Opus Monthly

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    • Bianca Scorsese?



      ...wurde die Amerikanerin von einer rauhen Stimme mit französischem Dialekt aus ihren Gedanken gerissen – und sah sich um. Und da stand eine Frau – in ebenfalls recht eigenwilliger Aufmachung. Sie war imposant – trug einen langen, schwarzen Ledermantel, offenbar so etwas wie eine stabile, dunkle Arbeitshose und eine karierte Bluse. Sie hinterließ mit ihrer lässigen Art einen ziemlich hemdsärmeligen Eindruck – und hatte kurze, schwarze Haare mit einer grauweißen Strähne. Zu allem Überfluss rauchte sie auch noch eine dicke Zigarre.



      Sie hatte ernst blickende, stechende blaugrüne Augen und ausdrucksstarke Brauen. Die Hände immer noch in den Manteltaschen wartete sie auf eine Reaktion. Schließlich fragte sie: „Ist was? Hab´ ich drei Augen – oder was?“
      „Öh, nein, Verzeihung – Ja, ich bin Bianca Scorsese. Sie wünschen?“ wurde Bianca bewusst, daß sie die Frau angestarrt haben muss, wie eine Irre. Und die Frau nahm ihre Hand – und hatte einen Händedruck wie ein Schraubstock: „Marlo LeFay – erfreut, Sie so schnell gefunden zu haben. Sie werden bereits erwartet...“
      „Oh – werde ich das?“ lächelte Bianca und Marlo nickte zu einem Wagen rüber, der im Schatten eines der Hangare stand: „Werden Sie. Keine Sorge – tut auch fast nicht weh...“
      Dann ging sie einfach weg – in Richtung des Autos: „Drehen Sie sich nicht um. Möglicherweise beobachtet man uns gerade...“
      Bianca hatte keine Ahnung, was genau sie davon zu halten hatte – aber das war - gelinde gesagt interessant und versprach, spannend zu werden. Genau ihr Fall! Sie folgte dieser geheimnisvollen Frau mal. Sie paffte vor sich hin wie eine Lokomotive, während sie auf diesen Wagen zugingen – einen Wagen, wie Bianca nie zuvor einen gesehen hatte. Bianca hatte ja schon viel von den ab und zu abenteuerlichen Designs europäischer Autos gehört – aber das hier? Es war tatsächlich silbern – dieser neue Metalliclack musste wirklich teuer sein, es hatte drei Scheinwerfer vorne, seine Hinterräder waren kaum zu sehen – und am Heck hatte es etwas, das Bianca für eine Art rudimentäres Seitenruder hielt: „Was zum... ?“



      „Tatra 87 – Spitze 160 Sachen. Und ein paar nette Überraschungen, falls einer meint, er müsste uns einholen. Rein da.“ hielt die burschikose Französin Bianca die Beifahrertür auf – und setzte sich danach hinter das Steuer. Und holte eine Mappe hervor – mit Fotos von Flugzeugdetails. Verschiedene Klappen an Rümpfen und unter den Tragflächen, wie es schien – und Marlo fragte: „Sagt Ihnen das was?“
      Bianca runzelte die Stirn: „Nein... an den Stellen machen die Klappen wenig Sinn – also, meiner Erfahrung nach...“
      „Alles klar – mir sagt das was. Was ist hiermit? Das kenne ich nicht...“ wies Marlo auf lange Bleche mit symmetrisch angeordneten Löchern – offenbar im hinteren Drittel mancher Tragflächen, die Bianca schon was sagten. Sie hatte sowas schon mal gesehen – bei einer Dauntless.
      „Das sind Sturzflugbremsen.“ nickte sie und Marlo runzelte die Stirn: „An einer viermotorigen Maschine?!“
      „Ich kenne keinen anderen Zweck für eine solche Vorrichtung.“ beteuerte Bianca und Marlo startete den Motor: „Alles klar. Zeit, Bericht zu erstatten...“
      Bianca betrachtete die Bilder noch mal: „Viermotorig...“
      „Naja, sieht man nicht sofort – die Kiste hat nämlich nur zwei große Vierblattpropeller...“ paffte Marlo und die Amerikanerin wunderte sich: „Zwei Motoren für einen Propeller?“
      „Hättest das Cockpit mal sehen sollen, Schätzchen – wie ein verdammtes Gewächshaus!“
      „Wo soll hier so eine Maschine sein?“
      „Nicht hier – etwas weiter... östlich.“
      „Wer sind Sie?“ fragte Bianca und sah die Frau skeptisch an.
      „Vergesslich, hm?“ grinste Marlo freudlos.
      „Also, wirklich! Hier stimmt doch was nicht!“ fuhr Bianca auf – als eine kleine Hand sich ihr von hinten auf die Schulter legte und sie wuchtig zurück in den Sitz presste. Dann tauchte eine Pistolenmündung an ihrer Schläfe auf und eine skurrilerweise ziemlich helle, niedliche Stimme flüsterte: „Du bist viel zu laut.“
      `Ich hasse es, wenn ich Recht habe...´ dachte sich Bianca perplex und Marlo fluchte: „Super – jetzt haben Sie Allison aufgeweckt! Na, ganz klasse...“

      Schließlich kamen sie zu einer Villa außerhalb Berlins – und hielten an. Das Wesen auf der Rückbank mit Namen Allison stellte sich als ein ebensolches Kuriosum heraus, wie Marlo eines war. Allison war... klein. Putzig fast. Bis auf die Tatsache, daß sie sowas wie eine dunkelgraue Uniform trug – eine Mauser-Pistole in der rechten Hand hatte – und links eine Augenklappe hatte.
      „Ist die immer so laut?“ fragte Allison ihre Kameradin und Marlo paffte ärgerlich: „Bist Du immer so dämlich? Die gehört zu uns!“
      Bis auf die Augenklappe hatte dieses fragil wirkende Mädchen ein fast puppenhaft niedliches Gesicht – perfekt mit Schmollmund. Umrahmt von glatten, schwarzen, nackenlangen Haaren. Das rechte Auge war klar und wirkte recht groß. Die Iris erinnerte an das Mineral Falkenauge – und die große Pupille musterte Bianca genau. Allison wurde rot – und steckte die Waffe in ihr Holster: „Verzeihung.“
      „Okay jetzt – auf zur Chefin...“ öffnete Marlo die Tür und ging eine Treppe hoch.
      `Chefin?´ wunderte sich Bianca – und wurde sanft, aber erstaunlich kräftig von Allison reingeschoben. Der Flur war für die Amerikanerin ebenfalls ungewöhnlich, mit Jugendstilbauten kannte sie sich nicht aus. Brauchte man wirklich so hohe Decken? Der Boden war mit ziegelroten und weißen Craquelet-Fliesen ausgelegt – und die Treppen waren aus massiver, dunkler Eiche. Sie knarzten naturgemäß etwas. Die Türen hatten kleine Fenster aus Milchglas oberhalb des Türstocks – zweifellos nur dafür, daß etwas Licht durchfiel. So konnte man sehen, ob im Flur Licht war zum Beispiel.
      Die Wohnung war kahl – unmöglich, daß hier tatsächlich jemand wohnte. Als sie in einen großen Raum kamen, der durch einen großzügigen Wanddurchbruch in Bogenform wahrscheinlich in Wohn- und Esszimmer getrennt wurde, sah Bianca zuerst eine Kiste mit so etwas wie einem Funkgerät drauf – und einige Taschen. Und ein eigenartiges Maschinengewehr – mit einem halbkreisförmigen Magazin.
      „Oh!“ staunte Bianca: „Das kenne ich – mein Vater hat davon erzählt – das ist ein Chauchat! Eines der schlimmsten MGs der Welt...“
      „Bullshit!“ fluchte Marlo und nahm das Ding an sich: „Das ist ein ganz tolles Teil – handgebaut zwar, aber wenn man nicht wie ihr Amis zu dämlich ist um Chauchat auszusprechen – und man es mit dieser blöden Springfield-Munition in Ruhe lässt, läuft es wie eine verdammtes Uhrwerk. Ich hatte NOCH NIE ein Problem damit. Ihr habt nur Ahnung von Revolvern - und das war´s dann...“
      Verdattert sah Bianca die Französin an: „Öhhm – Entschuldigung...“
      „Das ist auch nötig, Schätzchen! Wer 8mm-Lebel-Patronen kennt, der weiß, warum diese Waffe so ein Magazin hat. Und der lernt auch die besonnene Feuerrate zu schätzen! Browning hätte in Europa bleiben sollen...“ grollte die Frau und paffte aufgebracht an ihrer Zigarre – und Bianca fragte nach: "Sie... kennen sich mit Waffen gut aus, nicht wahr?“
      „Büchsenmacherin, Mechanikerin und ehemalige Wrack- und Kampftaucherin der Légion étrangère, geboren auf La Reunion.“ nickte Marlo, kickte einen der Reisekoffer mit Rollen auf – und darin befanden sich Unmengen von verschiedenen Handfeueraffen und Patronenschachteln.
      „La Reunion? Und da kommen Sie freiwillig hierher?“ wunderte sich die Amerikanerin und Marlo paffte: „Gibt hier bessere Werkzeuge.“
      „Kommen Sie – jetzt echt... Kampftaucherin?“ lächelte Bianca und die Französin musterte sie: „Und? Sie sind Testpilotin. Angefangen hab´ ich mit Perlentauchen...“
      „Nunja – das erklärt zumindest Ihre etwas rauhe Art...“ kicherte Bianca und Marlo knurrte: "Schnauze, Kleine. Und hier ist unsere Chefin – Elsa Schwarz.“



      Bianca sah in die Richtung, in die Marlo deutete – und da saß in der anderen Hälfte des Raumes eine charismatische, mondän wirkende Blondine in so etwas wie Safarikleidung, neben der Allison schon die ganze Zeit Stellung bezogen hatte. Marlo´s Zigarrenqualm hat den Duft des Zigarillos dieser Frau erfolgreich übertüncht – und sie hat offenbar der ganzen Diskussion regungslos zugehört. Bianca wurde rot. Und die Frau sagte schlicht: „Miss Scorsese – Sie kommen wie gerufen.“


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    • Bianca war platt.

      Diese Person wirkte wie eine Schauspielerin! Die Stimme war samten, selbstbewusst und ruhig. Elsa stand auf und ging zu Bianca: „All das muss Ihnen sehr seltsam vorkommen, nicht wahr? Lassen Sie mich es Ihnen erklären...“
      Die blonde Frau sah zum Fenster hinaus: “Marlo hat Ihnen die Fotos gezeigt, nehme ich an – was halten Sie davon?“
      „Najaaa... Sturzflugbremsen halte ich an einer so großen Maschine, wie Marlo sie beschrieb, für fehl am Platze...“ meinte Bianca schüchtern und Elsa sah zu Marlo: „Deine Meinung?“
      „Verkleidungen für MG-Nester und Aufhängungen für Außenlasten. Wahrscheinlich sogar einen gut getarnten Bombenschacht. Die Tragflächen sind mehr als ein Viertel so dick wie der Rumpf.“ meinte die Französin. Elsa nickte – und wandte sich an Bianca: „Irgendjemand rüstet in Deutschland – und weltweit auf.“
      Bianca stutzte – und Elsa fuhr fort: „Keine Einzelperson – nicht, daß Sie das... gut, lassen wir das – duzen wir uns – das vereinfacht Vieles.“
      „Hab´ ich schon mit angefangen.“ kommentierte Marlo. Elsa lächelte: „Dachte ich mir...“
      „Aufrüsten? Wie kommen Sie darauf?“ wollte Bianca wissen – und die große Blondine antwortete: „Es gab mehrere Treffen zwischen deutschen, italienischen und japanischen Marineexperten. Wozu? Deutschland hat – zumindest offiziell – keine nennenswerte Marine. Italienische, japanische und seit 1936 auch spanische Marinehäfen aber sind... voll. Sehr voll. Und Franco hat Truppen mit sehr moderner Ausrüstung – und sehr gut trainierten Soldaten. Und diese Soldaten haben ihm zum Sieg über die Sozialdemokraten geholfen – und irgendwie scheint man in Russland zu wissen, wo die herkommen. Der Effekt? Frankreich macht sich Sorgen wegen Spanien und Deutschland – und Deutschland macht sich Sorgen wegen England, Frankreich und Russland. Und dann ist da noch Österreich, der Krieg in Irland – die Türkei... Da sieht kaum eine alliierte Untersuchungskommission hin – aber da tut sich viel, was Kampffahrzeuge angeht...“
      „Woher wissen Sie das alles?“ staunte Bianca – sie hatte tatsächlich keinerlei Zweifel daran, daß es der Frau ernst war.
      „Weil ich einer dieser Soldaten war.“ antwortete Elsa ruhig.

      Allison stand immer noch bei Elsa – gerade so, als würde sie aufpassen, daß Bianca ihr nichts tut. Was völlig absurd war – sie war weder bewaffnet – noch hatte sie irgendeinen Grund dazu... Bianca hatte aber einen Grund, diese stattliche Frau mit offenem Mund anzugaffen. Elsa stutzte: „Stimmt was nicht?“
      „Soldat?“ staunte Bianca – und sah zu Marlo: „Okay, ihr nehme ich das ab...“
      „Was soll´n das wohl heißen?“ grummelte die Französin und Elsa lächelte: „Marlo hat die Kerle von der Musterungsbehörde so lange verprügelt, bis sie sich gedacht haben, gut – mal sehen, wie lange sie mitmacht...“
      „Die Wette haben sie verloren!“ paffte Marlo zufrieden.
      „Und Sie?“ runzelte Bianca die Stirn, während sie Elsa ansah. Und Elsa stand am Fenster – die Hände hinter dem Rücken verschränkt – tatsächlich – wie ein Offizier: „Sie nannten es `Glückstreffer´. Ich war Kriegswaise. Meine Eltern waren gerade mit mir auf Reisen, denn an der Somme ist es eigentlich sehr schön... Also wurde ich von einigen Soldaten gefunden, als ich vier Jahre alt war – und mitgenommen. Und dann wurde ich – sagen wir `umerzogen´. Es gibt da einige geheime Organisationen, die sehr viel mit... öhhm... wie sagt man das in englisch?“
      „Paranormaler Mist.“ grinste Marlo – und Elsa nickte: „Ja , das wird’s wohl sein. Irgendeine Frau namens Sigrun hat mich hypnotisiert – und seitdem habe ich ab und zu seltsame Träume – oder so etwas wie `fremde Erinnerungen´. Ich weiß beispielsweise nur, daß Aldebaran ein Stern ist – warum mir das Wort einfällt, weiß ich aber nicht. Ich weiß auch nicht, was ein `Jenseitsfluggerät´ sein soll...“
      „Paranormaler Mist eben.“ winkte Marlo ab: „An Deiner Stelle würde ich zusehen, daß ich die Typen finde – und dann würde ich denen aber mal kräftig ein paar einschenken!“
      „Du würdest sie erschießen.“ mutmaßte Elsa und die Französin paffte an ihrer Zigarre: „Wenn sich die Gelegenheit ergibt – dann gerne auch das. Den Leuten im Kopf rumpfuschen – die haben Probleme...“
      „Aha... und Sie? Sie sind augenscheinlich auch Soldatin?“ sah Bianca zu Allison – und sie sagte: „Nö. Ich war Barkeeperin aus Shanghai.“
      Verblüfft sah Bianca das fragile Mädchen an – und Marlo grinste breit: „Eigentlich ist sie aus Neuseeland – sie ist halb Maori. Und ihr Vater hat ihr echt miese Tricks beigebracht – den LUA – polynesischen Ringkampf. Die Kleine knickt Dich auf Briefgröße und gibt Dich unfrankiert auf, Schätzen.“
      „Wieso nennen Sie mich immer Schätzchen?“ sah Bianca zu Marlo und die hob den Finger: „Ich bin `Du´! Du hst echt´n Gedächtnisproblem, scheint mir...“ und dann paffte sie Bianca Rauch ins Gesicht: „Warum ich Dich Schätzchen nenne? Weil Du total niedlich aussiehst, ist ja wohl klar!“
      Elsa hob belustigt eine Braue – da haben sich ja welche gefunden... Hustend wies Bianca auf Allison: „Und was ist mit ihr? Sie ist auch...“
      „ICH BIN NICHT NIEDLICH!“



      In der Tat – mit einem derart finsteren Gesicht war Allison das nicht – bemerkenswerterweise rührte sie ansonsten keinen Muskel – aber sie sah betreten weg und meinte leise: „Ich bin ein Monster.“
      Und Bianca dämmerte es – offenbar hatte dieses Mädchen einige unschöne Dinge erlebt...
      „Ich hatte eine schöne Zeit in Shanghai– bis die Japaner kamen. Die sind schlimm. Nanking ist total verwüstet...“ flüsterte Allison.
      „Einer von denen mochte mich anscheinend... irgendwie. Aber er konnte das nicht... normal zeigen. Stattdessen steckten er und seine Freunde überall... Dinge in mich rein...“ fuhr sie leise flüsternd fort, was das Ganze noch erheblich gruseliger machte, hier im halbdunklen Raum...
      „Sie haben ein Aquarium gehabt – mit bunten Fischen drin – und die haben sie mir in den Hals geschoben. Die waren recht groß...“ machte Allison eine entsprechende Geste mit den Zeigefingern – und dann fing sie an ein winziges Lächeln zu zeigen: „Aber an einem Abend waren sie alle betrunken – von diesem komischen Reiswein. Und sie hatten alle diese Schwerter... und dann habe ich Dinge in sie reingesteckt. Das hat ihnen nicht gefallen...“
      Elsa saß nachdenklich da – und Marlo und Bianca sahen das Mädchen an wie ein Gespenst. Schließlich meinte Elsa. „Das erklärt den `Spitznamen´, den die Japaner Dir gegeben haben – Akuma no Tasumania. Der Tasmanische Teufel...“
      „Ich bin nicht aus Tasmanien.“ schmollte Allison und Marlo frgte: „Und dann bist Du mit diesem komischen Flugzeug abgehauen? Wie das? Du kannst doch gar nicht fliegen...“
      „Kann ich wohl! Zumindest mit MEINEM Flugzeug!“ konterte Allison und Elsa bestätigte das: „In der Tat – in diesem Ding ist sie formidabel – was mich selber verwundert...“
      Doch Allison wandte sich nicht ohne Stolz an Bianca: „Nun bin ich eine Koa – eine Kriegerin! Und mein Manaa* ist sehr groß – weil ich ein Monster bin. Darin bin ich gut.“
      „Belassen wir es erst mal dabei. Du siehst also, Bianca – wir alle haben eine ungewöhnliche Geschichte...“ atmete Elsa aus.
      `Was wohl eine schamlose Untertreibung sein dürfte...´ dachte sich Bianca. Dann dachte sie kurz nach – was machte sie eigentlich hier? Also fragte sie: „Bei all dem hier – was erwartet ihr eigentlich von mir?“
      „Oh ja – gut, daß Du fragst – wie ich erfahren habe...“ holte Elsa eine Ausgabe des LIFE- Magazins hervor, auf dem tatsächlich Bianca´s Bild zu sehen war. „...sind Sie nicht nur eine exzellente Pilotin – Sie können auch gut fahren und haben einen guten Ruf als Präzisionsschützin...“
      Marlo horchte auf: „Was?! Echt jetzt?“
      „Naja... in New York aufzuwachsen ist nicht einfach – da gibt’s viele Gangster und so. Wenn man da nicht aufpasst...“ wurde Bianca rot und Marlo schlug ihr amüsiert auf den Rücken: „Hähähä... Muss hart sein, Du zu sein! Da gibt’s bestimmt´nen ganzen Satz Schmutzfüße, die Dir nachsteigen was?“
      „ Gut – nun zu unserem Vorschlag:Wir haben ein perfektes Flugzeug für unsere kleine Truppe und brauchen für´s Erste jemanden, der es perfekt fliegt. Interesse?“ fragte Elsa.

      *Manaa - so etwas wie der Ruf, den ein Koa ansammelt.


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    • Das Flugzeug war toll.



      Unheimlich toll sogar – mit Betonung auf unheimlich. Eigentlich war es eine Heinkel 111, wie sie auch die Lufthansa flog. Natürlich – man erklärte Bianca das genau – war diese hier etwas Besonderes. Duraluminium war klar – àber dieses Modell hatte auch eine größere Reichweite und eine mittige Bodenwanne – die allerdings vollends mit Marlo´s halbautomatischer 105mm-`Lufthaubitze´ besetzt war – Bianca hatte nicht die Spur einer Ahnung, was diese Französin sich dabei gedacht hatte – und sie war sich auch nicht unbedingt sicher, ob sie die Antwort darauf überhaupt hören wollen würde. Diese Maschine aber versprach sehr, sehr schnell zu sein – als Bianca sich die ungewöhnliche Verkleidung der zwei Motorgondeln ansah, fragte sie den Mechaniker mit Spitznamen `Lufthans´: „Da wurde auch kräftig dran rumgewerkelt, wie ich sehe... Was sind das für Motoren?“
      „Allison.“ sagte der Mann – und Allison fragte: „Was?“
      Erstaunt sah der Mann dieses zierliche Mädchen an – das tatsächlich eine maßgeschneiderte, figurbetonte schwarze Uniform trug und ihn erwartungsvoll ansah - und Marlo grinste schließlich breit: „Sie heißt Allison.“
      „Was ist jetzt?“ fragte Allison erneut.
      `Lufthans´ wirkte verlegen und errötete: „Öhhm – entschuldige bitte, Du warst nicht gemeint – die Motoren kommen von einem Werk, das heißt auch Allison...“
      „Sind es gute Motoren?“ fragte sie dann und der Mechaniker stutzte: „Öhhm... ja...“
      „Dann ist´s ja gut...“ drehte sich Allison um – und ging an Bord. Bianca und Lufthans starrten ihr verblüfft nach – und Marlo paffte gemütlich an ihrer Zigarre: „Also – für Unterhaltung ist schon mal gesorgt...“

      Das Flugzeug war nicht nur traumhaft zu fliegen – man sah ihm auch an, daß es etwas Besonderes war. Verkehrsmaschinen und Privatmaschinen sind oft ganz einfach silbern. Diese Maschine hier war... schwarz. Es gab hier und da ein paar abenteuerliche Markierungen und Kennungen auf ihr – aber sie war einfach nur lackschwarz. Und sie war tatsächlich schnell – unerhörte 530 Km/h...
      Von Nordwesten kam wieder ein Sturmtief – und über Frankreich hingen nun, am Abend, diese typischen, graugefledderten Wolken wild am Himmel. Irgendwie fand Bianca, daß dieses Flugzeug genau in einen solchen Himmel gehörte... Es bestand kein Zweifel daran – die Konstruktion war sehr stabil ausgelegt – es war nicht unbedingt auf Gewichtsvermeidung geachtet worden, warum auch immer... aber da war noch Luft nach oben, hin, das konnte Bianca spüren. Dieses Flugzeug lag trotz der kräftigen Böen in der Luft wie ein Brett. Sie war immer noch fasziniert von der Formgebung dieser Maschine – an ihr war einfach nichts eckig oder kantig. Eleganz pur – ein Kunstwerk, das, so ganz nebenbei, auch noch fliegen konnte. Bianca kam sich vor, wie einer dieser geheimnisvollen Charaktere aus den Agenten-Geschichten in den Detective Comics, die sie so gerne las – wenn mal keiner guckte. Sowas musste man einfach toll finden!
      „Wozu sind diese zwei Hebel da?“ fragte Marlo im Sitz des CoPiloten – und Bianca sah sie fast erschrocken an. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie die Französin sich hierhergesetzt hatte...
      „Also? Wozu sind die? Die klemmen total nah beieinander! Spinner – hätten nur einen bauen sollen...“ wunderte sich Marlo und Bianca lächelte: „Das ist die Schubregelung – mit verstellbaren Propellerblättern. Man kann sie auch unabhängig bedienen, wenn man eine Kurve fliegen – also abdrehen will...“
      „Aha... und wozu hast Du dann den Steuerknüppel?“ fragte Marlo nach.
      „Naja – wenn ich das Seitenruder und die Schubregelung nehme, wird die Kurve enger...“ erklärte Bianca und fuhr fort: „Drücke ich diesen Steuerknüppel nach vorn, sinken wir, ziehe ich ihn an, dann steigen wir.“
      „Okay – und was braucht man dann noch Pedale?“ fragte Marlo weiter.
      Bianca lachte. Dann meinte sie: „Okay – wenn ich abdrehen will, ist es gut, sich ein wenig in die Kurve zu legen – wegen den Fliehkräften. Im Prinzip wie beim Motorrad. Dazu brauche ich diese Fußpedale...“
      Anerkennend pfiff Marlo durch die Zähne: „Und das alles gleichzeitig – kein Wunder, daß man als Pilot viel zu tun hat...“
      „Der Himmel ist ein dreidimensionaler Raum, in dem es nicht wirklich viel Halt gibt...“ nickte Bianca – und wunderte sich über Allison – die flog nur ein Flugzeug - `ihres´, wie sie es nannte.



      Allison war hinten, wo normalerweise die Sitzreihen der Passagiere waren. Nun sind hier zwar auch Sitze – aber nicht so viele. Mann hatte es... gemütlich hier. Das Mädchen hatte es sich bequem gemacht – und war damit beschäftigt, ihre Ausrüstung zu pflegen. Auf ihrer Flucht in ihren zerfranselten Barkeeperklamotten hatte das bebende Reflexbündel genügend Gelegenheiten, sich geeignetes Material anzueignen – und auch Fähigkeiten.
      Der damals gerade noch vorhandene Rest von Allison´s Verstand machte sich keine Illusionen – sie war nun einseitig blind. Aber es ist eigentlich... nur Dunkelheit. Und die kann nützlich sein. Man vermutet, daß Allison sich deshalb so gut in Dunkelheit zurechtfindet, weil ihre Pupille so groß ist – viel Licht, egal, wie gering, erreicht den Augenhintergrund. Allison ist das egal – sie ist ein Monster, wenn auch ein kleines.
      Sie ist... nicht gleichseitig. Sie ist asymmetrisch – wie ihr Flugzeug. Sie passen also gut zusammen. Und wie Allison selber, kommt ihr Flugzeug im Dunkeln gut zurecht. Aber wie gesagt – Allison war realistisch – selbst als Monster ist sie... klein. Um in dem Job gut zu sein, brauchte sie Werkzeuge. Also hatte sie in ihrer Arzttasche ein ganzes Sammelsurium von Messern, Dolchen und Pistolen, die sie auf ihrer Flucht zsammengerafft hatte – warum sollte man als Monster keine Andenken mögen? Selbst die Tasche war Beute. `Arzt´ - ja, genau... Sie hatte sich sogar eine Taktik zurechtgelegt, um den Großteil der Gegner in einem möglichen Nahkampf aus dem Konzept zu bringen. Allison schoss mit Rechts – und hatte eine Nahkampfwaffe stets in der linken Hand. Wie einen deutschen Marinedolch zum Beispiel. Ein ziemlich schöner Dolch. Der war nun nicht sonderlich scharf – aber die Klinge war dick – und sehr spitz. Man konnte diesen Dolch sehr gut tief irgendwo reinstecken. In ein Ohr zum Beispiel. Elsa schätzte, daß der Dolch ein `Andenken´ an Tsing Tao war...
      Ebenso ausgefallen war ihre Pistolensammlung... da war eine Mauser M-712 – die Chinesen waren so vernarrt in Mauserwaffen, daß sie in den 20ern alles aufgekauft hatten, was sie fanden – so kam es, daß auch spanische Firmen mit aufsprangen und Mauserkopien anfertigten. Es gab früher ein Langwaffenembargo für China – so war die Möglichkeit, eine Mauser mit Anschlagschaft als Gewehr zu verwenden, natürlich eine echte Option. Allison mochte am liebsten die 10-Schuss-Magazine – aber Marlo hatte ihr welche für 24 Schuss gemacht – da lohnte sich das Umschalten auf Vollautomatik wenigstens. Und Allison hatte das Timing für eine Dreischußsalve schnell raus...
      Ebenfalls unter die Kategorie Andenken aus Tsing Tao fiel sicherlich die Borchardt C-93. Sie war zwar kompliziert aufgebaut mit ihrem seltsam anmutenden Kniegelenkverschluss – aber sehr ausgewogen und hatte einen angenehm langen Lauf. Man konnte mit ihr sehr genau schießen. Sie war Allison´s Präzisionspistole.
      Dann war da noch eine Nambu-14. Allison hatte Glück, daß sie eine gute gefunden hatte – manche dieser Waffen neigten dazu, von zweifelhafter Qualität zu sein, aber diese hier... Sie hatte einen kleinen Abzugsbügel. Es gab noch welche mit großem Abzugsbügel – für Handschuhe. Denn in der Mongolei war es kalt. Zudem war sie – gemessen an den anderen beiden – recht klein. Man konnte sie gut so mit sich rumtragen.
      Dann hatte Allison – dank Marlo – noch diverse kleine Taschenwaffen – eine sah sogar fast so aus wie ein Benzinfeuerzeug. Eine andere sah aus wie eine komische kleine Schnupftabakflasche. Wieder eine andere wirkte sogar wie ein merkwürdiger Ring. Der allerdings passte nur auf Allison´s Mittelfinger - wenn sie Lederhandschuhe trug. Ihre Hände waren doch recht zierlich.
      Elsa war in der Funkerkabine links hinter dem Cockpit. Sie bereitete ihre Ankunft in Spanien vor. Und Marlo war mit Bianca im Cockpit. Hm... Allison mochte Bianca. Sie war... nett. Sie klang auch nett. Beruhigend, irgendwie. Und sie mochte Flugzeuge. Mit Flugzeugen konnte man hin, wo immer man auch hin wollte. Irgendwie kam sich Allison nun nicht mehr so... eigenartig vor.
      Allison streckte sich aus und sah aus dem Fenster. Es wurde dunkel. Das war schön. Dunkel ist immer gut. Zeit, sich zu entspannen. Es würde noch genügend Gelegenheiten geben, wo ein kleines Monster gebraucht werden würde. Das stand schon mal fest.


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    • Sevilla



      „Du solltest Dir auch eine Waffe zulegen. Hier ticken die Uhren etwas anders...“ war Elsa´s Kommentar als sie in die Morgendämmerung hinaustraten. Sie überprüfte ihre – eine silbern aussehende Luger Marine-04 mit Wurzelholzgriffschalen. Eine beeindruckende Waffe für eine beeindruckende Frau. Und wenn man Elsa so sah – mit ihrer abenteuerlichen Garderobe und der Sonnenbrille – ja, hier tickte alles etwas anders. Das hier war Spanien.



      Bianca lächelte wieder: „Ich denke, ich komme schon klar...“
      „Und wenn sie nicht klarkommt – da bin ja immer noch ich.“ kam Marlo paffend aus dem Flugzeug – nur mit weißer Bluse und schwarzer Bundfaltenhose – und einer schwarzen Nickelbrille.
      „Dann kriege ich das Chauchat?“ grinste die Amerikanerin und Marlo schnaubte: „Ja wohl im Leben nicht!“
      „Hier.“ hielt Allison der überraschten Bianca einen wirklich riesigen Revolver hin. Er sah weitestgehend aus wie ein Single Action mit monströser, ungefluteter Trommel – und einer Sicherung. Und er hatte einen Griff ähnlich dem der Mauser, die Allison so gerne hatte. Es war ein Gasser-Revolver – im Kaliber 11,43mm. Marlo zuckte mit den Schultern: „Amerikanische Knarren haben wir hier nicht... Also dachten wir uns, nimmste solange den da...“
      Etwas perplex stand die Pilotin da – mit diesem mehr als unterarmlangen Ungetüm in der Hand: „Was... genau erwarten wir denn hier?“
      „Hier?“ paffte Marlo vergnügt vor sich hin: „Nix. Im Optimalfall. Da aber mein Name und das Wort `optimal´ noch nie zusammen in einem Satz gefallen sind – ich glaube, dagegen gibt’s sogar´n Gesetz – rechne ich mal mit dem Schlimmsten...“
      „Und deshalb nimmst DU das Chauchat?“
      „Ganz genau!“ grinste Marlo – und wies auf ein Auto am Rande des Flugfelds: „Und unser Fahrzeug ist auch schon da – nun zeig´ uns mal, was Du am Boden draufhast, Schätzchen!“
      Man sagt ja, manche Autos seien fahrende Paläste – aber dieses hier war eine rollende Kathedrale.
      Da stand ein Voisin C-25 Aerodyne und überraschte die Amerikanerin – ein Designwunder mit einem stilisierten Art-Deco-Schwan auf dem Kühlergrill. Bianca konnte nur staunen – selbst die Sitzbezüge und die Innenpolsterung der Türen war außergewöhnlich: „Das ist wunderschön...“
      „Na klar ist es das – es ist französisch.“ stieg Marlo mit Allison hinten ein – und Elsa setzte sich vorne rein – und ihre Hälfte des Armaturenbrettes war ebenfalls mit diversen Schaltern versehen. Sie lächelte Bianca an: „Dann wollen wir mal – das wird interessant!“
      Die Blondine legte einen kleinen Kippschalter um – und das gesamte Dach schien einfach nach hinten wegzurutschen. So langsam kam Bianca dahinter – mit diesem Wagen könnte man einfach so unterwegs sein – und bei Bedarf kann sich jemand mit einem Gewehr (wie beispielsweise gewisse risikofreudige Französinnen) in jeder Richtung nützlich machen. Tatsächlich – wie in den Detective Comics...
      „Was genau haben wir vor?“ startete Bianca den Motor der dunkelblauen Limousine – der überraschend leise war und die Deutsche antwortete: „Es gibt in Sevilla´s Altstadt ein türkisches Bad – direkt unter einem Varieté. Dort treffen sich heute einige alte, österreichische und türkische Offiziere – es geht um die Neuanschaffung von Panzerwagen. Wahrscheinlich sollen damit Putschisten in den beiden Ländern ausgerüstet werden – die Türken haben es nicht so mit Atatürk – denen ist ein neu erstarkendes osmanisches Reich lieber. Und die Österreicher denken ähnlich von ihrer Republik...“
      „Und wo kommen die her – diese Panzerwagen?“ wollte Bianca wissen und Elsa atmete aus: „Das interessiert uns auch. Deshalb sind wir hier. Marlo und Allison werden sich inkognito in diesem Haus umsehen. Und möglicherweise ergeben sich da noch andere Gelegenheiten...“
      Bianca runzelte die Stirn und sah die beiden skeptisch an: „Inkognito?“
      „Du wirst staunen!“ grinste Marlo zuversichtlich.



      Was tut man nicht alles, um an Geld zu kommen... Consuela atmete aus – und bereitete sich auf ihren Auftritt vor. Sie war Assistentin von `El Supremo´, einem Messerwerfer. Passend zum Umstand, daß unter dem Varieté ein Dampfbad, oder so – naja, irgend´ne Schwitzbude für reiche Säcke war, hatte man die Andalusierin in das Gewand einer Haremsdame gesteckt – dunkelrote Pluderhose, diverser Perlenschmuck, eine Art weinrotes. bauchfreies Oberteil, von dem man überzeugt war, daß man es so im Topkapi-Palast ebenfalls für gut befunden hätte – und ein Gesichtsschleier, versteht sich. Dazu noch schwerer Lidschatten und ein wenig Henna – und fertig ist Sheherezade in der Alhambra-Ausführung – so dachte man sich das. Mitsamt den schwarzen, zierlichen Ballettschuhen war Consuela also fertig für das Programm heute – 1001 Nacht.
      Das alles war ja nun auch nicht so weit hergeholt – immerhin war Spanien für einige Jahrhunderte lang von Mauren besetzt gewesen. Und hier, in der Altstadt, konnte man das auch noch gut erkennen. Änderte nichts an der Tatsache, daß Consuela Obregon eigentlich aus einem Zirkus kam – sie war ein Gummimensch und auch noch begabt, was das Hochseil anging. Sie ging also zur Bühne und machte sich darauf gefasst, auf eine Drehscheibe geschnallt und mit Messern beworfen zu werden.

      Marlo... war ein Mann. Tatsächlich – Schnurrbart, irgendwie zurechtgewickelte Brust unter dem Hemd, eine Garderobe mitsamt Hut und Sonnenbrille, wie Howard Hughes sie tragen könnte – oder Hemingway – und Marlo war ein waschechter Kerl. Sie ging so, na, sie benahm sich ohnehin so – und... nun klang sie sogar so. Ein eleganter, recht feingliedriger Mann. Noch dazu einer, der verdammt gut und gepflegt aussah. Da stand sie, die Hände lässig in den Taschen – und grinste Bianca an: „Da staunst Du, was? Oh ja, Moment...“
      Sie drehte sich zu Elsa um – und hielt die Hand auf.
      „Was denn?“ sah Elsa sie fragend an – und Marlo grinste: „Na, wenn ich einen auf Millionär machen soll, bräuchte ich noch´n bisschen Kleingeld...“
      „Oh, stimmt – Moment...“ holte Elsa ein Bündel 100-Dollar-Noten aus ihrer Jackentasche und Marlo nickte Bianca zu: „Schon praktisch, wenn wenigstens einer von unserem Haufen Kohle hat – und Dollars ziehen überall.“
      „Wie machst Du das mit der Stimme?“ wunderte sich Bianca. Und Marlo wies auf ihren Hals, der tatsächlich so etwas wie einen Adamsapfel hatte: „Da ist ein Silberring drin, der meine Stimmbänder dehnt – so klingt meine Stimme dunkler. Netter Trick, nicht?“
      "Den habe ich da reingetan – hiermit.“ meinte Allison und hielt eine medizinisch aussehende, schmale Zange hoch. Und auch sie hatte sich ein wenig verändert. Mit der gut sitzenden, schwarzen Hose, einer Bluse mit Stehkragen, die aussah wie aus schwarzer Spitze und einer dunkelroten Seidenweste sah sie tatsächlich aus wie jemand, der als Barkeeper durchgehen könnte. Die dünnen schwarzen Lederhandschuhe, der Marinedolch und die Nambu-14 störten den Eindruck jedoch etwas... Und dennoch... da standen sie – auf dem Bürgersteig neben der Limousine – und in der lebhaften Stadt achtete wirklich niemand auf sie. Als Bianca sich umsah, stellte sie fest, daß hier in der Tat solch ein buntes Treiben herrschte, daß sie hier gar nicht weiter auffielen. Irgendwie schien der Regierungswechsel auf die Spanier keinerlei große Auswirkungen gehabt zu haben...
      „Okay – pass´ gut auf Elsa und den Wagen auf – wir werden uns ein wenig unter´s Volk mischen.“ paffte Marlo und nahm ihren schwer aussehenden, etwas unförmigen Koffer mit. Und Allison verschwand ebenfalls in der Menschenmenge, bevor Bianca noch etwas hätte sagen können.
      „Nur die Ruhe – das machen sie nicht das erste Mal...“ klopfte Elsa der Amerikanerin auf die Schulter und wies auf eines der zur Straße hin offenes Cafés: „Da haben wir den Wagen im Blick – und können nebenbei noch ein bisschen was trinken...“
      „Ist heute irgend ein Feiertag? Es ist ziemlich was los hier...“ wunderte sich Bianca, als sie sich auf den Weg über die Straße machten. Die Deutsche holte ihren Taschenkalender hervor und sah nach – und schüttelte den Kopf: „Nein, nichts... aber ich denke, das ist hier normal. In warmen Ländern findet viel auf den Straßen statt – und die überdachten Wandelgänge hier laden dazu ein, draußen zu sein – man hat dennoch Schatten. Um Mittag rum wird es etwas ruhiger – das ist Siestazeit“
      „Ja, die Altstadt hier ist schon ein Erlebnis. Es wirkt tatsächlich sehr orientalisch...“ musste Bianca zugeben und Elsa warf einen Blick auf die Karte: „Und passend dazu gibt’s hier auch noch Mocca. Der macht wenigstens wach. Die letzten Tage waren lang...“
      `Und man darf gespannt sein, wie lang dieser hier noch wird...´ dachte sich Bianca im Stillen.


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    • Als Attentäter

      ...ist es ratsam, nicht auf den ersten Blick so auszusehen. Es ist also besser, wenn man nicht wie ein gewalttätiger Muskelberg aussieht. Oder generell einen trainierten, soldatenhaften Eindruck hinterlässt. Niemand käme nun auf die Idee, daß diese kleine, schmale Gestalt, die schon geraume Zeit da auf dem Dachboden des Varietés hockte, durchaus die Fähigkeiten eines gewalttätigen Muskelberges aufwies. Und normalerweise käme auch niemand auf die Idee, hier oben zwischen all den Gitterstegen, Kontergewichten, Kulissen und Flaschenzügen herumzulungern, während unten eine Vorstellung lief...
      Abgesehen von Allison, die von hier oben aus im Publikum unten nach ein paar Männern suchte, von denen sie Fotos hatte – und abgesehen von Consuela, die hier oben gelegentlich in Ruhe eine Zigarette rauchte, denn hier würde sie niemand finden und ihr mit irgendwelchen saudummen Arbeiten auf den Geist gehen.
      Doch dieses Mal war SIE es, die jemanden fand.
      `Was macht denn der Knirps da hinten?` wunderte sich die Andalusierin – und ging leise ein wenig näher hin. Der Kleidung nach war es ein Page oder so was – vom Hotel nebenan? Der sah ja echt niedlich aus – und die Klamotten standen ihm geradezu unanständig gut, Dios mio...
      „Hola, bebé - ¿qué haces?“ fragte Consuela also leise und freundlich – und hatte ein langes Messer am Hals.



      Völlig perplex fiel ihr die Zigarette aus der Hand – so daß diese den Dachboden runterfiel und hinter der Kulisse in einem Schacht verschwand. Sie landete schließlich in einem Wäschekorb – gleich neben der Wäscherei des Hotels nebenan, die ihr heißes Wasser aus dem gleichen Gasofensystem bezog wie das türlische Bad...
      `Das ist ja´n Mädchen!´ staunte die Andalusierin über das eigentlich recht niedliche Gesicht – und die deplatziert wirkende Augenklappe. Diese kleine Person hockte da wie eine überraschte Katze – nur nicht so wirken, als wäre man überrumpelt worden, sondern gleich etwas machen, das einen so aussehen ließ, als hätte man das erwartet.
      „Ich verstehe nicht, was Du sagst. Du bist hübsch. Willst Du´s bleiben?“ fragte Allison rein aus Interesse nach – und Consuela stotterte auf Englisch: „J... ja, bitte?“
      „Gut. Mach keinen Mist – ich bin ein Ungeheuer – ich kriege dich.“ steckte Allison den Dolch wieder weg – und starrte wieder konzentriert nach unten, wo sie das Publikum im Blick hatte. Angesichts so viel ungewöhnlichen Selbstvertrauens war Consuela nur baff – sie kam ganz einfach gar nicht auf die Idee, wegzulaufen... Stattdessen sah sie Allison über die Schulter – und sah einen Kugelschreiber, ein paar Fotos von irgendwelchen Typen und eine Öffnung im Dachboden, die den Blick auf das Publikum weiter unten erlaubte. Consuela runzelte die Stirn: „Suchst Du diese Kerle da unten im Publikum?“
      „Ja – wenn Du willst, kannst Du mir helfen...“ flüsterte Allison zurück und Consuela fragte nach: „Ist das hier sowas geheimdienstmäßiges?“
      „Ja. Magst Du Kriege?“ fragte Allison zurück.
      „Nein... wieso?“
      „Diese Männer schon.“
      „Dann helfe ich Dir.“ nickte Consuela bestimmt.
      „Es ist besser, als Barkeeper zu sein – und man sieht viel von der Welt...“
      Das kam Consuela komisch vor – meinte die das etwa als permanente Arbeit? Doch Consuela kam gar nicht mehr dazu, irgendwas zu sagen – denn... alles flog irgendwie in die Luft – und der jahrhundertealte Holzboden gab unter ihren Füßen nach.
      Die Zigarette der Andalusierin hatte ganze Arbeit geleistet.

      Und währenddessen hatte Marlo sich mit charmanten Überredungskünsten, die man weder `ihr noch ihm´ zugetraut hätte, in das Obergeschoss des gegenüberliegenden Stadtpalais gemogelt – hier hatte sie Stellung bezogen und behielt das Varieté im Auge – was vor allem später am Abend interessant zu werden versprach. Sie hatte Bilder parat, die sich von Allison´s unterschieden – eines davon war ein altes Foto von Generalmajor a.D. Rudolph Hagedorn. Es war bekannt, daß dieser schon 1924 mit von der Partie war – und der auch 9 Jahre später in Berlin mitmischte, was ebenfalls in die Hose gehen sollte. Ein ewig und gefährlich Unzufriedener. Hagedorn hatte Verbindungen zu dubiosen Großindustriellen, die nur darauf lauerten zu beweisen, wie fortschrittlich die deutsche Rüstungsindustrie inzwischen war. Und das war sie auch – aber nur im Ausland. Und das war für diese Leute entwürdigend – in gewisser Weise konnte Marlo das ja auch noch nachvollziehen.
      Nunja – bevor diese Leute aber anfingen die Welt zu verschlimmbessern, war es an der Zeit, dem Einhalt zu gebieten. Und im Einhalt gebieten von unliebsamen Vorgängen war Marlo gut. Aus dem Koffer holte sie ihr modifiziertes Chauchat, baute es zusammen und klemmte ein großes Zielfernrohr oben drauf. Dann wurde das Magazin gegen ein kleines ausgetauscht, in dem nur wenige, handlaborierte 8mm-Patronen waren – ihre Spezialanfertigung. Nicht vermackelt oder verbeult, präzise eingesetzte Projektile, genau bemessene Korditladungen. Wie gemacht für den ausgesucht präzisen Lauf, den dieses Chauchat aufwies. Dazu noch ein effektiver Kompensator – und fertig war das Scharfschützengewehr. Dann aber hatte Marlo genug damit zu tun zu sehen, wer oder was alles in dieses Haus ging. Aber einen Vorteil hatte Marlo bei ihrem Job – bei allem, was diese Monarchisten so zu tun pflegten – sie taten es stets mit Stil. Sie würde Hagedorn also zweifellos kommen sehen...
      Und sie wurde nicht enttäuscht – so um 1850 kam ein Maybach-Spohn DS-8 in Dunkelgrün vorgefahren, der einen seltsamen, stilisierten schwarzen Wappenadler in einem weißen Rund auf den Türen aufwies. Und tatsächlich – im Fond saß Hagedorn...
      Schnell war das Chauchat zur Hand und Marlo machte sich ans Werk. Auf diese Entfernung war das sehr einfach... Schließlich, als dem Offizier die Fondtür aufgehalten wurde und er ausstieg – schoß Marlo.
      Doch Hagedorn strauchelte an der Bordsteinkante.
      Und irgendwas in dem Gebäude flog in die Luft – und überall flogen die Scheiben aus den Fenstern.
      „Ups...“ bekam Marlo große Augen.



      Schließlich kamen Allison und Consuela wieder zu Atem, als der Staub sich mit hoher Luftfeuchtigkeit vermischte – und durch ein riesiges Loch über ihnen die verblüfften Musiker aus dem Orchestergraben zu ihnen hinuntersahen. Und Alison und Consuela saßen immer noch auf einem guten Teil des Dachbodens – der nun auf einem Berg von Schutt lag, welcher wiederum fast das komplette Wasser aus einem Pool gedrückt hatte – und hier unten haufenweise teils nackte Männer in denkbar derangiertem Zustand hinterlassen hatte. Die wiederum die beiden Mädchen anstierten. Allison musterte die Männer – und erkannte vier von ihnen wieder. Consuela aber sprang auf und war nun wirklich ernsthaft besorgt – ein paar von denen zogen tatsächlich Pistolen aus ihrer Kleidung...
      „Öhhm... neneneneee, das lassen wir mal – ich bin hier angestellt! Okay? Ich bin eine Künstlerin hier! Ich kann tanzen...“ stammelte Consuela und steppte probeweise auf dem wackelnden Holzboden: „...ich kann singen, jonglieren – und ich kann auch pfeifen – Fffffpfffpfff... jedenfalls konnt´ ich´s mal...“
      „Das wird so nichts...“ kommentierte Allison leise und stand in Ruhe auf, als eine Tür aufging und Männer in knallroten Paradeuniformen hineinkamen – und bei dem Chaos hier große Augen bekamen. Schließlich platzte einem der überspülten Halbnackten mit hochrotem Kopf der Kragen, er brüllte die Männer an und wies auf Allison und Consuela: „-Çabuk yakalayın!“
      Und schon kam mächtig viel Bewegung in die Geschichte. Allison schob die erstaunte Consuela einfach über den Rand des unregelmäßigen Lochs in der Decke zu den Musikern – und sprang nach oben, Consuela hinterher, während die Uniformierten sich drauf und dran machten ihnen zu folgen. Allison sah sich um, während die Andalusierin völlig aufgelöst wirkte und fragte: „Die wollen echt auf uns schießen?! Wer nimmt denn eine Pistole mit in ein verdammtes Dampfbad? Was machen wir jetzt?“
      „Wegrennen wäre eine gute Option.“ wies Allison auf den Hintereingang – dort, wo die Kulisse mal stand und den Requisitenraum von der Bühne getrennt hatte. Und als die ersten Männer aus dem Loch im Bühnenboden auftauchten – fand Consuela diese Idee ebenfalls sehr gut: „Bueno! Dann nichts wie weg hier!“


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    • Wir sind hier nur



      ...ein paar hübsche Stehrumchen. Vergessen wir das nicht – wir haben nichts mit niemandem zu tun.“ flüsterte Elsa Bianca zu, während sie wie die anderen Leute zum Varieté hinüberblickten – und erleichtert feststellten, daß die Unmengen plötzlich freiwerdenden Wasserdampfes jeglichen Brandherd haben erlöschen lassen. Warum da überhaupt irgendwas explodiert war, erschloss sich ihnen jedoch nicht...
      Plötzlich jedoch kam Allison in Begleitung einer... Bauchtänzerin aus einer staubigen Seitengasse gerannt – verfolgt von einem Trupp wütender türkischer Gardesoldaten in Paradeuniform. Dieses Bild war so skurril, daß all die Leute – inklusive Elsa, Bianca und auch Hagedorn – einfach nur dastehen und glotzen konnten. Aber irgendwo lachte sich jemand kaputt – ein junger Mann, wie es schien. Und da war Marlo – oben im Fenster des Palais – und amüsierte sich königlich. Da pfiff Elsa mit den Fingern zwischen den Zähnen durchdringend zu ihr rauf – und deutete vor sich auf die Erde. Wie, wenn man einen abgerichteten Hund aufforderte, sich hinzusetzen. Und das nächste, was die Leute sahen, war ein adretter, junger Kerl mit Schnurrbart und Gewehr – der aus dem dritten Stockwerk sprang – über eine Markise rutschte – und eine zweite – und schließlich auf den Boden sprang, um über die Straße zu laufen und hinten in die französische Limousine einzusteigen, auf die noch zwei Frauen zuliefen. Irgendwie liefen hier gerade ziemlich viele Frauen rum... Und während ein aufgebrachter Hagedorn vor dem noch qualmenden Varieté Zeter und Mordio schrie - fuhren sie auch schon los – Allison und den Türken hinterher. Das Chaos war perfekt.
      Noch perfekter allerdings wurde es, als ein achträdriges Metallungetüm durch eine Mauer brach – und der Limousine nachfuhr. Und Marlo sah nach hinten: „Oh, kacke, mann...“

      „Jaja... da sieht man... was von der Welt!“ rannte Consuela neben Allison her und war auf ihre Art die Erste, die Allison zum Lachen brachte. Irritiert schüttelte die Andalusierin den Kopf – und fing ebenfalls an zu lachen. Aber die Kerle waren hartnäckig und blieben ihnen auf den Fersen – durch schmale Gassen ging es, über Flachdächer und über Gartenmauern – und natürlich nutzte Allison jede sich bietende Gelegenheit, den Männern irgendwas in den Weg zu schmeißen – leere Fässer, Gartenwerkzeuge – oder alte Ladenregale...
      Consuela war überrascht über die Ausdauer und die Körperbeherrschung dieses Persönchens – na gut, sie selber war jetzt nicht viel größer, aber sie wusste immerhin, daß sie trainiert war – ihr Leben lang beim Zirkus. Aber da war diese Kleine hier – balancierte wie sie selber über eine schmale Hinterhofmauer, um rasch auf das nächste Flachdach zu kommen – oder sprang in zwei Stockwerken Höhe von einem Haus über eine Gasse auf´s Nächste...
      Faszinierend.
      Schließlich rannten sie enge Treppen rauf und runter – und kamen in eine große, überdachte Halle, wo regelmäßig eine große Menschenmenge von irgendwoher zu hören war – sie jubelten wegen irgend was. Allison aber hatte wenig Zeit, sich darüber zu wundern – stattdessen liefen sie einen der langen Gänge entlang – wo es seltsamerweise nach Bauernhof roch – mitten in der Stadt. Egal – die Männer, immer noch sechs, kamen ihnen wieder hinterher. Also rempelte Allison irgendeinen Kerl aus dem Weg, brach sich durch eine Holztür – und rannte mit Consuela... auf eine hell erleuchtete Sandfläche. Und ringsherum jubelten Tausende von Leuten... einem komischen Kerl in bunten Klamotten zu, der mit dem Rücken zu Allison stand, sie nicht bemerkt hatte – und der stattdessen mit einem roten Tischtuch herumwedelte.
      Dann zog er es nach hinten weg und sprang zur Seite.
      Und da sah Allison einen ausgewachsenen und relativ miserabel gelaunten Stier auf sich zustürmen.
      Die Polynesierin in ihr übernahm vollends das Kommando. Die schockstarre Consuela aus dem Weg des Tieres schubsend konnte Allison selber nur noch eines tun – sie sprang hoch in die Luft.
      Der Applaus in der Arena war ohrenbetäubend. Die gesamte Maestranza stand Kopf angesichts dessen, was nun geschah...

      Hagedorn war nachtragend. Und das war er offenbar gerne mit tonnenschwerem Kriegsgerät. Der vierachsige Panzerwagen, dessen große Profilreifen auf dem Pflaster dröhnten, war so agil wie ein größerer PKW – dafür aber wesentlich gefährlicher.
      „Hätte das Solothurn mitnehmen sollen – hiermit ist nix zu wollen!“ knurrte Marlo, als sie mit dem Chauchat nach hinten schoss. Elsa konzentrierte sich allerdings eher auf ihre Fluchtroute – und auf irgendein Timing, das Bianca nichts sagte. Aber sie reagierte stets, wenn Elsa sie anwies, in einer der zahlreichen kleinen Altstadtgassen einen Haken zu schlagen: „JETZT!“
      Die Limousine schoss links herum – und rechts flog irgendwas in die Luft. Ein Erker samt Türmchen sank als Schutthaufen auf die Straße hinter ihnen und Bianca fluchte: „Der Spinner schießt tatsächlich mit dem Ding hier in der Stadt herum?!“
      „Das ist, weshalb wir diese Leute aufhalten müssen, die stoppen vor nichts... RECHTS!“ war Elsa´s Antwort – und der Wagen schleuderte in die nächste Gasse – diverse Passanten und Hühner aufscheuchend. Ein Loch erschien in einer Ziegelmauer – und dahinter explodierte eine Gartenhütte. Und Bianca hatte eine Idee... Sie bog, den Straßenschildern und Hinweisschildern folgend, eine andere Straße ab – in der Hoffnung, daß spanisch und mexikanisch ein- und dasselbe bedeuten würden. Und tatsächlich – gerade, als der Panzerwagen hinter ihnen erschien – schoss Bianca mit der Limousine über eine schmale Brücke – darunter war einer der zahlreichen Bäche und kleineren Flüsse, die in den Guadalquivir mündeten.
      Elsa hob erstaunt eine Braue – und sie fuhren weiter, während der Panzerwagen die Brücke erreichte – und diese unter seinem schieren Gewicht nachgab. Mit der langen Kühlerhaube voran landete das Ungetüm mitsamt den Überresten der alten Steinbrücke im Kiesbett des momentan im Sommer nur als Rinnsal vorhandenen Baches. Und Hagedorn – flog aus dem Turm und landete ebenfalls im Dreck. Marlo stand immer noch hinten im Fond mit dem MG – und grinste breit. Ja, es sah aus, als könnte man Bianca echt zu was gebrauchen. Und das Grinsen sollte noch viel breiter werden, als sie alle an der nächsten Kreuzung sahen, was aus Allison und ihrer ungewöhnlichen Begleitung geworden war...



      Da waren sie in ihrem Auto – und sahen auf der kreuzenden Hauptstraße einen desorientiert wirkenden Torero und fünf rot uniformierte Typen mit Fes auf dem Kopf – vor einem wütenden Stier davonrennen, auf dessen enormen Rücken Allison saß und hinter dem diese Bauchtänzerin herlief – gefolgt von zwei Polizisten auf Motorrädern. Und hinter denen schien die ganze Stadt in Feierlaune hinterherzustromern. Was als Verfolgungsjagd begann, war zu einem sehr skurrilen Festtagsumzug geworden. Elsa begann ebenfalls zu lachen und lehnte sich zurück: „Gut – belassen wir es dabei. Es ist schon spät – und wir sollten wirklich zusehen, daß wir mal eine Nacht zur Ruhe kommen. Versuchen wir, Allison wieder einzusammeln – und dann gehen wir in ein Hotel.“
      „Ich bin sicher, die Typen in den roten Klamotten sehen das ähnlich...“ setzte sich Marlo wieder hin und fing an, sich wieder zurückzuverwandeln.
      „Zumindest wissen wir jetzt, daß Hagedorn die Österreicher und die Türken beliefert. Und daß das, was er zu bieten hat... es ziemlich in sich hat...“ schlussfolgerte Elsa und klappte ihr Notiztbuch zu.
      „Und daß wir´n größeres Gewehr brauchen.“ nickte Marlo.
      Tatsächlich verabschieden sich die Rotuniformierten freiwillig in einen angrenzenden Kanal – und auf dem durch die Jahrhunderte glattgewordenen Kopfsteinpflaster kam der Stier nicht mehr rechtzeitig zum Stehen – und landete ebenfalls im Wasser. Aber nicht, bevor Allison vorher nach hinten abgesprungen war. Schließlich wurde sie von Consuela, von Polizisten, Anwohnern, Marktleuten und einer kompletten Kapelle eingeholt – und als Elsa, Bianca und Marlo sie schließlich fanden – kamen sie auf einen Marktplatz, auf dem ein ausgewachsenes Fest am laufen war. Elsa fand Allison schließlich, die gerade von einer überenthusiastischen Consuela umarmt wurde und konnte über ihre kleine Kampfmaschine nur staunen – und Marlo blickte über die Kanalböschung runter ins Wasser: „Ist es das, was man als Seekuh bezeichnet?“
      Gerade kämpfte sich ein atemloser Torero aus dem Wasser und die Polizisten überlegten noch, wen sie festnehmen sollten um zu beweisen, daß sie zu was gut sind – und ohne einen Volksaufstand auszulösen. Doch sie alle kamen schnell überein, daß sich die Herren in Rot dazu geradewegs anboten. Und Bianca... stand am Wagen und wusste noch nicht genau, was sie von alledem halten sollte. Wenn tatsächlich jeder Tag so wird, hat sie ja ein ziemlich aufregendes Leben vor sich... Aber es war auch das erste Mal, daß sie Allison lächeln sah. So schlimm war es also nicht...



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    • Elsa war zufrieden.



      Gut – Hagedorn war nicht `neutralisiert´ worden – aber die Polizei hatte diverse Unterlagen in seiner Unterkunft und im Maybach sicherstellen können – und einen beeindruckend modernen Panzerwagen als unmittelbares Beweismittel beschlagnahmen können. Klar – der Mann war wütend und tobte herum – aber weder war er Diplomat eines Landes, noch gab es so etwas wie eine persönliche Bindung zu General Franco – im Prinzip war er bei einem `zentraleuropäischen Unternehmen´ tätig, das zufälligerweise auch Panzerwagen baute. Dagegen hatte man in Spanien auch nichts einzuwenden – im Gegenteil – man profitierte von dem Können der deutschen Ingenieure ganz enorm – der spanische Mittelstreckenbomber CASA 2. 111 beispielsweise ist fast identisch mit der Heinkel 111. Aber es ist natürlich ein Unding mit einem Panzerfahrzeug in der Altstadt herumzurandalieren, Löcher in alte Häuser zu schießen und möglicherweise nicht unerhebliche Personenschäden zu verursachen. Deshalb wurde Hagedorn vor einer Woche auch verhaftet. Oh, man kann gerne finsteren Machenschaften nachgehen und irgend etwas Großes planen – aber dann bitte so, daß es nicht weiter auffällt.
      Die Türken mussten dann eben mit Hagedorn´s Adjutanten als Verhandlungspartner Vorlieb nehmen – deren Leibgardisten waren schnell wieder auf freiem Fuß. Die Presse stand schon Schlange und Elsa wurde klar, daß sie hier erst mal wegmussten. Und Consuela musste mit. Es wäre verantwortungslos, die Arme nun hierzulassen. Und es stellte sich heraus, daß diese Dame aus Andalusien nicht ganz so unbedarft war, wie sie zu sein schien – sie war gut darin, Schlösser zu knacken, war sehr geschickt darin, mit Messern zu hantieren und ganz wichtig: Sie schaffte es irgendwie, Allison zum Lachen zu bringen. Der Rest würde sich finden.



      „Du kannst immer noch nicht pfeifen.“ stellte Allison fest.
      Consuela fühlte sich ertappt: „Ach, jetzt wirklich – wenn 14 Typen in Unterwäsche anfangen mit Knarren auf Dich zu zielen, dann pfeifst Du aus dem letzten Loch, wenn Du Pech hast!“
      Und wieder lachte Allison und Bianca beobachtete das Ganze amüsiert. Tatsächlich war Consuela nur ein wenig größer als Allison und sehr lebhaft. Marlo war tief beeindruckt: „Wer hätt´s geahnt – sie kann richtig lachen. Ich finde, so langsam wird unser kleiner Verein so richtig gemütlich!“
      „Hat unser `Verein´ eigentlich einen Namen?“ fragte Bianca dann.
      „Der britische Geheimdienst nennt uns `Fallen Angels´.“ erklärte Elsa und fuhr fort: „Ich erhalte meine Hinweise vom MI-6. Man ahnte schon lange, daß irgendetwas sich zusammenbraut – aber sie wenden sich an Leute wie uns, damit es keine diplomatischen Probleme gibt. Sollte etwas schieflaufen – kennt man uns nicht und aus.“
      „Wir sind also echt so etwas wie Geheimagenten?“ staunten Bianca und Consuela.
      „Nein.“ war Marlo´s Antwort.
      „Wir sind Verrückte, die vom Geheimdienst erfahren, wo es Abenteuer gibt.“ lächelte Elsa.
      „Und Monster.“ vervollständigte Allison ernst nickend. Elsa sah zum Fenster raus und sinnierte: „Ich denke, wir sind eine Art willkommener Ablenkung – wir sind viel zu auffällig um tatsächlich für einen Geheimdienst arbeiten zu können – aber wir sind effekiv, wenn es darum geht , Chaos zu verursachen. Aber damit kann ich leben. Es ist gut so, wie es ist.“
      „Und zudem...“ stieß Marlo Bianca grinsend mit dem Ellbogen an: „...kommen wir so an die lustigsten neuen Erfindungen und können sie gleich mal Praxistests unterziehen! So hat jeder was davon – und wir am meisten!“
      „Und deshalb schicken sie uns auch mal auf Missionen, die scheinbar nichts mit unserem Hauptproblem zu tun haben – nur, um herauszufinden, ob sie sich vielleicht irren. Wie jetzt – es geht um ein Autorennen in Irland.“ sah Elsa sich ein Telegramm an und Bianca runzelte die Stirn: „Ist das nicht etwas gefährlich? Da tauchen plötzlich bewaffnete Typen auf und fragen Dich, ob Du katholisch oder evangelisch bist?“
      „Sag´ einfach, Du wärst jüdische Atheistin.“ konterte Marlo und Consuela fragte nach: „Evangelische oder katholische jüdische Atheistin?“
      Und Elsa und Allison lachten beide schallend los. Bianca sah Consuela an: „Kannst Du mit Autos umgehen?“
      „Ich kann sie sogar klauen.“ grinste sie schelmisch und Marlo legte einen Arm um sie: „Sie gefällt mir immer besser!“



      „Das ist... ungewöhnlich.“
      Abends dann standen sie wieder auf dem Flugfeld. Die Heinkel 111 stand abflugbereit da – und Consuela auch. Nun trug sie praktische Kleidung – wie Bianca sie bevorzugte. Und wie Bianca musste sie zugeben: „Das ist... ungewöhnlich.“
      Was eine Untertreibung erster Güte war. Das, was da in dem erleuchteten Hangar stand... das also war Allison´s Flugzeug – oder so. Die Tatsache, daß Allison es mit seltsamen Kokarden und einer schwarzen Lackierung versehen hatte, machte es nur noch... fremdartiger. Es hatte nur einen Motor – und man saß ganz offenbar rechts daneben. Der eigentliche Rumpf mit dem Motor endete in einem ebenso asymmetrischen Höhenleitwerk, wie das vollverglaste Cockpit einem zikadenartigen, halbtransparenten Insekt gleich auf der rechten, längeren Tragfläche zu hocken schien. Vorne unter dem Cockpit war eine 40mm-Motorkanone untergebracht – unter dem Cockpit hingen zwei 500Kg-Bomben und unter dem Rumpf befand sich ein langgezogenes, spindelförmiges Behältnis, an dessen vorderem Ende diverse seltsame Antennen zu sehen waren.
      Dies war mit großem Abstand das ungewöhnlichste Fluggerät, das Bianca jemals gesehen hatte. Und Allison stand daneben, wie jemand neben einem guten Pferd stehen würde. Mit einem gewissen, tiefen Vertrauen: „Das ist mein Flugzeug.“
      „In der Form wird es irgendwas zischen allwettertauglichem Seezielzerstörer und Nachtjäger sein...“ mutmaßte Elsa und Bianca betrachtete das weiße Cartoon-Gespenst, das auf das Seitenruder gemalt worden war. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie jemand denken muss, der... so etwas entwerfen kann. Und was der wohl noch alles bauen würde...
      Das Cockpit stand in einem Konus endend hinten über die Tragfläche über – wo Allison und Consuela auch ohne zu zögern einstiegen. Es gab eine kleinere, gewölbte Kuppel auf dem Dach dieses Quasirumpfes – ursprünglich wahrscheinlich für ein drehbares Defensiv-MG gedacht. Hier aber war eine kurze, massive Richtfunkantenne untergebracht worden, wahrscheinlich drehbar, so daß man Nachts ein eventuelles Objekt besser anpeilen konnte, das nicht direkt vor einem lag. Marlo beobachtete Bianca genau und meinte dann: „Ich weiß, was Du denkst. Aber das Ding fliegt tatsächlich – sehr schnell und sehr wendig.“
      „Ich habe gehört, daß die Leute, die dieses Ding bauten mittlerweile an einem Großflugzeug arbeiten, das aussieht wie ein Boomerang.“ fügte Elsa hinzu und wies dann auf die Heinkel: „Wie dem auch sei – wir sollten los. Allison fliegt nur nachts – dann fühlt sie sich wohl.“
      „Allison?“ fragte die Amerikanerin und Elsa schüttelte den Kopf: „Nein... Gut, das auch – diese Maschine. Meint Allison.“

      Der Mond stand hell am Himmel – und Bianca und Marlo konnten dieses Unding vor sich sehen – auf 11 Uhr, etwa 400 Meter vor ihnen. Wie bei der Heinkel waren alle Instrumente in einem schwach rötlichen Licht illuminiert. Das konnte man bei Allison´s Maschine recht gut sehen, wenn man näher rankam. Warum man bei einem Nachtjäger oder sowas eine solch aufwändige Cockpitverglasung vorgenommen hatte, erschloss sich ihr nicht ganz. Wie dem auch sei – der Funkverkehr zischen ihnen stand und hier, in 3800 Metern Höhe und 520 Km/h war alles ruhig. Richtung Norden fliegend würden sie wahrscheinlich etwa sechseinhalb Stunden brauchen bis Dublin. Also kämen sie wieder am Morgen an. Bianca hörte den beiden zu – wie Allison ihrer neuen Kollegin die Instrumente erklärte – und plötzlich: „WOOOAHHH!“
      „Oh – das ist toll – ich wusste gar nicht, daß man das kann...“
      „Was... was ist los?“ fragte Bianca nach und Consuela rief: „Hier gibt’s `nen Knopf – dann geht das rote Licht aus und kleine, grüne Lampen gehen an – und wir können alles sehen – fast wie am Tag! Total irre!“
      „Das würde erklären, warum die Glasscheiben von innen immer so komisch aussahen. Die sind irgendwie beschichtet, denke ich.“ meldete sich Allison ruhig und Marlo grinste vor sich hin: „Wer weiß, was das Ding sonst noch alles kann...“


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    • Lord Damian Fisher



      ...war ein junger, exzentrischer Verwandter des legendären First Sea Admiral Sir John `Jackie´ Fisher. Er hatte burmesische Vorfahren, was zu einer üblen Erkrankung führte, als er nach Europa kam, in deren Verlauf er vorzeitig ergraute. Das allerdings hielt ihn nicht davon ab, nach seiner Genesung wieder sein gewohnt ungewöhnliches Leben aufzunehmen. Als Angehöriger des britischen Adels war er auch sehr exotisch anzusehen – er wirkte knabenhaft und war zierlich. Gebräunte Haut stand im Gegensatz zu seinen silbergrauen Haaren, die er hinten zu einem kurzen Zopf zu binden pflegte. Sein bartloses Gesicht war erfrischend offen und auch hier kam der Spitzbube zum Vorschein. So gesehen war er nicht das Bild eines Mannes, sondern das eines unternehmungslustigen Jungen, der eventuell mal ein Mann werden würde – wenn er mal die 50 überschreiten würde. Also fand der MI-6, daß er ideal wäre als `inoffizieller Verbindungsoffizier´ für offenen Ressourcen – wie die bunte Truppe, die als `Fallen Angels´ geführt wurde. Aufgrund seiner Statur und Konstitution war er nicht für die Navy geeignet gewesen wie sein berühmter entfernter Verwandter – so sah Damian hier seine Gelegenheit, etwas für das Empire zu tun.
      Also machten er und sein Bediensteter, Abbott, sich auf den Weg nach Irland – zu einem Safe House des MI-6, genannt das `Shrouded Lodge´.
      „Ich kann Mylord´s Vorliebe für diese amerikanische Modeerscheinung nicht nachvollziehen.“ gestand Abbott, als er bei Damian auf dem Deck der Riva-Yacht stand, mit der sie von Bristol nach Dublin unterwegs waren. Noch keine offizielle Bootsbaufirma, war der italienische Bootsbauer dennoch vor allem bei Insidern schon in aller Munde. Und Damian mochte diese Art Motorboot – sie war schnell und wirkte mit ihrem auf Hochglanz gebrachten, elegant geschnittenen Mahagonirumpf fast wie eine teure Violine. Eine, die auf Wasser wirklich flott unterwegs war, wohlgemerkt. Also grinste Damian und bemerkte: „Riva-Boote kommen aus Italien.“
      „Ich meinte eher die Wahl von Mylord´s neuerdings bevorzugter Garderobe...“ spielte Abbott auf Damian´s Aufzug an, der für einen britischen Adligen in der Tat... ungewöhnlich war. Er hatte einen schwarzen Rollkragenpullover an – und eine sogenannte Jeans. Damian hatte bemerkt, daß diese Art Hose beginnt, an gewissen Stellen aufzuhellen – und daß sie beim Waschen etwas kleiner wird. Aber er erklärte: „Nunja – ursprünglich wurde diese Art Hose aus Segeltuch geschneidert und mit Indigo gefärbt – für Seeleute. Und sie ist sehr robust – was ich praktisch finde...“
      „Nun gut – aber wäre es nicht besser, einen Mantel zu tragen? Mylord wissen – eine Erkältung ist schnell da...“ sorgte sich Abbott und Damian lachte: „So kalt ist es ja nun nicht – und ich muss mich ja irgendwann auch mal daran gewöhnen, daß es hier kühler ist, nicht wahr?“



      Schließlich erreichten sie das alte Herrenhaus in der Nähe von Dublin – das über einen riesigen Park verfügte – und genügend Wiese für... Flugzeuge. Zudem gab es eine Halle mit einer Werkstatt und eine ziemlich große und erfreulicherweise auch gut bestückte Garage. Das Haus selber stand zwischen alten Buchen und Eichen und war sehr gediegen eingerichtet – wie es sich für ein britisches Herrenhaus gehört. Abbott unterhielt sich mit den Bediensteten – einem Forstaufseher und der Haushälterfamilie, während Damian sich in dem Anwesen neugierig umsah. Er versuchte Rückschlüsse darauf zu ziehen, wer hier eigentlich früher mal wohnte... Bilder oder Fotos fand er nicht – aber diverse Admiralitätsmodelle von Schiffen aus der Jahrhundertwende. Diverse Degen und Schwerter mit Wappenschilden an den Wänden – und auch diverse antike Schusswaffen. In einem Arbeitszimmer fand er in einem Schreibtisch eine interessante, einschüssige Pistole – eine Waffe mit dem in dieser Größe recht umständlichen Henry-Martini-System.
      In einer Kommode fand er dann eine vierschüssige Lancaster – im selben Kaliber. Und Munition. Interessant... also muss der letzte Eigentümer hier um die Jahrhundertwende gelebt haben – möglicherweise ein ehemaliger Kolonialoffizier.
      Nun denn – die Gelegenheit war günstig. Er setzte sich in den bequemen Sessel und öffnete zum ersten Mal seine Aktentasche. Damian hatte nicht die geringste Ahnung, was er sich unter der Truppe vorzustellen hatte, die er hier erwartete – am ehesten einen Haufen dickköpfiger Draufgänger mit zweifelhaftem Leumund und ebensolchen Manieren...
      So war die Überraschung groß, als er die Unterlagen und Fotos durchsah. Er hätte nicht erwartet, daß es Frauen waren – und dann noch solche exorbitanten Individuen! Man sah ihnen schon auf den Fotos an, daß sie etwas Verwegenes an sich hatten. Allison Fairchild... Eine Frau aus Neuseeland mit Augenklappe... Aus Frankreich eine burschikose Erscheinung mit Zigarre namens Marlo LeFay – die tatsächlich Marinetaucherin war und ihre helle Strähne einem Streifschuss am Kopf verdankte. Dann ein Foto von einer strahlenden Frau in Fliegerklamotten, die mit einem großen Pokal vor einem Rennflugzeug stand: Bianca Scorsese, Gewinnerin der Schneider Trophy 1936... Einfach nur herausragend – und Consuela Obregon, Spanien – laut dem, was Damian lesen konnte, die geborene Opportunistin, Schlossknackerin und Akrobatin. Jemanden, den man nötig an seiner Seite wissen will, soll es schnell, leise und heimlich sein...
      Aber spätestens, als er die Akte Elsa Schwarz sah, war Damian überzeugt, daß es gut war, daß sie auf derselben Seite standen – welch eine Erscheinung! Man sah ihr an, daß sie mit großer Wahrscheinlichkeit und mit ebenso großem Abstand die intelligenteste und gefährlichste Person auf diesem Anwesen sein würde. Es wunderte ihn nicht, daß Elsa die Chefin dieser Truppe war. Selbst auf dem Bild war das geradezu exquisit kühle Charisma dieser Frau zu spüren. Sie war eindeutig jemand, der die Ruhe in Person war – und jemand, der ausgesprochen unangenehm werden konnte, sollte es dazu Anlass geben. Was für ein Unterschied zu den Frauen, die Damian bisher kennengelernt hatte... manche gaben vor, vornehm und elegant zu sein, ohne daß dies den eher traurigen Tatsachen entsprach – andere waren nichts als affektierte Kleiderständer und wieder andere wären – Damian würde sagen (wenn Abbott nicht gerade zuhörte) – als knetendämliche Lokusschlonten in irgendeiner Saufbude in Whitechapel gelandet, hätten sie nicht in ihrer Jugend vielleicht mal irgendwann nach was ausgesehen – oder Eltern gehabt, die sie mit Ach und Krach in irgendeinen vielversprechenden Ehehafen hineinmanövriert hätten. Aber diese Elsa machte selbst in einer Uniform eine herausragende Figur, wie es schien. Auch, wenn das Bild schon etwas älter zu sein schien.



      Kriegswaise aus dem Gebiet der Somme – aufgezogen in einer norddeutschen, karitativen Waiseneinrichtung namens `Lebendauer Wegweiser´, nach eigenen Angaben zu einer Elitesoldatin bei Fallschirmtruppen erzogen worden und bei den Condor-Truppen in Spanien gewesen. In der Tat – jede dieser Personen war eine Spezialistin ihres Fachs, aber um so einen Haufen so erfolgreich zu führen, braucht es jemand Besonderen.
      Es gab da also tatsächlich ein `Schatten-Deutschland´ und Elsa war der erste greifbare Beweis dafür - jemand, mit dem sie hier darüber würden reden können. Das war der dienstliche Aspekt – aber Damian musste sich eingestehen – diese blonde Riesin interessierte ihn tatsächlich brennend. Eine solch außergewöhnliche Persönlichkeit trifft man nicht jeden Tag. Und ja - er hatte es sich schon vor einiger Zeit eingestehen müssen – er war, vor allem hier in Europa, klein. Was soll´s... Damit musste er leben – er konnte es nicht ändern. Damian begriff ohnehin nicht, warum Männer stets größer oder älter sein mussten, als ihre jeweiligen Gespielinnen. Warum sie reicher sein mussten oder was auch immer – dieser seltsam bigotte Chauvinismus war etwas, das er nicht nachvollziehen konnte. Männer, die sich hemmungslos austobten, wurden als Casanova bezeichnet – taten Frauen dasselbe (und sei es nur, weil sie es konnten), waren sie Schlampen.
      Da tat es gut, seine Jugend in einem anderen Kulturkreis verbracht zu haben – da fiel einem woanders gleich so Einiges auf, das sich eigentlich mal lohnte, eingehend hinterfragt zu werden. Damian lehnte sich zurück, als Abbott mit einem Tablett hereinkam und eine Kanne frischen Earl Grey auf den Tisch stellte – neben einer Dose Zucker und einigen Sandwiches: „Mylord hätten sich schon etwas zur Ruhe begeben können – morgen ist auch noch ein Tag, wenn mir die Bemerkung gestattet ist...“
      Damian bereitete sich eine Tasse des Tees zu und lächelte zufrieden: „Wir sollten unsere Manieren einer dringenden Revision unterziehen – und weisen Sie die Bediensteten an, wenn möglich auf zotige Bemerkungen und unbotmäßige Witze zu verzichten – wir erwarten Damenbesuch...“
      Abbott hob eine Braue: „Mylord belieben zu scherzen?“
      „Ich doch nicht... hier bitte...“ zeigte Damian ihm die Unterlagen – und Abbott´s zweite Braue gesellte sich nach oben: „Wer hätte das geahnt... Diese Dame hier trägt tatsächlich eine Uniform – sehr imposant, ich muss schon sagen...“
      „Ich denke also, ich werde noch etwas wach bleiben.“ lehnte Damian sich gemütlich zurück.


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    • Abbott

      ...hatte keinerlei Ambitionen – außer der, seinem Schutzbefohlenen hilfreich zur Seite zu stehen. Er entstammt einer langen, traditionsreichen Familie dienstbeflissener Butler mit besten Referenzen – eine Art Understatement-Adel. So stand er wie üblich in seiner tadellosen Livrée neben Damian, als der gespannt zusah, wie die zwei Maschinen mit den `Spezialagenten´ landeten. Nicht Geheimagenten – Spezialagenten. Damian fand, daß diese kleine Unterscheidung viel ausmachte. Neben ihnen standen O´Healey, der Förster und die Sullivans – die Haushälterfamilie mit Großmutter und vier Kindern von acht bis vierzehn Jahren.



      In einiger Entfernung machte sich ein Luftschiff der R-101-Baureihe auf den Weg von Dublin über London, Paris, München, Athen und Istanbul nach Indien. Das Empire besaß neben diversen Langstreckenflugbooten eine staatliche Luftschiffgesellschaft, die Royal Airship Company (RAC), die den Betrieb mit den Überseekolonien aufrechterhielt – so flog die andere Baureihe – die R-100 nach Kanada und von dort aus über Washington, New York und Fort Lauderdale nach Westindien. Australien war ebenfalls ein Hauptknotenpunkt des britischen Luftschiffverkehrs – von dort aus wurden Tasmanien, Singapur und Neuseeland angeflogen.
      So hob das silberne Luftschiff schwerelos und majestätisch ab, während die zwei dunklen Schatten nahe unter ihm vorbeizogen – und langsam größer wurden.
      „Das linke sieht aber komisch aus!“ meinte eines der Kinder und ein anderes meinte: „Vielleicht ist es kaputt?“
      Und tatsächlich – irgend etwas stimmte mit der kleineren Maschine nicht. Jetzt, wo die Flugzeuge näherkamen, sah die linke Maschine irgendwie... unkomplett aus. Damian kannte verschiedene britische Militärmaschinen – die Bristol Bombay, die Hawker Hurricane und das neueste Prachtexemplar, die Spitfire und natürlich einige amerikanische und französische Modelle... Selbst die Maschinen, die irgendwie am verunglücktesten aussahen, was ihre Konstruktion anging, sahen nicht so dermaßen... Damian war versucht `missgestaltet´ zu sagen – aber offenbar flog dieses Flugzeug so, wie es war, geradezu ausgezeichnet. Das war also eine dieser deutschen Maschinen, die es eigentlich gar nicht geben durfte.
      Nun landeten die Maschinen und kamen nebeneinander zum Stehen. Mit der Werkstatthalle im Hintergrund und dem improvisierten Windsack am Fahnenmast wirkte diese Szenerie schon eher wie eine Neuauflage der Feldflugplätze von vor 21 Jahren. Schließlich tat sich was bei den Flugzeugen – bei der kleineren Maschine flogen Reisetaschen ins nasse Gras und Abbott bemerkte trocken: „Sehr salopp.“
      Dann kamen zwei Gestalten hinterhergeklettert – eine in einer schwarzen Uniform und eine andere in so etwas wie Tropenkleidung – zumindest der Farbe nach. Aus der anderen kam erst mal... Rauch. Und die Kinder mutmaßten dementsprechend: „DAS da ist kaputt!“
      Dann tauchte eine Gestalt in einem Ledermantel auf. Kurze, schwarze Haare, ein energisches Gesicht – und eine Zigarre – daher also der Rauch. Diese Person trug diverse ziemlich lange Koffer nach unten und eine andere Person tauchte auf – zweifellos eine Frau. Die karamelfarbene Mähne passte gut zu der dunkelbraunen, taillenkurzen Fliegerjacke und der Safarihose mit aufgesetzten Taschen. Und sie schien gute Laune zu haben – ihr Lächeln war weit zu sehen. Und schließlich dämmerte es allen, die hier Spalier standen – und O´Healey staunte: „Das sind ja alles Frauen!“
      Und Mrs. Sullivan meinte lakonisch: „In der Tat – nun verstehe ich das mit den zotigen Witzen. Da hätten wir meinetwegen schon früher mit anfangen können.“
      Und während Mr. Sullivan und O´Healey rot anliefen fing Damian an zu grinsen und Abbott verdrehte die Augen. Und schließlich stieg Elsa aus. Wie gewohnt in ihrer Abenteurerkluft und einem alten Offiziersmantel unterwegs kam sie aus der Heinkel und O´Heley meinte ungläubig: „Alles klar – ein dummer Witz und die bricht uns den Hals.“
      „Uh – die ist groß!“ staunte eines der Kinder und der 14-jährige Sohn sah zu seinem Vater: „Die ist bestimmt so groß wie Du!“



      Schließlich kamen die ziemlich wild anmutenden Fliegerfrauen auf die Willkommensversammlung zu und Elsa fragte leise nach: „Ich habe keine Ahnung, wer von denen dieser Damian Fisher sein soll... Was meint ihr?“
      „Der mit der Brille in dem schwarzen Fummel. Der sieht so offiziell aus, auf dem kann man bestimmt Staub wischen.“ paffte Marlo und Bianca schüttelte den Kopf: „Das ist ein Butler. Und der, der aussieht wie ein Krabbenfischer aus Cape Cod ist sicher sein Sohn – oder so.“
      „Der grauharige Knirps da? Der´s ja echt goldig – den könnt´ ich pausenlos knautschen!“ grinste die Französin und Bianca musterte sie: „Du würdest den aus Versehen zerdrücken!“
      „Würde ich gar nicht! Dazu ist der viel zu niedlich!“ grummelte Marlo und Elsa flüsterte: „Das reicht. Na, mal sehen...“

      Und so standen sich die zwei unterschiedlichen Grüppchen genau gegenüber – und Marlo und Elsa wirkten mit ihrer Garderobe ungewohnt einschüchternd, wie es schien. Die Französin war nicht viel kleiner als Elsa und Marlo wunderte sich, ob in Irland abgesehen von Butlern alle solche Bodenturner waren – als Elsa sich räusperte: „Öhhm... ja. Also – guten Morgen und vielen Dank im Voraus für Ihre Gastfreundschaft, Ladies´n Gentlemen. Wir werden versuchen, Ihnen nicht allzusehr zur Last zu fallen – und keine Sorge – wir sind nicht halb so schlimm, wie wir vielleicht erscheinen mögen...“
      „Bis auf Marlo – die ist doppelt so schlimm!“ grinste Bianca verschmitzt und Marlo knurrte: „Vorsicht, Schätzchen! Sonst ist ruckzuck die Matte wegrasiert!“
      Und Allison, das finstere, kleine Etwas mit Augenklappe in einer strengen, schwarzen Uniform... brach in schallendes Gelächter aus. Elsa wurde rot und räusperte sich erneut: „Uhhm... gut. Darf ich fragen, wer von Ihnen Lord Damian Fisher ist?“
      Abbott verzog keine Mine – alle anderen wiesen wie auf Kommando mit dem Zeigefinger auf Damian und der kratzte sich verlegen lächelnd am Hinterkopf: „Tja... das wäre dann wohl ich. Willkommen im Shrouded Lodge!“
      Elsa war baff.
      Sie hatte zwar keine Vorstellung von ihrem Verbindungsoffizier gehabt – aber sie hätte niemanden erwartet, der so... zerbrechlich wirkte. Da stand sie nun – und Damian reichte ihr vielleicht bis zum Halsansatz. Und Damian stand da vor ihr und lächelte sie an: „Keine Sorge – ich weiß, was Sie denken. Ich bin zäher, als ich aussehe...“
      „Bis auf die Tatsache, daß Mylord sich schnell erkälten.“ bemerkte Abbott – und Marlo bekam große Augen: „Ja, verdammich...“
      Sie huschte vor und legte dem verblüfften Damian ihren Ledermantel um die Schultern: „Kann ja wohl nicht sein – habt ihr kein Benehmen, oder was? Ist schweinekalt hier m Morgen!“
      Abbott musterte das Geschehen und das Ergebnis verblüfft – Damian sah in dem Mantel ein wenig verloren aus und er lächelte: „Vielen Dank, der ist tatsächlich angenehm warm... und recht schwer...“
      „Wahrscheinlich hat Marlo ihn wieder mit Knarren vollgepackt!“ mutmaßte Consuela grinsend und die Französin nickte: „Klar – aber nur mit vier Stück.“
      Elsa atmete aus: „Gut. Es wird wohl besser sein, wenn wir alle erst mal ins Warme gehen...“
      „Hab´ ich kein Problem mit!“ nickte Consuela und sah Marlo an, wie sie da rumstand – mit einer karierten Bluse und einer schwarzen Bundfaltenhose, aus deren Hosenbund eine 7,65er MAB herauslugte. Die Andalusierin fragte: „Frierst Du eigentlich nie?“
      Marlo sah sich erstaunt zu Consuela um und meinte: „Nö – eigentlich nicht... als Taucher brauchst Du gar nicht erst anzufangen, wenn Du leicht frierst...“
      So gingen sie ins Haus und Abbott konnte sein Erstaunen nicht verbergen, als er Marlo beobachtete: „Milady sind sehr vertraut mit Waffen, wie ich annehmen darf?“
      „Klar!“ paffte Marlo: „Die Welt ist ein mieser Ort, wenn man Pech hat. Und hier in Irland scheinen sie ohnehin ein Rad abzuhaben. Aber nun bin ich hier – also: Ob ihr schon wandertet im finsteren Tal, so fürchtet kein Unbill – denn ich bin eine echt miese Kampfsau und habe schon mehr fiese Tricks vergessen, als die anderen je lernen werden.“
      „Ich sagte ja – sie ist schlimm.“ grinste Bianca, als sie Abbott´s vielsagenden Gesichtsusdruck sah und Marlo paffte ärgerlich: „Fresse jetzt.“
      „Ist das `französischer Charme´?“ fragte eines der Kinder – und alle lachten.


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    • Wie kommt es eigentlich



      ...daß es hier solchen Ärger gibt? Ich kann das nicht nachvollziehen...“ fragte Elsa, als sie an einem großen Frühstückstisch saßen und Damian überlegte: „Wie erkläre ich das am dümmsten? Oh ja – Versäumnisse der Regierung in London...“
      Auch O´Healey und die Sullivan-Familie spitzten die Ohren – hatte da gerade ein Engländer so etwas wie einen Fehler zugegeben?
      Damian fing an: „Es liegt schon geraume Zeit zurück – um genau zu sein begann es, als Henry VIII die Church of England gründete...“
      „...weil er sauer war, daß der Papst ihn sich nicht von seiner ersten Ehefrau scheiden lassen wollte.“ vervollständigte Granny Sullivan und Damian nickte: „So ist es. So. Nun haben wir also zwei christliche Glaubenssysteme in Großbritannien – das katholische und eines, das man mit dem evangelischen vergleichen könnte. Nachdem wir nun eine konstitutionelle Monarchie sind, gibt es Wahlen und Abstimmungen für die verschiedensten Bereiche politischer Natur...“
      Auch Allison hörte genau zu – und der 14-jährige Sean betrachtete fasziniert die toastgewordenen Ungetüme, die sie sich zusammenstellte, während sie lauschte. Irische Butter, Cheddar und Mango-Chutney – gewürzt mit einem Schuss McIlhenny´s Tabasco-Sauce zum Frühstück – sehr verwegen – und ziemlich großzügig belegt. Damian fuhr fort: „Nun, naturgemäß hatten sich um Irland´s Hauptstadt Dublin und auch im Bereich von Ulster und Derry viele Briten und ihre Verwandten und verdiente Loyalisten niedergelassen – was bedeutete, daß hochrangige Posten und Anderes über Generationen nur an Mitglieder der Church of England gingen – was die Katholiken im Rest Irlands mit der Zeit... verärgerte, sagen wir´s mal so...“
      „Milady können sich dies wie eine Zweiklassengesellschaft aus religiösen Gründen vorstellen.“ vervollständigte Abbott das Bild und Elsa begann zu begreifen.
      „Nun – wir haben da nun die Loyalisten und die Engländer auf einer Seite – und die Republikaner und Katholiken auf der anderen. Hier im Norden breiteten die Loylisten ihren Einflussbereich aus – und so kam es teils zu sehr unschönen Vertreibungsszenarien – denn, wer kein Heim sein Eigen nennt, der kann auch nicht wählen – no Address – no Vote.“ erklärte Damian. Und Granny Sullivan brummte: „Das ließen sie sich in ein paar Gegenden aber nicht bieten – und fingen an zurückzustänkern – was ich auch in Ordnung finde.“
      „Und so gibt es die IRA – eine Untergrundarmee auf freiwilliger Basis als militärischen Arm und die republikanisch-irische Partei, die Sinn Féin. Deren Macht ist aus den Gründen, die bereits erwähnt wurden, jedoch eher gering – was die IRA auszugleichen versucht – durch Anschläge und Attentate.“ schloss Damian – und Allison meinte trocken: „Was für ein Unsinn.“
      „Milady sprechen ein wahres Wort gelassen aus.“ nickte Abbott und Damian seufzte: „Jahhh... das alles auf zivilisierte Art und Weise aus der Welt zu schaffen, kann ewig dauern...“
      Allison legte das Brotmesser zur Seite und sah auf: „Das meine ich nicht – Religion ist Unsinn.“
      Die Sullivans saßen da wie vom Donner gerührt – und Damian beugte sich interessiert vor: „Sieh an – wie kommen Sie darauf?“
      „Ich bin halb blind – nicht halb blöd. Sehen Sie sich die Welt doch an – glauben Sie tatsächlich, wenn es einen liebenden, beschützenden Gott gäbe, würde sie so aussehen?“ sah Allison ihn ernst an und redete mit gleichbleibender, ruhiger Stimme weiter: „Millionen Menschen, die tagtäglich für Frieden, Gesundheit und was weiß ich nicht alles beten – und was ist? Nichts...“
      Sie begann ihren zweiten Toast zusammenzustapeln – weiterhin fasziniert beobachtet von Sean, als sie weiterredete: „Eines allerdings ist möglich – falls es einen Gott gibt, MUSS er ein Mann sein – eine Frau würde die Welt nicht so den Bach runtergehen lassen...“
      Die Sullivan-Frauen fingen breit an zu grinsen, während das düstere, schwarzgekleidete Mädchen weiterredete: „Selbst ich habe früher gebetet – erst recht, als ich vier Monate in China in japanischer Gefangenschaft war – und nichts ist passiert. Am Ende muss sich jeder selber helfen – und die möglichen Konsequenzen allein tragen.“
      Damian begriff allmählich, woher Allison die Augenklappe hatte und nickte langsam: „Sie haben ziemlich viel erlebt, wie?“
      „Seitdem bin ich viel herumgekommen – und wissen Sie was? Wäre dies nicht Dublin, sondern Dubai, wären wir hier keine Christen – sondern Muslime. Wie kommt es, daß der Glaube an einen allmächtigen und allwissenden Gott sich ändert, je nachdem, wo man wohnt? In Delhi wären wir Hindus – oder Sikh. Erklären Sie mir das.“ forderte Allison ihn auf. Und Damian lächelte hilflos: „So klug, das erklären zu können, bin ich nicht...“
      „Dachte ich mir. Im Gegensatz zu einer philosophischen oder politischen Grundeinstellung wird man also in eine Religion hineingeboren? Das kann ich auch nicht verstehen – es erscheint aber ganz natürlich, wenn ich Sean hier ansehe...“ erklärte Allison und Sean zuckte ertappt zusammen, als sie fortfuhr: „...und sage, daß er ein Katholik ist. Ein 14-jähriger Katholik. Richtig?“
      „Natürlich!“ antwortete Sean´s Vater und Allison atmete aus: „Natürlich... Schön. Warum ist es unnatürlich, wenn es sagen wir mal, Sean, den 14-jährigen Marxist oder Stalinist gäbe – oder den 14-jährigen überzeugten Mussolini-Faschisten? Den 14-jährigen Nonkonformisten oder Neo-Konservativen? Den 14-jährigen sozialistischen Hardliner?“
      „Woher sollte er denn wissen, was genau das alles ist?“ entgegnete Sean´s Mutter und Allison blickte sie fragend an: „Woher soll er denn wissen, was genau das Christentum eigentlich ist? Die meisten Christen wissen das ja selber nicht so genau – sie genießen das Christentum à la Carte – sie picken sich das aus der Bibel heraus, was ihnen in den Kram passt – die grausigen Dinge, die Massenmorde und Hinrichtungen im Namen Gottes – und die Tatsche, daß Jesus nie auch nur ein Wort gegen Sklaverei gesagt hat – die lassen sie außer Acht...“
      Allison sah die Sullivans an: „Wäre Religion etwas Erwiesenes, Nachweisbares – wäre es nicht besser, Sean würde etwas über die verschiedenen Glaubensrichtungen lernen und sich dann für die eine entscheiden, die ihm am meisten zusagt?“
      Dann knallte ihre kleine Faust auf den Tisch: „Und die größte Unverfrorenheit ist es zu behaupten, daß alle, die nicht an diesen einen Gott glauben, nach ihrem Tod in die Hölle kommen! Ich bin zur Hälfte Maori. Alle meines Volkes lebten auf der anderen Seite der Welt! Wir wussten NICHTS vom Christentum. Als hier Hexen verbrannt wurden und Kreuzzüge ausgerufen wurden, wussten wir von alledem nichts. Wie kann ein allmächtiger Gott zulassen, daß der Großteil der Menschen, die er angeblich erschaffen haben soll, nichts von ihm wissen – und nur wegen ihrer Unwissenheit nicht in den Himmel kommen können?“
      Es war unglaublich, wie ausdrucksstark dieses eine, große und klare Auge sein konnte, als Allison sie herausfordernd musterte. Sie erwartete keine Antwort auf diese eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort geben konnte. Und sie wurde nicht enttäuscht. Sie goss sich eine Tasse Tee ein und meinte ruhig: „In Japan ist der Kaiser ein lebender Gott. Das zeigt mir auf die eindringlichste Art und Weise, daß Religion nichts anderes als eine Erfindung ist, die nur dazu dient, einen Riesenhaufen Leute fügsam und regierbar zu machen. Und hier... funktioniert es genau so.“

      Etwas später saß Allison draußen im Gras – und beobachtete den Himmel. Über einem Land nahe am Meer ist der Himmel immer anders. Und so, wie Allison den Himmel betrachtete – wurde sie geradezu ehrfürchtig von Sean aus der Werkstatthalle beobachtet. Was für ein unglaubliches Mädchen! Sie war so... anders als alle hier, die er kannte! Noch nie hatte jemand seine Eltern so sprachlos zurückgelassen – nicht mal seine Oma konnte darauf etwas erwidern...
      Da knallte eine Hand schmerzhaft auf seinen Rücken – und Marlo stand grinsend mit Zigarre hinter ihm: „Al-ter-Lachs! Sag´ nicht, daß Du in unsere Vorzeige-Psychopathin verknallt bist, Kleiner!“
      Knallrot starrte Sean die Französin an: „Sind Sie mir etwa gefolgt?“
      „Schwachsinn – ich wollte mir eigentlich mal die Karren in der Garage ansehen – und da sehe ich Dich kleinen Spanner hier rumlinsen, harhar...“ paffte Marlo vergnügt. Sie ging dann in die Hocke, sah mit Sean zu Allison rüber und flüsterte: „Aber ich muss schon sagen – ich kenne sie ja nun schon einige Zeit... Aber ich hätte nicht gedacht, daß sie so einen Text ablassen könnte, ohne daß einer vorsagen muss. Sie ist offenbar schlauer, als sie aussieht...“
      „Ich finde sie toll...“ murmelte Sean und Marlo musterte den Knirps: „Ist das so? Interessant... Hey, das Leben ist kurz. An Deiner Stelle würde ich es ihr sagen. Sie selber denkt nämlich immer, sie sei ein Monster, weißt Du?“


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    • Am Nachmittag



      ...dann hatten Marlo und Bianca etwas zum Staunen – Brutus. Vater Sullivan zeigte ihnen das Ungetüm, mit dem sie am Autorennen teilnehmen sollten – einen bulligen, schwarzen Apparat, der von einem Flugzeugmotor angetrieben wurde – und den er mit Forstaufseher O´Healey und seinem Sohn Sean selber zusammengeschraubt hatte. Das Blechkleid wurde wenn möglich aus anderen Teilen zusammengesetzt – und der Clou waren Frontscheinwerfer, die mittels eines Kipphebels aus den Kotflügeln ausgeklappt und dann eingeschaltet werden konnten: „ZACK! SO macht man das!“
      Stolz präsentierte Sullivan den beiden den Trick und seine Frau bemerkte trocken: „Das ist ein Wagen, der nur einem Mann einfallen kann – gerade mal Platz für zwei Leute...“
      „Ist ja auch´n Rennwagen – und kein Lieferwagen!“
      „Hat dieses silberne Kreuz hier vorne eine Bedeutung?“ betrachtete Bianca so etwas wie ein Markenzeichen an der Front des Fahrzeugs und O´Healey nickte: „Hab´ ich mal auf´nem Flohmarkt gekauft, als ich in Bristol war – das war mal vorne an einem deutschen Zeppelin dran. Dachte, es macht sich ganz gut da!“
      „Zwölf Zylinder, 980 PS – da rollt die Mechanik!“ klopfte Sullivan stolz auf die Kühlerhaube des Monsters – und gab dann zu: „Okay – das Chassis ist von einem Lieferwagen – weil es steif genug ist. Manchmal nämlich verziehen starke Motoren einem das Auto, wenn man Pech hat – das kann hier nicht passieren...“
      „Ich mag es!“ strahlte Bianca – und Marlo grinste breit: „Ich wusste, daß sie das sagen würde!“
      „Unnnnd...“ ging Sullivan stolz zum Heck und öffnete eine Klappe: „Das Ding hat auch`nen Kofferaum. Immerhin werden Sie ja etwas Gepäck haben, nicht wahr?“
      „Aber Hallo!“ brachte Marlo ein wirklich riesiges Ungetüm von einem Gewehr in die Garage – und O´Healey und Sullivan fielen fast die Augen aus dem Kopf: „WAS um alles in der Welt ist DAS?“
      „Das ist ein 20mm-Solothurn – gut gegen Panzerwagen und so´n Mist. Hatten letztens´ne unschöne Begegnung mit so´nem Ding und da sagte ich mir: Darauf fall´ ich keine zweiunddreißig Mal rein...“ verstaute Marlo die Waffe so gut wie möglich im Heck de Wagens: "Hm... gut, daß die Klappe nach hinten aufgeht...“
      „Öhhm, ja – das war ein Heckteil von einem Sportwagen, der hinten so eine Art Reservesitzbank drinhatte...“ sah Sullivan der emsigen Französin erstaunt zu und Bianca fing an zu lachen. Sie sah zu, wie Marlo auch noch das Chauchat daneben unterbrachte und dabei von O´Healey ungläubig beobachtet wurde und sie fragte Sullivan dann: „Wie sieht´s mit Treibstoff aus?“
      „Diesel. Fluzgzeugbenzin ist ähnlich – daher war die Umstellung nicht so das Problem – hat natürlich eine dementsprechende Batterie...“ erklärte der Mann: „Man kommt damit etwa 380 Kilometer weit bei vollem Tank...“
      Und dann kam Granny Sullivan in die Garage und rief: „Ich glaube, Sean hat eine Freundin! Daß ich das noch erlebe...“
      „Er ist erst 14, Mutter!“ warf Mrs. Sullivan ein und runzelte die Stirn: „Wen denn? Doch nicht dieses blonde Gift aus Shankill?“
      Granny Sullivan fing an zu grinsen: „Näh – die doch nicht... Der Junge hat gewisse Standards! Es ist Miss Allison!“
      „Ha – das hat er von mir!“ strahlte Sullivan und seine Frau musterte ihn schräg: „Oh, wirklich? Nein, sowas aber auch. Sieh mal einer an...“
      Bianca bekam große Augen. Sie hatte keine Ahnung, wie alt Allison eigentlich war – sie dürfte, wenn es hoch kam, aber kaum älter als vielleicht 22 sein – oder so. Und selbst sie war größer als Sean. Der rotblonde Knirps mit seinen Huskyaugen und den Sommersprossen neben Allison – ein eher ungewöhnliches Bild, wie sie fand. Aber Marlo stand zufrieden am Heck des Wagens und paffte gemütlich: „Wer hätt´s gedacht... Der hoffnungsvolle Knabe hat ja echt Mut. Hat der eigentlich gelegentlich Stress in der Schule – mit irgendwelchen anderen Jungz? Wenn ja – die dürfen sich schon mal warmlaufen...“
      „Wie meinen Sie das?“ frgte Mrs. Sullivan besorgt nach und Marlo grinste: „Allison ist eine geborene Kriegerin. Da kann sich selbst die IRA auf was gefasst machen!“



      Und wie es der Zufall (und Marlo´s weibliche Intuition) wollte – ist genau das passiert. Sean hatte Allison – wieder in ihrer quasi-zivilen Bartendergarderobe – den Markt in der Nachbarschaft gezeigt, wo sie sich erst mal eine große, volle emaillierte Blechprägedose mit Mr. Dinwoodie´s famous assorted boiled Sweets zugelegt hatte. Sean selber hatte einen Leiterwagen dabei, den er hinter sich herzog - da er Besorgungen für seine Mutter machte. Immerhin war der Haushalt nun für die nächste Zeit etwas größer. Er kam nicht umhin, über Allison´s schmale Figur zu staunen, die durch die knappsitzende Kleidung noch mehr betont wurde, als in der finsteren Uniform. Es kam ohnehin eher selten vor, daß er hier Frauen oder Mädchen sah, die Hosen trugen... Doch Sean musste sagen – das hatte einige nicht unerhebliche Vorzüge. Und einen davon sollte er bei der erstbesten Gelegenheit gleich mal vorgeführt bekommen – als Ian Tackley, einer der älteren Jungen an Sean´s Schule ihm zur Begrüßung von hinten mit der Hand über den Kopf schlug: „Sieh mal an, der kleine Sullivan-Loser. Na, ist Dein Vater immer noch so hässlich, daß er im Dunkeln leuchtet? Und sind Deine Geschwister immer noch solche Zwerge?“
      Etwas verwirrt sah Allison sich das Ganze an. Ja – es gab offenbar auch größere Iren – und der hier war einer davon. Dann sah Ian zu ihr rüber, wie sie dastand – mit der großen Dose in den Armen. Er runzelte die Stirn: „Was´ das denn für eine?“
      „Das ist Miss Allison Fairchild – sie ist im Lodge zu Gast...“ rieb sich Sean den schmerzenden Hinterkopf und Ian legte den Kopf schräg: „Wo kommt die denn her? Was soll das mit der Augenklappe? Hält die sich für´ne Piratin, oder was?“
      Ian schlug Sean erneut: „Na, sag´ schon – was ist mit ihr? Ist sie `ne Piratin – oder wie jetzt?“
      Allison stellte ihre Dose in den Leiterwagen. Sie ist zu der Überzeugung gekommen, daß `Monster´ wohl unzutreffend war, wenn da jemand war, der einen so sehr mochte, wie Sean es tat. Sie sagte ruhig: „Ich bin eine Kriegerin – keine Piratin.“
      Ian starrte sie verblüfft an – und lachte schallend drauf los. Die Leute auf dem Marktplatz sahen den dreien erstaunt zu – sie hatten keine Ahnung, um was es hier ging – streitende Kinder sind ja keine Seltenheit – aber nun sahen sie sich dieses zierliche Persönchen in der schwarzen Spitzenbluse, der roten Seidenweste, der schwarzen Hose und den lackschwarzen Halbschuhen genauer an. Leicht dunklere Haut und sehr glatte, schwarze Haare – ungewöhnlich, hier in Irland. Und dann noch eine Augenklappe links...
      „Ich finde hier nichts witzig – dein Verhalten beispielsweise ist eher ungebührlich – warum lachst Du?“ wollte Allison wissen und Ian zeigte, noch immer lachend, auf sie: „Kriegerin? Du? Mein Vater war im großen Krieg und hat Orden bekommen! DER ist ein Krieger!“
      „Wohl eher ein Soldat...“ gab Allison ruhig zurück und Ian grinste immer noch: „Und wenn schon – Du kannst ja nicht mal richtig sehen! Was willst Du schon ausrichten können?“
      Da zeigte sich mehrererlei – erstens, daß Allison niemals unvorbereitet aus dem Haus ging, zweitens, daß sie sehr wohl genug sehen konnte, um effektiv kämpfen zu können – und drittens: Hosen geben Beinfreiheit und Beweglichkeit. Mit ungeahnter Geschindigkeit flog Ian auf den Bauch und Allison hockte auf seinen umgeklappten Unterschenkeln, während sie ein dünnes Seil aus ihrer Hosentasche zog – es routiniert um seinen Hals schlang und stramm um seine Fußgelenke wickelte. Und wie sie es geahnt hatte – Ian war recht stark – und ziemlich ungelenkig, steif beinahe. Dann stand sie wieder auf und Ian´s Kniegelenke wippten etwas zurück – worauf er Probleme mit seiner Atmung bekam. Sie ging vor ihm in die Hocke und beobachtete ihn mit klinischem Interesse, während er hektisch versuchte, mit seinen Händen an das Seil zu kommen – mit dem Effekt, daß er noch weniger Luft bekam. Panik stieg in ihm auf, während Allison ihn ruhig musterte: „Siehst Du – ich brauche nicht mal etwas zu tun – und Du bringst Dich selber um... Einer meiner vielen, kleinen Tricks, ganz ohne Waffen...“
      Sean stand da wie paralysiert, geradezu schockstarr - und die Leute konnten nur gaffen. Sowas haben sie noch nie gesehen. Das war einfach... zu schnell, um wahr zu sein – von geradezu tödlicher Effektivität und einer fast schwerelosen, tänzerischen Eleganz. Allison schnitt das Seil schließlich mit einem kleinen Messer durch und stand auf: „Ich nehme an, daß Du mich nie wieder sehen willst – dann benimm´ Dich in Zukunft. Sonst... komm´ ich Dich holen. Und Deinen Vater, wenn es sein muss.“
      Die Leute machten Sean und Allison respektvoll Platz, als sie gingen - und Ian am Boden röchelnd wieder zu Atem kam. Sean´s Knie waren immer noch weich - aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Und Allison musterte ihren kleinen Freund, der sie ansah wie das achte Weltwunder: „Ich muss Dir zeigen, wie man sich wehrt. Du kannst Dir nicht immer alles bieten lassen - sonst hört sowas nie auf...“


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    • Der große Tag



      ...war endlich da. Das Ulster Car Race startete – wie der Name schon vermuten ließ – in Ulster. Und es machte so ziemlich jeder mit, der Lust und ein dementsprechendes Fahrzeug hatte. Familie Sullivan hockte zusammen mit O´Healey, Elsa, Damian und Consuela im Wohnzimmer am Kamin – und man lauschte der Liveübertragung aus dem Goodman´s- Radio. Wie es schien, gab es Amerikaner, Franzosen, zaristische Exilrussen und natürlich auch jede Menge Einheimische und abenteuerlustige Engländer und einige Deutsche am Start. Und auch Italiener – man sagte ja immerhin, das Bauen von Sportwagen sei eine ihrer ganz besonderen Begabungen – neben dem Bombardieren von harmlosen Leuten in Abessinien, wie Marlo stets hinzuzufügen pflegte.

      Marlo auf ihrem Beifahrersitz fühlte sich ganz gut – immerhin hatte sie bei der Armee viel über das Kartenlesen gelernt und war so hilfreich für Bianca. Bianca selber war in Hochstimmung – so etwas wie Wettrennen lag ihr einfach. Und sie wusste auch: Niemand war besser als zuverlässige Begleitung für so eine abenteuerliche Reise geeignet als Marlo. Die burschikose Französin mit ihrem Sammelsurium an Zigarren, Werkzeugen und Kanonen – und ihrer inzwischen ebenso abenteuerlichen Garderobe, bestehend aus ihrem Ledermantel, Knobelbechern und einer Reithose gesellte sich unternehmungslustig zu der Amerikanerin in ihrer Mischung aus Piloten- und Safariklamotten. Sich umsehend musterte Marlo all die anderen Fahrzeuge, die hier so versammelt waren – und da gab es einige – die teils auch alles Andere als Serienfertigungen waren. Der `29er Duesenberg der Amerikaner beispielsweise hatte eine Art schussfeste Platte am Heck – wozu auch immer. Selber nicht gänzlich unbewandert, was Fahrzeuge anging erkannte Marlo Autos von Lancia, Delahaye, Wolseley, Morgan, Fiat, Panhard, sogar einen seltsamen Horch mit zwei Vorderachsen – wozu auch immer – und einen schwarzen Mercedes 500K Autobahnkurier. Sie runzelte die Stirn: „Die zwei da, die schmecken mir nicht. Der Rest ist harmlos bis formidabel – aber die zwei... da stimmt was nicht...“
      Bianca sah sich ebenfalls um: „Der eine ist echt schick – aber der mit den vier Vorderrädern ist ja echt komisch – und mattgrau. Ist das sowas wie´ne Generalstabslimousine oder so?“
      „Keine Ahnung – ich sah mal´nen dicken Mercedes mit zwei Hinterachsen – aber dieses Ding ist mir neu... Werde die zwei Seuchenvögel besser mal im Auge behalten.“ beschloss Marlo.
      Der Himmel war grau – wahrscheinlich würde es heute noch zu regnen anfangen – aber das minderte die Abenteuerlust der beiden nicht. Und natürlich waren die zwei Frauen, die in dem erwartungsvoll grummelnden, schwarzen Ungeheuer fast auf der Hinterachse saßen ebenfalls ein echter Publikumsmagnet und Marlo grinste zufrieden von Ohr zu Ohr, während sie Zigarrenrauch verbreitete: „Mann, es ist echt hart, so klasse zu sein wie wir – aber irgendjemand muss den Job ja machen!“

      Ein Rumpeln ertönte vom Dachboden über ihnen – und Damian hob konsterniert die Brauen.
      „Miss Allison trainiert den jungen Master Sean in der Kunst der Selbstverteidigung, Mylord...“ erklärte Abbott, während er Tee und Gebäck hereinbrachte – unterstützt von Mrs. Sullivan und Granny Sullivan in ihrem Schaukelstuhl grinste: „Hehehe... das dämliche Gesicht von diesem Rotzlöffel Ian hätt´ ich ja zu gerne gesehen...“
      „Mutter!“ entrüstete sich Mrs. Sullivan und Granny sah zu ihr hin: „Was denn? Wurde auch mal Zeit, daß der vorlaute Kerl mal an den Falschen gerät – oder an DIE Falsche, was ich fast noch witziger finde! Und so, wie die dem das Revers abgesteckt hat, ist der erst mal bedient! Die Nachbarn waren auch auf dem Markt – die haben´s mir brühwarm erzählt!“
      Sie häkelte weiter: „Sack Zement – immer, wenn´s amüsant wird, bin ich nicht dabei – muss wohl mal wieder öfters auf den Markt gehen!“
      O´Healey und Mr. Sullivan wechselten vielsagende Blicke – und Consuela beobachtete Damian und Elsa. Sie könnte schwören, daß sich da auch irgendwas anzubahnen versuchte. Sie grinste. Und Vivian, die zweitälteste der Sullivan-Kinder fragte ihre Mutter: „Hast Du Dad auch gezeigt, wie man Leute verkloppt, als Du ihn kennengelernt hast?“
      O´Healey lachte sich kaputt, während Mr. Sullivan losprustete und Granny grinste wieder: „Hähähä... in gewisser Weise vielleicht schon...“
      „Ich will das auch können.“ beschloss Vivian und ihre Mutter sah sie besorgt an: „Das gehört sich nicht für eine junge Dame...“
      „Ich mag aber nicht dauernd von doofen Jungs an den Haaren gezogen werden!“ fuhr Vivian auf – und der Gesichtsausdruck von Mrs. Sullivan änderte sich schlagartig: „Was hast Du da gesagt?“
      „Na die zwei Kelly-Brüder – in der Schule tun die immer...“ begann Vivian kleinlaut und Mrs. Sullivan verließ das Wohnzimmer. Damian und Elsa sahen sich an. Granny sah Vivian besorgt an: „Warum hast Du uns nie was darüber gesagt, Liebes?“
      „Mom sagt mir immer, was junge Damen nicht tun dürfen – aber nie, was sie eigentlich tun dürfen. Das ist doof – was soll ich denn nun machen?“ schmollte Vivian und Mr.s Sullivan rauschte durch´s Wohnzimmer – im Regenmamntel und mit einem beeindruckenden Nudelholz: „Ich bin gleich wieder da...“
      Die Tür knallte zu. Alle sahen ihr erstaunt nach – und Consuela fing breit an zu grinsen. Mr. Sullivan atmete aus: „Ja – Mom hat mir gezeigt, wie man Leute vermöbelt. Und Dame sein wird überbewertet, finde ich.“
      „Man kann sagen, was man will, Sir – langeilig wird es hier jedenfalls nicht so schnell...“ bemerkte Abbott trocken an Mr. Sullivan gewandt und Damian fing an zu lächeln: „Ich muss schon sagen – mir gefällt es hier ganz gut. Es ist schön, hier zu sein...“
      „Na, denn...“ stand Granny Sullivan auf und holte eine ziemlich große grünweiße Steingutflasche Tullamore Dew aus dem Schrank: „...wird´s Zeit, darauf anzustoßen – ein Engländer mit Geschmack, das hat man auch nicht alle Tage...“
      Es rumpelte wieder auf dem Dachboden. Und sie alle waren sich sicher – irgendwo in der näheren Nachbarschaft würde es auch bald kräftig rumpeln.

      Der Dachboden wurde schnell umfunktioniert – Allison und Sean hatten all das Zeugs aus Jahrhunderten erst mal zur Seite geschoben – den Holzboden gefegt und einen großen, alten Hamedan mit einem tiefblauen Muster ausgerollt, der immerhin etwas weich war. An einem Ende dieses `Trainingsraumes´ stand ein alter Ohrensessel, den Allison recht gemütlich fand – sie schmiss sich da immer rein – so, wie Marlo es zu tun pflegte. Und Sean – inzwischen gut eingedeckt mit diversen blauen Flecken und Prellungen – fand auch das überaus faszinierend. Dieses Mädchen war wirklich ganz anders. Und in einer Pause hatte er seinen Skizzenblock und seinen Bleistift hervorgeholt – und zeichnete Allison so ab, wie sie da so leger in ihrem Sessel saß. Was wiederum Allison faszinierte – sie hatte bisher niemanden kennengelernt, der zeichnen konnte. Abgesehen von der Tatsache, daß bisher auch niemand je auf die Idee kam, sie zum Mittelpunkt seiner Kunstfertigkeit zu machen... Und Sean konnte sogar schraffieren und mit ein paar Wisch- und Radiertricks seiner Detailversessenheit das letzte I-Tüpfelchen an Finesse aufsetzen. Das Ergebnis hatte somit durchaus etwas von einem verklärten Foto.
      „Das sieht wirklich gut aus... Du bist begabt in dieser Richtung, scheint mir?“ staunte Allison und Sean nickte: „Im Kunstunterricht bin ich der Beste. Ich mag Kunst...“
      „Das trifft sich gut – man nennt Kampfkunst nicht umsonst so – das erklärt auch Deine Begabung dafür...“ nickte Allison beeindruckt – und runzelte die Stirn: „Weshalb zeichnest Du mich dann ab? Es gibt wesentlich schönere Personen und Dinge hier, die man zeichnen kann...“
      Sean sah sie lange an – und schüttelte langsam den Kopf: „Ich bin irgendwie... noch nicht alt genug, damit ich das irgendwie schlau klingend erklären könnte – aber ich würde sagen, daß jeder etwas Anderes schön findet. Mit meinen Augen gesehen bist Du aber wunderschön...“
      Eine erstaunliche Antwort – und... Allison musste nachdenken, Das war... unerwartet. So etwas hatte ihr noch nie jemand gesagt – auch nicht der Japaner damals, der auf seine Art und Weise wahrscheinlich ebenfalls eine gewisse, abartige Form von Sinn für Ästhetik besaß... Aber Sean war da das ganz andere Ende der Skala – feinfühlig. Sensibel. Ihr in dieser Art bisher unbekannt. Und sehr fesselnd. Also lehnte Allison sich zurück und lächelte ihr kleines Puppenlächeln: „Dann... mach weiter. Du zeigst mir Deine Kunst – und ich Dir meine...“


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    • Brutus brüllte



      ...sich auf beeindruckende Weise seinen Weg durch das ländliche Irland. Der massive, schwere Sportwagen röhrte über die Landstraßen – und zahlreiche fahrende und kunterbunte Konkurrenz sorgte für erstaunte Passanten und Zuschauer, die auf das Vorbeirasen der Fahrer in ihren Boliden warteten. Bianca ließ dem Wagen ein gemütliches, blubberndes Spiel im dritten Gang – für Vollgas waren die Strecken hier bei Weitem nicht gerade und eben genug. Abgesehen davon hatten weder O´Healey noch Sullivan eine genauere Vorstellung davon, welche Geschwindigkeiten dieses Ungetüm eigentlich erreichen konnte. Das war immerhin ein ausgewachsener Bristol-Flugzeugmotor, der sie hier antrieb. Marlo beobachtete Bianca ganz genau – und war überrascht von der souveränen Ruhe, die sie ausstrahlte. In der Tat – Bianca war für solche Herausforderungen wie gemacht. Sie lächelte zufrieden vor sich hin, während sie das tonnenschwere Projektil mit vier Rädern über die schmalen Landstraßen dirigierte. In unmittelbarer Nähe fuhr der schwarze Autobahnkurier – und dieses komische sechsrädrige Ding. Was Marlo seltsam fand – der graue Horch hatte keinen Auspuff. Sie selber hatten zwei links und rechts, die sie selbstverständlich auch ausgiebig in Betrieb hatten. Aber bei diesem Ding... Nichts.
      Ebenfalls bemerkenswert war die Tatsache, daß dieser Wagen so leise war. Soweit Marlo das mitbekommen hatten, waren zwei Fahrer da drin – ein älterer Herr mit Nickelbrille und flusigem, weißen Haar – und ein jüngerer, gebildet aussehender typischer Großstädter, wie es schien.
      Im schwarzen 500K dagegen saßen zwei kantig aussehende Kerle in pragmatischer Kleidung, die in betont gedeckten Farben gehalten war.
      Laut der Liste der Rennleitung waren beide Fahrzeuge aus Deutschland. Der Mercedes aus einer Gegend in der Eifel – und der graue Horch kam aus Berlin – die zwei Fahrer waren Wissenschaftler des Kaiser-Wilhelm-Institutes, hieß es. Sehr interessant. Marlo konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die beiden Teams irgendwie Konkurrenten waren. Und sie war sich ziemlich sicher, daß die Typen im Mercedes das verbissener sahen, als die zwei Wissenschaftler...
      Das konnte noch spannend werden – möglicherweise war das der Grund, weshalb die Briten sie hier angemeldet hatten. Und vielleicht war da noch ein kleiner Test eingebaut – um zu sehen, ob die Frauen von selber drauf kommen würden.
      Marlo grinste und dachte sich: `Lassen wir der süßen, kleinen Bianca erst mal ihren Spaß. Die böse Marlo wird sich schon um die Details kümmern...´
      Andererseits...
      Sie stupste Bianca an und meinte: „Heute abend – in diesem Hotel bei Armagh – müssen wir reden.“
      Fragend runzelte Bianca die Stirn und Marlo beruhigte sie: „Ist nix Schlimmes – aber ich denke, es ist besser, Du weißt Bescheid.“



      Damian saß mit Elsa in seinem Arbeitszimmer und unterhielt sich mit ihr über ihre Erfahrungen in der Condor-Truppe. Und so erhielt er Kenntnisse darüber, wo die beiden kleineren Flugzeugtypen herkamen, die Franco unterstützten – von Flugzeugträgern. Die geheimnisvollen, hochentwickelten Maschinen, die in Spanien die sowietischen Polikarpov I-16 nach anfänglichen Problemen reihenweise vom Himmel putzten, waren Messerschmitt BF-109 – Jagdflugzeuge, die es wohl durchaus auch mit der Spitfire aufnehmen konnten.
      Und die seltsam-kantig aussehenden Flugzeuge mit den Knickflügeln, die mit ihren verkleideten Fahrwerken immer an Raubvögel erinnerten, waren Junkers-87 – sogenannte Stukas. Diese konnten mit beeindruckender Geschwindigkeit und Präzision Bomben in´s Ziel bringen – und es war bekannt geworden, daß dieses typische Kreischen im Sturzflug für nicht wenige bleibende psychische Störungen verantwortlich zu machen war.
      Die Dornier-17 – passenderweise als `fliegender Bleistift bekannt – war ein Bomber – ebenso wie die Heinkel-111, die hier bei ihnen in leicht abgewandelter Form im Park stand. So stand nun tatsächlich außer Frage, daß viele Maschinen, die momentan als Zivilflugzeuge in Deutschland und für die Lufthansa weltweit unterwegs waren, tatsächlich schon mit der Option gebaut worden sind, mit wenigen Handgriffen zu vollwertigen Militärmaschinen umfunktioniert werden zu können. Alles Maschinen, die es so in Deutschland eigentlich gar nicht geben durfte.
      Das war das Eine.
      Dann war da noch die Tatsache, daß es in Spanien zumindest Hinweise gab, daß dort irgendwo Panzerfahrzeuge von ungeahnter Leistungsfähigkeit gebaut wurden – und ebenfalls in der Türkei, wie es schien – in Österreich und in anderen Gegenden Osteuropas – und daß es einen angeregten Technologietransfer zwischen Deutschland, Italien und Japan gab.
      Was sich offenbar auch auf die bereits erwähnten Schiffe bezog. In verschiedenen Militärhäfen wurden Schiffe gebaut, die nicht der dort ansässigen Marine unterstanden.
      Große Schiffe.
      Und Damian war überzeugt davon, daß der eine erwähnte Flugzeugträger nur eines davon war. Elsa berichtete von Karten, die sie gesehen hatte – mit Stützpunktmarkierungen auf entlegenen, als unbewohnt geltenden Inseln im südlichen Pazifik, an Feuerland´s Küsten – und sogar einem Teil der Antarktis, die Neuschwabenland genannt wurde.



      Wirklich unheimlich aber wurde es, als Elsa – oder eigentlich Oberleutnant der Fallschirmjäger des 4. Bataillons Elsa Schwarz – begann von dem zu berichten, was von dort... exportiert wurde. MIneralien, Erze und Öl sind das Eine – aber dann sind da noch... undefinierbare Artefakte. Dinge, die so unbegreiflich waren, daß es fast an Hexerei zu grenzen schien. Nunja – im Auftrag der Regierung war Damian vor zwei Jahren auf einer sogenannten Science Fiction Convention einem Mann namens Arthur C. Clarke begegnet – ein erstaunlicher Mann. Er war der Überzeugung, daß alles, was sich für uns als unerklärbar darstellt, manchmal auf sehr simplen Prinzipien beruht, die wir nur noch nicht erkennen. Simpel gesagt meinte er, daß ein Mensch aus dem 9. Jahrhundert ein Flugzeug wahrscheinlich als etwas Magisches ansehen würde. Andererseits schien das hier nicht den Kern der Sache zu treffen, da Elsa darauf beharrte, daß diese Dinge... nicht menschlichen Ursprungs waren. Sie brachte eine Skizze zu Papier, die an etwas erinnerte, das beinahe organisch zu sein schien – und selbst die Geometrie dieses skizzierten Objektes – sofern überhaupt erkennbar – schien sich einer genaueren Betrachtung entziehen zu wollen – oder anders gesagt: Damian hatte das beunruhigende Gefühl, daß sein Geist sich schlicht und einfach weigerte, dieses Ding in seiner wahren Gestalt und in Gänze anzuerkennen. Er beobachtete Elsa genau – das, was dieses Medium, diese SIGRUN, ihr unter Hypnose in den Geist gebrannt hatte, musste sehr gravierend sein – ansonsten wäre Elsa wohl nicht mal annähernd dazu in der Lage gewesen, etwas Derartiges auch nur zu Papier zu bringen.



      Dann bemerkte er mit einer ausgewachsenen Gänsehaut, wie sie – so nebenbei – anfing, seltsame Glyphen auf dieses Blatt zu... schreiben? Ja – noch während sie sich darüber unterhielten und Elsa eine erstaunliche, stoische Selbstbeherrschung bewies, schrieb sie wie autonom diese Zeichen auf das Blatt Papier, wie eine Erklärung zu dem Ding, das sie zuvor aus dem Kopf gezeichnet hatte – obwohl sie dazu eigentlich nicht fähig war. Als würde ihre linke Hand nicht ihr gehören – und sie war eigentlich rechtshändig, das hatte Damian bereits bemerkt... Sie fing unten rechts an und begann nach oben zu schreiben, um einem nicht erkennbaren Muster folgend, die nächste Zeile weiter links zu beginnen... dann sah sie verwirrt auf das Blatt und murmelte: „Verzeihung...“
      Beruhigend legte er seine Hand auf ihre: „Es ist... nicht alles in Ordnung, das gebe ich zu – aber ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um das zu ändern – das schwöre ich Ihnen.“
      Er lehnte sich nachdenklich zurück: „All das... und diese geheimen Organisationen – der Lebendauer Wegweiser, die Vril-Gesellschaft, das Thule-Bündnis... Das muss alles irgendwie zusammenhängen. Ich kann mir mittlerweile denken, wie es finanziert wird – aber wozu?“
      Er betrachtete die Schriftzeichen und gestand sich ein, daß sie wirklich unheimlich waren. Niemand bei klarem Verstand konnte sich so etwas ausdenken. Manche der Zeichen wirkten, als würden sie... leicht flimmern – und andere, als würden sie dreidimensional in das Papier hineinragen – oder heraus. Und wenn man genau hinsah, wie um sich zu vergewissern, was da vor sich ging – war der Eindruck weg.
      `Nicht menschlich´... gewann dadurch einen einen neuen Stellenwert in Damian´s Wertesystem. Genauso wie die gnädig-nebulöse Umschreibung `nicht von hier´. Möglicherweise ist es manchmal besser, nicht alles zu wissen. Es gab die Metapher vom wahnsinnigen Gelehrten wohl nicht umsonst. Elsa atmete aus. Die Ruhe dieser Frau – ganz alleingelassen mit dem Wissen, daß sie nicht mal wusste, was genau man ihr angetan hat, war bewundernswert. Ja, Damian bewunderte diese Frau zutiefst. Ihr Stolz, diese enorme innere Stärke und ihre kühle Ruhe ließen das Aufkommen von Mitleid einfach nicht zu. Auf Damian´s berechtigte Frage antwortete sie ruhig: "Möglicherweise weiß ich es sogar - kann es aber nicht sagen. Aber es wird uns sicher nicht gefallen."


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    • Consuela

      ...fühlte sich wohl – genau da, wo sie jetzt war. Sie kochte gerne und half so im Haushalt aus. Ihre hierzulande ungewöhnliche Art und Weise, Speisen zuzubereiten und zu würzen traf auf breite Anerkennung und Begeisterung. Und sie förderte auch Fremdsprachenkenntnisse – so zum Beispiel heißt der in Großbritannien recht beliebte Sherry (dessen alte Fässer gerne auch für Whiskey benutzt werden) eigentlich Jerez. Und Consuela musste das wissen – sie kam aus derselben Ecke. Und natürlich war Abbott sehr aufgeschlossen gegenüber allem Neuen – auch, wenn er auf den ersten Blick nicht so wirkte.
      Am Abend dann sahen sie aus dem Küchenfenster, wie Lord Damian und Elsa in einem Austin das Anwesen verließen.
      „Oh ja – Lord Fisher und Miss Schwarz fahren zu einem Bekannten von ihm – einem Herrn, den ich ehrlich gesagt für eine Art Scharlatan halte.“ erklärte Abbott, als Consuela aus dem Fenster sah.
      „Scharlatan?“ wunderte sich Consuela. Der Butler nickte: „Sie müssen wissen – Leute wie Lord Fisher haben eigentlich recht viel Zeit – und auch sie beschäftigen sich mit allerlei Unfug, wenn nichts Besonderes ihrer Aufmerksamkeit bedarf. Wenn – wie Miss Allison so treffend feststellte, Religion das Opium für das Volk ist, ist Okkultismus etwas, das oftmals den Wohlhabenden, Intellektuellen und Einflussreichen vorbehalten ist – oder denen, die sich dafür halten.“
      Er begann, das Geschirr einzuräumen und fuhr fort: „Und es gibt gewisse Individuen, die sich darauf verstehen, das Interesse dieser an Parapsychologie interessierten Herrschaften zu wecken – Wahrsager, Hellseher und Geisterjäger – Leute, die vorgeben, etwas zu wissen, das dem Großteil der Leute unbekannt ist – weil meiner Meinung nach dies alles eben Unfug ist...“
      „Ah – so Typen, die Séancen ausrichten und sowas?“ fragte Consuela nach und Abbott winkte ab: „Jajaja... so etwas in der Art – mit Verstorbenen reden, Tische durch die Gegend schieben – erstaunlicherweise fallen tatsächlich sogar viele teils hochintelligente Leute auf diese Hochstapler herein. Und natürlich muss ich nicht noch extra erwähnen, daß diese zweifelhaften Individuen dadurch ebenfalls zu Wohlstand kommen – und zu einem recht fadenscheinigen Ruhm.“
      Skeptisch sah Consuela der Limousine nach: „Was können sie denn von so einem Kerl wollen?“
      „Ich denke, das hat etwas mit Lord Fisher´s Tätigkeit für den MI-6 zu tun – und somit auch weitestgehend mit Ihnen und Ihren illustren Kameradinnen...“ mutmaßte Abbott und schloss den Schrank wieder. Dann huschte ein kleines Lächeln über sein Gesicht: „Da lobe ich mir jemanden wie Sie – Sie sind praktisch veranlagt und sehr geschickt, was die Belange des Lebens angeht, die es etwas angenehmer gestalten. Wären Sie meine Tochter, käme ich nicht umhin einen gewissen Stolz zu empfinden.“
      Erstaunt sah Consuela den Mann an – so etwas von Abbott zu hören kam ihr fast wie ein Ritterschlag vor. Abbott sah dann auf seine Taschenuhr: „Wir sollten anfangen das Dinner vorzubereiten. Ich darf annehmen, daß Sie schon eine genauere Vorstellung haben von dem, was adäquat wäre...“



      Nachdem, was Marlo zu berichten hatte, überlegte Bianca etwas und kam zu einem Entschluss: „Möglicherweise ist dieser graue Horch irgendein Technologieträger – ein Versuchsfahrzeug...“
      Die Französin nickte und Bianca grübelte weiter: „Also kann es sein, daß die Kerle im Mercedes den Wissenschaftler entführen wollen – oder die Karre klauen wollen. Möglicherweise beides.“
      „Du kleine, kuschelige Intelligenzbestie – genau das hab´ ich auch gedacht!“ wuschelte Marlo der Amerikanerin anerkennend durch´s Haar. Dann sah sie die überraschte Bianca an und fragte sie geradeheraus: „Wie gut bist Du im Leute verkloppen?“
      „Was ist das denn jetzt für eine Frage?“ lachte Bianca und die Französin paffte: „Na, sag schon – was ist?“
      „Also, wenn ich´s vermeiden kann – dann...“
      „Reicht schon, ist gut. Okay – heute abend ist Deine Premiere – Du kriegst das Chauchat!“ drückte Marlo der Amerikanerin das ausgefallene leichte MG in die Hände und erklärte: „Kurz abdrücken – Einzelschuss. Die Feuerrate ist niedrig genug, daß der Trick funktioniert. Du hast das bald raus...“
      Bianca betrachtete diese erstaunliche Waffe, während Marlo ein eigentümliches Ding auf die Mündung setzte – etwas, das entfernt aussah, wie ein... kleines Frontstück von einer modernen Spielzeugdampflok aus Blech: „Das ist `ne Mündungsfeuertarnung von `nem St. Etienne Mle 1907 – gut im Dunkeln. Du wirst nicht blind und die Typen sehen nicht, woher der Schuss kommt. Und falls Du dann doch noch einen auf Polente machen willst...“ setzte Marlo eine asymmetrische Montage rechts auf das Gewehr und klemmte eine Taschenlampe seitlich dran: „...hast Du dennoch beide Hände frei. Vorhang auf und Kamera ab. Ihr Amis steht doch so auf´s Show Business... Ich bin also schon gespannt...“
      Bianca sah Marlo schräg an: „Du hast vor, so richtig aufzutischen, oder?“
      „Aber klar! Den Schmutzfüßen im Mercedes werden wir mal so richtig die Falten aus der Hose treten!“ grinste Marlo – und hob´ den Zeigefinger: „Bevor ich´s vergesse – praktische, dunkle Klamottage!“
      Und die Amerikanerin setzte sich auf ihre Bettkante – und sah interessiert zu, wie Marlo sich umkleidete. Ein dunkelblauer Rollkragenpullover, eine schwarze Reithose, Motorradstiefel und eine dazu passende, schwarze Motorradjacke – die ihre recht ansehnliche Schulterbreite noch betonte: „Das ist schon besser.“
      „Du bist... wirklich erstaunlich.“ nickte Bianca anerkennend und die Französin paffte: „Immer schön dran denken – wenn man Dich schon erwischt, dann sollen die Kerle auch was zu glotzen haben. Damit sie sich an Dich erinnern, wenn sie morgens vor´m Spiegel beim Zähneputzen pfeifen...“
      Während Bianca etwas brauchte, um den recht martialischen Gag zu begreifen, schnallte Marlo sich noch ein Doppelholster mit zwei riesigen Webley-Mars-Pistolen im Kaliber .45 Mars LC um – und schob einen kurzen, massiven Panzerstecher in eine Bajonettscheide, die hinten über den Koppelgürtel lief. Gerade, als Bianca schließlich wegen dem Witz mit den Zähnen lachen wollte – blieb ihr das Lachen im Hals stecken, als sie mit großen Augen die komplette Verwandlung von Marlo sah: „Meine Güte – Du siehst echt... toll aus! Wie frisch aus den Action Comics!“
      Marlo hob eine Braue: „Das ist was Gutes, denke ich?“
      Bianca wurde rot: „Oh – das sind so Comichefte mit Geschichten von Superhelden... die gibt’s bei uns an jedem Kisok... Ich finde die klasse – ist mal was Anderes...“
      Und die Französin fing an breit zu grinsen: „Du stehst also drauf, wenn ich so rumrenne... ist ja echt süß! Muss wohl mal nach Amerika...“
      Bianca betrachtete zum Zweck der gekonnten Ablenkung und zum willkommenen Themenwechsel lieber mal die ungewöhnlichen Pistolen: „Was sind das denn für Dinger?“
      „Britische Mars-Pistolen – sehr böse. Mit ein paar Büchsenmachertricks kann man sie sehr zuverlässig und sicher machen – die haben so viel Dampf wie manch ein Gewehr. Oh – hier... Pass´ mal auf...“ holte Marlo eine hervor – und lud sie extra-langsam durch, so daß Bianca den ungewöhnlich-komplexen Aufbau der Waffe und die riesigen Patronen sehen konnte: „Das ist echt wahre, technische Kunst – sieh mal – das Ding lädt nach wie eine verdammte Kanone! Woah, die Mechanik allein – da fahr´ ich total drauf ab!“
      Das war... gelindegesagt irritierend für Bianca – nur so jemand wie Marlo bringt es fertig, eine Art düsterer Modenschau mit Waffen noch aufregender zu gestalten. Das war in der Tat Marlo´s ganz spezieller, französischer Charme, fand die Amerikanerin. Nun – zumindest hatte sie schon mal einen cremefarbenen Rollkragenpullover und eine braune, abgewetzte Motorradjacke. Irgendwie sagte Bianca die Einsatzphilosophie der Französin ungemein zu – und auf ihre Art... taten sie genau das, was Bianca immer in den Comics las. Es kann ja auch nicht schlecht sein, etwas abenteuerliches und heldenhaftes zu tun, um etwas böses zu verhindern, nicht wahr? Nur vielleicht etwas riskant...
      Hm... würde sie sich was wegen ihrer Geheimidentität und Maskierung überlegen müssen? Marlo schien sich diesbezüglich eher weniger Sorgen zu machen. Bianca begann der überaus draufgängerischen Art ihrer ungewöhnlichen Kollegin so Einiges abzugewinnen. Sie fühlte sich momentan sogar geradezu unglaublich lebendig – fast wie in einem leichten Rausch. Also feuerten sich die beiden bei ihren Vorbereitungen weiter gegenseitig an, bis sie bereit waren, sich der Nacht und den dunklen Gestalten zu stellen, die sich darin verbergen mochten...


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    • Mister Leyland



      ...hatte etwas von Clark Gable – von seiner Kleidung aber eher was von Bela Lugosi. Er empfing seine Gäste in einem Smoking, wie Damian und die anderen Herren einen hatten, nur daß Leyland dazu ein theatralisches Cape trug – während die Damen heute abend ausnahmslos in kostspieligen Roben ausgingen.
      Bis auf Elsa.
      Coco Chanel hatte viel für die Damenwelt getan – unter Anderem hatte sie praktische und elegante Hosenanzüge hoffähig gemacht – also trug Elsa einen ebensolchen Hosenanzug – in demselben Grau wie ihr Offiziersmantel, der ihr lose über einer Schulter hing und so ein breites weißes Revers passend zum ebenso gefärbten Innenfutter offenbarte. Dieser Mantel gab ihr aufgrund seiner Länge etwas abenteuerliches – man erwartete förmlich ein Rapier an ihrer Seite zu finden. Unschwer zu erahnen, daß Elsa und Leyland die Blickfänge heute abend waren.
      Damian musste grinsen.
      Leyland´s Anwesen war mehr als nur ein passender Hintergrund für was auch immer dieser Mann heute abend vorhatte. Mit den diversen Türmchen, Erkern und den von Efeu bewachsenen Mauern und Wänden war es in der Tat ein kleines Gruselschloss...
      „Welch ein aufregender Abend, Lord Fisher! Darf ich fragen, was es mit Ihrer außergewöhnlichen Begleitung auf sich hat?“ fragte ein rundlicher Mittfünfziger, dessen augenscheinliche Ehegattin Elsa misstrauisch beäugte und Damian begrüßte den Mann höflich: „Sie dürfen, Count Barnham – ich darf Ihnen Miss Elsa Schwarz vorstellen, ihres Zeichens ehemalige Elitesoldatin bei einer Armee, weitestgehend ähnlich der Fremdenlegion...“
      Count Barnham bekam große Augen: „Was Sie nicht sagen! Sowas gibt es?! Ich muss schon sagen... Wo finden Sie bloß immer diese extraordinären Individuen?“
      „Nun – meine Bediensteten streuen nicht gegen sie.“ entgegnete Damian amüsiert – und das Ehepaar Barnham runzelte die Stirn: „Streuen?“
      „Sicher – haben Sie hier beispielsweise schon mal einen Pottwal gesehen?“ fuhr Damian fort und Elsa hörte ihm ungläubig zu – die Barnhams verneinten naturgemäß: „Natürlich nicht! Was für eine Frage...“
      „Sehen Sie? Ich auch nicht – wir streuen alle gegen Pottwale – wer weiß, wo die sonst überall rumlungern würden? Unzumutbar...“ entgegnete Damien und fuhr verschmitzt lächelnd fort: „Aber ich streue nicht gegen extraordinäre Individuen – zum Glück habe ich das versäumt, wie ich hinzufügen möchte...“
      Und Count Barnham´s Mine hellte sich auf: „Ohh... ich verstehe – es ist geheim, nicht wahr?“
      „Scharfsinnig wie immer, alter Freund...“ geleitete Damian die sprachlose Elsa in das Anwesen.



      Währenddessen machten Marlo und Bianca auf ihrem nächtlichen Streifzug eine andere Entdeckung – die Typen aus dem Mercedes waren nirgends zu sehen – aber aus dem Wald nahe dem Hotel kamen gut ein Dutzend Männer. Und sie waren bewaffnet – Enfield-Gewehre, wie Marlo später erkennen würde.
      Bianca stand Schmiere zwischen einigen alten Eichen, wo sie Deckung und auch alles im Blick hatte. Marlo war zwischen all den geparkten Autos unterwegs – und konnte es sich nicht verkneifen, einen Blick unter die Haube des Horch zu werfen. Und als sie dies tat – verstand sie gar nichts mehr. Was immer es auch war - es war noch warm und brummte leise – wie ein Trafohaus. Es war durchaus eine Maschine – aber solch einen Motor hatte Marlo noch nie gesehen. Er war stahlfarben, zylinderförmig – und in vier Reihen gingen ringsrum Kabel hinein – oder hinaus. Marlo hatte das Gefühl, dieses Ding war nicht mal abgeschaltet, sondern nur auf Standby.
      Sie holte eine kleine, abgedunkelte Taschenlampe heraus – und einen winzigen, silbernen Fotoapparat, ein Ding von einem Erfinder namens Walter Zapp. Von denen gab es eigentlich nicht besonders viele – aber Marlo hatte mal Glück, weil Elsa etwas nachhalf...
      Mit der Taschenlampe im Mund machte Marlo also einige Fotos, als ein kleiner Kiesel neben ihr auf den Boden fiel. Bianca´s Zeichen – irgendetwas geschah. Als Marlo sich umsah, stellte sie fest, daß – den Schatten an der Straßenlaterne nach zu urteilen – vom Westen her einige Typen mit Gewehren aufkreuzten. Wahrscheinlich IRA-Leute – das Rennen wurde schließlich von Engländern ausgerichtet. Höchstwahrscheinlich wollten die mal wieder irgendwas in die Luft jagen. Ihr Gesicht verfinsterte sich – und sie verzog sich im Dunkeln des ummauerten Parkplatzes hinter einen Laster, von dem aus sie auf die Mauer kletterte, um sich diesen Haufen mal näher anzusehen. Und dann sah sie die Typen – wie sie über die Straße huschten und dann einer nach dem anderen auf den Parkplatz huschten. Marlo zog die beiden Pistolen. Dann sah sie einen Mann in der Einfahrt, der einen Rucksack dabeihatte – und so... versuchte die Französin mal was...
      `Etwa 40 Meter, gut beleuchtet – nicht so das Ding...´ dachte Marlo sich. Und es geschah schon wieder – sie liebte das. Alles um sie herum schien sich... langsamer zu bewegen. In ihrer Erregung nahm die Französin alles wahr – die letzten Regentropfen, die dem Boden entgegenschwebten, wie sich das Licht der Straßenbeleuchtung in ihnen brach... Der lange Hahn schlug auf den Schlagbolzen und der entzündete das Kordit - und das massive Projektil wurde immer schneller durch den von Marlo nachgefertigten, präzisen Lauf geschoben. Die Feder unter dem Lauf wurde zusammengeschoben und das gesamte Oberteil der gewaltigen Pistole wurde einem Güterzug gleich nach hinten geschoben – bis nur noch das letzte Stück der Mechanik den Hahn erneut spannend weiterglitt, eine leere Hülse auswarf und gleichzeitig eine neue von hinten aus dem Magazin zog und nach oben drückte – und das alles wieder nach Vorne schnellte, während das Projektil in den Rucksack dieses einen Mannes eindrang – und ein Inferno auslöste.
      `Richtig geraten!´ dachte sich Marlo finster, während ihr Körper durch den Rückstoß der Waffe zu vibrieren schien. Sie hob die zweite Waffe...

      „Erschreckend und unangenehm. Jeder, der diese Waffe abfeuert, will das mit Sicherheit nicht noch einmal tun.“ war der Kommentar eines Offiziers der Royal Navy, als er dieses Monster einmal ausprobierte, als man bei den britischen Streitkräften nach einer neuen Ordonnanzwaffe suchte.
      Marlo verstand diese Leute nicht. Okay, damals war die Webley-Mars noch eine Versuchswaffe. Aber klar tritt sie aus – denn man zahlt immer einen Preis, wenn man eine solch mächtige Waffe abfeuert. Marlo hingegen weiß genau, was während eines Schusses passiert – und sie genießt es. Sie lässt die Waffe brüllen und bemerkt, wie sie reagiert. Das macht Marlo´s Meinung nach jemanden aus, der wirklich Ahnung von Waffen hat. Man kann auch aus industriell gefertigten Waffen Sahnestücke machen, wenn man sie selber überarbeitet – und seine eigene Munition laboriert. Und das ist wichtig – in ihrem Metier wollte Marlo natürlich so viele Unwägbarkeiten wie möglich ausschließen – und damit fuhr sie schließlich auch ganz gut.

      Der Feuerball war enorm – und die Kerle, die schon im Hof waren, wurden von den Füßen geholt. Und einige davon blieben gleich liegen. Ein Teil der Mauern war weg – einige Dachziegel und Fensterscheiben gingen ebenfalls zu Bruch. Denn bemerkte Marlo einen hellen Lichtschein von außerhalb des Grundstücks – und vernahm das typische, abgehackte Tackern des Chauchat. Bianca vertrieb offenbar den Rest des Trupps – Zeit, daß Marlo sich um die anderen Kerle hier drinnen kümmerte: „Dann passt mal auf, ihr Kackvögel – hier wird noch scharf gewürzt!“
      Und während sie diejenigen unter Feuer nahm, die nach ihren Waffen griffen, gingen in dem Hotel überall die Lichter an. Schließlich erschienen einige Bedienstete, von denen ein paar Leute ebenfalls Gewehre dabeihatten – Jagdwaffen vornehmlich. Was sie dann aber vorfanden, als sie die Lampen des Innenhofes anknipsten war... unfassbar. Da lagen vier verwundete Männer am Boden, die fluchten wie die Besenbinder, einige Waffen lagen herum – die Einfahrt war auf äußerst innovative Art und Weise verbreitert worden – und in der Einfahrt stand – umwabert von nächtlichem Nebel und Qualm – eindeutig eine Frau. Mit einem Maschinengewehr. Noch dazu eine wahrscheinlich sehr schöne. Mit der Waffe und einem unüblicherweise daran befestigten Scheinwerfer leuchtete sie auf die andere Seite des Innenhofes – wo auf der Mauer eine andere, abenteurlich anmutende Frau stand – mit Zigarre im breit grinsenden Mund. Die schwarzgekleidete Gestalt steckte zwei große Pistolen weg und rief quer über den Hof: „Alles klar bei Dir?“
      „Könnte nicht besser sein. Nicht ganz das, was wir befürchtet haben, aber hey – ich will nicht meckern...“ erwiderte die andere. Die Leute und Gäste des Hotels waren sprachlos. Und sie wollten wahrscheinlich gar nicht so genau erfahren, was diese zwei Frauen eigentlich erwartet hatten...


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      ...mir direkt in die Augen, Miss Schwarz...“ hörte Elsa die sonore Stimme von Mr. Leyland. Sie saß in einem bequemen Sessel, während Mr. Leyland sie zu hypnotisieren versuchte. Die Gäste aus der Upper Class beobachteten das Ganze mit einem wohligen Gruselgefühl – was daran lag, daß sie davon überzeugt waren ebenfalls etwas Außersinnliches zu erleben, wenn sie an der Reihe waren. Damian´s Gruselgefühl hingegen war ganz und gar nicht wohlig.
      Denn was die wenigsten ahnten: Mr. Leyland war tatsächlich begabt.
      Sogar dermaßen begabt, daß der MI-6 ihn auf dem Schirm hatte. Und Leyland wusste das – ohne, daß man es ihm gesagt hatte. Die seltsamen Dinge, die man hier in den Regalen sah, waren tatsächlich... seltsame Dinge. Darunter war ein kleiner Würfel aus einem dunklen Metall, der in dieser Größe etwa 14 Tonnen wog – nur schwebte er in einer Kristallglasschüssel friedlich vor sich hin – etwa 2 cm über der Oberfläche. Aber das wirklich Erstaunliche war das von Geologen geschätzte Alter – er war offenbar etwa 47 Milliarden Jahre alt – und wies keinerlei Bearbeitungsspuren auf. Er war einfach... der ewige Würfel.
      Ein anderes Artefakt war eine Rekonstruktion des Antikythera-Apparates, den Mr. Leyland in Zusammenarbeit mit dem Royal Museum of Archaeology aus Goldbronze und Elektron gefertigt hatte. Und aus irgendeinem Grund wusste man, daß das Ding auch funktionierte – nur hatte niemand eine Ahnung, wie man es benutzte. Oder wozu es eigentlich gut war.
      Am seltsamsten allerdings war ein gut 60 Kilo schwerer Block eines transparenten, eisblauen Materials – im Prinzip sah es aus wie ein hellblauer Quarzbrocken. In der Tat aber war es ein Harzbrocken. Bernstein, um genau zu sein. Dieses Material wies tatsächlich sämtliche chemischen und physikalischen Merkmale von Bernstein auf – nur, daß es eben... hellblau war. In diesem Stück fossilen und erstaunlich harten Harzes aber war etwas eingebettet, das wie eine... fremdartige Handfeuerwaffe aussah. Die Funktion war nur aus der Form ersichtlich – nicht aber aus der Konstruktion an sich. Sie war aus einem Metall gefertigt, das so lächerlich glatt und blank war, daß es aussah wie flüssiges Silber. Und dieses Artefakt war schon alt, als die ersten Dinosaurier auftauchten. Dieses Kronjuwel der Skurrilitäten war publikumswirksam auf einer kurzen Marmorsäule ausgestellt – und gegen dieses Triumvirat des Unwahrscheinlichen nahmen sich die übrigen Exponate geradezu profan aus – altägyptische Papyrii, eine Totenmaske der Maya aus Jade, Loseblattsammlungen aus der Zeit der Merowinger, ein trojanisches Richtschwert an der Wand, eine Abschrift des Codex Gigas – oder einige seltsame Schädel in den Bücherregalen. All das aber – im Zusammenspiel mit der alten Eichentäfelung dieses Raumes und den altmodischen Leuchtern – verfehlte seine Wirkung auf die Gäste jedoch nicht. Leyland war sehr begabt – ja. Aber um seine Studien voranzutreiben, brauchte es natürlich finanzielle Mittel – und so `arbeitete´ er, indem er der gut zahlenden Kundschaft das gab, was sie erwartete – inklusive dem ausgefallenen Interieur seines Hauses. Dies alles wirkte tatsächlich wie das Refugium eines Magiers. Doch das, was nun geschah, sollte selbst den `Magier´ erstaunen.



      „Ihr sprecht anders, als ich es die letzten Jahre gewohnt war...“
      Elsa wirkte, als sei sie eingeschlafen. Aber stattdessen konnte man etwas Anderes sehen – wie eine Gestalt, die versuchte, in Elsa´s Körper zu bleiben – aber immer wieder nebelhaft durchschien. Dieses schwach leuchtende Etwas wirkte beinahe engelsgleich, das Haar schien langsam in einem hier unspürbaren Wind zu wehen – und das Wesen sah sich um: „Interessant...“
      Damian und die anderen Gäste konnten kaum ihren Augen trauen – aber so schnell würde sich Mr. Leyland nit den Wind aus den Segeln nehmen lassen: „Weißt Du, wo Du bist?“
      Das Wesen fixierte Leyland und lächelte: „Natürlich – ich befinde mich auf dem dritten Planeten eines kleinen Sonnensystems am Rand einer Galaxie – etwa sieben Parsec von dem supermassereichen schwarzen Loch in deren Mitte entfernt. Die nächstgelegene Galaxie bewegt sich auf diese hier zu – und wird mit ihr frühestens in etwa vier Milliarden Jahren kollidieren – aber bis dahin ist dieses Sternensystem aller Voraussicht nach ohnehin schon tot. Also besteht kein Grund zur Besorgnis...“
      Bis auf tot verstanden die überwältigten Anwesenden nichts – abgesehen von vielleicht vier Milliarden Jahren. Mr. Leyland jedoch räusperte sich und fragte dann weiter: „So, naja... also... bist Du ein Wesen aus dem Jenseits?“
      „Ihr seid neugierig – aber nicht fordernd. Das mag ich...“ antwortete das Wesen mit seiner kristallklaren Stimme, die offenbar nur mit dem Geist gehört werden konnte. Dann wirkte der Gesichtsausdruck des Wesens, das inzwischen eindeutig weibliche Gestalt anzunehmen schien, fragend: „Jenseits? Von eurem Standort im Multiversum aus gesehen ist alles andere jenseitig – welches Jenseits meinst Du? Meines ist praktisch gleich nebenan – wenn Du den Schlüssel benutzt – kannst Du es sehen...“
      „Oh – ich habe einen Schlüssel?“ staunte Leyland und das Wesen wies auf den Antikythera-Mechanismus: „Aber ja – das ist eine Weltenmaschine, nicht? So nanntet ihr sie früher...“
      Leyland war platt. Aber er fing sich schnell wieder und stellte den eigenwilligen Zahnradquader auf den Tisch: „Öhhm... ja. Das mag schon lange her sein...“
      „Zeit ist ziemlich relativ – gut für mich.“ lächelte das Wesen und Damian runzelte die Stirn, als er Mr. Leyland zusah: “Was haben Sie vor?“
      „Ich werde die Weltenmaschine aktivieren – wenn unser Gast mir hilft!“ strahlte Mr. Leyland ihn an und Damian wandte sich an... was auch immer es war: „Gestatte mir ein paar Fragen... Kann ich davon ausgehen, daß Elsa... besessen ist?“
      „Aber nein – sie beherbergt mich nur, bis ich möglicherweise bald in meinen Körper zurück kann...“ erwiderte das Wesen, beinahe erschrocken: „Sie ist eine ruhige, starke Persönlichkeit – ein gutes Medium...“
      `Elsa ist ein Medium?´ grübelte Damian in Gedanken – und fragte weiter: „Elsa erwähnte ebenfalls ein Medium namens Sigrun...“
      „Das muss ein Irrtum sein – ihr nennt mich Sigrun – die Einsame Königin.“ korrigierte das Wesen die erstaunten Leute: „Ich bin damals nur von einer Person in eine andere gewandert – eine bei Weitem geeignetere.“
      `So ist das also...´ kam Damian langsam dahinter, wie es geschah... Währenddessen hatte Mr. Leyland endlich herausbekommen, wie das Gerät funktioniert – weil sich das Wesen zeitgleich auch mit ihm unterhielt. Und während dieses Gerät anfing, sich auf dem Tisch auszuklappen, Zahnräder anfingen sich zu drehen und eine Art Ticken zu hören war, fiel Damian etwas Anders wieder ein und sein ungutes Gefühl meldete sich wieder: „Was ist das mit diesen komischen Dingen, die Elsa immer wieder sieht?“
      „Das tut mir leid... Ich bewahre das Wissen über Verbotene Technologie – und die Leute vor euch wollten an dieses Wissen kommen. Elsa bemerkte, daß etwas einfach nicht richtig war und wollte weg... also war sie für mich die beste Wahl zur Flucht. Manchmal bahnen sich Fetzen dieses Wissens einen Weg in das Unterbewusstsein...“ erwiderte das Wesen bekümmert. Damian horchte auf: „Verbotene Technologie...“
      „Wissenschaft ohne Ethik ist gefährlich. Nur, weil man etwas tun kann, ist es nicht immer gut, es auch zu tun... Maschinen, deren Benutzung Planeten töten kann darf es nicht geben. Nicht in einer Gesellschaft, die von sich behauptet, zivilisiert zu sein.“ erklärte Sigrun bereitwillig – und der Raum begann sich plötzlich zu verändern. Wind kam auf, als sich die Wände - und einfach alles zusammenzufalten begann - wie ein Bühnenumbau von unsichtbaren Kulissenschiebern - in Zeitraffer. Und sie alle fanden sich in schwindelerregender Höhe wieder – offenbar auf einer Art Wolkenkratzer. Sie waren definitiv... woanders. Das hier war keinesfalls ein Ort, den sie kannten.



      Unter einem blauen Himmel sahen sie auf eine enorme Stadt hinab, immer wieder von Grünflächen durchbrochen. Gewagte, hypermoderne Architektur in hellen Farben und klaren Formen, wohin das Auge reicht. Höher und schlanker als die Gebäude in New York. Kleine und große, seltsam runde Flugmaschinen bewegten sich ohne Propeller und auch ohne laute Geräusche durch die Luft – manche blieben sogar mitten in der Luft stehen – und einige kamen neugierig näher, um diese seltsame Versammlung auf dem Dach zu bestaunen.
      Die Weltenmaschine funktionierte.
      Und zum ersten Mal war selbst Mr. Leyland einfach nur sprachlos. Und über ihnen schwebte ein gewaltiges, flaches und rundes Etwas – wie eine leicht gewölbte Scheibe aus blankestem Metall.
      „Das ist eine von unseren Weltenmaschinen – mit ihr können wir reisen, wohin wir wollen. Das hier... ist mein Zuhause.“ erklärte Sigrun.
      Und dann... verschwand das alles und sie alle fanden sich in Mr. Leyland´s Haus wieder. Und durch die Fenster kam das Licht von Scheinwerfern...


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    • Die Beamten

      ...der Royal Ulster Constabulary ließen nicht lange auf sich warten. Und wie sich herausstellte, waren nicht wenige der festgesetzten Männer sowohl ihnen als auch dem Hotelier bekannt. Der konnte es einfach nicht fassen, daß einige seiner langjährigen Bekannten und Nachbarn vorhatten, sein Heim zu sprengen: „Daß ihr zu sowas fähig seid...“
      Einer der verletzten Männer, inzwischen in Handschellen auf dem Weg zu einem schwarzen Polizeitransporter spuckte aus: „Pah... DU hast doch die verfluchten Engländerfreunde in Dein Haus gelassen...“
      „Damit verdiene ich Geld für meine Familie! Ich bin Hotelbesitzer, verdammt!“ fluchte der Mann aufgebracht und in der Zeit saßen Marlo und Bianca schon im Schankraum – mit all ihren Waffen auf dem Tisch vor ihnen (zumindest all denen, die die Polizisten haben finden können) und wurden natürlich von Vorne bis hinten verhört. Denn das, was hier vorgefallen ist – sowas gab es noch nie. Und Bianca erklärte alles mit einer Engelsgeduld – abgesehen natürlich von der Tatsache, daß sie eigentlich den zwei Kerlen im Autobahnkurier aufgelauert hatten. Aber wie sagt man doch so treffend: Die Leute sollen alles essen, aber nicht alles wissen.
      Und währenddessen brütete Marlo unter ihrer Rauchwolke vor sich hin. Sie hatte Durst, sie hatte Hunger – und dieses ständige Gefrage ging ihr mächtig auf die Nerven. Was ist daran so schwer zu verstehen? Typen mit Dynamit kommen her, werden gebührend empfangen und fertig! Eigentlich sollte ihrer Meinung nach jetzt´ne gottverdammte Party steigen. Stattdessen kam sie sich vor wie bei der verfluchten Inquisition. Die Wolke aus Zigarrenqualm über Marlo sah schon verdächtig nach einer ausgewachsenen Gewitterfront aus und da waren wieder diese verräterischen, schweren samtigen Falten um Marlo´s Nasenwurzel – wie bei einem Raubtier, dem gleich die Geduld ausgeht... Das Fass zum Überlaufen brachte dann natürlich die Frage eines Polizisten: „Und was sagen Sie dazu, Miss LeFay?“
      Die Französin saß da in der Ecke des Tisches – und starrte ihn an. Und Bianca dachte sich schon: `Oh, oh... das wird mies...´
      „Was ich davon halte? Das werd´ ich Dir verraten, Kumpel...“ setzte sie sich auf und musterte ihn und seine Kollegen genau: „IHR seid doch diejenigen, die wissen sollten, was hier so abgeht, wenn grad keiner hinsieht. Da gibt´s`n Autorennen hier – und wir kleinen, süßen Mädchen von Außerhalb sagten uns `Ja hey – da machen wir mit! Irland ist toll, Irland ist schön!´ Und was ist? Nix ist...“
      Marlo stand auf und machte eine entsprechende Geste: „Revoluzzer-Ärger wie drüben in Mexico mit Panco Vanilla vor´n paar Jahren! Viva El wasweißichwas!“
      „Pancho Villa...“ bemerkte Bianca leise lächelnd und die Französin paffte fluchend: „Mir doch egal! Das wissen diese Knaben doch längst, wie´s hier zugeht! Und da sehe ich hier keine Streckenposten, keine Streifen – nichts. Nee, die tauchen erst dann auf, wenn´s was zum Zusammenfegen gibt! Wie soll ich das denn wohl finden?“
      Sie stieß dem verblüffen Mann mit dem Zeigefinger auf die Brust: „Und dann habt ihr noch die Unverschämtheit uns zu fragen, wofür wir die ganzen Knarren brauchen?! Tja, Kumpel – hätten wir die nicht dabei, hättet ihr uns diese saudämliche Frage nicht einmal mehr stellen können. Aber ihr hättet dann Lord Fisher´s saudämliche Fragen beantworten müssen – wäre euch das vielleicht lieber?“
      „Lord Fisher?“ fragte ein anderer Polizist nach und Marlo nickte demonstrativ: „Ganz genau derjenige welcher. Dieser kleine, grauhaarige Schmuseknochen ist nämlich sehr beschäftigt – deshalb fahren WIR für ihn.“
      „Wir werden in Belfast anrufen und die Rennleitung befragen...“ erwiderte der Mann und schickte einen seiner Leute zum Telefon, worauf Marlo´s Gesicht langsam rot wurde: „Soll das heißen, daß Sie glauben, daß ich ihnen hier einen vorkrücke?!“
      „Nur die Ruhe. Das wird sich schon aufklären...“ meinte Bianca und Marlo drehte sich um: „Die Typen glauben ernsthaft, wir wollen ihnen Stories vom toten Hund erzählen – und Du bleibst so ruhig?“
      Die Amerikanerin lächelte Marlo an: „Wenn ich mich aufrege, bringt das auch nichts. Diese Leute machen nur ihre Arbeit, also werde ich sie nicht daran hindern...“
      Schmollend und eine Schnute ziehend hockte Marlo sich wieder hin und der Inspector atmete aus: „Es wäre schön, wenn das jeder so sehen würde wie Sie, Miss Scorsese...“
      „Wenn jeder so handeln würde wie ich – dann wäre wahrscheinlich keine Polizei nötig.“ lächelte Bianca vielsagend. Aber ihr fiel im Gegensatz zu Marlo, die viel zu aufgebracht war, schon etwas auf – sie bemerkte, daß sie beide von den zwei Männern des Mercedes 500K beobachtet wurden.
      Ausgiebig.
      „Inspector – die Aussagen der zwei Frauen entsprechen der Wahrheit – die Rennleitung in Belfast bestätigt das!“ kam der junge Polizist wieder in den Schankraum und Marlo stand grinsend auf und streckte sich: „Sehr schön! War ja wohl klar.“
      Dann nahm sie einem der Polizisten eine ihrer Mars-Pistolen aus der Hand: „Wenn ich das mal eben an mich nehmen dürfte? Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben?“



      Minuten später sah die Welt schon ganz anders aus – an Schlafen war ohnehin nicht zu denken, also war der Schankraum schon um halb vier Uhr morgens rappelvoll – und Marlo und Bianca waren das Highlight des noch jungen Tages. Mit ausreichend Ess- und Trinkbarem ausgestattet war Marlo endlich wieder besser gelaunt und Bianca unterhielt sich routiniert mit den Reportern, die das Rennen begleiteten. Sie war aufgrund ihres ziemlich illustren Vorlebens durchaus mit all dem Presserummel vertraut – und wusste: Morgen würden sie beide in den Zeitungen stehen. Das war nicht zu ändern. Sie wusste ebenfalls, daß dieses Mal wohl auch die IRA-Leute diese Zeitungen sehr genau lesen würden. Also konnten sie sich beide darauf einstellen – sofern man das überhaupt konnte. Bianca überprüfte vorsichtshalber den Gasser-Revolver – und just in dem Moment flammte ein Blitzlicht auf – und am nächsten Morgen würde dieser Schnappschuss in den Zeitungen zu sehen sein: American Heroine of Armagh checks her huge reliable Sixshooter.

      Später dann waren sie auf ihrem Zimmer – ein wenig Schlaf wäre besser als gar keiner. Der Hotelbesitzer bestand darauf, daß sie beide nichts zu zahlen hatten – trotz der ramponierten Hofeinfahrt. War doch auch was. Bianca sah zu Marlo rüber – und grinste: „Wenn Du immer so viel futterst, wirst Du noch fett...“
      „Quatsch, Kleine. Ich bin ziemlich stark und muss in Form bleiben. Und ohne lecker Happa woll´n die Muckis nicht.“ gab Marlo zurück. Sie hockte lässig auf der Bettkante, wie es nur ein Soldat konnte, paffte gemütlich vor sich hin und überprüfte ihre Waffen: „Will nur sichergehen, daß alles im Notfall so funktioniert, wie es soll.“
      „Keinerlei Einwände. Mir ist aufgefallen, daß unser Auftritt die Kerle aus dem schwarzen Mercedes etwas wachgerüttelt hat...“ bemerkte Bianca und Marlo nickte: „Gut so. Dann haben sie was, worüber sie grübeln können. Wollen sie Mist bauen, dann müssen sie sich vorsichtshalber zuerst mal mit uns befassen. Bleiben wir also in der Nähe der Wissenschaftler...“
      „Und wir sind nun bekannt – sollten wir auf IRA-Leute treffen, kann´s Ärger geben...“ gab die Amerikanerin zu bedenken. Marlo winkte ab: „Den gibt’s immer. Es gibt immer Typen, die wollen´s ganz genau wissen. Dann gibt’s mal eben was auf´s Fressbrett – und man erwartet den nächsten Schwung Schlauberger.“
      Bianca musste wieder lächeln. Marlo war unverwüstlich. Und sie musste zugeben – Marlo hatte eine beachtlich athletische Figur. Sie fragte dann auch: „Wie kommt´s eigentlich daß Du so eine irre Figur hast? Ich meine, hey... wenn ich mich so ansehe – Du hast voll den Bizeps und so´nen toll harten Bauch – und so ein Kreuz...“
      „Woher willst Du wissen, daß meine Plauze hart ist?“ wunderte sich Marlo und Bianca wurde rot: „Naja... der sieht so aus...“
      „Du bist ja witzig...“ grinste Marlo – und sah an sich runter: „Naja... ich schätze, das liegt daran, daß ich weitestgehend im Wasser großgeworden bin... Ich kann ziemlich lange tauchen. Und wer sich im Wasser schnell bewegen will – der braucht Dampf. Wasser ist sehr zäh...“
      „Das wird’s wohl sein.“ nickte Bianca. Dann machte Marlo das Licht aus: „Okay – gute Restnacht – oder so. Ich denke, es wird von nun an immer interessanter werden.“


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    • Sigrun



      ..hätte wohl keine bessere Herberge finden können. Zum ersten Mal erlebte Lord Damian Fisher, wozu diese erstaunliche Frau Elsa Schwarz wirklich in der Lage war. Kaum machte Elsa die Augen auf – knallte ihr linkes Knie auf die Tischplatte und die silberne Luger schoss zwei Mal. Zuerst das Licht aus (welches Mr. Leyland zwecks des theatralischen Effektes praktischerweise eher spärlich gestaltet hatte) – und dann noch einmal – worauf die Fensterscheibe und der Scheinwerfer draußen zu Bruch ging. Von draußen waren Rufe in einer Sprache zu hören, die nur Elsa – und vielleicht Damian was sagte. Die Gäste waren sichtlich geschockt und Elsa wandte sich an Mr. Leyland: „Gibt´s hier Waffen?“
      „Öhhm... ich habe einen Revolver...“ stammelte der Parapsychologe überrumpelt und Elsa nickte im Halbdunkel: „Holen Sie ihn – und bringen Sie Ihre Gäste in Sicherheit...“
      „Aber wohin? Ich...“
      „Weg von hier – und schnell. Diese Leute wollen nur mich. Ich lenke sie ab.“ schnitt ihm Elsa bestimmt das Wort ab. Sie sah aus dem Haus – und bemerkte einen vierrädrigen Panzerwagen in der Einfahrt. Der war nicht sonderlich groß – aber sah schnell aus. Die Hauptbewaffnung würde ein schweres MG im Turm sein. Wahrscheinlich ist diesem Ding ein kleiner Laster oder sowas mit vielleicht sechs Leuten gefolgt. Die blonde Frau stellte beruhigt fest, daß Mr. Leyland und die anderen schon verschwunden waren – es würde sie wundern, wenn jemand wie dieser Mann irgendwo hier nicht zumindest ein Geheimzimmer hätte...
      „Was machen Sie denn noch hier?!“ wurden Elsa´s Augen groß, als sie dann die schmale Silhouette von Damian hinter sich erkannte. Und Damian lächelte entschuldigend: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, ich würde Sie hier alleine lassen?“
      Er hielt seine Lancaster-Pistole hoch und war froh, die Munition mitgenommen zu haben. Elsa atmete aus: „Gut. Haben Sie Kampferfahrung?“
      „Kommt drauf an – haben wir einen Plan?“ fragte er zurück und Elsa erwiderte: „Die Kellerfenster sind ziemlich klein – da passt keiner rein. Die Fenster des eigentlichen Erdgeschosses liegen ziemlich hoch und sind eher schmal – da reinzukommen dürfte sich ohne ausreichende Deckung also schwer gestalten und selbst für Verrückte mit Handgranaten ist das nicht gerade optimal...“
      „Ja – das ist gute, alte viktorianische Landhaus-Bauweise...“ nickte Damian und Elsa meinte: „Also werden diese Leute wahrscheinlich durch die Eingangstür kommen – beeilen wir uns.“
      Auf dem Weg zur Eingangshalle fragte Damian dann unvermittelt: „Ihnen geht’s soweit gut?“
      „Eine schwer zu beantwortende Frage momentan...“ musste Elsa lächeln: „Noch geht es mir den Umständen entsprechend gut, ja...“
      „Sie können beruhigt sein – Ihr `Problem´ ist wirklich sehr ungewöhnlich – aber ich denke nicht gefährlich.“ erklärte Damian und die Deutsche nickte: „Gut zu wissen – nun zu unserem anderen Problem...“

      Spät am Abend saßen Abbott, Consuela und Allison noch im Wohnzimmer und hörten die neuesten Nachrichten im Radio – unter Anderem, was in Armagh vorgefallen war. Ja, das klang sehr nach Marlo und Bianca. Dennoch blickte Abbott immer wider unruhig auf seine Taschenuhr – was Consuela wohl auffiel: „Stimmt was nicht?“
      „Ich mache mir Sorgen um Lord Fisher und Miss Schwarz – eigentlich wollten sie längst wieder da sein...“ bemerkte Abbott und Consuela stand auf: „Hat Lord Fisher das gesagt?“
      „Oh ja – er hatte vor, sich noch um einige Dokumente zu kümmern und Miss Schwarz...“
      „...kommt nie zu spät. Nie. Da stimmt was nicht...“ ging Consuela zur Haustür, was Allison wachrüttelte: „Was willst Du tun?“
      „Na, nach den beiden sehen! Hier ist was nicht in Ordnung!“ erwiderte Consuela und Allison erinnerte sie: „Du weißt nicht, wo dieser Paradingens... wohnt.“
      Consuela ließ die Schultern sinken: „Stimmt ja...“
      „Ich schon.“ nahm Abbott ein schweres, doppelläufiges Gewehr von der Wand, um es mit geradezu surreal riesigen Mesingpatronen zu laden. Es war eines von O´Healey´s Holland&Holland-Gewehren. Consuela sah ihn ungläubig an: „Sie wollen mitkommen?“
      „Aber selbstverständlich – und sei es nur aus dem Grund, um Ihnen zu sagen, wo Sie hinfahren müssen.“ nickte Abbott bestimmt und Allison stand auf, um sich ihre schwarze Uniformjacke überzuwerfen: „Gut – gehen wir zur Garage...“



      „Ich find´ den gruselig.“ meinte Allison kleinlaut – und Abbott und Consuela starrten das Mädchen ungläubig an. Sie standen vor etwas, das Damian und Abbott vom MI-6 als `Dienstfahrzeug´ überantwortet bekamen – einem Rolls Royce Phantom mit Jonckheere-Karosserie – natürlich in bestem Konzertflügelschwarz. Dieser Wagen war das letzte Wort in Sachen Stromlinienform – selbst die Windschutzscheibe war ungewöhnlich schräg nach hinten geneigt. Bullige und dennoch fließende Formen endeten in einem fensterlosen Fließheck, das von einer kleinen Finne gekrönt wurde. Der Wagen war riesig – und wirkte in der Tat ziemlich finster. Denn auch der riesige Kühlergrill war nach hinten geneigt – und schien sie alle mit seinen mächtigen Scheinwerfern links und rechts... anzugrinsen.
      „Wie meinen?“ fragte Abbott nach und Allison sagte: „Der grinst mich an. Ich mag das nicht...“
      Abbott öffnete neugierig eine der kreisrunden Türen und betrachtete das Armaturenbrett. Und Consuela hob die Hände in einer hilflosen Geste – um sich dann Allison zuzuwenden: „Alles klar – ich erzähl´ Dir jetzt mal was über das gruselig sein. Pass´ auf...“
      Die Andalusierin wies auf sich: „Ich bin ein Angsthase – weißt Du ja. Die Typen in dem Dampfbad – die waren gruselig. Du – bist gruselig... manchmal.“
      Dann wies sie auf den Wagen vor ihnen: „Das hier... ist nicht gruselig.“
      Und gerade, als Consuela´s Zeigefinger den Kühlergrill berührte, klappte die obere Kühlerhaube etwas zurück – und zwei schwere BESA-MGs fuhren aus, die Consuela fast zu Tode erschreckten.
      „Verzeihung...“ meinte Abbott im Auto verblüfft – und klappte die MGs wieder ein.
      „Gruselig.“ konstatierte Allison.

      Der Wagen raste wie ein tollwütiger, schwarzer Schatten durch die Nacht. Die Scheinwerfer rissen die Landstraße nur für Sekunden aus der Dunkelheit. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto mehr überraschte Ulster-Polizisten ließen sie hinter sich. Die waren also auch auf den Beinen... Dieser Wagen aber war wirklich ein Phantom. Dieses kugelsichere Ungeheuer einzuholen war den Gesetzeshütern schlicht nicht möglich.
      „Ich bin überrascht von Ihren fahrerischen Qualitäten, Miss Consuela. Aber ich möchte dennoch anmerken, daß diese Straße noch sehr kurvenreich wird...“ ließ Abbott, der ein wenig blass aussah, sich aus dem Fond vernehmen. Doch die Andalusierin gab sich gerade einem furiosen Geschwindigkeitsrausch hin: „Nur keine Sorge – ich muss sagen, ich habe noch nie einen so guten Wagen gefahren...“
      „Natürlich nicht – er ist schließlich britisch, durch und durch.“ gab Abbott trocken zurück und Allison sah Consuela an: „Du bist auch gruselig, wenn Du hier drin sitzt...“
      „Ach, jetzt aber... der Wagen ist wirklich toll!“ rief Consuela aus und meinte: „Außerdem sitzt DU an den MGs. Ganz simpel – ich fahre, Du feuerst...“
      „...und ich bete – vorsichtshalber.“ vervollständigte Abbott die theoretische Arbeitsteilung. Und so raste das Sportcoupé, das schamlos die Größe eines Lieferwagens erreichte durch das nächtliche Nordirland. Und tatsächlich – schon bald begann Allison wie eine faszinierte junge Katze mit dem Ausfahrmechanismus der MGs zu spielen – sowas hatte sie ja noch nie gesehen...
      „Das finde ich toll.“ gestand sie schließlich und Consuela murmelte: „Dann kannste ja jetzt damit aufhören – das ist irritierend.“
      Schließlich kamen sie zu dem Teil der Stadt, wo Mr. Leyland´s Anwesen zu finden sein sollte – und Abbott und Consuela hatten recht – hier war was nicht in Ordnung. In der Einfahrt stand etwas, das von hinten frappierend aussah wie ein ziemlich kleiner Panzer – und Allison musste wieder an den Panzerwagen aus Sevilla denken. Und dahinter stand ein nicht allzukleiner Militärstabswagen, hinter dem sich ungefähr fünf graugekleidete Männer in Uniform mit eigenartig kurzen Gewehren verschanzt hatten. Und als diese sich überrascht zu dem großen Scheinwerferpaar umdrehten, konnte man sehen, daß diese `Gewehre´ zwar kurz – ihre Magazine aber lang waren...


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    • Eine Motorkanone



      ..also. Dieses Ding auf vier Rädern hatte eine Motorkanone im Turm. Den Schäden in der Frontwand des Hauses nach zu urteilen würde Elsa das Kaliber auf etwa 20mm schätzen. Das Ding fing zu schießen an, als sie drei der Typen am reinkommen gehindert hatten – einen hatten sie wohl in Deckung gejagt – und die anderen zwei zum Teufel – sozusagen. Sie aber waren hier festgenagelt. Sie konnten nicht raus – und die anderen nicht rein. Elsa gab eine dieser eigenartigen Waffen an Damian weiter: „Hier – Magazine gibt’s auch gleich...“ kramte sie in den Koppeltaschen eines der Soldaten rum, während Damian den Pragmatismus dieser Frau bewunderte: `Die hat wirklich die Ruhe weg...´
      „Hm... das Ding ist ja aus Blech... wie´n Aufziehspielzeug... und der Griff ist aus demselben Kunststoff wie die Lichtschalter zu Hause...“ wunderte sich Damian und Elsa entgegnete leise: „Und es funktioniert trotzdem. Gesehen hab´ ich sowas bisher auch noch nicht – wir sollten uns also noch auf ein paar Überraschungen mehr einstellen...“
      Als der Panzerwagen wieder zu schießen begann, schob Elsa ihren Kameraden wieder ins Haus zurück: „Dieses Ding ist wirklich lästig... Kann es sein, daß ein paar von den Kerlen über die Küchentür von hinten reinkommen wollen?“
      „Ich würde es nicht für allzu unwahrscheinlich halten...“ drehte sich Damian um, um den hinteren Flur im Auge zu behalten – als etwas Eigenartiges geschah...



      „Die ballern! Die ballern eiskalt auf mein schönes Auto!“ rief Consuela aus, als die Soldaten das Feuer eröffneten und Funken über den Wagen stoben. Und Allison begriff mit einem Mal, warum der Wagen so dicke Scheiben hatte. Vielleicht mochte sie ihn doch ein wenig... Consuela rüttelte sie aber wütend aus ihren Gedanken: „Diese... wooahh, ich... Los – tu was! Fang sie! Fress sie!“
      Das war genau, was Allison hören wollte – sie zog an dem roten Knopf – und eine Art Steuerknüppel schwenkte von rechts aus – fast wie in ihrem Flugzeug. Zudem bemerkte Allison nun zwei Pedale – und Allison konnte sehen, wie sie damit die Waffen in ihren Lafetten bewegen konnte. Natürlich nicht weit – aber immerhin – etwas nach links und rechts – sogar etwas rauf und runter...
      „Ich mag den Wagen doch – er ist gruselig – wie ich...“ murmelte Allison und betätigte den Abzug.

      Zuerst standen die graugekleideten Männer mit ihren Stahlhelmen und seltsamen Masken ratlos da – da schossen sie zu fünft auf den Wagen – und er sah... nahezu unbeschädigt aus? Dann geschah etwas, mit dem sie nie gerechnet hatten – die beiden Hälften der Kühlerhaube öffneten sich etwas – und zwei große Maschinengewehre rissen sie von den Beinen. Der Fahrer des Stabswagen gab erschreckt Gas und raste an dem Panzerwagen vorbei in den Hof des Hauses. Und der Panzerwagen setzte zurück – und drehte den Turm in Richtung des Rolls Royce...

      Abbott hingegen hatte diskret eine Möglichkeit genutzt, sich abzusetzen. Was man ihm nicht ansah: Er war im großen Krieg dabei – er wusste, was er tat und wie er es tat. Mindestens zwei Fahrzeuge – und keine Garantie, daß die Soldaten, die sie hier sahen, die einzigen waren? Da ging er lieber auf Nummer Sicher...



      Als schließlich Polizisten der Royal Ulster Constabulary auch hier ankamen und sich insgeheim schon wunderten, was zum Henker heute Nacht los war – kam ihnen ein schwarzer Rolls Royce im Rückwärtsgang entgegengerauscht, der auch genau so rückwärts um die nächste Straßenbiegung verschwand – verfolgt von einem sandfarbenen... Radpanzer. Der rammte zwar einen ihrer Einsatzwagen in einen Gartenzaun, aber beachtete sie nicht weiter. Währenddessen wurde auf Mr. Leyland´s Grundstück weiter geschossen. Einer der Polizisten warf wütend seine Mütze auf den Boden: „Ja, Sack Zement! Was zum Kuckuck ist heute Nacht nur los?“

      Und während dem Rolls Royce wieder Kugeln entgegenflogen – dieses mal ein ganzes Eck größer, grummelte Allison: „Dauernd, wenn ich und meine Freunde in solchen Autos unterwegs sind, taucht so ein Teil auf. So langsam ist das nicht mehr lustig...“
      „Echt nicht?“ lenkte Consuela den Wagen rückwärts mit quietschenden Reifen um eine weitere Straßenecke: „Ich kann nur hoffen, daß den Kerlen mal die Munition ausgeht...“



      Es war so ruhig... Elsa sah wieder vorsichtig hinaus – und sah einen grauen Stabswagen langsam ausrollen – er stieß gegen die große Steintreppe, wo er stehenblieb – und der Fahrer tot auf das Lenkrad sank und die Hupe auslöste. Das war unerwartet – und es störte. Der Lärm machte es schwer, etwas zu hören – und so war sie auch nicht überrascht, als sie hinter sich eine Stimme hörte: „Waffen weg – und langsam umdrehen.“
      Und da standen zwei Soldaten – mit diesen typischen Helmen und Masken – und einer hielt Damian eine Pistole an die Schläfe. Er lächelte hilflos: „Nächstes Mal folge ich Ihrem Rat besser und gehe einfach in Deckung...“
      Elsa ließ ihre Waffe fallen und stand abwartend da: „Und nun?“
      „Sie werden sich ergeben und mitkommen, an den Zivilisten haben wir kein Interesse...“ erwiderte einer der beiden – und dann hörten sie eine Stimme aus einem Nebenzimmer: „Ich schon, wenn ich das sagen darf...“
      Dann wurde es sehr laut – und der Kerl mit der Pistole wurde förmlich von den Füßen gerissen und verschwand in der Tür neben ihm – ohne sie geöffnet zu haben. Und dann hatte der andere Soldat einen Lauf an seinem Kopf – ein Laufbündel, um genau zu sein: „Wie Sie sehen können, macht dieses Gewehr ziemlich große Löcher. Wenn Sie also so freundlich wären, sich nun Ihrerseits zu entwaffnen... ?“
      „Das wird nicht nötig sein...“ landete Elsa´s Faust blitzartig in seinem Gesicht und schickte den Kerl zu Boden. Sie hob ihre Waffe vorsichtshalber wieder auf, während Damian seinen Augen nicht traute: „Abbott?!“
      „Man kann Sie wirklich nicht eine Minute alleine lassen, Mylord... kann es sein, daß Sie von der Hupe abgelenkt wurden, Miss Schwarz?“ fragte der Butler und die erstaunte Deutsche nickte langsam: „Ja, öhm... sie ist doch recht laut...“
      „Äußerst ärgerlich – nächstes Mal muss ich mir dagegen etwas einfallen lassen...“ bemerkte Abbott trocken und Damian starrte ihn an: „Wie kommen Sie denn hierher?“
      „Miss Consuela verstärkte meine Besorgnis mit der Bemerkung, daß Miss Schwarz niemals zu spät kommt – also sind wir natürlich hergefahren. Also, ich habe ja so Einiges erwartet – aber nicht in einen Krieg zu geraten. Und die sehen sogar fast so aus wie damals in Paschendale...“ erwiderte der Butler und betrachtete den Mann mit seiner Maske: „Freunde von Ihnen, Miss Schwarz?“
      „Nach dem, was ich mittlerweile weiß, waren sie das nie...“ gab Elsa zurück und Abbott nickte, während er das Gewehr vorsichtshalber nachlud: „Das freut mich zu hören.“
      „Sie waren im Krieg?“ staunte Elsa und Abbott lächelte: „Wie würde es Miss LeFay ausdrücken... Aber hallo!“



      Schließlich kamen sie aus dem Haus und an die Treppe. Und auf dem Hof war allerhand geboten. Da stand ein monströser, schwarzer Rolls Royce, haufenweise Polizeiwagen und Polizisten - und Consuela erklärte einem Inspector mit Händen und Füßen: „Schließlich ist der fiese Kasten einfach abgehauen, als er sich leergeballert hatte – der hätte uns einfach so wegblasen können!“
      Zwei Polizisten untersuchten indes den fremdartigen Stabswagen mit dem Fahrer, einer kotzte daraufhin und der andere staunte: „By Jove – der ist aber mal so richtig tot!“
      Allison hingegen wurde von diversen anderen Polizisten erstaunt beäugt – und sie musterte die Beamten ebenfalls: „Schöne Uniformen.“
      „Gut zu sehen, daß es keine größeren Blessuren zu beklagen gibt.“ stellte Abbott sachlich fest und Elsa steckte die Luger wieder weg: „Allerdings. Einen besseren Trupp hätte ich nicht zusammenstellen können...“
      Damian hingegen kratzte sich am Hinterkopf und stöhnte: „Das wird eine lange Nacht...“
      Der Inspektor aber drehte sich zu ihnen um, besah sich noch mal das Chaos, das ihn umgab und er meinte schließlich resignierend: „Sie haben ja keine Ahnung...“


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    • Churchill



      ...mag die Deutschen nicht, dafür hat er mit ihnen schon zu viel Unerfreuliches erlebt.“ erklärte Sir Reginald Abercrombie, der sich bereiterklärt hatte, so schnell wie möglich von Derry nach Dublin zu kommen, Nun saßen er und einige seiner Leute zusammen mit Damian und Elsa in seinem Arbeitszimmer, während der Morgen schon graute. Und der MI-6-Offizier fuhr fort: „Ich persönlich habe nichts gegen die Deutschen. Mir haben sie nie etwas getan. Vor allem habe ich nichts gegen Sie, Miss Schwarz – mit Ihnen zu... `arbeiten´ ist stets ein Vergnügen. Der Premierminister jedoch gibt zu, daß seine Prioritäten momentan woanders liegen. Er ist überzeugt, daß die Sowietunion eine wirklich große Bedrohung darstellt. Wir haben Spione dort – und die haben Spione bei uns. Und der russische Geheimdienst ist exzellent.“
      Abercrombie lehnte sich zurück: „Ich selber war `36 in Deutschland – es hat sich erstaunlich rasch und gut von der Wirtschaftskrise erholt und ich hatte dort eine schöne Zeit. Die Olympischen Spiele waren beeindruckend. Man kann sagen, was man will – im Organisieren und Problemlösen ist dieses Volk ziemlich gut. Wenn da einige ewiggestrige Industriemagnaten und Offiziere etwas Unerhörtes planen würden...“
      Elsa und Damian hörten dem Mann genau zu. Er war gerade dabei, auf die diplomatische Art und Weise etwas zu sagen. Sir Reginald erklärte: „Sie wissen, daß die Lebensbedingungen unter Stalin nicht gerade erfreulich sind... Der Mann ist paranoid und wer was Falsches sagt, der verschwindet einfach. Nicht selten mitsamt seiner Familie und seinen Bekannten. Gut – Churchill mag die Deutschen nicht – aber er denkt, die Russen sind gefährlicher. Die Rote Armee ist riesig. Gemessen an dem, was ein anspruchsloser Rotarmist kostet – und ein Panzer russischer Bauart – damit käme man hier nicht weit. Unsere Art, die Royal Army am Laufen zu halten bedeutet, daß geschätzt neun Rotarmisten auf einen britischen Soldaten kommen – dieses Verhältnis setzt sich bei Fahr- und Flugzeugen fort. Das ist beängstigend. Vor allem, da wir nicht wissen, wozu um Himmels willen Stalin eine solch riesige Armee benötigt.“
      Der Geheimdienstmann stopfte seine Pfeife: „Und nun muss ich Churchill erklären, daß diese Gerüchte über etwas Seltsames, das hochmoderne Bewaffnung mit einschließt und sich inzwischen direkt unter unserer Nase verbirgt, wahr sein sollen – möglicherweise verteilt auf der ganzen Welt? Gut, wir haben endlich Beweise - einen Gefangenen und ein Fahrzeug bis Dato unbekannten Typs...“
      Dann putzte er demonstrativ seine Brille: „Und wir haben eine deutsche Lady, von der es heißt sie sei eine ehemalige Elitesoldatin der Condortruppe – obwohl, wenn ich das bemerken darf, sie mehr etwas von Marlene Dietrich hat. Es ist schön, Sie endlich einmal persönlich kennenzulernen, Miss Schwarz...“



      Elsa wurde erst rot – und dann atmete sie wieder aus. Damian mochte das – es hatte etwas an sich, das zeigen sollte, wie lästig so Manches zu sein schien. Selbst das machte Elsa mit der ihr eigenen Eleganz. Sie musterte Sir Reginald Abercrombie genau – und der fragte: „Habe ich etwas Falsches gesagt?“
      Sie lehnte sich mit ihrer Zigarettenspitze zurück und sagte: „In der Tat – der russische Geheimdienst ist sehr gut. Und die Rote Armee ist riesig. Und ja, der MI-6 hat mich bei meinen Eskapaden bisher immer diskret unterstützt – doch nun frage ich mich warum, wenn man mir offenbar nicht glaubt...“
      „Das sagte ich bereits – ja. Und weiter?“ entgegnete Abercrombie.
      „Sie und Ihre Leute fragen sich also, weshalb man in Moskau glaubt, eine so riesige Armee zu benötigen. Kann es sein, daß der so exorbitante russische Geheimdienst etwas weiß, was Sie... noch nicht wissen? Zum Beispiel, was gewisse Deutsche mit ihrem so sprichwörtlichen Organisationstalent so alles zu bewerkstelligen in der Lage sind?“ fragte die blonde Frau den Mann – und der wurde... bleich.
      „Und Sie haben nicht die Spur einer Ahnung, wie gut der Geheimdienst dieser gewissen Leute erst ist.“ fügte Elsa noch hinzu.

      Bianca und Marlo machten sich wieder landfein und freuten sich auf die nächste Etappe des Rennens. Und natürlich waren sie immer noch sehr gespannt darauf, ob und wann was als Nächstes passieren würde. Während Marlo sich immer wunderte, wie Frauen mit langen Haaren so problemlos da durchbürsten konnten – staunte Bianca über etwas Anderes. Marlo´s morgendliches Badezimmerritual – unter zu Hilfenahme von Kernseife und kalten Duschen – war nämlich regelrecht... spartanisch.
      „Ist wie mit Autos.“ kommentierte Marlo Bianca´s Verwunderung – und die fragte ungläubig nach: „Wie bitte?“
      Gerade erst in die schwarze Reithose gestiegen (weil Marlo wusste, daß Bianca das mochte), drehte sie sich zu der Amerikanerin um und paffte: „Schöne Autos benötigen Pflege – all die tollen Formen und sowas...“ deutete Marlo auf Bianca´s Taille: „...und der Lack – wenn man das vernachlässigt, sieht die Karre schnell usselig und zammelig aus.“
      „Aha?“ erwiderte Bianca belustigt und Marlo griff sich ihre große Flasche 4711: „Bei mir hingegen braucht´s nicht viel – ich bin wie ein verdammtes Aufklärungsfahrzeug – Abspritzen mit Wasser, Funktionsüberprüfung vor dem nächsten Einsatz – und aus.“
      Sie trug das 4711 auf und Bianca legte den Kopf schief: „Das ist Deine Meinung über Dich?“
      „Stimmt was nicht damit?“ fragte Marlo nach und Bianca nickte: „Du denkst, Du seist irgendwie... nicht schön?“
      „Quatsch. Ich finde mich klasse – genau richtig. Nur sehe ich keinen Sinn darin, eine Arbeitsmaschine wie mich aufzupolieren, weil ruckzuck alles wieder beim Teufel ist...“ paffte Marlo vergnügt und Bianca sah auf ihre Ablage vor dem Badezimmerspiegel: „Aber wenigstens ein schönes Parfum...“
      „Hab´ ich doch...“ hielt Marlo die Flasche 4711 hoch und Bianca fragte: „Ist das nicht für Männer?“
      „Mir doch egal – hab´ ich von Elsa. Die nimmt das auch...“ erwiderte die Französin und packte die Flasche weg. Dann meinte sie: „Ich brauch´ nicht viel – frische Klamotten und Kernseife – das riecht gut, sauber und irgendwie... erfrischend.“
      Sie machte das Fenster auf und freute sich über die kühle Morgenluft: „Schon besser!“
      „Du bist fast nackt!“ rief Bianca aus und Marlo brummelte: „Stell´ Dich nicht so an – ist ja nicht so, daß die Dinger gleich das Fensterbrett runterhängen!“
      Wider Willen fing Bianca an zu lachen und Marlo nickte: „Bei Dir wäre das´ne andere Sache – Du bist einfach zu hübsch für diese Welt, Kleine. Würdest Du das machen, würden sogar bei Blinden die Klüsen´nen halben Meter aussem Kopp rausstehen...“
      „War das gerade ein Kompliment? Von DIR?“ staunte Bianca und Marlo packte weiter ihr Gepäck zusammen: „Wie auch immer – wenn ich auf `nem Einsatz rieche wie´n siamesischer Männerpuff, wäre das unpraktisch. Nix Parfum und so´n Zeugs...“
      „Dafür riechst Du nach Zigarre und Waffenöl!“ kicherte Bianca und Marlo nickte: „Ganz genau – das bin ich. Vielleicht sollte ich das eindosen und verhökern! Aber nicht in so einer dösigen Glaspulle...“

      Im Schankraum wurde dann das leicht verspätete Frühstück serviert – und in der Tat – dank moderner Technik (und der Tatsache, daß der nächste Zeitungsverlag gerade mal 11 km entfernt liegt), konnte jeder gleich die neueste Auflage der Tageszeitung bewundern – mit Bianca´s und Marlo´s Bild auf Seite eins.
      „The Beauty and the Beast? Wollen die, daß ich da vorbeikomme und denen mal´n paar Hörnchen ziehe?“ paffte Marlo verärgert und Bianca lachte: „Du bist tatsächlich genau so klasse, wie Du bist. Ohne Dich wäre das Rennen nicht mal halb so lustig!“
      Sie besah sich eine andere Zeitung, wo auch das Bild mit ihrem Revolver drin war: „Aha – the Tomboy Gunslinger Girls from Armagh – besser so?“
      „Gut so – dachte schon, ich müsste denen erklären, wie weit es mit der Pressefreiheit her ist...“ goß Marlo sich einen Tee ein – und fand den Artikel: „Assault on Leyland Manor – Villains, Valor, Vandalism!“
      „Alles klar – langweilig scheint´s den anderen auch nicht gerade zu sein...“ paffte Marlo vergnügt, als sie das Bild sah – mit einem genervten, ihr wohlbekannten Inspector, einer großäugig die Polizisten bestaunenden Allison und einer Consuela, die strahlend in die Kamera grinste.


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