mist? NEIN – mache ich nicht! Und WARUM mache ich sowas nicht? Das werde ich Dir verraten – weil ein RICHTIGER Mann sich stets unter Kontrolle hat! Echte Kerle heute sollten echt wie Gralsritter sein – ohne Rüstung, aber... ach, verdammt – Du weißt schon, was ich meine!“
      „So, wie Sie!“ schlussfolgerte Lynn lächelnd und Henriksen nickte: „Ganz genau! Deshalb bin ich bei der Polizei – sieh mich an – wenn man so aussieht wie ich, dann ist man kein herumkuschender Bürofraggle, oder schwafelnder Versicherungstypie. Wenn man kann, was ich kann – hat man auch die Verpflichtung, diese Fähigkeiten für etwas Sinnvolles einzusetzen – wie das Gemeinwohl zum Beispiel!“
      „Das ist mein Problem – so, wie ich aussehe... ist es schwer, als Heiler einen Job zu finden – viele trauen den Ereboiden einfach nicht. Dabei bin ich echt gut.“ murmelte Lynn – und Henriksen musterte sie: „Du bist arbeitslos, hm? Bist also bei der Common Welfare und wohnst sicherlich in so einer winzigen 15m²-Quetsche?“
      „Sie sind echt gut.“ musste Lynn leise zugeben. Henriksen zündete sich an einer weiteren Ampel seine Pfeife an: „Ha – ich sehe schon... Du bist mit Dir nicht ganz zufrieden, lass´ mich Dir was sagen: Du bist okay – genau so, wie Du bist. Such´ Dir kein Vorbild, dem Du vergeblich nacheifern würdest – steh´ zu Dir! Hätte ich so eine Tochter wie Dich – ich wär´stolz wie Sau!“
      Lynn sah Henriksen an wie ein besonders gelungenes Denkmal: „Irgendwie sind Sie wirklich total krass!“
      „Selber krass. Hättest allen möglichen Mist machen können – easy was, wo Du echt Knete schieben könntest. Und was ist? Du bist eine Heilerin geworden – jemand, der anderen Leuten tatsächlich mal HELFEN kann und will – jemand, der unbesorgt morgens in den Spiegel sehen kann und keinen totalen Drecksack vor sich hatt. Echt – Du bist wirklich klasse.“ paffte Henriksen und fuhr weiter. Lynn schüttelte ungläubig den Kopf: „Wenn alle Leute so denken würden wie Sie, hätte ich einen Job!“
      „Harr! Wenn alle so denken würden wie ich , hätte ICH keinen Job!“ lachte Henriksen amüsiert und meinte dann: „Und wegen einem Job – ich hab´ da schon eine Idee...“



      „Zum ersten Mal bin ich echt froh, daß Lady Pendragon ihr spezielles Waisenhaus ins Leben gerufen hat! Gute Arbeit, ihr alle! Schmutzfuß Nummer eins - eingesackt!“ erklärte Henriksen, als sie alle in seinem Büro waren – sogar Ivy war da, die gemütlich an der Tür lehnte und feststellen musste, daß sie mit Sally wohl eine Art `Fan´ hat. Denn die lehnte in einer vergleichbaren Art und Weise neben ihr.
      „Zurück zum Thema – nach allem, was in euren Aussagen steht, gibt es keinerlei Widersprüche – das ist gut.“ sah Henriksen die Papiere durch – und sah dann zu Lynn: „Was besagt, daß Du höchstwahrscheinlich der spontanen paranormalen Brandstiftung in Notwehr angeklagt werden wirst. Und wahrscheinlich werden sie da dann alle rumspringen und sich nicht mehr einkriegen.“
      Lynn sah nicht gerade begeistert aus. Der Lycanthrop aber legte den Papierkram zur Seite und sah den kleinen Succubus genau an: “Okay – hier also haben wir ein 27 Jahre altes Mädchen, das...“
      „Echt jetzt? Sooo alt ist die?!“ staunte Jessica und Sally hob überrascht eine Braue: `Dieser Winzling ist bald dreißig? Oh, Mann...´
      „Und? Bin ich eben klein!“ schmollte Lynn und Henriksen räusperte sich: „... das dann nicht nur vorbestraft wäre, sondern auch noch in den Bunker wandern würde. Der Gesetzgeber reagiert sehr nickelig bei Brandstiftung, weil Feuer äußerst unberechenbar ist. Aber dann gibt es da ja noch EUCH.“
      Er sah den bunten Verein um Elaine wieder genau an: „Aufgrund von akutem Personalmangel ordne ich hiermit an, daß besagte Lynn Swanheart, ausgebildete Heilerin und plastische Formerin zum Underrcoverteam überstellt wird – sämtliche Dokumentationen und Zeugenaussagen zu diesem Vorfall werden somit eingezogen und werden erst wieder gesichtet werden können, wenn die zu erwartende Höchststrafe verjährt ist. Muss ja zu was gut sein, daß der Innenminister sagt, egal, was ich mache – er deckt es.“
      „Interessant.“ bemerkte Elaine – und sah Sally und Jessica an: „Dann macht in eurem Zimmer schon mal Platz für eine neue Kameradin.“


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    • Lycanthropie



      ...hat nichts mit Wölfen zu tun. Wir gehen heute davon aus, daß die `Reinform´ eines Lycanthropen eine psychoreaktive Neukonfiguration darstellt – eine willentlich hervorgerufene Mutation.“ erklärte Lady Messinah Pendragon an der Tafel. Sie drehte sich von der Tafel weg und sah ihre Schüler an: „Was bedeutet, daß sie Wölfen nur ähnlich sehen, ohne wirklich etwas mit ihnen zu tun zu haben. Ähnlichkeiten dieser Art könnte man wie auch die in der Biologie bekannten Beispiele als Konvergenz bezeichnen.“
      Eigentlich brauchte Lynn nicht hier zu sein – ihre Schulzeit war ja nun schon lange rum – aber in einer kleinen Übereinkunft mit ihren neuen Kameraden und der in ihren Augen oberlässigen `Heimleiterin´... haben sie aus der Altersangabe von 27 Jahren mal flugs eine 17 gemacht. Und alleine rumhängen, während ihre Clique im Unterricht ablähmt, wäre auch öde.
      So kann´s gehen.
      Der einzige, vom dem bekannt war, daß er eigentlich schon antik war, war Elaine´s Bruder Shannon. Der kam auf gute 550 Jahre. Die Langlebigkeit von PSI-Begabten und Artverwandten hatte in der Vergangenheit schon für groteske Zustände gesorgt – so waren Elaine´s und Sally´s Vorfahren oftmals die Gejagten gewesen, um für Alchemisten als Versuchskaninchen zu dienen, um Unsterblichkeitselixiere oder Ähnliches zu brauen. Ereboiden wurden nicht gejagt - man hatte aufgrund der hartnäckigen Gerüchte über Seelenmord nicht die Absicht, es sich mit ihnen zu verscherzen – die waren mit ihrer weit verbreiteten Pyrokinese im Kampf auch wirklich fürchterlich und wer will, wenn was schiefläuft, schon Hörner haben? Und gefleckte Haut? Lycanthropen hatten in dieser Hinsicht auch die Nase vorn (wortwörtlich) – abgesehen davon, daß ihre Lebensspanne nur unwesentlich länger war als die der Menschen. Andererseits – die schmerzhafte Metamorphose zu einer haarigen Monstrosität wollte man auch nicht wirklich über sich ergehen lassen. Wie dem auch sei – in dieser Zeit gab es auf beiden Seiten viel Elend – Die Menschen wurden wegen einer in Finley´s Welt unvorstellbaren biologischen Anomalie hier tatsächlich gejagt und gerissen – und als diese so weit organisiert und bewaffnet waren, drehten sie den sprichwörtlichen Spieß um – und jagten nach der Unsterblichkeit. Das war das, was hier der `Hundertjährige Krieg´ war. Faszinierend. Das hier war eine Welt, in der es tatsächlich sehr unterschiedliche Hominiden gab – in Finley´s Welt gab es nur eine Art. Und selbst dort gab es regelmäßig Streit, Kampf und Mord.



      Der Homo Venatvm mit seinen Unterarten war natürlich selten. Was würde es bringen, wenn es von ihnen viele geben würde – die Nahrungsgrundlage wäre schnell verbraucht... Und so also nun, nach dem `Hundertjährigen Krieg´, begann die lange Zeit der allmählichen Annäherung. Denken und fühlen konnten alle Hominiden. Dies vereinte sie durchaus. Und dennoch... ewiggestrige (und teilweise sehr alte) Individuen vermissten offenbar manchmal die Zeit, als das `Wild´ noch intelligent war – ihnen fehlten die Herausforderungen. Weshalb diese Polizeitruppe, die P4 nun mit aller Gewalt aufgestockt werden sollte. Und wenn Lynn sich ihren kleinen Verein so ansah – sie konnte sich schon denken, weshalb Henriksen ausgerechnet sie dabeihaben wollte. Lynn hatte keinen Zweifel daran, daß Sally und Jessica durchaus in der Lage waren, äußerst unangenehm zu werden – ausgerechnet bei den drei Jungen war sie da nicht so von überzeugt – erst recht nicht bei Daniel, der...
      ...gerade Jessica davon abhielt, wütend aufzuspringen. Wahrscheinlich hat irgendein Idiot sie wieder geärgert, dachte sich Finley noch. Dann aber stand Daniel selber auf – ging zielstrebig zu einem anderen Jungen hin – und schallerte ihm so dermaßen eine, daß es wirklich laut in der Klasse zu hören war. Sogar Messinah war überrascht, als sie sich wieder zu ihrer Truppe umdrehte, Daniel höflich lächelnd zwischen den Bänken stehen sah – und der Junge neben ihm sich mit großen Augen die linke Backe hielt. Das alles holte auch Lynn schlagartig wieder aus ihrer Gedankenwelt zurück. Und Daniel meinte lächelnd zu dem Jungen: „Und wenn Du nun fragst, wofür das war – gibt’s gleich noch eine auf die andere Backe. Dann siehst Du nicht so asymmetrisch aus.“
      Dann stand er da – und sah sich um: „Sowas... Niemand da, der für DICH einsteht... Woran kann das nur liegen? Würde ich mal drüber nachdenken...“
      Danach ging er gelassen wieder zu seinem Platz zurück – und alle starrten den schwarzhaarigen Knirps erstaunt an. Jessica wusste gar nicht, was sie tun sollte – sie staunte nur. Und Sally lehnte sich zurück und grinste breit: „Hähähä... äußerst diplomatisch...“
      Lynn war sichtlich beeindruckt von dem kleinen, schmalen Kerl, der Jessica offenbar davor bewahrt hatte, selber tätig zu werden, was hätte... ausarten können. Shannon grinste: „Wusste gar nicht, daß Schutzengel sowas machen...“
      „Ich habe ihn ja nicht verletzt – ich hab´ ihm nur eine gelangt. Es gibt Grenzen bei Scherzen, finde ich.“ entgegnete Daniel ruhig.
      Finley... dachte sich seinen Teil. In einer solchen Welt... ach, was sagte er – wie würden diese Leute sich bei ihm zu Hause wohl fühlen? Noch dazu – Wesen wie Nightsider... in einer gläsernen Informationswelt... da sah man ja förmlich schon die Drohnen kommen – und die Versuchslabore zu Hochtouren auflaufen...
      Ungerührt fuhr Messinah fort: „Es hat sich gezeigt, daß Umwelteinflüsse oftmals einen großen Einfluss auf psychoreaktive DNA haben...“
      Finley kannte Sellafield. Bei sich zu Hause war es ein riesiger Nuklearkomplex mit einer beunruhigend holprigen Vergangenheit – und hier schien es nicht anders zu sein. Jessica kam aus einem Dorf in der Nähe – und dank der dortigen Hintergrundstrahlung in ihrer Jugend war sie unfähig eine vollwertige Lycanthropin zu werden. So, wie es aussah, hatte sie damit aber kein Problem – andere Strahlungsopfer hatten ja nun oftmals nicht mal mehr Zeit, um herauszufinden, daß sie Probleme hatten...



      „Wo... kommen Engel eigentlich her?“ fragte Lynn ihre Lehrerin nach dem Unterricht – sich sehr wohl der Skurrilität der Situation bewusst, wenn ein Succubus sich für Engel interessiert. Die hochintelligente rothaarige Frau aber sparte sich eventuelle dumme Kommentare. Sie sah von ihren Unterlagen auf und entgegnete: „Keine Ahnung – das weiß mit Sicherheit... niemand.“
      Dann aber stand sie auf – und lächelte: „Du fragst Dich, warum wir uns nie mit den Celestialen beschäftigen? Und warum Daniel noch ein Teenager ist? Sozusagen der jüngste uns bekannte Engel?“
      Lynn nickte – und ein... geradezu dämonisches Lächeln breitete sich auf Messinah´s Gesicht aus: „Ich kann Dir nur eine Theorie anbieten – mehr nicht. Interesse?“
      Erneutes Nicken. Messinah setzte sich zu Lynn und fing an zu erzählen: „Seit wir denken können, haben wir gewisse Ängste – und Hoffnungen. Und diese Welt ist durchsetzt mit psychoreaktiven Materialien und Wesen. Im Prinzip sind alle Menschen latent PSI-aktiv – die meisten allerdings in wirklich nur minimalem Maße. Früher, als wir uns Vieles noch nicht erklären konnten, war nicht Wissenschaft die erste Wahl auf der Suche nach Antworten – sondern die Religion.“
      „Okay – und dann?“ wollte Lynn wissen. Messinah sagte: „Nun, es ist messbar: Wenn viele Leute an das Gleiche denken, gestalten sie durch ihre ungenutzte PSI-Energie einen Kraftüberschuss. Und manchmal... manifestiert sich dieser in einem Wesen, das geeignet ist.“
      „Also...“ staunte Lynn und Messinah flüsterte: „Ja, das ist nur meine Theorie, okay? Ich denke, die Menschheit – nun, wo sie so zahlreich ist, hat sich Verbündete geschaffen – die ehrlichsten und zuverlässigsten Wesen, die allgemein bekannt sind.“
      „Werden die so geboren?“ staunte Lynn und Messinah schüttelte den Kopf: „Nein, ich gehe eher davon aus, daß sie so gestorben sind.“
      Lynn stutzte und sah Messinah mit ihren großen katzenartigen Augen an. Die Magisterin erklärte: „Wirklich fast selbstlose Menschen sind selten – und es hat den Anschein, daß die Leute solche Personen äußerst ungerne verlieren – also geben sie ihnen unterbewusst mit ihrer überschüssigen PSI-Energie eine zweite Chance, wenn Du so willst... Einmal über´n Jordan scheint es, als manifestieren sie sich einfach an bestimmten Orten, an denen sich Energie sammelt – die werden dann zu Pilgerstätten, wo sich dann noch mehr Energie sammelt. Ivy zum Beispiel ist seit 1943 hier – und sieht noch genau so aus wie damals...“



      Das alte Foto, das Messinah dem Mädchen zeigte bewies, daß die beeindruckende Frau mit der eleganten Frisur sich tatsächlich nicht verändert hatte. Und daß allem, was sie tat tatsächlich etwas... irgendwie Ritterliches anhaftete. Dann musste Lynn überlegen... starrte auf das Foto und fragte sich in Gedanken: `Was hat Daniel wohl gemacht, daß er... so wurde?´
      „Keine Ahnung – aber er ist ein netter kleiner Kerl. Möglicherweise war er Opfer eines Verbrechens...“ sinnierte Messinah und Lynn starrte sie an. Die Magisterin fragte: „Stimmt was nicht?“
      „Sie haben meine GEDACHTE Frage beantwortet!“ staunte Lynn und Messinah lief rot an: „Ups – ja, das passiert mir manchmal. Da muss ich wohl noch ein wenig üben...“
      „Und ich offensichtlich auch.“ stellte Lynn sachlich fest. Henriksen hatte recht – irgendwas ist mit dieser Frau...


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    • Für Unterhaltung



      ...war auf jeden Fall gesorgt – das kleine, unternehmungslustige Succubus-Mädchen, das die Ärmel ihrer Jacken immer etwas aufgekrempelt trug, hatte schnell einen Ruf weg wie Donnerhall. So wie Sally wegen ihrer düsteren Schweigsamkeit und ihrer manchmal recht unheimlichen Art den Spitznamen `NightMary´ bekommen hatte, war der des kleinen Succubus `EviLynn´.
      Ja, Lynn ließ sich nichts gefallen – und sie ließ auch nichts durchgehen, was auf ihre neuen Kameraden abzielte. War die Beleidigung für Jessica zu groß oder der `Scherz´ zu grob und Jessica konnte nicht aktiv werden, ohne ein Gemetzel zu hinterlassen – und war der Urheber zu groß, um von Daniel gefahrlos zur Rechenschaft gezogen zu werden... war EviLynn an der Reihe.
      Und dann gab´s erst mal das Wort zum Sonntag – danach passte der jeweilige Übeltäter meistens aufrecht unter dem Türspalt durch – mit Abe-Lincoln-Zylinder noch dabei. War der Typ dann erst mal kräftig bedient, wurde wieder zur allgemeinen Tagesordnung übergegangen.
      Denn eigentlich war Lynn ein wirklich niedlicher kleiner Wonneproppen.
      In Sport war sie super und sie ging gerne mal mit den anderen in die Bibliothek um etwas nachzuschlagen, was eventuell nützlich war für die Nachhilfe. Lynn war jemand, der unbedingt vertrauenswürdig, zuverlässig und sehr sozialkompetent war. Und – was die anderen nach und nach feststellten: Man konnte mit ihr über wirklich alles reden. Lynn verstand sowieso nicht, was alle gegen Jessica hatten. Lynn war noch kleiner als Jessica – und sie fand das sehr athletische Mädchen einfach toll. Lynn mochte den knallharten Sixpackbauch von Jessica – ihr V-Kreuz und diese starken Arme. Und Jessica war stets gutgelaunt und sehr herzlich.
      Sally war noch größer als Jessica – und in ihrer insektenhaften Schlankheit sehr düster-elegant. Leise, selbstsicher und irgendwie... wie jemand, den man an seiner Seite wissen möchte, sollten Worte einmal nicht scharf genug sein. Lynn konnte mit ihren Zimmergenossinnen wirklich zufrieden sein. Daniel hingegen war ein Mysterium – er mochte erst einmal einfach alle, bis ihm manche einen Grund gaben dies nicht mehr zu tun. Doch Finley war irgendwie... fremdartig. Der kam ihr vor wie von einem anderen Stern. Noch hat ihr niemand gesagt, was es mit ihm auf sich hat, aber daß der nicht normal war, das sah man schon an seinen Augen.
      Shannon aber war toll. Er sah in ihren Augen sagenhaft aus, war sehr gebildet, ruhig und geduldig. Er war wunderbar schlank und langgliedrig. Lynn mochte Beine – und das, wo sie zumeist dran befestigt waren. Da merkte man, daß er Elaine´s Bruder war. Und sie fand es witzig, wie manche anderen Kerle ihn in der Klasse immer musterten, wenn sie glaubten, keiner beachtete sie...
      Nur seine Schwester schien großteils immer noch im Mittelalter festzuklemmen. Was immer sie Lynn auch vorwarf, war wohl eher so etwas wie rassistische Ressentiments.
      So auch an diesem Tag, als Elaine in die Bibliothek kam, wo Lynn in diversen Büchern stöberte.
      „Ich möchte nicht, daß Du mit meinem Bruder zusammen bist.“ sagte Elaine einfach – und Lynn sah sie an: „Ah, der `Falsche Hase´. Interessant...“
      „Hör auf, mir immer solche Namen zu geben.“ runzelte Elaine die Stirn. Und Lynn stand auf und ging zu ihr hin, um sie genau anzusehen: „Ich erzähl´ Dir jetzt mal was. Solange Du mich aus mir unbekannten Gründen wie eine Aussätzige behandelst, werde ich Dich genau so nennen, wie ich es für richtig halte. Damit wir uns da gleich mal verstehen.“
      „Du und Deine Art – ihr seid gefährlich.“ erwiderte Elaine ungerührt – und das kleine Mädchen stutzte ungläubig: „Sagt mir die Frau, die im Leute umlegen trainiert ist, seit sie laufen kann? Ist ja´n Ding...“
      „Ihr habt... Unaussprechliches getan.“ erwiderte die Nebelelfe – und Lynn musterte sie: „Aha – und wann?“
      „Ich war noch ein Kind...“ sagte Elaine leise: „Sie kamen nachts in ein Dorf... und haben gejagt – ihre Opfer machten sie... irgendwie kleiner. Und dann haben sie sie einfach verschluckt...“
      „Ist das... dieses Seelenmord-Ding?“ fragte Lynn ungläubig.
      „Wenn jemand stirbt – verschwindet irgendetwas aus ihm, das zwischen 8 und 23 Gramm zu wiegen scheint. Wir können das sehen. Sind diese sterbenden Wesen aber komplett von einer größeren Aura umgeben – entweicht... nichts. Es wird einfach... mit verdaut, so scheint es.“ flüsterte Elaine und Lynn bekam die Gänsehaut ihres Lebens. Dann schüttelte sie dieses unsagbar finstere Gefühl wieder ab und erwiderte: „Okay – das ist... ohne Worte. Aber fällt Dir was auf? Du musstest mir das erst mal erzählen – ich hatte davon keine Ahnung.“
      Lynn ging zu einem der Fenster und sah in die Nacht: „Wie sollte ich sowas auch wissen? Ich war damals nicht dabei. Noch dazu... ich kann keinen... kleiner machen.“
      Dann drehte Lynn sich wieder um: „Und was soll das jetzt alles? Nur wegen einiger durchgeknallter Freaks in grauer Vorzeit wird jetzt meine ganze Sippe gleich mal prophylaktisch unter Generalverdacht gestellt? Wie die katholische Kirche bis in die 60er jeden Juden als Christusmörder ansah? Das ist ja wohl superlächerlich!“
      Elaine stutzte: „Wie bitte?“
      „Ich werde nicht die Schuld auf mich laden lassen für etwas, mit dem ich NICHTS, aber auch GAR NICHTS zu tun habe. DAS will ich damit sagen. Meinst Du, ich habe mir von Vorneherein gewünscht, eine Ereboidin zu sein? Daß jeder mich ansieht wie eine verdammte Massenmörderin? Und diese Polizistin Cyrene? Die ist sehr sensibel! Wie soll DIE sich denn wohl die ganze Zeit fühlen? Wenn der auch jeder so kreuzdämlich kommt, wie Du mir hier gerade? Das ist nicht nur rassistisch – das ist verdammt egozentrisch und vor allem gefühllos!“ wetterte Lynn aufgebracht – und dann sah sie Elaine angewidert an: „Und dann immer dieser überhebliche Tonfall – ich weigere mich zukünftig strikt, mich von Dir in dieser Art und Weise anreden zu lassen. Ich verbitte mir jegliche Konversation, die in einem solch arroganten Ton begonnen wird. Habe ich das klar und deutlich zum Ausdruck bringen können?“
      Das Mädchen stellte die Bücher wieder ins Regal zurück und grummelte weiter: „Mit dem Alter kommt die Weisheit? Ah, ja? Warum merk´ ich davon nix? Die Geschichte ist voller unnötiger sadistischer Grausamkeiten – jeder hat jeden schon x-mal ermordet, gefoltert und verbrannt. Aber die Welt dreht sich weiter – komm´ Du erst mal im Hier und Heute klar!“
      Lynn nahm sich wutentbrannt ihre Jacke und war gerade auf dem Weg zur Tür raus – als sie sich noch mal umdrehte: „Oh, und wo wir gerade bei Alter sind – ich denke doch mal, dein Bruder ist nach einem dreimal in die Ecke verfluchten HALBEN JAHRTAUSEND sicherlich alt genug, für sich selber entscheiden zu können was er will – oder eventuell auch nicht.“
      Und Elaine stand wieder einfach so da – mit hängenden Ohren. Sie zuckte zusammen, als die schwere Tür zuknallte, als ob ihr gleich die Klinke einzeln entgegenfliegen würde.



      Als der kleine, aber geradezu vibrierend schlecht gelaunte Temperamentsbolzen über den Flur gerauscht war – sahen Shannon und Finley mal vorsichtig um die Ecke. Und Shannon pfiff leise: „Wow – das war also jetzt schon mal die Monster-Abfuhr No.:02...“
      „Ja – Deine Schwester scheint die sammeln zu wollen.“ bestätigte Finley lakonisch. Shannon ging um die Ecke und sah Lynn hinterher: „Also echt – wenn die mal stinkig ist, kann man sich aber warm anziehen...“
      „Was noch erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, daß Lynn mit dem, was sie sagt meistens auch noch recht hat.“ gab Finley zu. Irgendwie war das schon ziemlich beeindruckend – sozusagen eine Art `Instant-Lawyer-Ability´. Lynn war wirklich eine bemerkenswerte Person. Shannon aber sah zu Finley rüber: „Und Dir geht’s soweit gut?“
      „Warum soll´s mir nicht gut gehen?“ runzelte Finley die Stirn, als Shannon ihn interessiert musterte. Dann lächelte der Nebelelb und meinte: „Nunja – in Deiner Welt gibt’s sowas wie Succubi und PSI-Kräfte... und sowas alles nicht. Und nun bist Du da – und hast nun Augen wie wir – und ein Loch mehr im Kopf. Von dem ich allerdings vorher auch nichts wusste. Wie fühlt man sich da so?“
      „Naja, also – nun kann ich so Einiges deuten, was Elaine früher mal alles erlebt hat. Und ich kann Dir sagen, diese... `Seelenfresserei´... das zu erleben, darauf hätte ich gut und gerne verzichten können.“ erwiderte Finley und Shannon nickte verständnisvoll. Dann aber lachte er – und Finley sah ihn verwundert an: „Hab´ ich was Komisches gesagt?“
      „Keine Sorge – es ist nur sehr absurd...“ grinste Shannon, während sie in ihr Zimmer zurückgingen: „Der einzige Mensch, der uns versteht ist ein Mensch, der nicht mal von hier ist.“
      `Und ob ich euch so toll verstehe, bleibt erst mal abzuwarten.´ dachte Finley so bei sich.



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    • Jessica



      ...fand Lynn genau so klasse – endlich kam sie dem `Geheimnis der Geflügelten´ näher auf die Spur. Und Lynn... fand das toll. Es war ja nun kein besonderer Aufand, der neugierigen Lycanthropin auf ihrem Zimmer zu zeigen, daß sie eigentlich einen ganz normalen Rücken hatte.
      Natürlich hatte ihre Garderobe ein paar Überraschungen parat – ansonsten könnte das sogenannte `Morphen´ auf die Dauer wirklich ins Geld gehen. So hatten Lynn´s Blusen und T-Shirts ein wirklich großes Stück hinten frei – der Hals war umschlossen (aus nachvollziehbaren Gründen) und die Taille natürlich auch – aber der Rücken war frei. Jacken und dergleichen hatten bei Leuten, die in der Lage waren bei Bedarf auf ein Paar Flügel zurückgreifen zu können, hinten zwei Schlitze mit Klettverschlüssen oder Druckknöpfen. Was bei Wesen wie den Engeln und Ereboiden eine Notwendigkeit war, war vielerorts allerdings inzwischen zu einem Modegag avanciert – mit dem Effekt, daß diese Art Kleidung inzwischen in allen möglichen Ausführungen und Preisklassen zu haben war. Wogegen Lynn verständlicherweise nichts einzuwenden hatte.
      Die erstaunliche Verwandlung geschah auch lautlos – die Schwingen wuchsen einfach sagenhaft schnell – und konnten sowohl erstaunliche Spannweiten aufweisen, als auch verblüffende Muster.
      „Es kommt selten vor, daß man zwei Succubi findet, die annähernd identische Schwingen haben.“ erklärte Lynn nicht ohne Stolz, während Sally und Jessica die zwei auffälligen `Augenflecken´ bestaunten, die sich auf ihren Flughäuten präsentierten. Das alles gab Lynn etwas, das irgendwo zwischen Nachtfalter und... Flugsaurier anzusiedeln war.
      Wie bei diesen archaischen Flugwesen schien ihr zweites Paar `Arme´ über unwahrscheinlich lange und kräftige `kleine Finger´ zu verfügen, während die anderen Finger (und `Daumen´) ziemlich beeindruckende Krallen hatten, mit denen Lynn beispielsweise problemlos an einer Fassade klettern konnte, sollte dies nötig sein. Und Lynn konnte sich auch darin einwickeln – wie eine übergroße Fledermaus. Sally fand es interessant, mal aus der Nähe bestaunen zu können, wie das alles am Rücken `montiert´ war. Für sie sah es so aus, als würde Lynn einfach ein zweites Paar Schultern weiter hinten wachsen, die über den eigentlichen Schultern lagen. Wie das braunhäutige Mädchen mit dem massiven milchweißen Zopf jedoch all die Kraft zum Fliegen aufbrachte, war auch weiterhin ein Mysterium für die Nospheratin. Sally vermutete, daß auch hier irgendwelche PSI-Mysterien am Werk waren.
      Wofür sie von Messinah eine 1+ mit * bekommen hätte. Früher, als diese heute wohl etablierte Wissenschaft noch `Magie´ genannt wurde und die jeweiligen Anwender oftmals Hilfsmittel wie Kristallkugeln, Hexenkessel und ähnlich Abenteuerliches verwendet hatten, war man noch nicht so weit zu verstehen, daß dies alles eigentlich nicht nötig war. Denn damals war es durchaus nötig – denn die PSI-Fähigkeit wächst durchschnittlich bedingt durch die weiter voranschreitende Evolution der Hominiden. Früher also war man durchschnittlich noch nicht so begabt wie heute – und verwendete diese Hilfsmittel als – man könnte sagen `Konzentrationshilfe´. Mit genügend Übung hätte es oftmals wahrscheinlich auch ohne funktioniert – aber gerade im Fall von `Flügeln´ war es natürlich eher unwahrscheinlich, daß jemand jemals auf diese sehr plausibel erscheinenden Hilfsmittel verzichtet hätte.
      Und während Sally so in Gedanken versunken war, wurde Jessica nun ausgiebig von Lynn bestaunt – und kicherte, als Lynn mit ihren niedlich kleinen Händen ehrfürchtig ihre Muskeln befühlte: „Woah... das ist wirklich krass! Gib Dir diese Taille – und dann dieses Kreuz! Verschärft!“
      Lynn sah Jessica fasziniert an: „Trainierst Du?“
      Sally grinste breit: „Näh – außer Idioten verkloppen! Wenn Jessica sauer wird, hat sogar der Hulk verkackt! Ihr Wahlspruch: Wem Du´s heute kannst besorgen, den vermöbel´ nicht erst morgen!“
      Und Jessica wurde knallrot: „Ja – öhhm... daran arbeite ich noch. Ich werde schnell sauer – und eigentlich hab´ ich nicht die geringste Ahnung, wie stark genau ich eigentlich bin... So bin ich auch hier gelandet – auf Bewährung.“



      Und während Jessica an damals zurückdachte – grinste Sally weiter: „Yeah – sie hat´n paar rumrandalierende Chaoten durch `ne Ziegelwand gedroschen! Daher ist es gut, daß Daniel jetzt da ist. Er hat nämlich einen signifikant `de-eskalierenden´ Effekt auf sie – und er mag wirklich alles an und in ihr, hähä...“
      „Ist aber wirklich schwer, das zu dosieren. Du musst immer aufpassen, daß Du nicht aus Versehen was kaputtmachst – oder wen verletzt. Und ich steh dann immer total... ungeschickt da.“ meinte Jessica leise und Lynn dachte sich: `Deshalb also wird sie dauernd aufgezogen – so nach dem Motto stark wie Elch, aber dumm wie Brot...´
      Dann lächelte Lann verlegen: „Und wenn ich wütend bin, muss ich aufpassen, daß nicht die ganze Gegend abraucht – wir können uns also gegenseitig ein wenig trainieren!“
      „Ist mir aufgefallen.“ bestätigte Sally trocken. Und Lynn sah das düstere, schmale Mädchen an: „Und was ist mit Dir? Was hast Du verbockt?“



      „Ich hab´ mich selbst überholt.“ kam es zurück – und Lynn begriff nicht, was Sally meinte. Und Jessica erklärte es: „Wie alle Nospheraten ist Sally sehr schnell – und eines Nachts hat sie einem Typen aus Reflex mit so `nem Horror-Kung-Fu-Trick `nen Arm abgerissen, weil der ihr an die Brust gefasst hatte.“
      „Kann nicht behaupten, daß mir das leid getan hat – die Typen sollen mal lernen, sich zu beherrschen.“ grummelte Sally mit verschränkten Armen und Lynn musste wieder an Henriksen denken, was der über `echte Kerle´ gesagt hatte. Und so langsam begriff sie die Auswahlkriterien, weshalb sie alle hier waren – und nicht im Knast. Im Grunde... hatten sie nämlich alle recht. Wer aggressiv ist und sich Ärger sucht, muss sich nicht wundern, wenn er auch welchen findet. Und Lynn hatte es ja selber gesagt: Manchmal geraten sie eben an den Falschen.
      Sie lächelte: „Okay – so kann´s gehen! Habe mir schon die Poster hier angesehen – Du bist schon länger hier, ja?“
      „Könnte auch so eine Strichliste in die Wand ritzen wie die Typen im Bau.“ grinste Sally – meinte dann aber: „Ist aber okay hier. Besser, als auf der Straße. Und Messinah hat echt was auf´m Kasten.“
      Sally betrachtete die Poster: „Yeah – ich mag solche Filme, wo die Drecksäcke mal richtig was auf den Zylinder bekommen. Kosugi und Norris rocken total! Waren wohl meine Vorbilder, irgendwie... Daher bin ich ziemlich gut in Martial Arts – und wenn man dann noch so schnell ist... Oh – Idee: ich zeig´ euch mal was...“
      Nachdem Sally sich ihren Mantel und ihr Shirasaya gegriffen hatte, gingen sie runter – in den Garten hinter dem Haus. Dann standen Lynn und Jessica etwas abseits, während Sally zu einer großen, alten Holzkiste ging, die seit dem Umzug von Lady Pendragon hierher nicht mehr gebraucht wurde: „Wollte eigentlich immer so `ne Art – was weiß ich... `Super-Antiheld´ sein oder sowas. Dirty-Harry-Power! Und wenn ich konnte, hab ich immer trainiert wie eine Bekloppte – das war befreiend und ich konnte mich austoben. Dann hab´ ich diesen Trick gelernt – Battojutsu*.“
      „Sagt mir nichts.“ gestand Lynn, während Jessica eine Gänsehaut bekam. Irgendwie... wurde es dunkler. Und Sally stand da, vor der Kiste – mit ihrem Mantel fast wie ein Typ vor der Schießerei in Tombstone. Und dann wurde es surreal – irgendwas schien in einer unmessbar kurzen Zeitspanne Mondlicht zu reflektieren – und Sally´s Mantel blähte sich mit seinem weiten Saum auf, von einem sehr kühlen, unwirklich kräftigen Windstoß erfasst. Sally aber stand da – so reglos wie zuvor – mit dem Schwert an ihrer Seite. Und die schwere Holzkiste zerfiel... in lauter kleine Stücke. Lynn und Jessica brauchten einen Moment, um zu begreifen, was sie gerade NICHT gesehen hatten: Offenbar hatte Sally die Klinge gezogen – die Kiste damit mehrere Male fein säuberlich kleingewürfelt – und das Schwert tatsächlich auch noch zurückgesteckt, bevor auch nur einer von den beiden was davon hätte mitbekommen können. Sally stand weiterhin da – und meinte: „Messinah nennt das den `Zeittaschen-Trick´. Pistolen und Revolver sind zu langsam - ich bin schneller als ihre Mechanik. Aber Schwerter sind okay - keine beweglichen Teile. Nur ich - und die Klinge."
      Dann drehte Sally sich um: "Ich habe dann was herausgefunden: Je dunkler es ist, desto schneller werde ich. Und inzwischen kann ich es sogar dunkler werden lassen.“
      Das musste erst mal sacken. Soweit Jessica und Lynn es wussten, hatten sie noch nie eine derart mächtige Demonstration übersinnlicher Fähigkeiten gesehen. Eine Kombination von gleich drei Künsten. Und Sally war nach nospheratischen Maßstäben noch sehr jung.
      Oben im zweiten Stock ging leise ein Fenster zu. Elaine war beeindruckt. Dieses schweigsame Mädchen arbeitete offenbar hart an sich. Wer weiß, was sie zukünftig noch zu Wege bringen würde...

      *Battojutsu: Eine Duellanten-Technik im japanischen Schwertkampf. Der Ziehschlag - man zieht, trifft im optimalsten Fall den Gegner, bevor der einen trifft - und steckt die Klinge wieder weg.



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    • Die Sagrada Familia



      ...in Barcelona war neben London und Rom einer der bekanntesten Engelshorte Europas. Die beeindruckende Kathedrale, erdacht und erbaut von Antoni Gaudi, hatte in ihrer quasirunden, Basilikenartigen Grundstruktur nicht nur Platz für unzählige enorm riesige Türme, Wasserspeier und Erker – sondern war zudem auf einem Grundstück errichtet worden, das es wortwörtlich `in sich´ hatte.Vor Urzeiten, als die Inquisition sich langsam zu ihrer ganzen düster-barocken Pracht entfaltete, stand hier ein sogenannter `Magisterturm´. Und der hatte einen ziemlich tiefen Keller.
      Im frühen 15. Jahrhundert traf sich hier oft ein Magisterzirkel, um über die Unsterblichkeit zu sinnen – und über die Fähigkeiten, die man benötigte, um diese auch angemessen verteidigen zu können.
      Der Deal war einfach: Hohe Würdenträger und Adlige wollten von dem erhofften Endergebnis profitieren – und die Magister sollten zur Abwechselung mal nicht verhört, gefoltert und verbrannt werden. Klang an damaligen Gepflogenheiten gemessen nach einer echten Win-Win-Situation.
      Da gab es nur ein Problem...
      Das Endergebnis war damit nicht einverstanden. Denn dieses Endergebnis mit Namen Donna Diana... war nicht gewillt, weiter an sich herumbohren, extrahieren oder sonstwas mit sich machen zu lassen. Die `Tiefenhexe´ hauste also von nun an in der Finsternis unter dem Magisterkonvent. Die psychoreaktiven Versiegelungen und die schweren Lemanthantore zu den Katakomben konnten sie nur gerade so da unten festsetzen. Und immer, wenn die frustrierten Mitglieder dieser Verschwörung wieder mal Soldaten oder Söldner dort hinunterschickten, um dieser verfahrenen Situation Herr zu werden...
      ...kam niemand mehr zurück.
      Schließlich musste man das `Experiment´ als gescheitert einstufen – und die Katakomben wurden zugemauert. Dennoch... nach beinahe 550 Jahren machte sich eine Expedition auf, um dort unten zu erforschen, was vor so langer Zeit eingemauert worden war. Ohne Luft und Nahrung sollte da unten ja nun keine Gefahr mehr lauern, nicht wahr? Dabei allerdings hatte man etwas zu berücksichtigen vergessen, das man erst letztens herausgefunden hatte...
      Nur die eigene Phantasie beschränkt einen in der Nutzung der paranormalen Fähigkeiten. Und es stellte sich heraus, daß Donna Diana wirklich sehr viel Phantasie hatte. Neben einem völlig verwüsteten und unter einer dicken, eigenartig `rostig´ wirkenden Kruste steckenden Labor und teilweise mit den Steinwänden verwachsenen, entsetzlich verformten und entstellten Skeletten in spanischen Rüstungen, die wie Wachs verlaufen zu sein schienen, fand man weitere menschliche Überreste, wie man sie von typischen Beutefällen kannte – der Verbiss an den Knochen war eindeutig. Was man nicht erwartet hatte, war inmitten von all dem Chaos einen riesigen, massiven Sarkophag vorzufinden.
      Es stellte sich nach eingehenden Untersuchungen Folgendes heraus – dieser Sarkophag war aus reinstem Lemanthan – dem Metall, aus dem ursprünglich die versiegelten Tore der Katakomben bestanden. Es konnten auch nach eingehenden Untersuchungen keinerlei Bearbeitungsspuren auf dem Metall gefunden werden. Keine Schmiede- oder Gußspuren, keine Schleif- oder Polierriefen... nichts.
      Der Sarkophag war einfach nur... da.
      Und es stellte sich heraus, daß diese eigenartige Kruste im Labor wohl offenbar mal... Blut war. Unmengen davon. Das war ebenso bemerkenswert, wie die Tatsache, daß dieses gesamte Gewölbe steril zu sein schien. Es gab in weitem Umkreis nicht mal im Gestein selber mikrobielles Leben. Dies alles hätte man genau so gut auf dem Mond finden können. Irgendetwas hat alles Leben aus diesen Gängen getilgt. Und man ging schwer davon aus, daß dieses Etwas in dem monolithischen Sarkophag zu finden war. Der noch dazu aus einem Guss zu bestehen schien. Öffnen ließ er sich nicht. Nicht auf herkömmlichem Wege. Dieses 9-Tonnen-Ungetüm nur ans Licht zu holen, war allein schon ein Unterfangen von nicht unerheblichem Umfang. Und das alles möglichst geheim zu halten, war ebenfalls ein Unternehmen für sich.



      In den Schriftsammlungen der Kirche fand man schließlich nähere Unterlagen, wen oder was genau man da allem Anschein nach vor sich hatte. Diana Selena Escorial war ein normales Mädchen gewesen. Man hatte es offenbar einfach von der Straße weg entführt, wie es damals offenbar oft der Fall gewesen war. Sie war siebzehn, als sie verschwand. Nicht sehr gebildet, aber offenbar ziemlich intelligent.
      Von allen Probanden, die mit unterschiedlichsten Extrakten und Elixieren `behandelt´ worden waren, war sie die Robusteste. Diana mutierte nicht, wie viele andere. Sie wurde auch nicht (offensichtlich) wahnsinnig, wie noch andere. Sie `wurde´ offenbar genau nach Plan. Und darüber hinaus. Das Endergebnis wurde dann als `Chrysalide´ beschrieben.
      Die verwendeten Flüssigkeiten wurden von Nospheraten, Ereboiden, Lycanthropen und sogar Elben gewonnen. Durch die Behandlung der Magister hatte man sich erhofft, die jeweils besten `Fähigkeiten´ herauskristallisiert zu haben. Und allem Anschein nach hatte dies auch funktioniert. Die einzig unberechenbare Konstante war Diana selber – und wie all diese Ingredienzien in ihr miteinander interagierten. Und offenbar gingen ihre Wut über ein geraubtes Leben und die Möglichkeiten in ihrem Geist eine unheilige Allianz mit den Experimenten der Magister ein – das Ergebnis war Donna Diana – die `Schwarze Madonna´.
      Eine Ungeheuerlichkeit mit einem nie dagewesenen Metabolismus. Ein Anathema, das mit aller Gewalt totgeschwiegen werden musste. Etwas, das nicht zu beherrschen und nicht zu töten war.
      Der Kurator der `Verbotenen Bibliothek´ des Vatikan begann sich Sorgen zu machen.
      Der allgemeine Konsens war, daß es bis dato noch nie einen erfolgreichen Versuch gegeben hat, irgendjemanden mit irgendwas zu behandeln, was ihm eine PSI-Fähigkeit verliehen hätte. Die CIA und der KGB hatten dies natürlich oftmals versucht – und es hat offiziell nie geklappt.
      Man hatte den Sarkophag also eingehend untersucht – ja, man hatte ihn sogar geröntgt und zu durchleuchten versucht. Und das Ergebnis war enttäuschend – man hätte genausogut einen Fels untersuchen können. Nun war er ein Kuriosum inmitten des Kirchenschiffs der Sagrada Familia – und nicht wenige beteten dort auch zu der Schwarzen Madonna.
      Das aber barg ein Problem – wie jeder, der sich mit PSI-Angelegenheiten auskannte, wusste auch der Kurator, was passieren kann, wenn viel Gedankenenergie sich auf ein Ziel konzentriert. Kommt genügend Energie zusammen, kann sich etwas manifestieren. Der Glaube kann tatsächlich Berge versetzen. Barcelona hatte ohnehin schon einen PSI-Hotspot mit der Sagrada Familia – der Engelshort in den Türmen dieser enormen Kathedrale sprach Bände und man war sehr gläubig im katholischen Spanien. Und diese Stadt war enorm groß...
      Möglicherweise musste man den Sarkophag also reqiuirieren.
      Das aber könnte der Kirche schaden – der Sarkophag war bei den Gläubigen skurrilerweise beliebt. Und ihn diskret gegen eine Fälschung auszutauschen war schwer – sogar Laien erkannten Lemanthan. Und das war nicht gerade billig.



      Während der Körper ruhte, war der Geist aktiv – man könnte ihn als Astralleib verstehen. Donna Diana hatte alles gesehen... und war fasziniert. Wie seltsam die Welt doch geworden war – und nach einiger Zeit hatte man ihre Ruhestatt geöffnet – und ihren Sarkophag in einer wirklich riesigen Kirche aufgebahrt. Welche Ehre... Und siehe, all die Menschen, wie sie für sie beteten... oder sogar mit ihr! Gegen das Übel auf der Welt! Und welch immense Kraft sie ihr bereitwillig gaben! Bald würde sie den Kampf aufnehmen können – denn seit ihrer Zeit hatte sich das Übel exponentiell vergrößert... Ja, Donna Diana wusste, was es heißt zu leiden. Wie die kleinen Leute immer leiden, damit die Mächtigen noch mächtiger werden konnten.
      Sie hatte vor, das zu ändern. Oh ja – sie würde ihnen zeigen, daß alle Lampen dieser Melt nicht die Nacht erhellen können würden, die sie imstande war über sie zu bringen. Bald würden sie einen Grund haben, die Finsternis wirklich zu fürchten...
      Und sie lernte durch die Betenden ein Konzept kennen, das ihr bis Dato verschlossen gewesen war. Freundschaft... und sogar Liebe. Dies muss etwas beeindruckend Intimes sein – sie würde es ausprobieren. Also ließ Donna Diana ihren Geist auf Reisen gehen, um zu sehen, wer ihr... irgendwie... ähnlich war. Wer von all den Milliarden von Seelen würde ihre Präsenz bemerken, ohne zu erschauern? Wer würde ihre schier überwältigende Nähe begrüßen, ohne von Entsetzen geschüttelt die Flucht zu ergreifen? Wer nur...



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    • Shannon und Daniel



      ...waren toll. Keine hirnrissigen Streiche, kein Rumgeschubse und Imponiergehabe – sie waren zwei ruhige, umsichtige Zeitgenossen. Schon skurril, wenn Finley bedenkt, daß er erst in eine andere Dimension reisen musste, um – nunja, ein `normales´ Leben führen zu können...
      Und irgendwie... war Finley hier mittendrin. Daniel war der Kleinste und hatte lange, schwarze Haare. Finley war größer, hatte schwarze Haare – und sah mit seiner gesamten Augenpartie und dem Kinn Shannon ähnlich, der der Größte der drei war. Es war einfach angenehm, die zwei um sich zu wissen. Ab und zu war es zwar befremdlich, wenn Shannon und Daniel sich zusammentaten um darüber zu diskutieren, wie man Jessica wohl am besten in Shannon´s Comic unterbringen könnte – aber da Shannon der erste Typ war, den Finley kannte, der überhaupt zeichnen konnte – vielleicht war das ja normal so.
      Ebenso normal, wie von Shannon gebeten zu werden, sich mal einfach rumzudrehen, wenn man neue, in seinen Augen tolle Klamotten anhatte. Oder mal kurz Modell zu sitzen – was wirklich nicht lange dauerte, da der Nebelelb tatsächlich ein eidetisches Gedächtnis hatte. Finley musste immer grinsen – bei ihm zu Hause gingen die Supergeeks immer davon aus, daß die Elben alle eine gewisse Grundarroganz an den Tag legen würden. Wenn die Shannon kennen würden, die wären aber verblüfft...
      Abgesehen davon, daß niemand hier wusste, was ein Geek war – hier hießen sie Freaks. Der Terminus `Freak´ war hier ohnehin wirklich vielseitig in Gebrauch. Serienkiller – Freak. Computerhacker? Freak. Jeder, der sich irgendwie unangenehm oder auffällig in einer gewissen Profession bemerkbar macht, ist erst mal ein Freak. Früher hieß so jemand auch noch Crack – aber das war ja wohl total 70er, sagte man ihm hier.
      Und hier waren sie alle Freaks. PSI-Freaks. Der eine mehr – der andere weniger. Inwieweit Finley nun selber diesem exklusiven Club angehörte, wusste er nicht zu beurteilen. Es war aber interessant, wie Elaine und Shannon auf ihn reagierten – oder inwieweit er ihre Reaktionen inzwischen zu deuten in der Lage war – inklusive dem Minenspiel, das – wie Finley von Anfang an vermutet hatte – die Ohren mit einschloss. Irgendwie fand Finley das... putzig. Und Shannon schien das zu bemerken.
      Und so erlaubte sich der lebhafte Nebelelb immer einen Gag, wenn sie und ihre Truppe mal wieder auf Beobachtung rausgingen – und sie zum Beispiel mal in einen Nachtclub mussten, der bekannt dafür war, von Homo-Pärchen frequentiert zu werden. Und auch hier lernte Finley wieder was dazu: Männer, die sich für andere Männer interessierten... waren sehr oft überdurchschnittlich reinlich und gepflegt. Was ja nun nicht unbedingt von Nachteil war.
      Also liefen Finley und Shannon dort meist zu zweit ein – mit Mikros und Funk ausgestattet. Und drinnen angekommen, wurde der Nebelelb sehr anschmiegsam. Shannon fand es immer wieder sehr amüsant, daß man sein Volk dort, auf Finley´s Welt, wo es nicht mal Elben gab, für homosexuell hielt. Und Finley... wusste anfangs nicht so recht, was er davon halten sollte. Oh, mittlerweile wusste jeder, daß Shannon `ganz normal´ war – denn er wurde oft von Lynn begleitet – und Shannon mochte Lynn wirklich sehr gern. Der Größenunterschied war zwar enorm – aber das war den beiden völlig egal. Gut so.
      In diesen speziellen Nachtclubs allerdings gehörte Shannon ganz Finley. Auf die Frage, warum er das nicht mal mit Daniel machte, antwortete Shannon lächelnd, daß Finley das wohl am besten verstehen würde – immerhin kannte er Shannon´s Volk nun recht gut. Okay – das half ihm auch nicht weiter – aber es war schon irgendwie seltsam, wie Shannon sich ihm und den anderen in den Clubs gegenüber präsentierte.
      Finley war noch sehr jung – und so hatte er eigentlich nicht besonders viel, um das er sich kümmern musste. Er konzentrierte sich auf seine Studien und den Unterricht, bereitete sich auf mögliche kleinere Einsätze vor (die Gott sei Dank nicht alle so furios abliefen, wie damals, als sie Lynn kennenlernten) und hatte dann Zeit für eventuelle Hobbies und seine Freunde.
      Und nachts... beschäftigte sich sein hyperaktives Unterbewusstsein viel mit seinen Freunden – und deren teilweise unmöglichen anatomischen Absonderlichkeiten. Gedankengänge, die ihn, würde er sie aussprechen, knallrot vor Scham im Erdboden verschwinden lassen würden. Nun, da er sie alle näher kannte, hatte er die meiste Scheu vor ihnen verloren – und sie ist in Neugier, Faszination und auch Bewunderung umgeschlagen. Was für faszinierende Wesen er zu kennen die Ehre hatte... Sie in all ihrer ungewöhnlichen Pracht so nah um sich zu wissen... Und die meisten anderen Leute würden eine Menge verpassen, nur weil sie nicht genau hinsahen.
      Schön blöd.



      Doch eines Nachts... fand er sich irgendwie... im All wieder. Zumindest sah es so aus. Die Tiefe des Raumes um ihn herum war einfach unfassbar. Nur, daß die Lichter, die er sah, wohl keine Sterne waren. Denn sie... bewegten sich. Man könnte meinen, daß dies eher der... Tiefsee entsprach. Manche der Lichter hier waren sehr klein... wie willkürlich umhertreibende leuchtende Schneeflocken. Manche aber waren größer. Und wieder andere hatten klar definierte Formen. Manche davon sehr fremdartig – sie trieben in dieser tief dunkelblauen Ewigkeit dahin wie unirdische Luftschiffe – und andere sahen aus wie kleine, schwerelose Menschen. Sie schienen zu... träumen. Was aber tat er dann hier? Träumte er dann auch?
      „Nein... Du träumst... luzid.“
      Erschreckt drehte Finley sich um – und sah... eine Entität. Von der Größe eines Schlachtschiffes war da eine Gestalt, die er vage erkannte – nicht zuletzt an der Stimme. Dieses riesige Ding war zweifellos... Cyrene.



      „Hallo, kleiner Wolkenjunge! Du bist das erste Mal in der Astralen See, nicht? Hihi... wie niedlich klein Du bist!“ kicherte sie. Dann drehte sie sich schwerelos um sich selbst: „Wie sehe ich aus? Fast normal, ja? Ich dachte mir, das wäre besser, damit Du Dich nicht erschreckst...“
      „Du bist riesig groß!“ erwiderte Finley und Cryene kicherte erneut: „Theheheee... Kleiner machen kann ich mich nicht – also, zumindest nicht hier... Du wirst auch noch größer – wenn Du das luzide Träumen besser beherrschst. Du brauchst nur Übung...“
      „Luzid... hab´ ich schon mal gehört... sowas gibt’s?“ wunderte sich Finley und Cyrene lächelte: „Sieht ganz so aus, hehe...“
      Dann flüsterte sie ihm zu: „Ist aber gut, daß ich Dich hier treffe – so muss ich Dich nicht anrufen! Du musst morgen um 2100 unbedingt im Fantasy sein – das ist ein Metal-Club in Soho! Da will Dich jemand kennenlernen! Das ist wichtig!“
      „Mich? Wer denn – und wieso?“ fragte Finley skeptisch. Und die enorme Entität flüsterte noch leiser: „Jemand seeehr Mächtiges. Hat lange geschlafen – und ist ziemlich scheu.“
      „Ahh... ja. Okay – das klingt ja schon mal angenehm beunruhigend.“ musste Finley feststellen. Und Cyrene zeigte in einen sehr finsteren Winkel des Tiefraumes: „Du kannst sie `sehen´. Da, wo nichts ist – da ist sie. Aber jetzt würde ich da nicht hingehen...“
      Und dort war tatsächlich nichts – keines der Lichter... einfach nur absolute Finsternis. Finley erschauerte, als er diese... Abwesenheit von Allem in diesem `Quadranten´ betrachtete: „Jetzt würde ich da auch nicht hinwollen, denke ich...“
      „Oh, ich denke, sie ist sehr nett... aber Du wirst sie morgen ja dann kennenlernen...“ erwiderte Cyrene lächelnd – und schnippte Finley mit dem Finger...
      ...wach.
      Automatisch setzte sich Finley auf – und sah in die besorgten Gesichter von Daniel und Shannon. Er runzelte die Stirn: „Was ist mit euch?“
      „Was ist mit DIR, solltest Du besser fragen!“ erwiderte Daniel und Shannon nickte: „Du hast voll im Schlaf geredet – und ich könnte schwören...“
      „...daß hier jemand war.“ kam Elaine in das Zimmer und sah sie alle an: „Hier geht etwas vor sich – etwas sehr Ungewöhnliches.“
      Elaine kam näher – und hinter ihr tauchten auch Sally, Jessica und Lynn auf. Und die Nebelelfe meinte zu Finley: „Wir haben ein seelisches Band. Also weiß ich, was Cyrene Dir gesagt hat...“
      „Echt?“ staunte Finley und Elaine nickte: „Deine Freunde werden schon vorher dort sein – und Dich dann im Auge behalten. Man weiß ja nie...“
      „Wow – Du reagierst echt schnell!“ musste Daniel anerkennen und Shannon wunderte sich: „Du hast Dich mit Lynn vertragen?“
      „Ja. Ich muss sagen, sie kann hervorragend argumentieren. Sie hat recht – ich bin... altmodisch – manchmal.“ gab Elaine zu und Lynn strahlte Elaine an: „Aber ich mag Dich! Du hast auch so ewig lange, schöne Beine, hihi!“
      Und während Elaine rot wurde, grinste Sally mal wieder: „Ja, so ist das – Lynn fährt voll auf Stelzen ab, hehe...“


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    • Wenn die Vernunft schläft



      ...werden Ungeheuer geboren.“ war Superintendent Henriksen´s Kommentar, als Ivy an diesem Abend losging, um `den Gast´ im Auge zu behalten. Schön und gut, wenn sich jemand aus Spanien´s finsterster Vergangenheit zurückmeldet – aber was will´ne `Schwarze Madonna´ unbedingt in London? Und ist die nicht katholisch? Nicht, daß es wieder mal Stress mit den ultraharten Typen aus dem Vatikanstaat gibt... Konservatives Gezuppe – als ob man ihnen die Leute abspenstig machen wolle...
      „Und Sie sind sicher, daß das in Ordnung geht?“ sah Henriksen zu Cyrene rüber, die in seinem Büro saß. Und die lächelte optimistisch zurück: „Oh, ja! Sie ist ein wenig wie ich, hehe... und ich bin sicher, daß sie Finley mögen wird!“
      „Aha... ein wenig wie Sie?“ musterte der Lycanthrop die ungewöhnliche Polizistin. Er wusste, daß Cyrene nichts dagegen hatte, daß sie von den Kollegen oftmals fotografiert wurde. Er fragte sich, ob sie wohl wusste, wieviele dieser Fotos wahrscheinlich an den Spindtüren landeten...
      „Könnte mir vorstellen, daß viele Frauen froh wären, wenn sie ein wenig wie Sie wären.“ zog Henriksen an seiner Pfeife und sah aus seinem Fenster in die nächtlichen Straßenschluchten hinaus. Und Cyrene lächelte verlegen: „Finden Sie? Hehe... Danke!“
      Henriksen sah zu ihr zurück und fragte sich manchmal, ob Cyrene ihn irgendwie aufzog. Sie rannte immer in diesen abenteuerlichen Klamotten rum – nur perfekt mit diesen seltsamen hochschaftigen Stiefeln, die sie zu bevorzugen schien – die Dinger wirkten immer eher wie Hufe – machten aber ungeheuer lange, elegante Beine. Der Lycanthrop fragte sich immer, wie man in solchen Dingern überhaupt vernünftig stehen konnte – von Laufen ganz zu schweigen. Aber er wusste aus Erfahrung, wie schnell diese Frau damit unterwegs sein konnte. Sehr verwirrend...
      „Wie kamen Sie ausgerechnet auf unseren `Turmspringer´ als möglichen Ansprechpartner?“ wechselte Henriksen das Thema und Cyrene hob abwehrend die Hand: „Bin ich gar nicht – sie selber wollte das so! Wahrscheinlich, weil er nicht von hier ist – und nicht durch all die... `Propaganda´ verhunzt worden ist. Er ist... neugierig und aufgeschlossen. Klar fand er das erst mal alles sehr erschreckend, wenn es sowas wie uns bei ihm zu Hause nicht gibt...“
      Sie dachte nach: „Aber Finley ist... sehr sensibel und einfühlsam. Er scheint uns inzwischen besser zu verstehen, als Menschen das normalerweise so tun...“
      Cyrene lehnte sich dann zurück und streckte sich genüsslich lächelnd durch: „Und er ist so drollig! Ich könnte ihn pausenlos knuddeln, hihi...“
      „Sack Zement, dann heiraten Sie ihn, bevor ich es tue!“ grummelte Henriksen und Cyrene sah ihn mit ihren tiefblauen Augen erstaunt an: „Aber Chef – Finley ist doch noch nicht volljährig!“
      Henriksen´s Kopf knallte auf die Tischplatte.



      `Knarre einstecken.´ dachte Finley sich und sah auf seinen Tisch, wo die große NARVAL-Pistole lag. Schon skurril – er durfte offiziell noch nicht Auto fahren – aber gegen ein solches Riesending hatte keiner was einzuwenden. Sie passte gerade so unter seine Jacke. Wie die HK VP-70 und die Waffen von Glock war die Narval hier eine der ersten Pistolen mit Copolymergriffstück – aber immer noch in diesem Killerkaliber aus der Kolonialzeit - .577AE. Das hatte einen Grund – viel hilft nun mal viel – und diese massiven Hohlspitz-Kugeln mit Natriumkern waren das letzte I-Tüpfelchen, um sich als Mensch gegen ausgerastete Nightsider behaupten zu können.



      Die Waffe war aus rostfreiem Stahl und das Griffstück war grau – ganz offenbar keine Behördenwaffe. War auch besser – wie würden die Leute reagieren, wenn ein Typ wie er mit einer Polizeiwaffe mal dumm auffällt? Andererseits – wenn er schon mit seiner Waffe blöd auffällt, war er logischerweise schon vorher – ohne Waffe – blöd aufgefallen. Wenigstens konnte er mit diesen Dingern umgehen - dank seines Vaters. Finley musterte das siebenschüssige Monsterding – und packte es in seinen Schulterholster. Lynn und Sally waren der Meinung, er solle sich einen Holster für den Gürtel besorgen – das würde an ihm `supergeil aussehen, weil er so `nen knuffigen Apfelhintern hat´. Darauf konnte er nichts erwidern, außer verlegen darauf hinweisen, daß das etwas sehr auffällig wäre, da er eigentlich nur Jacken trug. Und darauf erwiderten die zwei, daß das auch der Sinn der Übung sei – unter einem Mantel sähe man das ja nicht. Seltsam – das war das erste Mal, daß Finley gleich von zwei Mädchen so etwas wie ein Kompliment bekam. Eigentlich... war es das erste Mal überhaupt.
      Also stiefelte er los – Lynn hatte ihn noch `zurechtgemacht´, wie sie es nannte, damit er in einer Metal-Disco nicht auffiel wie ein... Was eigentlich? Aber er musste zugeben, als er so in den Spiegel sah, der auf dem Weg nach draußen an der Wand zur Bibliothek hing (warum auch immer): Mädchen wie Lynn hatten offenbar immer Quellen an der Hand, wie man an gute Klamotten rankommt. Die braune, leicht abgewetzt aussehende Lederjacke hatte schon mehr von einem kurzen, aber exzellent geschneiderten Sakko. Man sah die Mündung der Pistole gerade so nicht. Das schwarze, etwas weite T-Shirt zeigte einen Adler im Sturzflug, der Springerstiefel trug – und darunter war zu lesen: `We endanger Species!´ Das im Zusammenspiel mit einer in den Augen der Mädchen gutsitzenden hellblauen Jeans, einem Paar dicksohliger Turnschuhe und etwas `Gebamsel´, wie Finley´s Vater einschlägigen Schmuck zu nennen pflegte ließ Finley mit seiner struppigen, frechen Kurzhaarfrisur schon eher punkig als `metalig´ erscheinen. Und immer noch fragte er sich, wie Lynn an diesen ganzen Kram rangekommen war – und woher zum Kuckuck sie seine Kleidergrößen so gut kannte. Naja... Er sah auf die Uhr – Zeit für den Bus...



      Die roten Doppeldeckerbusse hier wirkten wie aus hyperamerikanischen, chromüberladenen 50ern. Sowas gab es bei ihm zu Hause nicht. In Metall geformte Rundungen, massive leicht beige eloxierte Aschenbecher an den Wänden... ja, Aschenbecher. Es wurde hier erstaunlich viel geraucht. Fahrkarten wurden hier auch von Schaffnern verkauft und kontrolliert. Man konnte sich auch an Fahrkartenschaltern direkt an U-Bahnhöfen kaufen.
      Finley´s Handy hatte hier natürlich keinerlei Sinn – außer als MP3-Player oder Fotoapparat. Immerhin hatte Shannon eine Möglichkeit gefunden, es wieder aufzuladen. Es gab hier viele dieser roten Telefonzellen – wie Finley sie eigentlich nur noch aus Dr-Who-Filmen und alten Krimis kannte. Zudem trugen viele Leute hier noch Hüte. Eigentlich... war dies das erste Mal, daß er in diesem Stadtungetüm wirklich alleine unterwegs war – Er wunderte sich immer noch, daß Luftschiffe hier offenbar ganz normal waren. Manche hatten Werbeaufdrucke, andere sahen aus wie Privatmaschinen – für die oberen Zehntausend wahrscheinlich. Sie bewegten sich durch die ziemlich breiten Straßenschluchten mit ihrer gemütlichen Geschindigkeit und manche landeten sanft auf speziellen Plattformen an den Fassaden der riesigen Gebäudekomplexe - oder hoben von dort gerade ab. Sie waren bei Weitem nicht so riesig wie beispielsweise die R-101 gewesen war, die Finley von zu Hause aus dem Geschichtsunterricht kannte... aber es waren eindeutig Luftschiffe.



      „Du bist eigentlich ziemlich stylisch!“ gab Lynn aus ihrem Versteck zu, während sie Elaine beobachtete, wie die Nebelelfe die Gegend um das Fantasy im Auge behielt. Elaine sah an sich runter – sie hatte weder Probleme damit, die bei der P4 üblichen, riesigen zehnzölligen Webley&Scott-Pistolen zu tragen – noch dies an Gürtelholstern zu tun. Erstaunlicherweise stellte sie fest, daß sie nach einer Aussprache mit Lynn momentan mit gar nichts mehr Probleme hatte – das war ungewöhnlich... aber fühlte sich gut an.
      Sie lächelte: „Es ist gut, daß unser Zwist beigelegt ist...“
      Lynn kam zu ihr hin und sah skeptisch zu ihr auf: „Woah, Du klingst sogar wie aus einem Shakespeare-Stück! Aber kein Problem...“
      Sich schwer an eine überraschte Elaine lehnend schnurrte Lynn zufrieden: „Hab´ Shannon versprochen, daß keiner seine lässige Schwester klaut!“



      Sally und Jessica hingegen waren schon im Fantasy. Jessica passte hier ohnehin irgendwie gut rein – und Sally hatte sich dieses Mal auch für etwas Helleres entschieden. Bis auf ihre Jacke. Die war schwarz – und ziemlich aggressiv gestylt. Diverse Spitznieten, Aufnäher und eine wie eine Schützenschnur drapierte Kette zeigten an, daß sie... nicht so leicht `abzuschleppen´ war. Von `aufreißen´ ganz zu schweigen.
      Jessica hatte mit ihrer typischen Garderobe – und ihrem Körperbau – da natürlich von Vorneherein weniger Probleme. So also war alles bereit. Fehlten nur noch die Hauptakteure. Und es würde hoffentlich keinen weiteren Ärger geben.


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    • Unmöglich!



      Das Ding... das da auf dem Dachboden der St. Paul´s Cathedral aufgetaucht ist, konnte es so einfach nicht geben! Großmeister Gabriel wusste das erste Mal einfach nicht, was nun zu tun war. Offenbar aber hatte Ivy schon eine Idee – die sie von ihrer `Kollegin´ hatte, diesem geradezu grotesk frivolen Succubus. Also packte Großmeister Gabriel dieses... Unding am Kragen – trug es wie eine junge Katze durch den Hort und warf es einfach auf die Straße. Was um Himmels willen hatte sich der Herr da für einen üblen Scherz erlaubt? Ein... Engel mit schwarzen Flügeln?

      Donna Diana war völlig überwältigt! Es war eine Sache, die Welt als Abbild der Astralen See wahrzunehmen – aber sie nun tatsächlich zu sehen, zu erleben und zu riechen... zu spüren, wie alles vor reiner, schierer Existenz zu vibrieren schien... Unglaublich viele Menschen waren hier zu sehen – und keine zwei sahen gleich aus. Die Häuser waren so hoch wie die Wände von Felsenschluchten! Es ROCH nach STADT! Und dann waren da noch die vielen Dinge, die sie nie zuvor gerochen hatte... Das Prinzip Auto, das sie aus Gesprächen und Gedanken kannte, mal in Aktion zu sehen, war... eigenartig. Das Einzige, was diese Dinger mit Kutschen gemeinsam hatten, waren die Räder – und selbst die waren völlig anders. Und... Dinge, die mit Lichtern durch die Luft flogen... Eine Welt voller Wunder! Und Donna Diana konnte das alles sehen! Und dann... war da die Taverne! Was für eine unglaubliche Musik – was für Instrumente nur machten solche Geräusche? Und die Leute hier drinnen sahen anders aus, als die tristen, grauen Leute draußen – die hier sahen fast aus wie... Wilde. Aber lustige Wilde – die auch diese seltsam blauen Kleider bevorzugten, wie Ivy, ihre `Aufpasserin´. Noch dazu... Frauen heutzutage trugen offenbar oft Hosen – wie Männer... oder aber Röcke, die so kurz waren, daß es fast nur noch ziemlich breite Gürtel waren. Sie selber hatte nun eine Hose aus einem eigenartigen Leder an – aber das gefiel ihr. Es knarrte so nett – und es... rieb sehr angenehm.



      Ivy selber saß neben ihrer `Kundin´ an der Theke – und wusste nicht so recht, was sie von diesem Mädchen halten sollte. Sally und Jessica – weiter weg in der Menge, die sich an der Tanzfläche staute – sahen ihr das an. Jessica aber wusste genau, was sie von Donna Diana hielt: „Die ist ja voll drollig! Sieht aus wie `ne erfrorene Prinzessin!“
      „Oh, wow – das´ ja mal verdammt romantisch, hähä...“ grinste Sally und musterte das Mädchen ebenfalls: „Ich mag, wie sie sich umsieht – die sieht aus, als würde sie gleich auf `ne schön beknackte Idee kommen...“
      Ivy atmete aus – diese Idee hatte Cyrene schon gehabt – um die frisch aufgetauchte Donna Diana nicht nackt rumlaufen zu lassen hatte die umtriebige Ereboidin ihr ein `Willkommenspaket´ aus ihren Klamotten zusammengestellt – und auch hier zeigte sich: Succubi hatten einen Blick dafür, wer was tragen konnte – und in welcher Größe er dies tun sollte.

      Also trug Donna Diana nun eine kurze, weitgeschnittene, irgendwie leicht indianisch wirkende Jeansjacke in verschiedenen Schwarz- und Blautönen, die einzelnen Stoff- und Lederstücke durch unterschiedliche, nicht zu aufdringlich wirkende Nieten abgegrenzt. So, wie sie jetzt, in den 80ern, modern waren eben. Dazu hatte sie von ihren ihr unbekannten Spendern ein sehr kurzes T-Shirt bekommen, das ihren... Bauch freiließ. Ein Blick in die Runde aber zeigte ihr, daß dies offenbar nicht ungewöhnlich war – kein Vergleich zu den beengenden Stehkrägen und Korsetts, die sie einst gewohnt war... Die schwarze, glänzende Lederhose stattdessen, die an den Seiten wie ein Korsett geschnürt war, endete in schweren, hohen Stiefeln mit Schnallen, die auch an Gürteln nicht fehl am Platze gewesen wären. Donna Diana kannte solche Stiefel eigentlich nur von Soldaten.
      Alles in Allem...
      ...hatte es den Anschein, als wären Frauen heutzutage selbstbewusster und den Männern gleichgestellter als zu ihrer Zeit. Das gefiel ihr. Und wenn sie in eine der spiegelnden Flächen hier sah (es gab hier so viele Spiegel!), drückte ihre Garderobe und auch die von dem Engel namens Ivy neben ihr genau das aus. Ja, Donna Diana war zweifellos eine Frau, die unter all diesen modernen Menschen nicht fehl am Platze wirkte. Komischerweise aber sollte es noch etwas dauern, bis sie sich auch genau so... angekommen fühlen würde.



      Hundekacke, Zigarettenkippen, Zeitungen und Scherben von Bierflaschen. Kleine Flachmänner, Pappbecher, Fastfood-Verpackungen. Diese Stadt war völlig anders, als das London, das Finley kannte. Einerseits erschlug sie einen mit ihrer enormen Architektur – andererseits war sie wild, ungezähmt und dreckig. Manche der Modegags, die er hier beobachten konnte – wie unsägliche durchsichtige Regenmäntel, gab es bei ihm zu Hause nicht – wozu auch? Was nützt es, wenn man nicht nassgeregnet wird – sich dafür unter dem Ding kaputtschwitzt?
      Schließlich kam er in die Gegend von Soho – und auch die war anders, als er es gewohnt war.
      Dunkler zum Beispiel.



      Finley konnte sich gut vorstellen, daß hier – in den schmalen, dunklen Gassen ab und zu jemand verschwand. Manchmal waren die Straßenlaternen einfach aus – wegen einer kaputten Birne zum Beispiel. Manchmal aber hatte man da offenbar auch auf teilweise recht kreative Art und Weise nachgeholfen. Da war er froh, daß er von Elaine gute Augen `geerbt´ hatte.
      Dann kam er zum Fantasy – und stellte erneut etwas fest: Hier fuhren Geräte durch die Gegend, wie sie bei ihm zu Hause undenkbar gewesen wären. Teilweise monströs aussehende Autos standen hier auf dem Parkplatz vor der Metal-Disco, deren Musik auch hier draußen schon recht gut zu hören war. Auch wirklich brutal aussehende Motorräder standen hier rum – nebst den dazugehörigen Besitzern. Wie war das? In den Industriebrachen gab es Gangs? Nunja...
      Und so ging Finley in diesen Laden – und war sich nicht sicher, was oder wen er erwarten sollte. Donna Diana – klang erst mal recht spanisch. Klang sogar ziemlich... adlig – irgendwie. Er hatte noch nie wissentlich jemanden aus Spanien kennengelernt – also war er schon mal gespannt...
      Aber nichts hätte Finley auf das vorbereiten können, was ihn hier erwartete...
      Da war zuerst mal Ivy – mit einer Zigarette. Einen leger an der Bar sitzenden, rauchenden Engel in Jeansklamotten zu sehen – mit einer offensichtlichen Dienstmarke an ihrem Gürtel – das war ohnehin schon mal was. Und neben ihr saß... eine wirklich bemerkenswerte Person.



      Sie sah aus wie eine düstere Frontfrau einer Band. Das lange, schwere, schwarze Haar war zu einer beeindruckend passenden Frisur geformt, die ein wenig an Prinzessin Leia erinnern mochte. Bei ihr allerdings wirkte es deshalb so passend, weil sie dieses angenehm, breite, katzenartige Gesicht hatte, das allerdings durch zwei wache, eher wölfisch aussehende, bernsteinfarbene Augen und deren ausdrucksstarke Brauen dominiert wurde. Sie hatte eine nette Stupsnase und einen Mund, der leicht lächelnd verriet, daß sie sich gerade wohl fühlte. Diverser Silberschmuck mit kleinen Bergkristallen und ihre rosenquarzähnliche Blässe verstärkten den Eindruck, daß sie tatsächlich sowas wie adlig sein mochte – allerdings machte sie einen eher sehnig-mageren Eindruck. Wie eine Sportlerin – oder eine Jägerin.



      Ja – das dürfte es wohl treffen.
      Ivy winkte Finley zu sich her – und dieses Mädchen sah zu ihm rüber. Und wie es das tat... Hypnotisierend war wohl das passende Wort. Ihre tiefschwarzen Pupillen schienen sich jedes Detail einprägen zu wollen – und Finley spürte die pure Macht ihrer Präsenz. Das also war die Schwarze Madonna...
      Und dann... schien die Welt um Finley herum langsam... steifzufrieren. Die Leute wurden langsamer, die Musik schien in einem sich bis in die Unendlichkeit dehnenden, tiefen Basston zu verklingen... und alles stand still. Bis auf Finley, der fast vergessen hatte, Luft zu holen – und Donna Diana. Sie stand auf – und er... schien auf sie zuzufallen. Sie war das Massezentrum dieser Akkretionsscheibe aus in der Ewigkeit eingefrorener abendlicher Zerstreuung – und fing breit an zu grinsen: „Buenas Noches... ja... Du bist genau derjenige, auf den ich gewartet habe...“
      Die Visionen, die Finley nun durch seine Seelensicht erlebte, waren... betäubend. Tiefe, dunkelrote Strudel, die in einer Art sich windenden, rosa Schlauch verschwanden, der in einem saugenden schwarzen Nichts endete – war da nicht die Schattenschlange, welche die lichtlose Eva fragte, ob sie nicht in den (knuffigen) Apfel(Hintern) beißen wolle – und wie sie dies bejahte...
      „Du hast gewartet – auf mich?“ nahm Finley den angenehm kühlen Geruch von regennasser Walderde wahr und die Schwarze Madonna lächelte: „Oh, ja... Du bist der, der versteht – lass´ mich Dir helfen, mich zu verstehen...“


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    • Ich war sündig!



      ...konnte Finley hören... irgendwo in den Untiefen eines beinernen Riffs voller splitterscharfer Zähne, welches das kaum noch vorhandene Licht vor der bodenlosen Schwärze dahinter schützte. Instinktiv wusste der Junge, was Donna Diana meinte – und wie dies alles nicht mit ihrer eigentlich streng katholischen Erziehung vereinbar war. Wie man ihr etwas (hin)zugefügt hatte, das nie Teil ihrer Persönlichkeit gewesen war, nachdem man ihr etwas Anderes nahm...
      „Das war nicht ich – ich fresse keine Leute...“ flüsterte sie mit einer Stimme wie Rauhreif... Und Finley erlebte die Metamorphose dieses Mädchens in etwas Ungeheuerliches erneut... Fühlte, was sie fühlte – im Verlies. Im Dunkel. Bar jeden Lichtes – und bar jeder Hoffnung.
      Und schließlich, eines Nachts... war es auf einmal nicht mehr so dunkel. Donna Diana konnte selbst dort sehen, wo niemand mehr etwas sah... Und dort konnte sie auch agieren.
      Finley fragte sich in seiner angenehmen Paralyse des Staunens, wie wohl all diese sehr skurrilen Gedankengänge seinerseits zustandekamen. Einen gewissen tudor´schen Unterton konnte man ihnen ja nun nicht absprechen. Aber nein, bisher hatte die finstere Age-21-and-over-Eva nicht in besagten Apfel(hintern) gebissen – passend zum grotesken Gleichnis mit der Schöpfungsgeschichte wuchtete sie ihre Martialwerkzeuge lieber rund um den (Adams)Apfel in Finley´s Hals...



      Mit einem verblüffend nüchtern-objektiven Interesse stellte Finley fest, was für eine wirklich effektive Kieferpartie dieses Mädchen hatte – würde sie nun `reißen´ wäre bestimmt die Hälfte seines Halses weg – und er würde herumspritzend und eine erschütternde Sauerei hinterlassend innerhalb kürzester Zeit verblutet sein – aber das tat sie nicht. Das war so surreal, daß Finley nicht mal Schmerz fühlte – dafür waren diese unglaublichen Zähne einfach zu scharf. Aber er spürte sehr wohl, daß da diverse keramikscharfe Dinge tief in seinem Hals waren – die Schnitte, die sich gegeneinander verschoben, während eine weiche, neugierige und erstaunlich rauhe Zunge zwischen diesen Zähnen ihn genau so interessiert untersuchte, wie Donna Diana´s kleine und zierliche Hände. Nein, Donna Diana würde ihn nicht zerfetzen – sie tat kurzzeitig etwas, das Finley instinktiv ein nie gekanntes kreatürliches Entsetzen fühlen ließ – irgendwie... saugte sie Finley unheimlich stark vom Fenster seiner zwei müden Augen weg, nach hinten runter – und in die Finsternis, wo er durch diesen Krater in seinem Hals verschwinden würde...
      „Ich mache sowas nicht... mehr.“ versicherte ihm dann aber eine besorgt aussehende Donna Diana, die überlegte: „Irgendwie... geht das auch nicht mehr - glaube ich. Die stecken dann da unten drin... und das war´s dann.“
      Kichernd klopfte sie mit der flachen Hand auf ihren Bauch, der irgendwie... hohl klang. Und Finley konnte das alles sehen, so... wie er mit seinem Kopf auf ihrem rechten Oberschenkel lag. Sie kniete wohl irgendwie am Boden und ihr linkes Bein ragte angewinkelt über Finley´s Brustkorb. Dann hob Donna Diana den Zeigefinger: „Irgendann später muss ich nämlich ab und zu `n bisschen rülpsen – und dann... FUFF! ...sind sie weg! Ist aber auch besser so, denke ich – ich will ja keinen `aus dem Spiel´ nehmen...“
      Sie sah an sich runter: „Sieh – nun habe ich eine zweite Chance – und sogar Flügel bekommen – da kann ich doch nicht... machen, was ich eigentlich tun wollte!“
      Mit ihren großen, klaren Bernsteinaugen sah Donna Diana den somnolent wirkenden Jungen an, der in ihrem Schoß sowohl sicher, als auch gefangen wirkte: „Eigentlich wollte ich... sie alle jagen. Und vielleicht... nunjaaa... `n bisschen essen.“
      Sie lächelte ihn an: „Oh, ich hatte mir fest vorgenommen, was ich alles tun wollte, würde ich diese Folterei überleben – und als ich dann schließlich so mächtig und stark war wie nie zuvor in meinem Leben, wollte ich sie alle zertreten, wie – nun... wie...“ schnippte sie mit den Fingern: „...wie etwas... das man leicht zertreten kann.“
      Das alles zu hören – mit einem wirklich lustigen, spanischen Akzent – war auf skurrile Art und Weise amüsant und Finley begann unwillkürlich zu lächeln, als sie weiterredete: „Du hättest mich sehen sollen – wie ich in den Katakomben gewütet hatte – ich war gewalttätig, fies, brutal, gnadenlos – und auch... wie nennt man das hier... gemein?“
      Alleine sie dabei zu beobachten, wie sie die passenden Wörter zusammensuchte – war das komplette Gegenteil von... monströs. Auch ihr stolzes Lächeln war eher erfrischend burschikos als ungeheuerlich, als sie Finley erzählte: „Und dann hab´ ich alle gefressen, die ich finden konnte! Nun waren sie es, die zappelten und kreischten... Aber ich wusste – draußen in der Welt gibt es noch viel mehr solcher Leute...“
      Sie sah dann auf Finley herab: „Du... musst mich für sehr... eigenartig halten, nicht?“
      Finley lächelte matt: „Was will man von jemandem erwarten, dessen Leben großteils daraus bestand, in einem Keller gequält zu werden?“



      „Sie haben mir... Mittel gegeben – ich weiß nicht, was genau...“ nickte sie und flüsterte dann: „Und die veränderten mich!“
      Heute ist es allgemein bekannt – der freie Wille ist eine Illusion – mit bestimmten Chemikalien kann man die Verhaltensmuster jeglicher Person beliebig manipulieren. Weil Botenstoffe wie Enzyme und Hormone aus Chemikalien bestehen. Und wenn diese dann auch noch psychoreaktiv sind... Für ein Mädchen aus der Frühzeit der Renaissance, für eine Person also, für die alles in feststehenden, geregelten Bahnen vorherbestimmt zu sein schien... musste es eine wirklich grauenerregende Erfahrung gewesen sein, festzustellen, daß sich da etwas entsetzlich Fremdartiges in einem ohnehin schon verunsicherten Geist herausbildete.
      Wahrscheinlich kam dies dem Begriff `besessen sein´ damals am nächsten.
      Und so kam es, daß Donna Diana den geschwächten Jungen, den sie bei sich hatte, beobachtete – aber weder Angst noch Abscheu erkannte – sondern Verstehen und etwas, das ihr sagte, daß er genau verstand, was sie ihm so holprig erklären wollte, als seine rechte Hand ihre runde Wange berührte: „In diesen Zeiten... ich und meine Freunde, hier tut niemand einem so etwas an...“
      Es war immer noch fremdartig für Finley, jemanden zu sehen, der unter gewissen Umständen reagierte wie eine Art Raubtier... Donna Diana zog die Luft ein, und ihre Nase berührte Finley´s Handwurzel. Ihre zierliche, linke Hand umfasste neugierig seinen Unterarm... Und dann – verschwand Finley´s Hand einfach tief in ihrem Hals. Und sie lächelte: „Gu chnekchk gukh!“
      `Das sind... Dinge, an die man sich wirklich erst gewöhnen muss...´ dachte Finley sich, während er ihre rauhe Zunge auf seinem Handteller fühlte. Er kannte ähnliche, noch skurrilere Eskapaden bereits von Daniel und Jessica – aber es selber zu erleben... Sichtlich gut gelaunt lutschte Donna Diana ein wenig auf seiner Hand rum – und dann wurde sie rot. Mit einem `Plop!´ kam Finley´s Hand also wieder frei – und sie fragte leise: „Ich... hab´ Dich nicht erschreckt?“
      Finley schüttelte sanft den Kopf. Seine Seelensicht verriet ihm, daß Donna Diana nun all das in sich vereinte, was den Menschen fremd war auf dieser Welt. Aber sie selbst war mal einer. Was ihr auch sehr wohl bewusst war. Es war aber nun eine Tatsache, daß sie nie die Chance gehabt hatte, normal mit anderen Personen zu interagieren – was zu... Komplikationen führen könnte.
      „Du kannst nun endlich ein freies Leben führen – und ich denke...“



      „Du bist so´n Umfaller!“ grummelte Sally, als Finley wieder aufwachte – und schon wieder in seinem Bett lag. Der Kasettenrekorder lief und sie saß gelangeilt daneben auf einem Stuhl und musterte ihn: „Du bist mal wieder zusammengeklappt! Was war das jetzt – das fünfte Mal?“
      „Tja, unser... `Neuzugang´ ist ziemlich PSI-aktiv – ihre Aura hat ihn wohl umgehauen.“ erwiderte Messinah, die so etwas wie einen Arztkoffer schloss und aufstand. Sie grinste breit: „Alles in Ordnung – das wird wieder!“
      Dann wandte sie sich zum gehen: „Und nun – mal sehen, was Patient No.:02 für Überraschungen für uns parathält, hähä...“
      Finley... sah sich um: „Wo sind denn die anderen?“
      „Jessica hat sich mit Daniel in eine Fastfood-Bude verkrümelt und frisst ihn wahrscheinlich gerade pleite.“ erwiderte Sally und fuhr fort: „Shannon und Lynn hocken in der Bibliothek und machen irgendeinen elektromedizinischen Nerdkrams – mit seinem komischen PC-Dingens.“
      „Also wie immer...“ lächelte Finley matt. Aber Sally musterte ihn genau. Und Finley runzelte die Stirn: „Stimmt was nicht?“
      „Das wollte ich gerade fragen.“ entgegnete Sally: „Die hat nicht irgendwelche komischen Sachen mit Dir in Deinem Kopf angestellt, oder?“
      „Nicht, daß ich wüsste.“ antwortete Finley und Sally meinte nur: „Gut. Das ist nämlich mein Job.“


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    • Was meinst Du



      ...denn damit?“ fragte Finley stirnrunzelnd nach und setzte sich langsam auf. Sally hingegen stand auf – und ihr rechtes Knie landete auf der Bettkante, als sie sich zu ihm vorbeugte. Ihr Gesicht kam dem von Finley immer näher – und sie sagte einfach nur: „Wie ich schon sagte – MEIN kleiner Trottel.“
      „Du meintest das ernst...“ staunte Finley und Sally wurde rot: „Du bist eben... Du. Du bist nett, geduldig und so ruhig... Und irgendwie...“
      Finley beobachtete Sally – sie wirkte tatsächlich ein wenig asiatisch – wie frisch aus einem japanischen Gangsterfilm. Faszinierend. Sie sah seitlich an ihm vorbei: „Du wirst nie sauer und hast für alles Verständnis – irgendwie...bist Du das komplette Gegenteil von... mir.“
      „Du wirst - soweit ich weiß – auch nie sauer.“ lächelte Finley unbeholfen und fügte hinzu: „Aber ich habe bemerkt, daß es schlimm wird, wenn Du lange Zeit nichts sagst.“
      Sally schnaubte: „Ich war ziemlich lang allein. Da spart man sich Kommentare gegenüber Ziegelhirnen. Man gibt ihnen immer besser mal´n paar mit, damit sie wissen, wo ihr Platz ist.“
      Finley lachte leise: „Das ist etwas, was ich an Dir sehr mag – Du hast so einen – kann ich `Kriegerstolz´ sagen? Ich finde, der steht Dir ausgezeichnet...“
      Sally sah ihn wieder mit ihrer undeutbaren `Westernhelden-Mine´ an. Finley wusste, daß sie graugrüne Augen hatte – manchmal sah man sie – aber zumeist sah man wegen ihren dichten Wimpern nur in etwa, wohin sie gerade guckte. Sie legte ihren Mantel ab – und hockte dann in ihrem dunklen Batikshirt und der alten dunkelgrauen Stretch neben ihm auf dem Bett. Und sah ihn wieder an. Dann flüsterte sie lächelnd: „Du... machst es Dir echt selber schwer, mir vertrauen zu können, hähä...“
      „Wie meinst Du das denn?“ fragte Finley irritiert – und als Antwort rieb Sally´s katzenartig flache, rauhe Zunge genüsslich raspelnd über sein Kinn und seine Nase - und so zeigte sie Finley mit mindestens eben so viel Genuss, was er schon von Jessica her kannte. Mit dem Unterschied, daß Sally – falls überhaupt möglich – noch mehr... `Raum ´ zur Verfügung hatte – und alles eine Nuance dunkler war. Dann grinste sie ihn mit laut zuklackenden Kiefern an: „Was ich meine ist, Du bist irgendwie... lecker. Das könnte sich als kontraproduktiv herausstellen, hähähä...“
      Sie stieß ihn zurück auf sein Kopfkissen - und setzte sich einfach rittlings auf seine Brust: „Aber ich bin... dickköpfig. Dein Glück. Einmal mein Trottel, bleibt es dabei. Du bist außerdem viel zu knuddelig, um Dich zu verkümmeln...“
      „Najaaa...“ meinte Finley überrumpelt und bewunderte Sally´s drahtige, schmale Eleganz: „Kann man `lecker´ genauer definieren?“
      „Nö.“ kam es kurz und bündig zurück: „Ist eben so. Wir können gut Gerüche und Geschmäcker wahrnehmen. Deshalb sind Leute mit tonnenweise Parfum auch so schlimm – oder stark gewürztes Essen. Und Leute, die viel Knoblauch fressen – denen könnte ich geradewegs ins Gesicht reihern.“
      „Okay...“ nickte Finley – und seine linke, flache Hand klopfte sanft auf Sally´s Bauch, was sie zum Kichern brachte und Finley feststellen ließ: „Hm... klingt leer. Ich denke, ich kann Dir also vertrauen...“
      „Klar kannst Du das!“ lache Sally vergnügt: „Hab´ Dir ja gezeigt, daß da nix drin ist, hehe...“



      „Natürlich bleibt sie hier – wenn sie will.“ gab Messinah zurück, während Ivy sich das Untersuchungsdossier von Donna Diana genau ansah. Die rothaarige Frau fuhr fort: „Sie wäre – rein rechnerisch – alt genug, um hingehen zu können, wo immer sie hin will. Euer Verein hat sie ja effektiv verstoßen.“
      „Sie ist kein Engel. Das steht nun schwarz auf weiß hier drin – sie ist eine Nospheratin! Mit einigen Ereboiden- und Lycanthropenmerkmalen. Und sie hat schwarze Flügel!“ verteidigte Ivy die Aktion von Großmeister Gabriel. Donna Diana saß mit all den anderen in der Bibliothek und hörte alledem genau zu – sagte aber nichts. Stattdessen aber sagte Finley etwas: „Und da wunderst Du Dich, daß sie hierbleiben will?“
      „Wieso sagst Du das?“ sah Ivy ihn an. Und Finley sah zurück: „Gesetzt mal den Fall, alle Engel wären wie sie – und DU wärst dann der `Einzelfall´. Wie würdest Du Dich nach einem solchen `Willkommen´ fühlen?“
      „Das ist nicht der Punkt.“ gab Ivy zurück – und Finley meinte: „Im Gegenteil – dies ist der größte Punkt von allen! Ihr tut gerade so, als ob Donna Diana sich hätte aussuchen können, so zu sein! Ich dachte immer, Engel würden für Toleranz und Verständnis, Gnade und Liebe stehen? Oder habe ich mich da geirrt?“
      „Du hast die Schriften nicht gesehen – Du weißt nicht mal, was sie einst tat!“ fuhr Ivy herum.



      Finley stand auf: „Nochmal – wenn DU von 44 Lebensjahren 27 in einem Keller gefoltert und misshandelt worden und mit irgendwelchen Hexengebräuen behandelt worden wärst, ohne eine Ahnung, was dies alles mit Dir anstellt – was hättest DU an ihrer Stelle getan? Auch noch die andere Wange hingehalten?“
      Finley sah all die anderen in der Bibliothek an – unter Anderem auch Henriksen, Cyrene und einige Notare der Kirche: „Seht euch doch mal alle an – jeder von uns sieht anders aus und wenn möglich betont er das auch noch. Weil wir alle INDIVIDUEN sind. Und kaum ist da jemand, der wirklich anders ist als alle anderen – wird er ausgegrenzt? Das ist beinahe faschistoid!“
      Messinah sagte nichts. Sie lehnte an der Wand – und lächelte stillvergnügt vor sich hin. Elaine stand neben ihr und nickte bedächtig. In der Tat – Finley stellte alles und jeden in Frage. Wie absolut berauschend...
      „Und wo wir schon mal dabei sind – Donna Diana ist meines Wissens nach genau so aufgetaucht wir ihr anderen Engel auch. Also hat dieses bisher noch unidentifzierte Etwas, was für eure Existenz gesorgt hat, es für eine gute Idee gehalten, Donna Diana dieselbe Gelegenheit zu geben. Kann es also sein, daß euer Großmeister...“ musterte Finley die blonde Frau: „...die Entscheidung dieses Etwas gerade in Frage stellt? Heißt es nicht, die Wege des Herrn seien unergründlich?“
      „Blasphemie!“ flüsterte der anglikanische Notar empört und sein Kollege schrieb alles mit. Dann aber sah der Mann in einem der Bücher nach, das er bei sich hatte und räusperte sich: „Nun, das ist in der Tat eine gewagte Fragestellung.“
      Alle sahen sich zu dem älteren Herrn um, der mit dem Buch zu einem Lesepult ging: „Ein Engel mit schwarzen Flügeln ist in Großbritannien noch nie aufgetaucht – woanders aber schon. Wir hatten einen Fall in Russland, in Lateinamerika und in Indochina. Sie sind selten.“



      Er schlug eine andere Seite auf: „Wir kennen Schutzengel wie Daniel einer ist, Kriegsengel wie Ivy, Gnadenengel, Wächterengel wie Großmeister Gabriel und noch einige andere – aber dies dürfte der erste Racheengel sein, den wir zu Gesicht bekommen.“
      Messinah bekam große Augen: „Sieh an – wieder was gelernt! Racheengel... erstaunlich!“
      „Manchmal werden sie auch Richtengel, Rabenengel oder Todesengel genannt – zu alttestamentarischen Zeiten waren sie verbreiteter.“ nickte der Gelehrte. Und Sally flüsterte grinsend: „Cool! Ein echter Street Judge!“
      Der Mann wandte sich an Donna Diana: „Mein Kind – Du bist hier für den Fall, daß Gottes Gnade eines Tages nicht mehr ausreicht. Gewisse Zeichen deuten bedauerlicherweise darauf hin, daß dieser Tag nicht mehr allzu fern ist. Du bist ein Werkzeug seines Zorns. Aber leider wissen nur die wenigsten Menschen Dein Opfer zu würdigen – was oft darin resultiert, daß sie Dich meiden werden.“
      Dann sah er zu Messinah und ihrem bunten Haufen: „Aber offenbar hast Du wirklich Glück hier zu sein – diese... `jungen Wilden´ sind ganz offenbar der richtige Umgang für Dich. Und noch für einige andere Leute hier...“
      Und während Ivy rot wurde, Elaine inzwischen mit Sally um die Wette grinste und Lynn ein kleines Victory-Zeichen hinter Henriksen machte, wandte sich der klerikale Würdenträger direkt an Donna Diana: „Du also bist tatsächlich ein Engel – wenn auch ein außergewöhnlicher. Du kannst nichts dafür, was aus Dir wurde – aber Du kannst das Beste daraus machen.“
      Donna Diana sah ihn ganz erstaunt an – und Jessica staunte: „Woah – Sie sind aber echt cool!“
      „Das wird auch nötig sein – denn nun muss ich mich um einige katholische Abgesandte kümmern, die wissen wollen, warum ein katholischer Engel mit diversen Geheimnissen aus der Inquisitionszeit ausgerechnet hier aufgetaucht ist...“ lächelte der Mann müde – und alle zeigten auf Finley: „Wegen ihm hier.“
      „Ah – des `Teufel´s Advokat´, sieh an...“ lächelte der Mann – und Finley wurde rot.


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      The Halloween Hunt! A Daily Mirror Report by Shelley Winterhawk



      Mein Retter war sehr jung – aber er vermittelte den Eindruck, genau zu wissen, was er tat – und der Erfolg gab ihm recht. Er und seine Freunde waren offensichtlich alle Nightsider – und sie waren, neben einigen Polizisten, offenbar die einzigen, die nicht den Überblick verloren hatten. Gestern Nacht im Hyde Park hatte eine etwa 20 Mann starke Nospheratengang aus den Industriebrachen zur Jagd auf die Besucher des Halloweenumzugs geblasen – und das Chaos war perfekt.
      Inzwischen kommt es vor, daß ganze Gangs aus Nightsidern Passanten verschleppen. Nur gestern Nacht im Hyde Park stellte sich heraus, daß es offenbar zwei Meta-Fraktionen zu geben scheint. Die einen, die ein Leben außerhalb gesellschaftlicher und rechtlicher Normen leben wollen – wie die Terrororganisation `Free Jaws´ - und eben diese ganz besonderen Personen, die ich nun beschreiben werde.
      Sie wirkten wie ganz normale, moderne junge Leute. Etwas punkig und düster vielleicht – aber das ist heute ja nichts Ungewöhnliches.
      Ungewöhnlich aber war die Art und Weise, wie sie vorgingen – im Gegensatz zur üblichen Herangehensweise der randalierenden Horde wirkte ihr Vorgehen ungewöhnlich trainiert. Ich würde sogar fast sagen professionell. Ich hörte einen Satz, den ich dank dieses Erlebnisses nie vergessen werde: „Okay, das haben wir alle geübt - packen wir´s an.“
      Ausgesprochen hatte ihn ein junger Mann, der einen passablen und gutaussehenden Punkrocksänger abgegeben hätte – aber er bewies, daß er und seine `Truppe´ weit mehr konnten, als nur aussehen. Austeilen beispielsweise gehörte auch dazu – und dies auf wirklich beeindruckende Weise. Meine Erfahrungen und mein Wissen über PSI-Phänomene halten sich aus nachvollziehbaren Gründen in überschaubaren Grenzen – es war aber offensichtlich, daß diese kleine Gruppe ihr gesamtes Repertoire einsetzte, um die Ansammlung von Parkbesuchern vor der Gang zu schützen. Bemerkenswert war, daß der junge Mann hierbei auch von zwei Celestialen unterstützt wurde – einem kleinen Jugendlichen vergleichbaren Alters und einem sehr düsteren Mädchen – mit tatsächlich schwarzen Flügeln. Diese drei hielten die Gang mit wirklich riesigen Pistolen in Schach – vergleichbar denen, die die PSI-Einheiten der Polizei benutzen.
      Ich konnte einen kleinen Succubus beobachten, der sehr effektiv Erste Hilfe leistete, während ein schlanker, großer Nebelelb mit einem Funkgerät Verstärkung rief – die auch bald auf den Plan trat.
      Die zwei Aktivposten dieser Truppe allerdings waren zwei Mädchen. Eines, mit langen, eisfarbenen Haaren und sehr athletisch gebaut, hatte keinerlei Mühe damit, die Ganger mit einer Parkbank und einem Müllcontainer zu verprügeln, während das andere – eine sehr schlanke Asiatin – mit kaum messbarer Geschwindigkeit und einem eigenartigen Schwert sich den wirklich agilen Angreifern stellte.



      Orchestriert aber wurde dies alles von dem jungen Mann mit diesen irritierend ausdrucksstarken silbergrauen Augen, der bei unserer Gruppe blieb und uns bat, weiterhin hinter einem Trafohaus in Deckung zu bleiben, während er mit seinen zwei ungleichen celestialen Kameraden die Aufmerksamkeit der Ganger auf sich zog. Er hinterließ bei uns einen beruhigend souveränen Eindruck – sowohl als `Einsatzleiter´, als auch als `Leibwächter´.
      Ich als Journalistin habe schon Einiges erlebt – aber all dies geschah in einer Geschwindigkeit, die eine ganz andere Liga darstellte – wenn man als Mensch in eine Auseinandersetzung zwischen Nightsidern gerät, überlebt man nur durch schieres Glück – oder eben durch die Gegenwart eines wirklich vorausschauenden Individuums, das eine bewundernswerte Umsicht an den Tag legt. Ebenso bin ich immer wieder geschockt, wie laut Feuerwaffen tatsächlich sind – es ist kein Vergleich dazu, wie sie zumeist in Filmen dargestellt werden. Aber seit dem gestrigen Tag weiß ich, daß da draußen in dieser riesigen Stadt Leute unterwegs sind, die genau wissen, wie man mit einer solchen kiloschweren Macht in den Händen verantwortungsvoll und effektiv umgeht.

      British Press

      „Ich muss Ihnen gratulieren, Superintendent Henriksen – die Wahl für den Nachwuchs der P4, die Sie getroffen haben, ist wirklich extraordinär.“ hörte der Lycanthrop den Innenminister sagen, als er in seinem Büro diesen am Telefon hatte. Henriksen hatte die neueste Ausgabe der Zeitung vor sich liegen und musste grinsen: „Meine Jungz nennen das Blatt immer den `Daily Terror´ oder den `Daily Horror´. Mal was Nettes über die Polente zu lesen ist wirklich schön. Sehr amüsant finde ich ja, daß diese Dame unseren kleinen Wolkenpiraten echt für´nen Nightsider hält... muss aber dazu sagen, daß er tatsächlich irgendwie... anders ist, als er anfangs war. Der hoffnungsvolle Knabe entwickelt sich – recht vorteilhaft.“
      „Wie dem auch sei...“ räusperte sich Bascombe: „...so, wie es aussieht – und ich anhand der Fotos sehen kann - ist die Katze nun aus dem Sack. Nunja... das hat auch Vorteile. Das war, vor allem für diesen spontanen Zwischenfall, ein gelungener Start, finden Sie nicht? Ich denke, es wird nun Zeit für Plan B.“
      „Was soll das denn sein?“ fragte Henriksen nach und Bascombe antwortete: „Ein PR-Coup – nennen Sie es eine `Charme-Offensive´.“
      „Daily Horror.“ stöhnte der Lycanthrop und Bascombe lachte trocken: „Nunja – dank der Presse sind Ihre Schützlinge nun kleine Berühmtheiten – wie die Engel, die bei Ihnen arbeiten.“
      „Yeah – Matchbox und Mattel bringen von denen Actionfiguren raus und so´n Kram...“ nickte Henriksen belustigt und Bascombe fügte hinzu: „Denken Sie nur an den ganzen Big-Jim-Kram – und an G.I.-Joe von den Amerikanern. Das alles dient – neben dem, Geld zu machen – auch einem anderen Zweck.“
      „Und der wäre?“fragte Henriksen nach.
      „Den Leuten von kleinauf klarzumachen, daß sie eigentlich Unglaubliches erreichen können – sie müssen es natürlich zuerst mal selber wollen. Das wird heutzutage gerne vergessen. Es sind nicht immer `die anderen´, die in den Nachrichten und Magazinen auftauchen – diese anderen haben genau so angefangen wie jeder Mensch auf der Straße. Was wir brauchen ist Optimismus.“ erklärte Bascombe. Und er fuhr fort: „Ihre Truppe – und besonders Ihr Nachwuchs – sind ein Beispiel dafür, daß ein Miteinander tatsächlich möglich und für alle von Vorteil ist. Es kann dem Empire nur dienlich sein, diese Botschaft so gut wie möglich zu vermitteln.“
      „Propaganda also.“ stellte Henriksen nüchtern fest.
      „Sie können es gerne so nennen. Es ist nur wichtig, daß die Leute erfahren, daß wenn die Behörden und die Regierung jedem eine Chance geben – ungeachtet seiner Herkunft und Rasse – dies auch Privatunternehmen tun können und sollten. Und nun ist es ja auch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Privatsektor sich ungeahnte Möglichkeiten entgingen ließe, würde dies nicht umgesetzt.“ erwiderte Bascombe. Henriksen dachte nach – es gab tatsächlich Leute, die glaubten, daß Nightsider diejenigen, die hier arbeiteten als Verräter ansahen – aber das war natürlich Blödsinn. Menschen bekämpften sich seit Alters her gegenseitig. Bei Nightsidern war dies nicht anders. Das war etwas, das sie mit den Menschen gemeinsam hatten – ob sie wollten, oder nicht. Henriksen musste das ja schließlich wissen – er selber war ein Nocturnal. Also fragte er nach: „Okay – wie exakt sieht Plan B nun aus?“



      „Ich bin keine Asiatin.“ grummelte Sally und legte die Zeitung beiseite. Donna Diana indes staunte immer noch über die Berichte und all die Bilder darin – und meinte: „Aber das, was hier steht – ist doch gut, oder?“
      „Kann man wohl sagen!“ grinste Shannon, Elaine lehnte an der Wand und sah ebenfalls sichtlich... zufrieden aus, sofern man das bei ihr sagen konnte: „Ihr habt euch wirklich gut gehalten – dafür meinen Respekt.“
      „Naja... das wiederum haben wir wohl Dir zu verdanken.“ meinte Finley schüchtern: „Und ich besonders. Präkognition ist sehr hilfreich.“
      „Den Fluss eines Kampfes zu sehen ist immer hilfreich – es hilft einem die richtigen Entscheidungen zu treffen. Vor allem bei Gegnern, die schneller agieren können als man selber. Ich aber hätte nicht gedacht, daß Du darin so gut werden würdest. Also – nicht nach so kurzer Zeit.“ gab Elaine zu. Und Jessica lächelte ihn an: „Aber was hier steht, stimmt schon – Du warst echt ziemlich lässig, Finley.“
      „Öhm... naja – mein Vater sagte mir immer, daß es keinem hilft, wenn man wie viele andere planlos rumläuft, wenn´s brenzlig wird...“ meinte er leise.
      „Schon klar – ist aber ein Unterschied, wenn man sowas gesagt bekommt – und es dann nicht umsetzen kann. Du konntest das.“ nickte Lynn und Sally sagte einfach: „Klar konnte Finley das – er ist mein kleiner, niedlicher Trottel – und nach meiner `Spezialbehandlung´ schockt den so schnell nix mehr.“


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    • Du bist nicht der Chef!



      Finley atmete aus: „Doch – bin ich. Wenn auch nicht unbedingt freiwillig.“
      Wie war er doch gleich hier hineingeraten? Oh, ja – man hatte ihn `einstimmig´ zum `Anführerich´ gewählt. Anführerich – wieder eine von Jessica´s gewagten Eigenkreationen. Naja, immer noch besser, als ein Unromant zu sein – da war sich Finley sicher – zumindest... meistens. Nach der Aktion im Hyde Park vor zwei Tagen hatten sie nun jemanden von der Presse dabei – also jemand, auf den sie auch noch Acht geben mussten.
      Aber immerhin... Finley war inzwischen zu der Erkenntnis gekommen, daß er dank Elaine alles wusste, was man als Mensch (oder etwas Vergleichbares) zwischen Nightsidern zum Überleben braucht. Das macht gelassen. Es gab also nur zwei Möglichkeiten – er schafft´s – oder er schafft´s nicht. Sich da noch mit Wenns und Abers aufzuhalten würde alles nur verschlimmern...
      Allmählich kam Finley dahinter, weshalb Elaine immer so ruhig war – und das war etwas, dem er viel abgewinnen konnte.
      Halloween wurde hier (wie konnte es anders sein) eine Woche lang gefeiert – global. In Lateinamerika ist es beispielsweise die Semaná de los Muertos. Eine eigenwillig charmante Form der Morbidität konnte man dieser Welt wirklich nicht absprechen... wie dem auch sei – einen Tag nach der Geschichte mit den Nospheraten ging ein Brief bei Henriksen ein – in diesem stand, daß der Anführer der Dark Defilers, einer Lycanthropengang `mit dem Typen reden will, der die Sargeinlagen aufgemischt hat´. Es verstand sich wohl von selbst, daß Finley den genauen Wortlaut gegenüber Sally nicht erwähnte. Nun gut – was soll´s? Henriksen unterhielt sich mit Finley und klärte ihn auf: „Schwere Jungz – organisiert, bewaffnet, wozu auch immer und arbeiten mal als Türsteher, mal als Leibwächter – und vielleicht – dafür fehlen die Beweise – auch als Killer. Und weshalb da die Beweise fehlen, kannst Du Dir ja denken...“
      Natürlich konnte Finley sich das denken – zwei Fliegen mit einer Klappe: Spiel, Spaß, Spannung – und kein Stück Schokolade. Sind wahrscheinlich hier und da einige Leute `verschwunden worden´. Und nun hatten diese Lycanthropen gehört, daß die P4 nicht unwesentlich vergrößert werden würde – und wollten wahrscheinlich mal die Fühler ausstrecken...
      Deshalb war Finley hier. Hier... war eine alte Jugendstilvilla in den Randbezirken, deren nicht gerade kleiner Vorgarten – oder eher ein verwilderter Park – hinter dem drei Meter hohen Schmiedeeisenzaun mit diversen Motorrädern, kleineren Hütten und Zelten zugestellt worden war. Graue Wolken hingen tief am Himmel – so richtig hell wollte es heute wohl nicht werden. Und selbst wenn man keine so gute Nase wie Jessica hatte, war klar – hier lebten ausnahmslos Lycanthropen. Der Geruch an sich war nicht zu definieren – aber er löste etwas in einem aus – irgendwas, das sich am besten als... `Urzeit-Feeling´ umschreiben ließ. Archaisch, anachronistisch, anarchisch – man merkte förmlich, wie hier das System hochfuhr. Und Finley hatte noch genau im Ohr, was Jessica ihm über die `Umgangsformen´ in den Rotten gesagt hatte, als einer der Typen vor der Einfahrt ihn und die anderen musterte – und schief grinste: Du... bist nicht der Chef!“



      Finley atmete aus: „Doch – bin ich. Wenn auch nicht unbedingt freiwillig.“
      „Du bist´n Mensch! Was kann so einer wie Du denn...“ grinste der Mann – und landete mit dem Gesicht im Gras, während Finley ihm fast die Arme auskugelte: „DAS... kann ich – und noch so Manches mehr. Interesse, es herauszufinden?“
      Hebelwirkung – Elaine hat Finley auf die ziemlich schmerzhafte Art gezeigt, daß man auch ohne immense Kräfte viel ausrichten kann – wenn man weiß, wie. Und während Jessica grinste und der Kumpel des Typs sich kaputtlachte, stand Finley wieder auf. Und da stand er dann wieder – die Hände in den Taschen seiner Jacke – und leihweise Jessica´s `Terminator-Sinnenbrille´ auf.
      Er beobachtete den Kerl ruhig, der fluchend und schwankend aufstand und seine Schultern probeweise bewegte: „Ich denke, der Tag ist ziemlich kurz für so einen Blödsinn – euer Chef wollte mich sehen – also... was ist jetzt?“
      „Bist Du verwanzt?“ fragte der andere und Finley lächelte: „Der Kammerjäger würde Überstunden schieben.“
      „Sehr witzig. Sind das da alle Deine Kumpelz?“
      „Öhhm... nein – die, die Du jetzt nicht siehst, die spielen gerade mit großen, dicken Gewehren.“
      „Clown gefrühstückt?!“ fuhr der eine Mann auf und Finley sah ihn interessiert an: „Ich dachte, das wäre euer Job?“
      „Okay...“ schob der andere seinen aufgebrachten Kumpel zur Seite: „Bist Du bewaffnet?“
      „Na klar.“ erlaubte Finley sich ein kleines Lächeln. Die zwei sahen sich an – und dann hielt der `Grasfresser´ die Hand auf: „Her damit!“
      „Vergiss´ es.“ erwiderte Finley. Der andere grinste breit: „Du hast echt Messingklöten, Mann!“
      „Im Gegenteil – ich hab´ Bammel wie nie zuvor. Deshalb bleiben meine Kanonen genau da, wo sie sind.“ gab Finley zurück – und legte den Kopf schief: „Was ist los? Ihr wolltet was von uns, nicht umgekehrt – und das zu euren Bedingungen – und die sind: Haufenweise Kumpelz und Heimvorteil. Und da habt ihr plötzlich Bedenken vor dem kleinen Mensch hier?“
      Schweigen.
      „Du... pokerst echt hoch.“ flüsterte Sally, die neben Finley stand. Er erwiderte: „Etwas Stärke zu demonstrieren kann nicht schaden.“
      Schließlich wurden sie durchgelassen – zumindest Sally und Finley. Natürlich waren Waffen auf sie gerichtet – dagegen war wohl nichts zu machen. Finley stellte erstaunt fest, daß ein gewisses Maß an Fatalismus des Öfteren als Mut interpretiert wird. Nun, in diesem Falle war das nur dienlich.



      Das Anwesen an sich war wohl den Führungskräften vorbehalten – auch hier drinnen setzte sich der Hang zum Dystopischen fort – eigenartige Trophäen an den Wänden, alte Teppiche und ebenso altmodisches Mobiliar – gepaart mit einigen alten Fernsehern und Videorecordern. Sally musterte die Typen, die hier rumhangen. Sahen eigentlich aus wie die typischen Motorradkerle. Sie hatte schon einen Plan im Kopf, wie sie vorgehen müsste – ein Samurai sagte einmal vor einem aussichtslosen Kampf: „Daß wir sterben, ist sicher – nur die Reihenfolge steht noch nicht fest.“
      Für Sally hingegen gab es notfalls durchaus eine Reihenfolge – sie und Finley kamen darin nicht vor, soviel war schon mal klar. Wäre ja noch schöner...
      Sie kamen auf eine Terrasse, von der aus man einen alten, von Säulen und großen Blumenkübeln umrahmten Pool sehen konnte, der nicht gerade klein war. Der hatte nicht eventuell eine Leiter oder so etwas – sondern so etwas wie eine breite Schräge, um in das inzwischen leicht grünliche Wasser zu kommen, auf dem etwas welkes Laub trieb. Herbst... Hohe Bäume, die im Wind rauschten und hohes, verblühtes Gras... Irgendwie gefiel Sally das hier.
      Und aus dem Pool stieg eine Person, der man auf Anhieb abnahm, daß sie diese Gang anführte. Sie war ziemlich groß – und sehr imposant. Eine Lycanthropin mit einem Charisma, das alle Leute sich zu ihr umdrehen ließ, sobald sie einen vollen Saal betrat. Vom Alter her war sie wohl etwas erwachsener als Jessica, also an sich ein `großes Mädchen´. Aber da endeten die Gemeinsamkeiten dann auch. Da, wo Jessica schon fast niedlich war, war sie von geradezu herrischer Eleganz. Ihr leicht kantiges Gesicht, die braune Haut und das glatte, schwarze Haar passten gut zu ihrem langgliedrigen, sehr athletischen Körper, der... nackt war. Bis auf so etwas wie eine Radlerhose, wie Finley beruhigt feststellte, während sie aus dem Wasser kam. Hätte man sie mit weißem Pulver überschüttet und überredet stillzustehen, könnte sie auch als eine wirklich bemerkenswerte, klassische Statue durchgehen. Aber sie bewegte sich... auf Finley zu – und sagte mit einer eigentlich recht angenehmen, dunklen Stimme: „Ich bin Alpha – mein Name ist Eve.“



      `Alpha wird wohl sowas wie ein Rang sein...´ dachte sich Finley und wunderte sich über ihre fast altmodische, akzentfreie Art zu reden. Bestes Oxford-Englisch. Alles an dieser Frau sagte aus: `Ich Chef – Du nix.´ Und das schien auch bei einem wilden Haufen wie diesen Lycanthropen zu funktionieren. Eve ging neugierig um Sally und Finley herum: „Ist sie hier... Deine Assistentin? Sie ist bemerkenswert...“
      Sally rührte sich nicht – aber ihre Alarmglocken schrillten auf Hochtouren. Und Finley bemerkte einen Geruch, der von Eve ausging – wie... heißes Rauchsalz. Und seine Seelensicht – nun schon trainierter und subtiler - verriet ihm noch mehr. Diese Frau würde sich wie Jessica ebenfalls nie verwandeln. Aber nicht, weil sie es vielleicht nicht konnte. Nein, sie würde es entwürdigend finden. Alles, was Eve bisher erreicht hatte, hatte sie auch so geschafft – ohne `ein wildes Tier´ zu werden. Eve war jemand, der es hassen würde, eventuell die Kontrolle zu verlieren. Ihre Selbstbeherrschung und immense geistige Stärke war etwas, auf das sie sehr stolz war – das hatte sie trainiert. Und so musterte sie Finley mit nicht geringem Interesse: „Du also bist derjenige, des es schaffte, mit einem so... seltsamen Sammelsurium von Individuen einen Nospheratenangriff zu stoppen... Ich muss sagen, ich bin etwas überrascht...“


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    • Sally



      ...hatte Finley gezeigt, was Geschwindigkeit wirklich bedeutet – so wusste er also, worauf er seine Seelensicht eichen musste – auf Personen, die sich so schnell bewegen, daß es physikalisch eigentlich kaum noch erklärbar war. Das war der Grund, weshalb er den Hyde Park nicht nur überlebt, sondern auch gemeistert hatte. Und das war auch der Grund, weshalb Eve wie aus dem Nichts...
      ...in ein anderes Nichts schlug – weil Finley schon ganz woanders stand. Verwundert stoplerte sie einen Schritt vor, durch den eigenen Schwung getragen – und mit einem leichten Schubser von Finley... landete sie wieder im Pool. Und während noch Spritzen, Fluchen und Wettern aus dem Wasser zu hören war, grinste Sally neben Finley: „Saucool – Du lernst wirklich schnell...“
      „Das ist auch gut so – denn ansonsten wäre ich in dieser Welt wirklich schnell tot.“ gab Finley knapp zurück und Sally sah in den Pool: „Hähä... Was´ los? Haste Dich zum `Seewolf´ umschulen lassen?“
      „Ich bin eigentlich nicht hier, um mich mit Dir zu prügeln...“ meinte Finley – aber Eve sprang wieder aus dem Pool: „Tja – aber das hier ist unser Gebiet. Unser Gebiet – unsere Regeln!“
      „Ah...“ lächelte Finley matt: „...so ist das also – Ihr betrachtet das alles auf die sportliche Weise?“
      „Klar!“ rief einer der Zuschauer vom Balkon und die anderen gröhlten. Ein anderer rief: „Alles ist ein Wettkampf – das ganze Leben ist ein Wettkampf!“
      Finley blinzelte zu den Lycanthropen auf dem Balkon und auf der Terrasse: „Soso – also ist die Jagd... auch nur ein Spiel?“
      „Und? Wir spielen mit dem Essen – die mit ihrem Leben!“ antwortete einer der Männer und alle lachten. Finley hingegen lächelte säuerlich: „Also, diesen skurrilen Sinn für Humor muss man auch mögen, denke ich...“
      „Tja, Kleiner... ich denke, Deine Schnitte sieht das ähnlich!“ grinste einer der Lycanthropen vom Balkon runter. Und Finley sah aus den Augenwinkeln, wie sich wieder diese kleinen, samtigen Falten auf Sally´s Nasenwurzel bildeten. Das passierte immer, wenn sie sauer wurde. Und er meinte lakonisch: „Was soll ich sagen? `Schnitte´ trifft´s recht gut – denn sie kann wirklich recht ordentlich `schnittern´.“
      „Ich aber stehe hier, um herauszufinden, was DU kannst!“ sprang Eve Finley an – und konnte noch während ihrem kraftvollen Sprung verblüfft zusehen, wie Finley einfach... gemächlich fast... aus dem Weg ging. Präkognition ist wirklich hilfreich, dachte sich Finley. Lycanthropen sind nicht so schnell wie Nospheraten – dafür aber ungemein stark. Beide sind auch unglaublich zäh – wenn auch auf unterschiedlicher Weise. Nospheraten können Verwundungen wegstecken, die jeden normalen Menschen auf der Stelle töten würden – diese können regeneriert werden, was sie aber ziemlich auslaugt und über die Maße hungrig werden lässt. Man ist dann besser nicht zugegen.
      Lycanthropen wiederum vertrauen auf ihren Dickkopf – wortwörtlich. Je besser sie die PSI-Fähigkeit Seelenpanzer beherrschen, desto unverwüstlicher werden sie.
      Beides keine einfachen Gegner.
      Weshalb Elaine mit Finley auch ziemlich viele Überstunden geschoben hatte. Und so konnte er auch weiter in seiner übereifrigen Gegnerin lesen, die ihm gerade wie in Zeitlupe ungläubig hinterhersah – und mit Volldampf in eine fast mannshohe, alte Terracottavase krachte. Wieder Fluchen – und Gelächter vom Haus. Es blieb wohl noch abzuwarten, ob diese Scherben wirklich Glück brachten – und vor allem wem genau sie dies brachten. Inzwischen wusste Finley auch, was es mit diesem `Venus-von-Milo-Auftritt´ auf sich hatte. Eve ging offenbar davon aus, daß dieser Kampf eventuell in eine ziemliche Ferkelei ausarten würde – also traf sie Vorbereitungen. Sie mochte es offenbar nicht, sich die Kleidung mit Blut zu versauen. Momentan aber sah es mehr so aus, als würde sie hier alles vollferkeln – mit ihrem eigenen Blut, als sie die Scherben aus einigen Wunden zog. Das Gröhlen von Haus her wurde sogar noch lauter – und einige ungute Geräusche wurden hörbar. Knurren und Brüllen. Einige von den Typen verwandelten sich offenbar, während bei Eve die Stimmung langsam aber sicher von freudiger Erregung in Verärgerung umschlug. Offensichtlich war sie es nicht gewöhnt, eine solche Situation zu erleben. Denn sie war eine Gewinnerin. Das war sie schon immer. Warum also bekam sie diesen schmalen Kerl nicht zu fassen? Wie stand sie denn jetzt da? Alle sahen zu – sie war die Alpha! Das alles hier war dazu gedacht gewesen, den Männern zu zeigen, daß man sich vor dieser... Polizei nicht fürchten muss. Und nun...
      Was als eine Machtdemonstration gedacht war, drohte aus dem Ruder zu laufen – mit Eve´s Ruhe und Gelassenheit war es bald vorbei. Es wurde also Zeit, etwas zu wagen...
      Vor Wut brüllte Eve auf und wollte sich auf Finley stürzen – und da war er schon direkt vor ihr. Wieder so seltsam langsam, aber auf eine unbegreifliche Art und Weise unabwendbar. Eve spürte seine Hand an ihrem Hinterkopf – und eine riesige Pistole, die ihr tief im Hals steckte. Und Sally bekam große Augen: „Uhhh... Geil – ich will das auch!“
      Absolute Ruhe – jeder hatte nun begriffen, daß hier etwas vor sich ging, das nicht simpel zu erklären war. Dieser Kerl war doch nur ein Mensch – oder? Eve erstarrte – sie konnte fühlen, wie dieser... Stahlbarren schon halb in ihrer Speiseröhre steckte, als Finley flüsterte: „Fragst Du Dich, wie das möglich ist? Ich ehrlich gesagt auch...“
      Irgendwie spielte Eve´s Geist ihr einige Streiche – sie schmeckte Finley´s Finger auf ihrer rauhen Zunge – sie hatten sich ein wenig an ihren Zähnen geritzt, was den Geschmack noch auf geradezu verführerische Weise verstärkte – wäre da nicht dieses vorherrschende Aroma nach Metall und einem Anflug von Waffenöl, wenn sie schluckte... Wie einzigartig! Sollte sie Angst haben – oder eher erregt sein? Aber sie hörte genau zu, wie Finley weiterflüsterte: „Ich verfüge aus gewissen Gründen über 900 Jahre Erfahrung im Umgang mit übermächtigen Wesen wie Dir. Ich weiß also, was Du tust, bevor DU es weißt. Wollen wir diese Farce jetzt nicht besser beenden?“
      Er beobachtete Eve genau – und war unterbewusst gefesselt von ihrer Kopfform. Möglicherweise war sie schon auf ihre Weise verwandelt – sie hatte einen leicht gestreckten, elegant-kantigen Schädel, der mit ihrem leicht vorstehenden Gesichtskiefer wundervoll harmonierte. Sehr faszinierend... Aber beide wurden unterbrochen, als etwas Riesiges und Haariges einen Schatten auf sie warf: „Okay – beenden wir das. Mach´sie platt – und ihr zwei könnt gehen.“



      Finley und Sally sahen den Lycanthropen an – und dann sich: „Was will´n der jetzt?“
      „Keine Ahnung.“
      „Ist doch logisch.“ grinste das dunkelgraue Ungetüm: „Ihr erledigt sie. Sie hat´s vergeigt. So läuft das hier. Ich werde Alpha – und alles ist wieder in Butter.“
      Lautes und zustimmendes Gebrüll kam vom Haus herüber – und Sally sah eine niedergeschlagene Eve am Boden kauern: „Allzuweit ist´s mit der Loyalität bei euch ja nicht her, hm?“
      Finley musterte den Riesen und überlegte: „Klingt eigentlich logisch – da hast Du recht. Da gibt´s nur ein Problem...“
      „Ach? Sag nur – was soll das sein?“ fragte der Hüne unwirsch. Finley lächelte: „Ich habe euren kleinen von Vorneherein inszenierten Wettkampf also gewonnen, richtig? Sollte... ICH nicht derjenige sein, der bestimmt, wie´s weitergeht?“
      „Oh? Was willst Du tun? Das hier ist UNSER Revier.“ entgegnete der Riese und Finley hob die Hand: „Nur keine Sorge – ich werde hier bestimmt keine Duftmarken an die Bäume setzen... ich bestehe allerdings auf meinem Recht.“
      „Das können wir gleich hier regeln...“ richtete das Ungetüm sich bedrohlich auf – und Finley flüsterte Sally zu: „Wie war das? Battojutsu?“
      Ein breites Grinsen verfinsterte Sally´s Gesicht – und sie drehte sich zu dem riesigen Lycanthropen um: „Ich bin dran.“
      „Ich steh´ auf Gleichberechtigung!“ streckte der Riese sich zuversichtlich durch und Sally sah zu ihm auf: „Du stehst auf Deinen fusseligen Stelzen – aber das kann ich ändern.“



      Blitzschnelle Lichtreflexe erschienen und seltsame, nass klingende Geräusche waren zu hören – und Sally stand wieder ungerührt da. Und als ihr Mantel wieder herabsank – fiel der Riese von seinen Füßen – seine Pranken fielen von seinen Armen und seine Schnauze fiel von seinem Schädel. Brüllend und blutend wand sich der Rest verstümmelt am Boden, während Finley nachdrücklich fragte: „Noch jemand hier, der Alpha werden möchte?“
      Waffen richteten sich auf die beiden – und dann erschienen grell leuchtende, rote Punkte auf den Brustkörben derjenigen, die diese Waffen hielten. Finley atmete resignierend aus: „Ich sagte doch – große, dicke Gewehre. Seid ihr nicht die mit den guten Ohren?“


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    • Und Sally



      ...war schnell verschwunden. Finley aber half Eve auf die Beine – und... schien mit ihr einfach zu verblassen. Und einer nach dem anderen verschwanden auch die Laserpunkte. Irritiert und unsicher sahen sich die Lycanthropen um – konnten aber nichts finden. Ja, sie konnten nicht mal was riechen – denn sie waren auch die mit den guten Nasen. Fading... war ein faszinierender Trick. Man verabschiedete sich einfach aus der Wahrnehmung aller anderen.
      Wandte man diesen Trick in einer überfüllten Menschenmenge an, konnte man ein anderes rätselhaftes Detail erleben. Die Leute sahen einen nicht, gingen einem aber aus dem Weg. Es war gerade so, als würde sich das Unterbewusstsein dieser Passanten schlichtweg weigern, einen zu registrieren. Es war momentan auch die einzige Methode für Finley, mit Eve nahezu unbemerkt die Verschwinde zu machen. Sally war so rasend schnell – die kam klar. Was sagte er – die kam schon klar, da wusste er von ihr noch nichts.
      „Warum tust Du das?“ fragte Eve leise, während sie sich von Finley an der Hand zwischen ihren ehemaligen Gefährten hindurch aus der Villa führen ließ.Er konzentrierte sich weiter: „Körperkontakt ist wichtig – wenn ich Dich loslasse, werden sie Dich sehen.“
      „Ich meine... weshalb hilfst Du mir?“ wollte sie wissen und Finley meinte leise: „Ich kam nicht hierher mit der Absicht, Dich zu blamieren – schon gar nicht, um dafür zu sorgen, daß sowas passiert.“
      Sie gingen durch den riesigen Vorgarten und er meinte: „Daß es soweit kam, war... dumm. Das bedeutet aber nicht, daß ich danebenstehe und einfach zusehe, wie jemand umgebracht wird.“
      „So ist das bei uns... Das ist seit alters her so.“ flüsterte Eve und Finly sah sie scharf an: „Es war bei uns früher auch Tradition, Leute wegen allem möglichen Blödsinn zu steinigen! Aber wir sind in der Hinsicht wenigstens schon moralisch etwas weiter. Dumme und gefährliche Bräuche gehören abgeschafft! Wir verbrennen ja auch keine Hexen mehr!“
      Dann, als sie draußen im gegenüberliegenden Park dieses alten, verfallenen Vorortes waren, meinte er simpel: „Außerdem liegt euer Revier in MEINEM Revier. Und da passiert – wenn Du so willst – nur das, was ICH für richtig halte. Und ich werde so einen Unsinn nicht dulden. Abgesehen davon: Jemand wie Du – so stark und stolz – sollte mit seinen Fähigkeiten etwas Sinnvolles anfangen, anstatt mit so einem Haufen Asos rumrandalierend durch die Gegend zu marodieren. Solltest Du mal drüber nachdenken.“



      Eve sah ihn erstaunt an. Dann fragte sie: „Was soll ich denn schon groß machen? Diese Gesellschaft... die Menschen... trauen mir nicht.“
      „Das wundert Dich? Würdest Du jemandem trauen, der Deine Nachbarn und Verwandten frisst?“ fragte Finley retour. Demonstrativ zog Eve ihre Hand aus seiner – und blieb stolz und aufrecht stehen: „Was glaubst Du eigentlich, wen Du vor Dir hast? Eine müllschluckende Fressmaschine? Ich gestatte nicht jedem, von mir verschlungen zu werden. Ich bin NICHT wie die anderen!“
      Und Finley grinste: „Gut zu sehen, daß Du wieder Du bist. Und sieh mal hier...“
      Er wies auf Jessica: „Dies ist eine meiner Kolleginnen – Jessica. Sie ist auch eine Lycanthropin.“
      Eve musterte neugierig das blauhaarige, punkige Mädchen mit den abenteuerlichen Klamotten und dem riesigen Tunguska-Gewehr - und Jessica wurde rot: „Najaaa... so ganz wohl nicht. Ich kann mich nicht verwandeln...“
      „Bewundernswert... ich wollte, ich könnte das auch... nicht können.“ staunte Eve und Jessica legte den Kopf schief: „Ist alles klar bei der? Sie ist fast nackt, total nass – und sie blutet!“
      „Schon gut, schon gut...“ tauchte Sally hinter einer Eiche auf – und legte Eve ihren Mantel um: „Ich muss diese Kittel echt im Dutzend besorgen – dauernd packe ich damit irgendwelche Leute ein...“



      „Aufschlussreich.“ kam Henriksen zum Schluss, nachdem er sich hatte ins Bild setzen lassen. Dann resümierte er: „Okay – nun haben wir einen Satz Lycies, die sauer auf Dich sind – und einen Bande von Nosphies. Du machst Dich, Kleiner. Viel Feind – viel Ehr!“
      „Darauf könnte ich verzichten.“ grummelte Finley und Henriksen grinste breit: „Tja, diese Typen sind nachtragend. Das nächste Mal empfehle ich Folgendes: Lass´ Deinen Haufen von der Kette und keinen mehr übrig, der sauer auf Dich sein könnte, harhar...“
      Finley sah ihn sprachlos an. Und Henriksen lehnte sich an die Kante seines Schreibtisches: „Hey, diese Typen fressen Bürger! Das Empire verhandelt nicht mit Terroristen - und fasst sie auch nicht mit Samthandschuhen an. Klar?“
      „Leuchtet ein.“ gab Finley zurück, als die Tür aufging – und Messinah hereinkam, gefolgt von Cyrene, die Eve inzwischen in einen Satz neuer Klamotten verfrachtet hatte. Vorzugsweise welche, die ähnlich aussahen, wie die, die Eve gewohnt war: Motorradstiefel, Jeans, breite Gürtel, eine Weste und ein weißes T-Shirt. Selbst in diesen Sachen wirkte sie würdevoll wie eine Königin. Sie setzte sich einfach auf die Armlehne von Finley´s Sessel und legte einen Arm um ihn: „Wo waren wir stehengeblieben... Oh ja...“
      Sie beugte sich leicht zu ihm runter und flüsterte: „Dir... würde ich es erlauben, in meinem Schlund zu enden, hähä...“
      „Du hast Geschmack.“ kommentierte Sally trocken: „Das sah ich schon an Deinem Haus. Aber Vorsicht – wenn hier jemand Finley´n bisschen frisst, bin ich das.“



      Konsterniert hob Finley eine Braue und Eve zog einen Flunsch: „Gemein... können wir teilen?“
      „Ich denk´ drüber nach. Aber nicht heimlich naschen – sonst schleif´ ich Dich persönlich zu Deinen sauberen Kumpelz zurück.“ grinste Sally. Und Cyrene beugte sich von hinten über Finley und lächelte ihn an: „Theheee... sie mögen Dich! Hast Dich ja gut eingelebt!“
      „Öhm... ja. `Mögen´ kann man auch anders definieren.“ gab Finley verwirrt zurück. Messinah aber kam mit ihren Unterlagen zu Henriksen und meinte: „Die wird wieder – ist wie ein Shire Horse gebaut, die Gute.“
      Dann holte sie einige weitere Unterlagen hervor und begann Henriksen etwas zu erklären: „Lycanthropen und Ereboiden haben eine sehr variable DNA-Struktur. Aber auch sie wird mit der Zeit stabiler – und sie ist lernfähig. Sie, mein Bester, könnten wahrscheinlich nach all der Zeit gar nicht mehr wie ein Mensch aussehen.“
      Dafür gibt’s auch keinen Bedarf. Warum soll ich mich verstellen?“ gab Henriksen zurück und Messinah wandte sich an Eve: „Und Du hast bisher der Versuchung widerstanden zu `werden´. Halte noch etwas durch – und Deine Erbanlagen werden so stabil, daß Du gar nicht mehr mutieren kannst. Aber bei PSI-begabten Leuten ist es so, daß der Körper ein Werkzeug des Geistes ist – nicht umgekehrt. Sollte sich an Dir also was ändern, ist es Dein Unterbewusstsein, das dies bewirkt.“
      Und gerade, als Eve strahlend etwas sagen wollte, kam Henriksen ihr zuvor: „Und nun zum Geschäft: Umfassende Aussage zu den vergangenen Aktivitäten Deiner Gang – und KEIN Zeugenschutzprogramm. Dafür ein nettes, kleines Boot Camp – für unsere süße, schnuckelige `Fremdenlegion´ hier. Dann kannst Du zeigen, daß Du zur Abwechselung mal wirklich Grund hast, auf was stolz zu sein. Also?“
      „Das... würden Sie tun?“ wunderte sich Eve. Henriksen sah sie genau an: „Mangel an geeignetem Personal macht Manches möglich in Krisenzeiten. Du hast Dir garantiert schon illegalerweise den einen oder anderen eingeworfen – Du wärst also der Super-Knacki in unserer Truppe – sogar noch vor Donna Diana, denn Du wusstest schon immer genau, was Du getan hast.“
      Dann kam er zu ihr rüber und knurrte: „Und damit wir uns da gleich verstehen: Sollte ich herausbekommen, daß Du Murks gebaut hast – fällt das auf mich zurück. Aber bevor ich hier die Segel streiche, reiße ich Dir den Hintern bis zu den Ohren auf, packe da rollige Katzen und rostiges Besteck rein – und dann nähe ich ihn wieder zu. Ist das angekommen?“

      „Ist der immer so?“ sah Eve sich noch mal misstrauisch um, als sie das Präsidium verließen und Shannon grinste: „Ach was! Heute ist er echt gut drauf... Aber Du bist nun mal beileibe kein unbeschriebenes Blatt...“
      Dann ging Shannon zu Finley rüber – und Lynn tauchte auf der anderen Seite auf: „Okayyyy... nun sag mal...“ grinste sie und Shannon setzte die Frage fort: „Was ist das Geheimnis Deines Erfolges... bei Frauen?“
      Finley sah die beiden fassungslos an: „Irgendwie... wollen die mich alle fressen oder sowas und ich muss sagen, ich weiß noch nicht so recht, was ich davon zu halten habe. Kann man da von Erfolg sprechen?“
      „Natürlich! Guck Dir Jessica und Daniel an!“ lächelte Shannon und Lynn nickte breit grinsend: „Musst noch Einiges lernen, was Nightsider angeht – nun wird’s ultra-erotisch und super-intim! Glückwunsch, Boss!“


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    • Das Empire



      ...wird erpresst. Das ist ein unhaltbarer Zustand.“ kommentierte Innenminister Bascombe das, was Henriksen und Messinah gerade erfahren haben: „Deshalb habe ich auch zugestimmt, gewisse Leute aus dem Innendienst abzustellen, um... auszuhelfen.“
      „Und natürlich die Tatsche, daß man bei der Gelegenheit mit etwas Glück auch die als vermisst geltende Miss Larissa Clearwater publikumswirksam rauspauken kann...“ grinste Henriksen breit und Bascombe fiel ihm ins Wort: „Das ist der nächste Punkt. Wie ich bereits erwähnte: Das Empire wird erpresst. Der Lord of Skye wird erpresst. Zuständig für Rüstungsbelange sollte er wichtige Interna – vor allem geheime – an eine Gruppierung weiterleiten, die sehr... sagen wir `ostblock-freundlich´ ist. Diese Subjekte sind verantwortlich für das Verschwinden von Miss Clearwater, welche, wie Sie wissen, mit dem Lord of Skye verwandt ist. Das können wir uns nicht bieten lassen. Daher wurde entschieden, dieser unerfreulichen Tatsache mit einem All-Out-Einsatz zu begegnen. Damit alle Welt sieht, daß es eine schlechte Idee ist, den britischen Löwen zu ärgern.“
      „Und wir sind mit von der Partie, weil... ?“ fragte Henriksen nach – und Bascombe erklärte: „Weil Sie besonders gut brüllen könn... Ach was, weil wir vermuten müssen, daß Nightsider involviert sind. Zudem – der KGB kennt viele unserer Leute. Es wird Zeit für neue Gesichter – und für welche, die dafür sorgen können, daß man sich nicht an sie erinnert – und falls doch, dann nur äußerst ungern. Dies wird ein sehr... britischer Einsatz werden.“
      „Ich bin... interessiert!“ schlug die mondäne Lady Messinah Pendragon die Beine übereinander und zog an ihrer Zigarettenspitze. Bascombe zog eine Braue hoch: „Waren Sie eigentlich schon mal in Westdeutschland?“
      „Klar! Sie nicht?“ fragte die rothaarige Frau zurück und meinte auf deutsch: „Ich bin Ihre M, Ihre Q – und Agentin 00Sex in einer Person, hähähä... Warten Sie´s nur ab...“

      Die Vorbereitungen waren bald in vollem Gange. Donna Diana war sehr überrascht, ausgerechnet von Ivy Unterricht im Schwertkampf zu erhalten – und das dazugehörige Schwert. Es war ebenfalls einer der typischen Bidenhänder, wie die Celestialen sie bevorzugten – aber nicht aus Lemanthan – sondern aus Halconit. Dieses bläulich-schwarze Metall war eine psi-reaktive Variante von INCONEL-X, einem Material, das beim Bau der X-15 und der SR-71 Verwendung fand. Also eine Waffe, die theoretisch...
      „...schier unverwüstlich ist. Ich dachte mir, daß dies vielleicht etwas wäre, das Dir... helfen? Gefallen? ...könnte.“ holperte sich Ivy zurecht – eine Entschuldigung fiel ihr nach wie vor schwer. Donna Diana sah Ivy verwundert an – und bestaunte das wie brüniert wirkende, massive und opulent gestaltete Schwert, das in etwa genau so lang war, wie sie selber: „Das ist... sehr viel gut! War bestimmt teuer...“
      Verlegen kratzte sich Ivy im Nacken: „Och... eigentlich nicht – hab´ es aus unserer Waffenkammer `requiriert´, sozusagen.“
      „Du hast es... geklaut?!“ staunte Donna Diana mit großen Augen und Ivy zischte: „Nicht so laut! Du blökst ja die halbe Nachbarschaft zusammen!“
      Sie setzte sich zu der düsteren spanischen Frau und meinte dann: „Der Holy Requisitioner und Finley haben recht. Du bist ein Engel – deine Manifestation hat es bewiesen – auch, wenn Großmeister Gabriel es nicht wahrhaben will. Ich werde eine Schwester nicht unvorbereitet in diese Welt entlassen. Also gibt’s nun ein wenig Waffenkunde von mir – nebst einer Einführung in die Geheimnisse dieses ganz speziellen Schwertes.“
      Donna Diana betrachtete dieses wuchtige Ding, das eher wirkte wie ein geschliffener Stahlträger mit Griff. Die Spitze war sehr breit – und die Klinge hatte einen flach-sechskantigen Querschnitt. Über und über mit sehr feinen Gravuren bedeckt stand dort über der Parierstange in Latein VLTIMA RATIO, wo bei Ivy´s irritierend bläulich-silberner Klinge LVX ATREON zu lesen war.



      Cyrene hingegen `impfte´ mit Hilfe von Messinah geeignete Mitglieder der `Einsatztruppe ALBION´ mit einem Trick, der vor allem für Agenten hilfreich sein könnte – aber dieser Trick hatte in der Vergangenheit schon oft für großen Ärger gesorgt. Es war die Fähigkeit der Ereboiden, Dinge und Lebewesen in ihrer Größe zu beeinflussen. Jemanden beliebig klein zu machen, salopp gesagt. Messinah hingegen hatte dem Trick noch einen weiteren Aspekt hinzugefügt – sie konnte sich – oder andere vergrößern. Diese wirklich unirdische Fähigkeit war dermaßen fremdartig und einschüchternd, daß alle, die dem beiwohnten, tatsächlich erst mal etwas Luft brauchten, damit ihr Verstand... aufholen konnte.
      Am geeignetsten für diese neue Fähigkeit erschienen den zwei Frauen, die sich geradezu diabolisch gut verstanden ausgerechnet Eve... und Sally. Und die grinste breit: „Seeehr gut... Kenne da einen Japaner, der darauf voll abfahren würde...“
      „Sind die nicht schon klein genug?“ fragte Lynn nach und Sally hob den Zeigefinger: „Nanana... keine Vorurteile, ja? Muss sagen, das von DIR zu hören...“
      „Schon gut!“ lachte Lynn und meinte dann: „Viel Spaß damit – bin nur echt froh, wenn ich damit in Ruhe gelassen werde...“
      „Warum eigentlich?“ fragte Eve nach und Lynn sagte knapp: „Vorurteile. Ich bin so schon gestraft genug – das reicht. Ich muss nicht alle Ängste bestätigen.“
      „Warum gibt’s so eine Fähigkeit eigentlich?“ wunderte sich Finley und Messinah sagte: „Weil sie sich mal jemand ausgedacht hat. Wie ich sagte: PSI-Fähigkeiten ermöglichen einem eigentlich alles. Wenn man weiß, wie man es erreicht...“
      „Außerdem ist es lustig, theheee...“ berührte Cyrene´s Finger Finley´s Nasenspitze – und mit einem FHAPP! …kollabierte er in einer Art Staubwolke auf eine Größe von etwa 40 cm, um die Strecke, die ihm nun an Beinlänge fehlte, herunterzufallen und auf dem Hintern zu landen. Irritiert sah er sich um – und Messinah und Cyrene hockten neben ihm. Die Magisterin wunderte sich: „So also ist das... ich muss sagen, Du bist wirklich sehr niedlich, hähä...“
      „Außerdem kann man sie so besser schlucken, hehe...“ nickte Cyrene – und fügte hastig hinzu: „Aber sowas mache ich natürlich nicht! Also... nicht ohne... Zustimmung...“
      „Äußerst faszinierend!“ musste Messinah zugeben – und Finley sah zu den beiden auf: „Wer würde bei sowas schon zustimmen?“
      „Oh, Du wärst überrascht... Die Phantasie der Menschen ist erstaunlich! Vor allem hochgebildete und wohlhabende Männer haben... ausschweifende Phantasien. Und manche bezahlen sogar dafür! Und das nicht schlecht. Natürlich lassen wir sie wieder raus...“ erklärte Cyrene mit einem... unleserlichen Gesichtsausdruck. Und Messinah meinte: „Aufklärungsunterricht zweite Auflage – schon vergessen? Man merkt, wie niedlich jung Du noch bist... Also sage ich Dir: Auch Sprache ist ein Werkzeug der Erotik – wie man die Dinge verpackt ist zumeist wesentlich aufregender, als die Dinge selber...“
      „Das also meinte Daniel, als er von `Frauen in engen Hosen´ sprach.“ stellte Finley sachlich fest, als er seine momentane `nähere Umgebung´ einer genaueren Betrachtung unterzog. Messinah und Cyrene sahen sich an – und fingen an zu lachen.



      Flughafen Bonn. Die VC-10 war immer noch die schnellste Verkehrsmaschine, sah man mal von der Concorde ab. Und sie war sehr britisch. Zum ersten Mal verspürte Finley so etwas wie Stolz, Bürger des Empires sein zu dürfen, das so etwas erschaffen hatte. Die vierstrahlige Maschine, die ihre Triebwerke am Heck hatte, landete in der für sie typischen weichen Art und Weise. Es war eine luxuriöse Erfahrung für Finley und die anderen. Wie Messinah schon anmerkte: „Wenn wir schon das Empire retten, dann auch mit Stil. Ich denke, dagegen wird niemand Einwände haben.“
      Nein, die hatte keiner. Die VC-10 war pure erste Klasse, dunkelblau lackiert (eine Farbe, der Messinah offenbar viel abgewinnen konnte) und äußerst opulent eingerichtet – eine fliegende Staatskarosse. Man merkte nur, daß man flog, wenn man aus den Fenstern sah – es war überraschend leise in der Maschine. Wenn man – wie einige an Bord – sehr empfindliche Ohren hatte, war dies ein kleines, aber sehr willkommenes Detail.
      Der Westland Wessex, der sie erwartete, war dafür um Einiges lauter – dafür natürlich konnte der Helikopter landen, wo immer er wollte. Das Ziel war die nächstgelegene britische Kaserne – eine schwere Panzerdivision der Rheinarmee. Dort würden sie Genaueres erfahren – und Jessica würde zum ersten Mal in ihrem Leben richtige Panzer sehen.


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    • Panzer



      ...so weit das Auge reichte. Und Jessica´s Augen waren weit offen, damit sie nur ja nichts verpasste. Hier wurde der Sinn und Zweck der Rheinarmee offenbar – sollte Russland einen konventionellen Eroberungskrieg starten, wären unter Anderem diese Panzer zur Stelle, um sie daran zu hindern.
      Chieftains und A-39 Tortoises, die riesigen `Sniper Tanks´, gegen alles, was dicker ist als erwartet.
      „Ich mag es hier!“ staunte Jessica, während gerade eines dieser Ungetüme aus einer der Hallen röhrte – und den Boden tatsächlich erzittern ließ. Daniel wunderte sich auch über die monströsen Kasemattpanzer: „Die sehen fast schon etwas antik aus, nicht?“
      „Sie sind schon etwas älter – aber mit der neuen 112mm-Glattrohrkanone und der HV-Munition blasen sie Dir auf fast vier Kilometer alles weg!“ nickte Jessica und fuhr fort: „Ursprünglich waren sie als Antwort auf den Jagdtiger und den Jagdpanther gedacht – aber der Krieg war schon vorbei, als der erste Prototyp fertigwurde. Dann aber hat sich das Verteidigungsministerium für den Panzer starkgemacht, als klar wurde, daß die Russen Ärger machen könnten.“
      Sie sah dem rauchenden, dunkelgrünen Riesen nach: „Er ist nicht sehr schnell – aber das, was er trifft, kann man getrost von der To-Do-Liste streichen. Man kann Projektilen nicht ausweichen – aber der A-39 hat nun eine echt dicke Chobham-Panzerung. Der kann was ab...“
      „By Jove... dieses Fachwissen von solch einem Persönchen – das hab´ ich auch noch nicht erlebt!“ hörten sie einen Offizier sagen, der sich vorstellte: „Lieutenant Baxter, 14. Heavy Tank Regiment – willkommen bei der Rheinarmee.“
      „Lady Messinah Pendragon und Anhang. Sehr erfreut.“ stellte sich die Magisterin und ihre bunte Menagerie vor. Dann wies sie lächelnd auf Jessica: „Dies ist Jessica McArthur – gute Einzelkämpferin und Scharfschützin. Und ein ausgesprochener Panzer-Fan.“
      „Na, da bist Du hier genau richtig, kleine Lady!“ grinste der Mann unter seinem Schnurrbart hervor: „Denn das sind wir hier alle!“
      Jessica freute sich diebisch, während sie um die Gruppe herumstromerte und Messinah den Lieutenant aufklärte, was genau sie und ihre Truppe darstellten und Lieutenant Baxter antwortete: „Soso, Waisenkinder sind sie alle gewesen... Hätte ich eher wissen müssen. Ich denke, Jessica hätte Verständnis für ihren `Vater´ mit diesem Job...“
      „Sie hätten Jessica adoptiert?“ wunderte sich Messinah und Baxter grinste: „Aber Hallo! Von der kann wahrscheinlich sogar ich noch was lernen!“
      „Klar – wie man in Rekordzeit `ne Metzgerei leerfrisst zum Beispiel.“ meinte Sally schräg grinsend – und kassierte wieder einen von Jessica´s berüchtigten Ellbogen: „Schnauze! Bist ja bloß neidisch!“
      Währenddessen betrachtete Eve einen Haufen Leute mit Schildern vor dem Stützpunkt – unter Anderem auch Linksaktivisten, Punker und andere Leute in gewagter Aufmachung. Die riefen dauernd irgendwas, das sie nicht verstand und so fragte sie: „Was sind das dort für Personen? Was machen die da?“
      „Och, das... Das sind irgendwelche Idioten. Die begreifen nicht, daß dies hier ein britischer Stützpunkt ist – und daß es hier nur um Panzer geht. Die demonstrieren gegen die U.S.-Streitkräfte und Pershing-II-Raketen.“ erklärte Baxter wieder. Finley nahm das alles stillschweigend zur Kenntnis. In Geschichte war er noch nie toll gewesen. Soweit er wusste, war Bonn damals die Hauptstadt von Westdeutschland, aber er war sicher, daß es nicht... so aussah, wie dieses Bonn hier. Diese Stadt war der `gemäßigte´ Südausläufer eines riesigen Makropolkomplexes – des Rhein-Ruhr-Metroplexes, um genau zu sein - der dem hiesigen London in seinen Ausmaßen und seinem ehrfurchtgebietenden Gigantismus in Nichts nachstand. Kein Zweifel – das Wirtschaftswunder hatte auch hier funktioniert. Er fragte sich, wie die Leute in diesem Deutschland das mit den Nightsidern gehandhabt haben. Er würde Messinah fragen – bei Gelegenheit.



      „Weshalb Sie hier sind – unsere Abwehr funktioniert. Hier können wir Ihnen all das an Informationen geben, das wir zusammentragen konnten.“ begann der Mann in der dunkelgrünen Uniform: „Ich darf mich vorstellen: Colonel Jasper Conway, British Intelligence.“
      Finley saß mit den anderen in einer Art... Klassenzimmer? Briefing Room nennt man sowas sicher eher. Links saß Sally in ihrer legeren Art – und rechts, wieder diese irrational vibrierende Wärme ausstrahlend, Eve. Das war... ablenkend. Finley musste sich wirklich konzentrieren, um auf das zu achten, was ihnen da gesagt wurde: „Wir wissen, daß Miss Larissa Clearwater von Nospheraten entführt worden ist – diese aber in den Diensten einer Ostblocknation stehen. Wir tippen auf Rumänien. Das ist das Eine. Wir wissen andererseits ebenfalls, daß einige Bedienstete der Rumänischen Botschaft mit diversen anderen ausländischen Würdenträgern eine Operngala besuchen – in exakt 27 Stunden. Plan A sieht vor, einen von ihnen diskret zu isolieren – und auszufragen. Dafür, so wurde uns gesagt, stellen Sie das geeignete Personal.“
      „Das ist korrekt.“ antwortete Messinah und wies auf Eve – und Finley: „Diese zwei werden mich auf die Gala begleiten. Äußerst fähige Mitarbeiter, wenn ich das sagen darf.“
      „Gut zu wissen.“ kommentierte Colonel Conway trocken: „Nun zu Plan B – Sobald der Aufenthaltsort der werten Miss Clearwater bekannt ist, macht sich ein Beobachtungsteam auf den Weg, um das Zielgebiet im Auge zu behalten – mögliche Ausrüstung wie Peilsender, Kompaktkameras und Mikrowanzen sind vorhanden...“
      „Das übernehme ich.“ tauchte Elaine neben Conway auf, was ihn auf der Stelle erstarren ließ: „Machen Sie das nie wieder. Ich bin...“
      „...zu langsam. Ich werde das tun.“ erwiderte die Nebelelfe: „Zusammen mit Donna Diana und Daniel.“
      Sie setzte sich zwischen die Leute und Lynn grinste: „Mann, Du kannst echt ein totales Aas sein!“
      Conway räusperte sich: „Nun gut... Wo war ich? Plan C ist das Befreien der Zielperson. Sobald wir wissen, wo sie ist und um was für einen Ort es sich handelt, werden wir mit aller Entschlossenheit vorgehen. Es kann gerne eine etwas härtere Gangart eingeschlagen werden. Dies wurde sogar ausdrücklich betont – also lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. Das hat nicht nur politische Gründe – es wird hier mit harten Bandagen gekämpft. Um an diese Informationen zu kommen, haben wir... Verluste hinnehmen müssen.“
      Colonel Conway sah sie alle an: „Sechs gute Männer sind getötet worden – zum Teil auf äußerst unerfreuliche Weise. Und wir haben hier einen Schwerverletzten, der nie wieder laufen können wird – falls er noch mal aufwacht. Ich sage es geradeheraus: Das werden wir ihnen heimzahlen – wir bleiben niemandem was schuldig.“
      „Das ist genau unser Metier.“ meinte Jessica und Sally nickte. Sie mochte den Mann. Finley hörte genau zu und musste sich daran erinnern, daß er hier mit hohen Militärs, Geheimdienstlern und anderen dieses Schlages arbeiten würde. Das also... war der Kalte Krieg...
      „Kann ich den Verletzten sehen?“ fragte Lynn dann plötzlich. Irritiert sah Conway den kleinen Succubus an: „Wie meinen?“
      „Ich frage, ob ich den Mann sehen kann? Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich ihn wieder hinbekomme.“ erklärte sie.



      Das war etwas, worin Lynn gut war – sie hatte die Ausbilderin zur Heilerin und Fleischformerin bravourös absolviert – weil sie Unfallopfern helfen wollte. Leider aber waren professionelle Mediziner nicht gefragt, wenn sie so aussahen, wie sie es nun einmal tat. Offenbar hatte man in diesen dubiosen Kreisen weniger Berührungsängste. Nun denn – Verwundungen sind Verwundungen – ob sie im Kampf auftreten, oder bei Unfällen. Also gut...
      Der linke Unterschenkel... abgebissen – von was auch immer. Teile der Oberarme – auch. Diverse weitere Wunden am Körper, ein fehlendes Ohr und ein Anbruch der Schädelbasis. Gut, daß sie hier ordenlich viele Plasmainfusionen hatten – und Gatorade. Das würden sie brauchen...
      Es war erstaunlich – durch die Glasscheibe sahen Conway und die Ärzte zu, wie das Mädchen mit seinen kleinen, niedlichen Händen fehlendes Gewebe einfach... zurückmassierte – um es dann irgendwie... in Form zu kneten. Besonders gruselig war es, als sich eine Art kleiner Ableger am Beinstumpf ausbildete, der erschreckend schnell die Gestalt eines Fußes annahm. Lynn wechselte rasend schnell die Infusionsbeutel – und schüttete sich dieses Gatorade-Zeugs förmlich in den Hals. Dann ging es weiter. Den hohen Druck im Schädel ablassen und die Knochen wieder verwachsen lassen. Am Ende von alledem sah der Raum aus wie ein Schlachtfeld, da die Wunden ja freiliegen mussten, um sie zu heilen. Zwischen Blut und verdreckten Bandagen, leeren Infusionsbeuteln und Gatoradeflaschen stand Lynn an dem Bett, auf dem... ein wirklich absolut makelloser Mann lag. Wahrscheinlich hatte er noch nie besser und gesünder ausgesehen. Und die Ärzte und Offiziere noch nie sprachloser, als sich eine verdreckte und verschwitzte, aber zufriedene Lynn zu ihnen umdrehte – und grinsend den Daumen hob: „Sagt ihm nachher ja nicht, wer ihn zusammengebastelt hat – sonst fällt er womöglich wieder ins Koma.“


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    • Du erinnerst Dich



      ...an diese zum Teil schreiend peinlichen Godzilla-Filme?“ antwortete Jessica auf Daniel´s Frage, was sie an großen Waffen so faszinierte, während sie ihre beiden riesig wirkenden zehnzölligen Webley&Scott-Pistolen putzte. Daniel nickte: „Klar. Die sind zum Brüllen...“
      „Ich finde es immer eine Schande – da machen sich haufenweise Leute diese Arbeit, wirklich toll aussehende Modelle zu bauen – nur, damit dann irgendein Spongo im Gummifummel da drüberstraucheln kann – egal.“ schüttelte Jessica den Kopf und meinte: „Der Punkt ist – es ist Blödsinn, für ein Monster ein anderes, mechanisches Monster zu bauen. So´n Roboter-Gichtl. Du willst was plattmachen? Nimm `ne große Kanone. Und wenn´s danach noch steht – schieß nochmal - oder nimm `ne größere. Ganz simpel.“
      „So, wie dieses Ding hier?“ wies Daniel auf das Tunguska-Gewehr, das neben Jessica an der Wand lehnte und sie nickte: „Ganz genau. Das Ding ist toll. In Kampfsituationen musst Du mit Deiner Kraft haushalten. Kann eine Knarre den Job machen – gut für Dich.“
      „Und Du magst es, Modelle zu bauen!“ fragte Daniel weiter. Jessica nickte: „Ja! Zuerst hab´ ich es gemacht, weil ich mir und anderen zeigen wollte, daß ich keine ungeschickte, grobmotorische Idiotin bin. Dann aber hab´ ich bemerkt, daß es mir Spaß macht. Und ich mag Panzer. Aber weißt Du, was mir wirklich auf den Zeiger geht?“
      „Nö.“ meinte Daniel – natürlich wusste er das nicht. Aber es wäre sicher gut zu wissen. Jessica wurde rot: „Das... klingt jetzt vielleicht´n bisschen blöd – aber es macht mich immer sauer, wenn ich so Idioten sehe, die zu Silvester oder so Modelle mit Böllern sprengen. Ich meine...“
      Sie lehnte sich zurück und überlegte, wie sie Daniel das sagen könnte, ohne wie eine komplette Spinnerin dazustehen: „Okay – ich weiß, daß diese Dinger von Firmen hergestellt werden, weil die damit Geld verdienen – aber irgendjemand hat sie ja mal zuerst entwerfen müssen, nicht? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß das nur einfach Typen sind, die sowas raushauen, um dann Kohle dafür zu scheffeln. Ich denke, da sind viele, die das machen, weil sie Spaß daran haben – und die hoffen, daß es anderen nachher genau so geht. Sowas einfach kaputtzumachen ist... meiner Ansicht nach dumpf. Seelenlos. Und respektlos. Da könnte ich echt sauer werden. Bescheuert, oder?“
      Sie sah Daniel an – und der sah zurück: „Das ist nicht bescheuert – das ist... ziemlich tiefgründig! Philosophisch gesehen schon fast sowas wie Shintoismus.“
      Jessica runzelte die Stirn – sie verstand nicht ein Wort. Daniel lächelte: „Das beweist mir, daß Du alles Andere als ein ungehobelter Klotz bist. Ich mag diese Einstellung – sie zeigt Weitsicht und Sensibilität, die ich bei vielen Personen heutzutage vermisse.“
      Er sah zum Hangar raus: „Komisch, daß es immer erst solche Momente sind, wo man über sowas reden kann – wo wir gerade dabei sind...“
      Er musterte Jessica, so wie sie vor ihm auf einer dieser grünen Kisten saß: „Was ist mit diesem Outfit? Ganz in Schwarz und Lederzeugs?“
      „Also, ich find´s toll – ich mag das.“ meinte Jessica und Elaine kam vorbei: „Stimmt was nicht?“
      „Warum rennen jetzt alle komplett in Schwarz rum? Ich meine, sogar Sally ist nun... total schwarz. Und Leder?!“ wunderte sich Daniel und die Nebelelfe meinte: „Du bist´n Schutzengel. Du wirst mit mir auf Observation gehen, weil Du fliegen kannst. Sicher, daß Du das wissen willst?“
      Daniel sah Elaine an: „Sonst würde ich nicht fragen.“
      „Praktische Gründe.“ gab Elaine zurück. Sie antwortete: „Schwarz ist nicht dazu da, einem Gegner zu zeigen, wie böse man doch ist – Farben können nicht böse sein. Also... zumindest nicht bei uns... glaube ich.“
      Sie wies auf Jessica und Sally: „Unser Einsatz findet voraussichtlich im Dunklen statt – da ist Schwarz schon mal nicht so... dumm wie Weiß. Zudem... die meisten Leute riechen nicht besonderes viel – aber sehen können sie alle recht gut. Und auf Schwarz fallen... eventuelle Flecken nicht so auf, falls man mal länger im Feld bleiben muss. Dieses Leder kann man zudem noch einfach reinigen. Wasser drüber - fertig. Alles klar?“
      Daniel verstand – sogar sehr gut. Träfe man unbeteiligte Dritte, wäre es ungünstig, auszusehen wie der Schlächter von Soho nach Überstunden. Er nickte: „Ich finde das alles nicht unbedingt toll, aber so muss es wohl ablaufen.“
      „Die Welt existiert auch nicht, um von Dir toll gefunden zu werden – leider. Aber wie Du siehst – wir arbeiten daran, das zu ändern.“ wandte sich Elaine zum gehen. Dann aber kam Shannon herein, auch ganz in Schwarz – und mit einer transportablen Kommunikationsausrüstung: „War was?“
      „Öhhm... nö. Elaine ist wie immer sehr direkt. Das ist alles.“ antwortete Jessica. Daniel meine sanft lächelnd: „Vielleicht ist das auch genau, was ich jetzt brauche. Ich neige gerne dazu, alles idealisieren zu wollen. Aber wäre alles bestens, wäre ich als Schutzengel ja auch überflüssig...“
      Dann wandte er sich an Jessica: „Und Du... pass´ bloß auf Dich auf! Sonst muss ich das tun und meinen Posten verlassen – ohne schwarze Klamotten.“



      Schwarz war auch die Farbe der Wahl für Eve – nur, daß dies bei ihr in einem Damensmoking resultierte. Guter Stoff – elegant geschnitten und robust genäht. Wenn Lady Messinah Pendragon geruhte auf einen Opernball zu gehen, dann nur in einem extravagant geschnittenen, moosgrünen Abendkleid – und mit einer angemessenen Leibwache. Dafür war Eve wie geschaffen. Sie war ebenfalls dafür geschaffen, Messinah in ihrem Aston Martin Lagonda MK.II zu chauffieren – und sie musste sagen, daß ihr das Spaß machte. Diese extrem kantige, bösartig aussehende Limousine war natürlich konzertflügelschwarz – und strotzte nur so vor Elektronik, so daß man sich eher wie in einem Raumschiff vorkam. Sich durch den Straßenverkehr schlängelnd fuhr der große Wagen schließlich über die Kennedybrücke und hielt vor dem Bonner Opernhaus, wo Eve ausstieg und Messinah die Fondtür öffnete. Von Finley hingegen fehlte augenscheinlich jede Spur.
      Beide genossen es, wie die achten, neunten und zehnten Weltwunder bestaunt zu werden (die Limousine mit eingeschlossen) aber im Gegensatz zur stoisch wirkenden Eve mit ihrer Sonnenbrille (wieder das bewährte Modell von Jessica) sah man das dieser rothaarigen Hochbrisanzgranate auch an: „Geht´s mir gut! Dann werden wir diesem müden Verein mal den Kalk aus der Hose schütteln, hähähä...“
      „Was läuft eigentlich für eine Oper?“ fragte Eve leise nach und Messinah grinste: „Keine Ahnung- ist mir auch völlig rille – deswegen sind wir ja auch nicht hier, nicht wahr? Wir... schreiben heute abend unser eigenes, kleines Meisterwerk. Und ich spüre, daß es wirklich ganz famos werden wird!“
      „Ich werde mein Bestes geben.“ gab Eve knapp zurück und die Magisterin lachte: „Nicht so steif, meine Gute – Du siehst umwerfend aus in der Nobeltapete!“
      „Ich weiß nicht... das ist... so leicht. Ich habe das Gefühl, daß alle Nähte platzen, wenn ich mich hinsetze...“ grummelte Eve. Aber Messinah winkte ab: „Das ist vom besten Schneider in Aberdeen – da passiert sowas nicht! Du solltest etwas mehr Vertrauen haben in die Ausrüstung, die wir bereitstellen...“
      Was niemand mitbekam – Finley folgte ihnen einfach und ging mit ihnen in die Oper. Ohne aufzufallen – ohne wahrgenommen zu werden. Er wunderte sich immer noch darüber, daß dieser Trick zog – und fragte sich, was wohl auf eventuellen Security-Kameras zu sehen wäre. Oder auf den Fotos der Reporter hier vor Ort...
      Im Gegensatz zu Eve, die stilecht eine Walther PPK bei sich trug, hatte er die volle Packung. Er trug dieselben Einsatzklamotten wie Shannon und die anderen – und ebenfalls seine große Pistole am Mann. Er wäre überrascht, sich nun zu sehen. Seine Art, sich zu bewegen hatte sich ebenso geändert wie sein ganzes Auftreten. Man würde ihm abnehmen, daß er in genau diese Art Garderobe gehörte – und sie nicht nur warmhielt, bis der eigentliche Besitzer zurückkommen würde. Würde er jetzt zu Hause auf dem Schulhof so aufkreuzen, würden wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit Antiterrortruppen anrücken, während seine ehemaligen Plagegeister sich sehr klein machen würden.
      Aber es fällt einem selber nur sehr selten auf, wie man sich verändert.
      Nun gut – über die kleinen Ohrfunkgeräte waren er, Eve und Messinah verbunden – Zeit, sich umzusehen. Die Gesichter hatte Finley sich so gut wie möglich eingeprägt. Er hatte zwar kein fotografisches Gedächtnis wie Shannon, aber dafür würde es reichen. Und so gingen zwei wirklich bemerkenswerte Frauen in den Opernsal, begafft von vielen der Gäste – während ein hochgerüsteter `Spezialagent´ sich wie ein Geist zwischen den Gästen und Bediensteten hindurchbewegte und sich umsah. Insgeheim musste Finley Sally aber recht geben: Warum soll man sich krasse Actionstreifen reinziehen, wenn man selber krass sein kann? Und momentan war er mit Sicherheit einer der Krassesten weit und breit.

      Sho Kosugi rockt total.


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    • Finley



      ...war, soweit Elaine wusste, der einzige Mensch, der Fading beherrschte. Das hatte zwei Gründe. Menschen sind selten derart PSI-aktiv, daß dies im Bereich ihrer Möglichkeiten läge – und das Elbenvolk überlegt gründlich, ob und wem diese Kunst offenbart wird. Elaine hatte ein gutes Gefühl bei dem Jungen. Sie hatte natürlich keine Ahnung davon, wie seine Welt genau aussah – aber wenn dabei jemand wie er rauskam, war sie wohl nicht ganz so schlimm.
      Sie streckte sich durch und ging zu dem dunkelblauen Land Rover, an dem schon Donna Diana lehnte. Elaine stellte fest, daß sie diesen schwarzen BiHänder dabeihatte: „Du hast das schwere Ding mitgenommen?“
      „Aber sicher – nachher brauchen wir ihn – und dann hat keiner sowas dabei.“ nickte Donna Diana. Elaine sah in den Himmel: „Also... ich hab´ mein Claidheamh Mòr auch dabei...“
      Sie sah dann auf die Uhr: „Ich rechne damit, daß es so um 2230 losgehen wird – noch viel Zeit...“
      Dann drehte sie sich zu Donna Diana um: „Gut – üben wir ein bisschen. Das kann nicht schaden.“



      Lynn hingegen sah dem Treiben mit fliegenden Klingen aus sicherer Entfernung zu, während Shannon neben ihr saß und sich wunderte, wie gut Donna Dina sich gegen seine Schwester schlug: „Wow – die ist echt gut... Das hätte ich nicht erwartet...“
      „Und schnell.“ nickte Lynn. Dann sah Shannon auf ihre neue Jacke – die war nicht schwarz – die war grün und hatte Sanitätsabzeichen an den Ärmeln. Er lächelte: „Diese Jacke steht Dir gut.“
      Lynn drehte sich zu Shannon um und musterte ihn, wie er da auf der Bank saß. Dann grinste sie: „Du stehst Dir selber gut. Du...“ kam sie zu Shannon hin: „...bist mein superschöner, hübsch großer und langbeiniger Kerl.“
      Shannon war platt. Das... war deutlich. Lynn kam zu ihm hin und lächelte ihm ins Gesicht: „Du bist einfach zu goldig, mit Deinen Augen, dieser niedlichen Nase – und diesen Ohren...“
      Der kleine Succubus setzte sich gemütlich neben Shannon und lehnte sich schwer an ihn: „So – jetzt hast Du´s. Und ich will jetzt kuscheln.“
      Der Nebelelb musste grinsen: „Dagegen habe ich keinerlei Einwände.“



      Indes hatte Finley sich mit dem Gebäude weitestgehend vertraut gemacht – und gerade, als er den Ballsaal betrat fiel ihm ein weiteres Detail auf, das ihm eigentlich sehr gefiel: Die Männer hier hatten alle noch richtige... Frisuren. Nicht wie bei ihm zu Hause, wo sie zumeist `rumrannten, als hätte der Friseur mit dem Rasierapparat gespielt – und das Gesicht verpasst, wo eine Sezessionskriegs-Schneekette nach der anderen spross´, wie sein Geschichtslehrer sich eines Tages vor der gesamten Klasse verbal erleichterte. Der Mann war einer der wenigen, die Finley wirklich gut leiden konnte. Er sagte einst: „Was soll dieser Bullshit mit der Marines-Matte auf dem Kopp? Ich kenne viele Leute, die wären froh, Haare auf dem Schädel zu haben – mich eingeschlossen! Ihr wollt `ne Glatze? Macht´s wie ich – wartet´n bisschen! Beschissen aussehen werde ihr früher, als euch lieb ist.“
      Dann fuhr er fort: „Und hey – mit euren paar Fusseln in der Fresse seht ihr aus wie gewollt und nicht gekonnt! Da haut man mal die Tür stark zu – und alles ist weg! Bin Laden ist endlich Fische füttern – und ihr wollt euch `ne Pizzareuse stehen lassen?! Oh, Mann... Super-individuell, ich muss schon sagen.“
      Finley erinnerte sich gerne dran zurück – und wie der Mann zum Schluss kam: „Lasst mich euch eines sagen: Bei Schwarzen kommt das vielleicht cool – aber ihr seht einfach nur bleich, dämlich und abstoßend aus – wie´n Deoroller mit Dreitagebart. Oder wie der Dorftrottel, der zu blöd ist, `ne Bürste zu benutzen und dem man so notdürftig geholfen hat. LASST ES.“
      So gesehen... gefiel es ihm hier. Er kam sich zwar manchmal immer noch vor, wie in einem abgefahrenen Film – aber die Kulisse und die Maskenbildner hatten echt was drauf. Hier hatte alles und jeder noch Ecken und Kanten – Stil. Charakter.
      Er konnte sehen, wie Messinah und Eve in einer Loge gegenüber ihre Plätze bezogen – und die rothaarige Magisterin stilecht begann, sich mit einem Opernglas aus Messing und Perlmutt umzusehen. Das ganze hier wirkte noch mehr wie in einem Film – all die Leute in ihrer eleganten Garderobe – der dunkelrote Brokat, all das Blattgold, die Holzvertäfelungen, die cremefarbenen Stuckarbeiten an Decken und Wänden und die dezente Beleuchtung von schweren Kristallüstern... Sowas hatte Finley in Natura noch nie gesehen. All diese feinen Details waren schwer zu erfassen – und lenkten hin und wieder auch ziemlich ab. Was es wohl kosten musste, alleine den hier überall verlegten roten Teppichboden zu reinigen? Es roch auch... irgendwie teuer. Eine undefinierbare Melange aus Parfum, Schuhleder, dem dezenten Duft von Pfeifentabak...
      „Ich glaube, ich hab´ was Hunger.“ gab Finley durch das Headset durch – und sah Eve breit grinsen: „Ich auch – auf Dich.“
      „Was ist nur los mit Dir?“ wunderte sich Finley und Messinah flüsterte: „Hähähä... was erwartest Du? Du hast sie gezähmt. Nun gehört sie Dir!“
      „Aha... Klingt aber eher so, als würde ich ihr gehören...“ flüsterte Finley zurück. Die Magisterin lehnte sich genüsslich zurück und versuchte zu erklären: „Tja, die Umgangsformen in Lycanthropenrotten sind fordernd und sehr herzlich. Daran kannst Du Dich schon mal gewöhnen.“
      „Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt will...“ murmelte Finley – und entdeckte die Rumänen: „Ich hab´sie – es sind vier. Ich behalt´ sie im Auge.“
      „Ich bin bereit – wo sind sie?“ flüsterte Eve und Finley meinte: „Ich geb´ Bescheid, wenn einer von denen auf die Toilette oder so geht.“
      „Nix da.“ gab Eve zurück: „Wir müssen mehr sein – wenn die sich aufteilen, was dann? Ich gehe davon aus, daß die immer zu zweit unterwegs sein werden.“
      „Guter Einwand.“ musste Finley zugeben: „Okay – es sind die vier Typen, etwa... Moment... zwei Logen weiter vorne und eine Etage tiefer.“
      Eve drehte den Kopf – und meinte: „Ich sehe – und rieche sie. Die entkommen mir nicht.“
      „Du kannst echt gruselig sein.“ flüsterte Finley und hörte Eve´s belustigte Stimme: „Ich fasse das mal als Kompliment auf.“
      Das war offenbar ein fester Bestandteil von Eve´s Persönlichkeit – ihr stolzes, aufrechtes Wesen und diese leicht antiquiert wirkende, akzentfreie klare Art zu reden sorgten schon dafür, daß man ihr unmissverständlich abnahm, was sie sagte. Wort für Wort. Also sagte Finley schließlich: „Okay... Ich hänge mich an den mit der Hornbrille. Der sieht am wichtigsten aus. Bewegen sich die anderen, hast Du freie Bahn.“
      Als Antwort konnte Finley etwas hören, das ihm eine Gänsehaut bereitete – irgendeine Art... keuchendes Stöhnen? Wie sollte er das denn deuten? Lieber nicht nachfragend machte Finley sich an die Aufgabe, den Dicken mit der Brille im Auge zu behalten. Wie sagte Colonel Conway doch? Die `Rumänen wollen sich wohl in Moskau beliebt machen´. Ja – der Kerl sah schon so ähnlich aus wie ein typischer Apparatschik. Der Seelensicht nach zu urteilen `fühlte´ er sich auch so an.
      Und Messinah... fand das alles höchst amüsant. Was jetzt noch fehlte, war... ein Martini.



      Sally wartete auf dem Hangardach und beobachtete den nächtlichen Stützpunkt. Der neue `Fummel´ war irritierend – sie kam sich zuerst vor wie´n Taucher... mit Mantel. Gut für Nospheraten, daß sie eine recht niedrige Körpertemperatur haben und auch nicht unbedingt zum Schwitzen neigten.
      Obwohl...
      Einige Schnallen waren, wie sie fand, dort, wo sie angebracht waren, recht... sexy. Und all die Taschen waren echt praktisch. Die Bewegungsfreiheit ließ auch nichts zu wünschen übrig. Es war angenehm kühl – und sie musste sagen, sie mochte das Knarren des Leders, den Geruch – und wie sich das Oberteil aus ballistischem Tuch anfühlte. Das also war ihre Dark-Shinobi-Ausrüstung – und sie saß... schön knapp. Sally überlegte sich gerade, was sie da noch dranbasteln konnte, um dem Ganzen ein wenig mehr Individualismus zu verpassen. Denn immerhin ist sie ja nicht einfach eine Figur unter vielen – sie ist Sally Blackwood, verdammt noch mal.
      Die Handschuhe knarrten auch so schön, wenn sie die Fäuste ballte. Sie behinderten sie nicht beim Halten ihrer Waffen. Und auf den Handrücken und den Knöcheln waren interessante... Polster angebracht – die schienen sogar richtig was zu wiegen. Hm... Wenn man einem damit die Fresse polierte... So im Karate-Stil... Sally fing an zu grinsen.

      Sho Kosugi rockt total.


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    • Das Gebäude



      ...zu kennen ist vorteilhaft – wenn man plant, das `Gatekeeping´ effektiv zu nutzen. Diese Fähigkeit, der Finley verdankt, daß er überhaupt hier ist, brachte ansatzweise eine andere Fähigkeit mit – das `Schattenwerfen´. Messinah war erstaunt, daß Finley rudimentäre Kenntnisse von zwei Nospheratenfähigkeiten hatte – aber woher er diese hatte, konnte er beim besten Willen nicht sagen.
      Wie dem auch sei...
      Finley´s Fortschritte diesbezüglich waren enorm. Allerdings musste er sagen, daß Schattenwerfen selbst ihm ein wenig unheimlich war. Doch unheimlich war gut – zumindest manchmal. Einen Raum um sich herum von jeglichem Licht befreien zu können – oder aber seinen eigenen Schatten auf Reisen schicken zu können ist sicherlich nicht alltäglich – aber für Finley ist hier Vieles nicht alltäglich – gut also, wenn er notfalls auf andere ebenso wirkte. Zudem konnte Finley sich nun sehr schnell von einem Ort zu einem anderen begeben – okay, er dachte sich, eigentlich wäre das wie Teleportation – nur mit Zuhilfenahme von einer Stelle relativer Dunkelheit – so, als sollte keiner sehen können, was er da macht.

      Antonescu war relativ zufrieden. Botschafter in einem solchen Land zu sein ist erfrischend. Es schien tatsächlich so, als hätten die Alliierten nach dem Krieg die meisten Deutschen mit Scharfsinn exportiert, so daß nur noch die mit `Schafsinn´ zurückgeblieben sind. Wirklich gut für ihn – und seine Leute. Der Securitate hatte selbst außerhalb der Ostblockstaaten mittlerweile eine Ruf, der jeden eventuellen Gegner zur Vorsicht mahnte. Ein Ruf, von dem man zehren konnte – selbst die Nightsider Rumäniens standen ihm zu Diensten, weil er ihnen das Gebiet um Thargoviste als Habitat zugestanden hat. Das war kein Problem – der Geheimdienst wusste alles, was er wissen musste – unter Anderem auch, wie man seine eigenen Nightsider erschaffen konnte. Eine ungeheuer mächtige und intelligente Biowaffe, die nicht mal die Russen hatten. Möglicherweise würde Antonescu sich selber in einen Nospheraten umwandeln lassen – ein wirklich langes Leben ist ebenso verlockend wie die Möglichkeit anderen Unbehagen zu bereiten - nur dadurch, daß sie wissen, daß man sie jagen, töten und spurlos verschwinden lassen kann – ohne jedes Hilfsmittel.
      Rumänische Nospheraten sind stolz. Sie stehen zu ihrem Wort und sind unbedingt loyal.
      Bessere Wächter für ihr kleines `Projekt Rohrpost´ waren nicht zu bekommen – alles lief wie am Schnürchen. In einer Pause gingen er und sein Adjutant in eines der Séparées, kleinen, ovalen Räumen hinter der Loge, wo sie ungestört waren. Die zwei anderen waren unterwegs um Kleinigkeiten zum essen und zum trinken zu holen. Wozu nach unten gehen? Es gab hier keinerlei interessanten Leute – aber die Musik war ganz nett...
      So saß Antonescu zufrieden auf dem Sofa, lehnte sich zurück und faltete die Hände, während er auf seine Begleiter wartete. Sein Adjutant sah auf seine Uhr: „Die zwei brauchen aber lange...“

      Eve war ebenfalls zufrieden. Ihr... Séparée, wenn man es so nennen will – war eine Abstellkammer. Sehr nett, daß ihre zwei Spielzeuge ihr was zum FRESSEN mitgebracht hatten – war zwar´n bisschen wenig, aber hey, Eve war zwar kein Gaul, aber man konnte ihr ins Maul sehen – sogar beunruhigend tief – und feststellen, daß da durchaus noch Platz für mehr drin war.
      Woooahh... sie liebte diesen neuen Trick! Da lagen sie vor ihr – beide etwa 40 cm groß und mit... Tesa gefesselt. Das war etwas, das sie mochte... Sie ging vor den zweien in die Hocke und sah mit ihrem publikumswirksamsten Grinsen auf sie herab: „Erzählt mir jetzt nicht, daß ihr mich nicht versteht – und wenn ihr hier lebend wieder rauskommen wollt, sagt ihr mir besser genau, was ich wissen will...“
      Einer der beiden wurde ohnmächtig. Eve atmete resignierend aus: „Och, sag mal...“
      Dann nahm sie den anderen auf und hielt sich den entsetzten Winzling direkt vor die Nase: „Hmmm... rieche ich da... Angst? Gut – nun kann ich mich voll und ganz... auf Dich konzentrieren...“
      Eve nahm dann den Ohnmächtigen vorsichtig an den Füßen hoch und fragte den anderen genüsslich: „Soll ich Dir zeigen, was mit Dir passiert, wenn Du mich enttäuschst?“

      Messinah hörte und schnitt alles mit – das Aufnahmegerät in ihrer Handtasche lief, als Eve mit dem `Verhör´ begann. Sie fragte sich manchmal, was da wohl vor sich ging – denn so hat sie noch niemanden reden hören. So schnell und so ausgiebig! Als müsse er das Buch Krieg und Frieden in einer Stunde rezitieren. Das war vor allem witzig, weil der Kerl eher wie... Micky Maus klang, nicht wie ein hartgekochter Geheimdienstmann...



      Antonescu stutzte – irgendwie schien der Tisch sich zu bewegen – und dann... tauchte wie aus dem Nichts ein martialisch aussehender junger Kerl auf – ganz in Schwarz und offensichtlich irgendeine Art... Soldat. Er hockte direkt vor Antonescu auf dem Tisch und sein Adjutant fuhr herum, griff in sein Jackett – und sein Kopf wurde von dem Kerl mit voller Wucht auf die Tischplatte geknallt, so daß er einfach hintenüber kippte und am Boden liegenblieb.
      „Nun zu uns...“ drehte sich dieser junge Mann zu ihm um – und Antonescu bekam eine Gänsehaut. Irgendwie wurde alles hier... dunkler. Grauer – fast nebulös. Bis auf diese zwei hell reflektierenden, silbernen Augen. Es war nicht so, daß dieser Soldat vielleicht sehr groß und breit war, oder brutal und wütend aussah. Das hatte er nicht nötig.
      Er hockte immer noch auf der Tischplatte – wie ein Gargoyle fast. Dann beugte er sich zu dem Geheimdienstmann runter, sah ihn genau an und sagte ruhig: „Sie werden mir nun erzählen, wo ich Miss Larissa Clearwater finden kann – und ich werde wissen, ob Sie mir Bullshit auftischen. Dann werde ich andere Mittel anwenden, um zu erfahren, was ich wissen möchte. Und die werden Ihnen nicht gefallen, vertrauen Sie mir.“

      Zeit für Tonband Nummer Zwei. Messinah fand das wirklich interessant – und äußerst befriedigend – es sah aus, als ob Finley wirklich viel gelernt hatte. Belustigt sah sie zu, wie die Musiker im Orchestergraben das untermalten, was sie gerade im HeadSet mithörte. Wie sollte man so eine... Operette nennen? Den Schwanengesang der letzten Nachtigallen? Die Magisterin musste aufpassen, daß sie nicht einfach laut loslachte.

      Finley hörte dem schwitzenden Dicken genau zu, dessen Hornbrille sogar schon anfing zu beschlagen. Er hätte nicht gedacht, daß sein `Auftritt´ derart gelungen war. Schließlich sagte er: „Ich glaube Ihnen. Gut für Sie. Das alles hier... haben Sie nie gesagt – und ich nicht gehört. Nun noch eine Frage – sehen Sie mich an.“
      Der Mann putzte zitternd seine Brille und Finley starrte ihn weiterhin mit einer unleserlichen Mine an: „Wollen Sie mich jemals wiedersehen?“
      Er schüttelte hastig den Kopf und Finley lächelte: Gut. Machen Sie Urlaub in England – es ist sehr schön. Machen Sie Ärger in England – komme ich Sie holen. Ich hoffe, das war deutlich.“
      Dann... verblasste der Soldat einfach und es wurde wieder hell. Angenehm hell. Antonescu stellte fest... Helligkeit war gut. Das Licht war ein Freund! Er musste hier weg! Hastig und so schnell es seine Korpulenz erlaubte, zwängte er sich zwischen diesem Tisch und dem Sofa heraus und er begann seinen Adjutanten hektisch wachzurütteln.

      Finley wartete im Wagen. Etwas später stieg Messinah zu ihm in den Fond – und Eve setzte sich wieder ans Steuer. Und sie atmete aus – irgendwie... erleichtert.
      „Alles klar?“ fragte Finley nach und sie drehte sich um mit einem zufriedenen Grinsen: „Alles klar. Die zwei werden bald wieder ganz normal sein.“
      „Sind sie das jetzt nicht?“ wunderte Finley sich und Eve meinte: „Nö. Die sind momentan eher... kompakt.“
      „Okay, das muss ich nicht verstehen.“ schüttelte Finley irritiert den Kopf und Messinah sagte dann: „Sehr schön. Nun werden wir die `Geständnisse´ abgleichen und dann werden wir sehen, was Colonel Conway weiter plant. Abritt!“
      Auf dem Weg zurück hörte Messinah noch mal in die Tonbänder rein und musste zugeben: „Ihr zwei könnt offensichtlich ziemlich überzeugend sein. Respekt!“
      „Ich bin nur froh, daß es so glatt ging.“ gab Finley ruhig zurück und Messinah zog einen Flunsch: „Also bitte... etwas mehr Vertrauen in Dein Können und meine supergenialen Fähigkeiten als Lehrerin solltest Du schon haben.“



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    • Elaine



      ...war beeindruckt. Nicht nur, daß sich die Aussagen auf den beiden Tonbändern deckten – sie stimmten sogar. Eve und Finley konnten was. Sie saß in ihrem Land Rover und unterhielt sich über Funk mit Donna Diana und Daniel. Er überwachte die Zufahrtsstraßen von oben – und Donna Diana behielt das Anwesen im Auge. Es war eigentlich einleuchtend, daß sie noch hier waren – mit derartigem `Gepäck´ unbemerkt über die Grenze zu kommen, war wohl recht schwer.
      Soweit blieb alles ruhig.
      Es war die alte, leerstehende Villa eines großen Gießereivorstehers aus dem 19. Jahrhundert. In den Anfangsjahren der industriellen Revolution hatten sich offenbar neue `Adelsstände´ in diesem Land entwickelt. Eigentlich die pure Ironie, daß die kommunistischen Spione sich in einem absoluten Kapitalistengehäuse eingebunkert haben. Ringsherum waren verfallene Arbeitersiedlungen und alte Hallen mit rostigem Großgerät da drin – zum Teil auch kreisrunde Tümpel dort, wo im Zweiten Weltkrieg Bomben runtergekommen waren. Dieses Gelände hat später irgendwie wohl keinen ernsthaft interessiert...
      Elaine würde aufpassen müssen, daß Sally hier vor lauter Begeisterung nicht gleich sesshaft werden würde...



      Einmal angekommen sprang Eve unternehmungslustig aus dem Wagen – und rannte kichernd in ihre Unterkunft. Verwirrt sah Finley ihr hinterher: „Die ist mir echt ein Rätsel...“
      Messinah lachte: „Naja – ich denke, jemand wie sie kann es kaum erwarten zu beweisen, was sie alles kann...“
      „Hat sie das nicht schon?“ wunderte Finley sich und die Magisterin meinte: „Dann ist da natürlich noch die Tatsache, daß sie nun auf Bereitschaft ist – also mit einem Smoking zum Einsatz... das geht ja wohl nicht, oder?“
      „Naja, so gesehen... OUFF!“ atmete Finley schlagartig aus, als Sally einfach auf seinem Rücken landete und ihm umklammerte: „Thähä... da bist Du ja! Und? Wie war´s im Opernhaus?“
      Er strauchete etwas, fing sich aber wieder und musste trotz Allem grinsen: „Aufschlussreich. Elaine, Donna Diana und Daniel sind schon auf dem Weg und Colonel Conway stellt mit seinem Stab einen Plan zusammen...“
      „...der wahrscheinlich nur für draußen, zur Gefechtsfeldkontrolle taugen wird. Wir sind die, die in´s Haus gehen werden.“ kam Jessica um die Ecke – und hatte das Tunguska-Gewehr gegen ein BREN-Mg eingetauscht. Sie sah Finley an, der immer noch dastand – mit Sally huckepack: „DU nimmst das Tunguska jetzt, okay?“
      „Öhhm... ist gut. Warum?“ fragte er und Jessica grinste: „Weil wir in den Häuserkampf gehen – und da eine unbekannte Anzahl Nightsider rumrennt. Du hingegen bist echt gut mit so´nem Gewehr. Also passen Du und Shannon draußen auf, ob sich jemand verziehen will. Ist klar, oder?“
      „Willst Du damit andeuten, daß Master Finley... schlecht im Kampf ist?“ kam Eve wieder zurück – und selbst Sally bekam große Augen. Die große, stolze Frau machte in den recht ausgefallenen, auf große Strapazen ausgerichteten Einsatzklamotten eine Menge her. Im Gegensatz zu Jessica, die ein wirklich martialisch wirkendes Kampfmesser mit einer sechs Millimeter starken Titanklinge dabeihatte, hatte sie nichts Derartiges – stattdessen aber zwei Saunders-Schrotpistolen, wie auch Henriksen sie bevorzugte, in militärischen Holstern. Und Sally konnte sich nicht helfen – so, wie Eve sich gerade bewegte und sich auf ihrer bemerkenswert drahtig-schmalen Taille wiegte, knarrte ihre knappsitzende, schwarze Hose verführerisch vor sich hin, als wollte sie damit...
      „Noch einmal, Schwester: Willst Du sagen, daß Master Finley nicht gut kämpfen kann?“ fragte Eve erneut, abwartend die behandschuhten Fäuste in die Taille gestemmt. Und Jessica nickte stockehrlich: „Klar! Er ist `ne Flasche! Aber `ne nette Flasche...“
      `Oh-oh...´ dachte sich Shannon und ging unauffällig einige Schritte zurück, während Finley meinte: „Also, ich...“
      „Das bedeutet also, daß ich in Deinen Augen eine noch größere Flasche bin?“ fragte Eve nach und Jessica legte fragend den Kopf schief: „Was? Wieso?“
      „Hast Du´s immer noch nicht geschnallt? Er hat sie in einem Kampf fertiggemacht.“ klärte Sally ihre Freundin auf und Jessica bekam große Augen: „WIE?! ER hier hat... ? Glaub´ ich nicht!“
      „Also glaubst Du, ich hätte mich absichtlich besiegen lassen?“ fragte Eve weiter nach – mit knarrenden Lederfäusten und Finley dachte sich besorgt: `Sack Zement, Jessica redet sich noch um Kopf und Kragen!´
      „Naja – sieh Dich doch an! Du bist `ne Lycanthropin! Man könnte das also annehmen.“ lächelte Jessica ehrlich und Sally wollte ihr was zuflüstern, als... Eve´s gesamtes Koppel auf den glatten Boden der Halle fiel: „Also gut – versuch´ Dein Glück. Zeig´ mir, was Du kannst!“
      „Naja...“ warf Shannon ein: „Das würde gar nichts beweisen, oder? Wenn Du Jessica fertigmachst, Eve, könnte man erst recht meinen, daß Du... öhhm... Ups...“
      Der Nebelelb wurde rot, als er bemerkte, was er gerade sagen wollte – und Finley´s linke Hand klatschte gegen seine Stirn, als Eve nickte: „Du hast recht – gut. Also gut, Schwester...“
      Sie wandte sich an eine weiterhin völlig ahnungslose Jessica – und wies auf Finley: „Zeig´ IHM, was Du kannst – und dann wirst Du´s ja sehen...“
      „Wow – und ich dachte, Finley sei´n Trottel...“ grinste Sally Shannon an - und der flüsterte zurück: „Flasche, Trottel... das ist ziemlich respektlos gegenüber jemandem, der sich wirklich alle Mühe gibt. Warum seid ihr dann überhaupt damit einverstanden, daß er euch anführt?“
      Sally sah den Nebelelb erstaunt an. Eigentlich... hatte er recht. Sie wurde rot: „Naja... das waren eben die ersten Eindrücke – sowas bleibt nun mal hängen...“
      „Ist das so? Dann sollten wir beide nun mal genau hinsehen...“ forderte Shannon sie auf, während Jessica Eve ungläubig ansah: „Ist das Dein Ernst?!“
      „Öhhm... ich glaube nicht...“ begann Finley, aber Eve sah ihn scharf an: „Master Finley – ich werde nicht zulassen, daß jemand sich über Euch - und somit über mich lustigmacht. Das ist sehr ernst.“
      `Ich soll also auch gleich ihre wie auch immer geartete Ehre wiederherstellen? Na, toll...´ dachte Finley sich, während Jessica nun ihrerseits das Koppel und das MG weglegte: „Okay... aber ich will nachher kein Gewinsel hören...“
      Sally grinste: „Wenn Du ihn kaputtmachst, musst Du ihn essen!“ und Finley fluchte: „Das ist nicht witzig!“, dachte sich aber: `Gut, daß ich sie schon eine Weile kenne...´



      „Wo wir gerade von Essen reden...“ fragte Eve beiläufig die Nospheratin: „Hast Du´s Dir überlegt? Teilen wir?“
      „Hähä... mit etwas Pech wird das mit dem Teilen gleich sehr einfach... okay! Du hast Style – ich mag Dich.“ lächelte Sally und Finley meinte trocken: „Das ist nicht sehr hilfreich.“
      Hilfreich hingegen war wirklich, was Elaine ihm alles hatte zeigen können – auf die eine oder andere Weise. Da die Elben nicht sehr durch Körperkraft glänzen oder elektronenschnelle Reflexe haben, hatten sie andere Mittel und Wege gefunden, sich gegen Nightsider zu behaupten. Man bemerkte aber, daß Jessica diese Herausforderung nicht besonders ernst nahm – sie kam einfach auf Finley zu, lächelte, holte aus und... fiel auf ihren Hintern, weil Finley ihr ganz simpel mit dem Zeigefinger gegen ihre Stirn stupste: „Das muss jetzt echt nicht sein, oder?“
      Irritiert schüttelte das blauhaarige Mädchen den Kopf – und stand wieder auf. Dieses Mal schon... weniger gelaunt. Finley fragte unvermittelt: „Kennt ihr hier eigentlich Star Wars?“
      „Klar – Chewbacca ist einer der wenigen Lycanthropen, die es zu Starruhm gebracht haben!“ nickte Jessica erstaunt und Finley lächelte: „Deine Gefühle... verraten Dich.“
      „Ich zeig´ Dir gleich Gefühle!“ knurrte sie, startete einen zweiten Veruch – und ihre Faust rammte in eine der herumstehenden Holzkisten – und große, schwere Kugellager fielen heraus. Finley aber stand neben ihr – und gab nun ihr mal einen Ellbogenstoß mit, der ihr die Luft aus den Lungen trieb. Eve hob erstaunt eine Braue: „Die Kleine ist stark!“ und Sally nickte: „Oh ja – sehr sogar.“
      Wütend drehte Jessica sich zu Finley um – und der fragte dann: „Und kennt ihr Star Treck?“
      „Sicher – Spock ist ein Elb.“ nickte Shannon und wieder musste Finley lächeln: „Und von denen kann man viel lernen.“
      „Jetzt reicht´s mir aber!“ grummelte Jessica und sprang auf Finley zu, während der etwas auswich – und ihr mit beiden Armen noch mehr Schwung gab, der sie scheppernd in einige leere Kraftstoff-Fässer segeln ließ. Fluchend und wütend rappelte sie sich wieder hoch – aber Finley stemmte einen Fuß auf ihren Bauch, drückte sie gegen eine der Säulen, während er ihr das Kampfmesser aus der Scheide zog – und die Spitze unter ihrem Kinn platzierte: „So – haben wir´s dann?“
      Jessica erstarrte. Sie begriff wirklich nicht, wie das passieren konnte... Hatte sie irgendwas verpasst? Seit wann war Finley... so? Wie konnte er...



      „WAS ZUM HENKER IST HIER LOS?“ brüllte Colonel Conway, als er mit seinen Beratern und Messinah in die Halle kam - und das Chaos sah. Schlagartig standen alle stramm – selbst Jessica sprang auf und konnte nicht anders. Er musterte das Loch in der schweren Holzkiste und die... Faustabdrücke in den 200-Liter-Fässern. Dann baute er sich vor diesen fünf Chaoten auf: „Nun? Ich höre?“
      „Kleine Trainingseinheit, SIR!“ antwortete Shannon und Conwy sah ihn an: „Tatsächlich? Löblich... Nächstes Mal bitte, ohne die Ausrüstung zu ruinieren, wenn ich bitten darf. Ich dachte, daß wir dafür den Feind hätten...“
      „Kommt nicht wieder vor, SIR!“ schwitzte Jessica und Conway brüllte: „DAS WILL ICH DOCH SCHWER HOFFEN!“
      Er brummte: „Von den Gästen bei der Royal Army erwarte ich ebenfalls mindestens genau so viel Disziplin und Verantwortungsbewusstsein, wie von den Soldaten Ihrer Majestät – nun gut.“
      Er sah sie alle vier an: „Wer von Ihrem armseligen Haufen ist so was Ähnliches wie der `ranghöchste Offizier´, wenn ich das mal so nennen darf?“
      „Das bin wohl ich, SIR!“ antwortete Finley – und Conway kam zu ihm hin und musterte ihn genau. Irritierend... seinen Unterlagen nach war dieser Knabe der einzige `Mensch´ bei diesem Verein... der wirkte aber nicht so. Was soll´s. Conway fragte: „Wilder Haufen, was?“
      „Kann man wohl sagen, Sir.“ nickte Finley. Conway atmete aus: „Ich war auch mal so wild, mein Junge. Zügeln Sie Sich und Ihre Leute – noch, zumindest. Die werden bald Gelegenheit haben, sich auszutoben. Denn der Einsatz startet in exakt einer halben Stunde. Nun zu den Details...“


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