Opus Monthly

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    • Ich glaube Ihnen

      … sagte der Mann, der Aleen als Innenminister vorgestellt worden war. Er sah auch so aus, wie der Typ in den News – also musste er das ja wohl sein. Er war ein etwa 50-jähriger, ergrauter, kantig-ernst aussehender Afrikaner mit einer randlosen, flachen Brille.



      Auf dem Weg aus dem Polizeirevier ging Aleen schweigend neben der Justizministerin her. Und die schien noch nicht so ganz zu wissen, was sie von der ungewöhnlichen blonden Frau neben sich zu halten hatte. Als sie schließlich zur Limousine kamen, sagte sie: „Sie scheinen nicht gerade sehr gesprächig zu sein...“
      „Mein Vater sagt immer, man muss genau aufpassen, was man in Gegenwart von Politikern und Geschäftsleuten sagt. Und in der Hinsicht bin ich nicht sehr geschickt.“ war Aleen´s knappe Antwort. Die Frau musste grinsen: „Naja, ein kleines `Danke´ beispielsweise wäre schon nett...“
      „Mein Vater sagt auch, daß Politiker und Geschäftsleute nichts ohne Grund tun – erst recht nicht, wenn es `nett´ erscheint. Also warte ich mit `Danke´ erst mal, ob es angebracht ist...“
      Das Grinsen der Justizministerin wurde breiter: „Ein intelligenter Mann offenbar...“
      „Meine Mutter behauptet oft das Gegenteil – er ist eher erfahren...“ gab Aleen zurück, als sie sah, daß diese Frau tatsächlich einen Chauffeur hatte – der ihnen auch noch die Fondtür aufhielt. Es war eine ziemlich lange und große Lancia-Limousine, deren Fondtür irgendwie... verkehrt herum, nach hinten aufging. Noch dazu vermittelte das dunkelblaue Gefährt einen recht offiziellen und vor allem kugelsicheren Charakter. So fuhren sie los – für Aleen war dieser Wagen viel zu leise – es fuhr sich hier viel zu ruhig. Natürlich waren die meisten Straßen hier so, wie sie in Städten nun mal waren – aber das hier war fast schon lächerlich. Sie könnten genau so gut in einem Boot auf einem Teich treiben. Oder auf einem fliegenden Teppich hocken.
      „Warum tun Sie das alles?“ fragte die Politikerin und Aleen wurde aus ihren Gedanken gerissen: „Was – was meinen Sie?“
      „Sie und Ihre Freunde – warum haben Sie all das auf sich genommen?“
      Aleen sah zum Fenster raus – mitten in die Stadt und das bunte Treiben hier: „Was sehen Sie hier?“
      „Die Innenstadt. Da vorne ist eine Fußgängerzone, die zum Rathaus führt. Touristen. Warum?“ fragte die Justizministerin und Aleen entgegnete: „Das hier ist selten auf diesem Kontinent – vergleichbar mit Südafrika – oder Europa.“
      Sie lehnte sich zurück: „Wir wollen, daß es so bleibt. Hier kann man gut leben. Es ist entspannend und friedlich – aber wir müssen wachsam und bereit bleiben. Und genau das haben wir getan.“
      Die Politikerin sah Aleen skeptisch an: „Und Sie denken, wir seien nicht in der Lage, das zu tun? Sie vertrauen den Staatsorganen nicht so weit?“
      „Sie müssen sich an zu viele Regeln halten, wollen Sie vertrauenswürdig bleiben – und zumeist reagieren Sie nur, wenn schon etwas passiert ist.“ erwiderte Aleen.
      „Aber darum geht es doch – daß wir uns an gewisse Regeln halten...“ erwiderte die Justizministerin und Aleen nickte: „Ein schlauer amerikanischer Soldat sagte einmal: `Somebody has to do the dirty Jobs – so the Rest of You can live the American Dream.´ Ich denke, das sind in diesem Fall wir, auch wenn das nach Selbstjustiz klingt.“
      Die Justizministerin bekam eine Gänsehaut: „Wer... sind Sie?“
      „Ich bin als Söldnerin die Tochter von Söldnern. Der letzte Krieg als einer von vielen ist noch nicht lange vorbei – und seine Verlierer lauern nur auf Gelegenheiten. Wir leben in gottverlassenen Gegenden, in die Sie nie hinkommen, schon gar nicht unauffällig. Wir haben Kontakt zu Leuten, die Sie, wenn Sie Glück haben, niemals zu Gesicht bekommen müssen. Bevor Sie eine Erlaubnis durchkriegen für eine unvorhergesehene Maßnahme, könnten 80000 Mann unter Waffen hier auf dem Rathausplatz und im Regierungsviertel dieses Landes stehen und wir haben uns vorgenommen aufzupassen, daß das nicht passiert.“ beantwortete Aleen diese Frage auf recht beeindruckende Art und Weise. Die Justizministerin betrachtete diese Frau mit einem unbewussten leichten Kopfschütteln, als Aleen fortfuhr: „Dieses Land ist vergleichbar mit Israel – es ist umgeben von Nachbarn, die im optimalsten Falle nichts von ihm wissen wollen – noch. Wegen Bürgerkriegen und Warlords, die sich gegenseitig das Leben schwer machen. Das kann sich aber ändern – ziemlich schnell sogar. Und dann ist da noch der Super-Jackpot: Nuklearwaffen.“
      Allmählich dämmerte es der Politikerin – diese Person neben ihr war vielleicht nicht sonderlich feingeschliffen, was gediegene Umgangsformen anging – aber sie war äußerst wachsam und intelligent. Sie würde noch einige Tricks lernen müssen, aber dann wäre sie schier umwerfend. Also lächelte die Justizministerin: „Sie wissen, warum wir dieses Arsenal angelegt haben...“
      „Das ist offensichtlich – und Sie haben auch hier geradezu bilderbuchbunte Ansichten umgesetzt, die Sie von den U.S.A. grundlegend unterscheiden...“ nickte Aleen und die Politikerin lächelte – sie war gespannt darauf, wie Aleen ihr die Politik dieses Landes mit ihren eigenen ehrlichen Worten erklären würde. Und sie sollte nicht enttäuscht werden...
      „Sie zitierten vorhin Eisenhower – und der warnte auch mal davor, was passiert, wenn die Rüstungsindustrie zu viel Macht erlangt – und in den Vereinigten Staaten ist genau das passiert. Krieg bedeutet Geld – herrscht Frieden, stehen Rüstungsmagnaten dumm da. Man kann Altbewährtes aber neu verpacken und ein paar neue, blinkende Lichter dranbauen – und schon wird es gekauft. Was eigentlich sinnlos ist – denn tot ist tot. Diese Waffen werden ja keine Opfer zurücklassen die noch mehr als nur tot sind. Es gibt keine ansteigenden Wirkungsgrade beim Tod.
      Nun zu Zentralafrika: Wie auch immer Sie und der Rest der Regierung gewählt worden sind ist ein Rätsel – Sie machen den Anschein zu gut zu sein, um wahr zu sein. Ich nenne es einen Glücksfall und hoffe, daß es der Realität nah genug kommt. Sie haben das ehemalige Eigentum der MegaCons verstaatlicht, verkaufen Ihre nun eigenproduzierten Waren und investieren so in die Infratsruktur dieses Landes in einem bis Dato einmaligen Maße – so daß man auch hier von den U.S.A. reden könnte – den Utopian States of Africa. Das nenne ich wundervoll. Dann haben Sie diese Armee aufgebaut – aus eben dem Altbewährten, das andere Nationen längst aufgegeben haben, weil es neuere, glänzendere und teurere Spielzeuge gibt. Sie halten all diesen Nationen diese Dinger entgegen, um in Ruhe gelassen zu werden – denn auch alte strategische Waffen sind genau das – Strategische Waffen. Auch wenn die hier eindeutig auf beeindruckende Art und Weise modernisiert worden sind. Manches davon erscheint geradezu Akte-X-mäßig – wie die TSR-2-Bomber und die Überschalljäger vom Typ Avro Arrow. Recycling der Dritten Art sozusagen. Sie arbeiten also auch mit dem Aspekt des Geheinmisvollen, fast Gruseligen – aber in einem subtilen Maße, das nur Insidern auffallen dürfte – und die gilt es zu beschäftigen, bevor sie auf dumme Ideen kommen können. Und das sind nur die Details, die mir selber aufgefallen sind.“
      Aleen sah die Justizministerin an: „Und so, wie Sie mir nicht sagen werden, wer Ihr technologischer Zauberer ist, werde ich nie die Namen derer nennen, die mir halfen die Anschläge zu verhindern. Ich kann Ihnen aber sagen, daß ich keinerlei Ahnung habe von einem... Drohnenproblem.“
      „Also wirklich – wären Sie ein Mann, würde ich Sie heiraten wollen!“ musste die Politikerin staunend zugeben – und Aleen wurde rot: „Öhhm... das höre ich in letzter Zeit öfters...“

      Dann stand Aleen im Büro des Innenministers – nachdem die Justizministerin ihr einen hellgrauen Maßanzug spendiert hatte. Einen gutsitzenden, taillierten Hosenanzug, um genau zu sein, der Aleen hochoffiziell und stattlich erscheinen ließ – und die Verkäuferinnen in dem Laden mit hochrotem Kopf zurückließ. Und die Justizministerin stellte Aleen dem Innenminister mit einem breiten Grinsen vor: „Ich darf Ihnen Aleen McManus vorstellen – Mitarbeiterin in unserem Geheimdienst sozusagen...“
      Der Mann betrachtete die beeindruckende Erscheinung über den Rand seiner Brille hinweg und stand auf: „Geheimdienst?“
      „Wenn Sie nichts davon wissen, muss er wirklich verdammt geheim sein.“ grinste die Politikerin noch breiter. Der Mann kam um seinen Schreibtisch herum und nahm Aleen´s Hand: „Belassen wir es mal dabei. Die U.S.-Botschaft ist der festen Überzeugung, daß wir einen hocheffizienten Geheimdienst haben – und hängt uns in den Ohren mit dem Kunststück, für den Absturz diverser Drohnennetzwerke verantwortlich zu sein. Die Amerikaner trauen uns also recht ausgefallene Fähigkeiten zu. Das kann sich als hilfreich erweisen.“
      „Das ist mal Akte-X-mäßig.“ nickte die Justizministerin und der Innenminister nickte ebenfalls: „Das ist es in der Tat. Nun, Miss McManus - was wissen Sie draüber?“
      „Nichts, Sir.“ war Aleen´s simple Antwort.
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    • Ich war´s

      ...war wiederum die Antwort, die Amber ihrer neuen Freundin Aleen am Telefon gab: „Zumindest glaube ich das – es fühlt sich so an...“
      Irgendwie hat V-Dar es geschafft, die Kolonne zum halten zu bringen – damit Amber und Aleen sich verständigen können. Es schien wichtig zu sein – selbst Phat Sexy hat das begriffen: „Alter... ich krieg hier voll den Enten-Parka! Irgendwas passiert hier!“
      „Boah, Fresse jetzt, mann!“ grummelte sein Kumpel, als Amber fortfuhr: „Wie soll ich sagen...“

      Im Büro des Innenministers gingen sämtliche Bildschirme an – und Amber´s Gesicht erschien darauf: „...es ist so, als bräuchte ich nur zu denken, was ich will – und auf elektronischem Weg ist es schon passiert!“
      „Dann sollten Sie besser darauf achten, was Sie sich wünschen, Miss Wilkinson, nicht wahr?“ schlug der Innenminister perplex vor, während Kaela grinste: „Wie ich sage – mit diesem Mädchen wird’s nie langweilig, harhar...“



      Das `Haus´ war kurz vor der Vollendung. Unter Amber´s Haut waren inzwischen nur noch kleine Kolonien von normalen Zellen zu finden, die auf molekularer Ebene umdesignt wurden. Würde man es sehen können, wäre man von der Klarheit und Reinheit dieses Designs überrascht. Absolute Symmetrie und Simplizität des inneren Layouts garantierten reibungslose Funktion und störungsfreien Stoffwechsel. Das neue Gewebe war außerordentlich elastisch und das Chassis sehr beweglich ausgelegt. Das Cerebellum mit all seinen kleinen Nebenhirnen und/oder Unterstützungsprozessoren war ständig online – sobald ein Netz zur Verfügung stand. Da von einer `feindlichen Übernahme´ keine Rede sein konnte, fühlte Amber davon auch nichts... außer Hunger. Da allerdings momentan an Essen nicht zu denken war – traten die Nanoiden an verschiedenen Punkten der Wirbelsäule aus und begannen einfach, Amber´s Kleidung als Baumaterial für den Rest umzufunktionieren – mit einem fulminanten Effekt. So, wie sie dasaß – mit ihrem LapTop und dem Handy – schien sie durch die Reaktionshitze und die chemischen Prozesse anzufangen zu schwelen.
      „What the... ?“ nahm Phat Sexy ungläubig die Sonnenbrille ab und V-Dar betrachtete Amber, wie sie da neben ihm inzwischen zu rauchen anfing mit hochgezogener Braue. Und Amber selber riss die Augen auf, einer Panik nahe: „Ich glaube, ich fange irgendwie an... zu kokeln...“

      „Was?“ fragte Aleen nach – und die zwei Politiker und Aleen konnten sehen, wie Amber in einer bläulichen Flamme, kaum sichtbar, anfing zu brennen. Ungläubig starrte sie auf ihren Arm, von dem die Kleidung herunterzubrennen schien: „Was... ich will das nicht...“
      Sie sprang auf, Handy, LapTop und Anderes von ihrem Körper fallend und lief weiterhin wie ein Docht brennend über das Gras – allerdings fing dieses kein Feuer – wie auch der Beifahrersitz im Sherpa nicht brannte.Aber das war egal – das Chaos ist immer perfekt, wenn ein brennender Mensch zwischen anderen Menschen herumrennt...
      Alles rennt herum wie aufgeschreckte Hühner – bis auf einen entsetzten Ryan, der mit einer dicken Decke hinter Amber herläuft, Phat Sexy, der es einfach nicht glauben kann – und Kaela, die dies mit einem Autofeuerlöscher tut.
      V-Dar... sitzt weiterhin im Auto, als wäre nichts passiert.

      Alles, was Aleen und die Leute im Büro des Innenministers tun konnten, war... zuzusehen – und zu überlegen, wo die Übertragung überhaupt herkam. Der LapTop lag im Gras – das Handy auch – also, woher...

      Schließlich hatten Kaela und Ryan die bläulich brennende Amber erreicht und in einem wilden Knäuel von Feuerlöschdecke, Feuerlöscherpulver und wirbelnden Gliedmaßen fand das Geschehen seinen Höhepunkt – bis der Staub sich legte und Amber fluchte: „Ich krieg keine Luft von dem Mist!“
      Und als Ryan die Decke wegnahm, war er auf das Schlimmste gefasst – aber nicht auf... das. Keiner von ihnen.



      Das, was da vor ihnen im Gras lag, könnte eine meisterhafte Frauenstatue aus feinstem, weißen Marmor sein – bis auf den Umstand, daß sie sich bewegte. Und diese feinen, symmetrisch angelegten, hellgrauen Linien, die einer fremdartigen, aber dennoch organisch anmutenden Geometrie zu folgen schienen. Dann schien die Gestalt irgendwie zu flimmern – etwas transparent zu werden – bevor sie eine rosenquarzartige Färbung anzunehmen begann. Diese eigenartigen Linien allerdings blieben erhalten. Schließlich setzte sich Amber auf und öffnete die Augen – die ebenfalls unverändert waren, abgesehen davon daß ihre irritierende amethystene Färbung etwas intensiver zu sein schien. Und ihr Haar war... silberweiß.
      Schließlich stand sie auf – und sah Kaela und Ryan unsicher an: „Öhhm... ich fühle keine Schmerzen oder so...“
      „Du... bist... etwas größer als sonst...“ stammelte Ryan überwältigt und Phat Sexy nickte: „Stimmt... Aber davon abgesehen ist alles sowas von da, wo´s hingehört...“



      Kaela grinste: „Und Du bist ziemlich nackt, so nebenbei...“
      Amber entriss Ryan die Decke: „Menno! Immer wieder... Du Spanner!“
      Und Kaela meinte beruhigt: „Alles klar – was immer ihr auch passiert ist – ihr geht’s gut, soviel ist klar.“
      „Das war next-Level-gruselig, mann!“ musste Phat Sexy einfach mal in den Raum stellen und sein Kumpel nickte: „Yeah – doch das Endergebnis kann sich echt sehen lassen...“
      Schließlich kam die Samojedin mit einem Satz Kleidung zurück: „Hier... Du scheinst nun in etwa so groß wie ich zu sein – das sollte also passen...“
      Da stand Amber dann – und fragte leise: „Sagt mal... findet ihr mich irgendwie... gruselig?“
      Kaela sah sie skeptisch an und atmete aus: „Ich hab´ keine Ahnung, was mit Dir passiert ist – klar ist jedoch, daß Du... ich weiß nicht – fällt das unter `Computervirus´?“
      „Wohl eher unter `Nanoseuche´...“ mutmaßte Phat Sexy´s Kumpel und Amber wurde wieder rot: „Ihr seid alle so doof!“
      Schließlich wandte sie sich an Ryan: „Was meinst Du denn?“
      Und der sah Amber an wie das achte Weltwunder: „Du bist einfach unglaublich! Du stehst doch auf High-Tech in allen Variationen – und nun sieh Dich an – was das angeht, stellst Du sie alle in den Schatten!“
      „Das meine ich nicht! Bin ich... hässlich?“ wollte Amber wissen und Phat Sexy grinste: „Kann keiner sagen – Du hast Dich ja in diese Decke eingewickelt!“
      Schließlich hatte Amber genug – sie griff sich Ryan´s linke Hand und verzog sich mit ihm hinter den Armadillo – und nahm die Decke weg: „So – nun sag´ mir, was Du davon hältst!“
      Mit knallroten Backen sagte Ryan: „Du... legst sehr viel Wert auf meine Meinung...“
      Dennoch musterte er diese Erscheinung vor ihm – und war einfach überwältigt von der Ebenmäßigkeit und Symmetrie dieser stromlinienförmigen, eleganten Gestalt: „Also... ich denke, Du siehst immer noch aus, wie Amber Wilkinson auszusehen hätte – nur jetzt noch mehr...“
      Amber nahm Ryan´s Hand und legte sie auf ihren Bauch: „Wie ist das?“
      Sie musste innerlich zynisch grinsen – kein Wunder, daß Dr. Seltsam sich fragte, wie es war, berührt zu werden... Und Ryan staunte: „Beinahe normal – würde ich sagen, nur... sehr glatt – samtartig, fast...“
      Amber sah erleichtert aus – und Ryan meinte leise zu ihr: „Du bist immer noch Du – genau so lebhaft, neugierig und temperamentvoll. Für mich bist Du immer noch ein Mensch.“



      „Was die wohl da hinten machen?“ fragte sich Phat Sexy und Kaela lehnte sich gegen den Sherpa: „Was auch immer – es geht uns nichts an.“
      „Du nimmst das sehr gelassen hin.“ meinte V-Dar und die Samojedin zuckte mit den Schultern: „Was geschehen ist – ist geschehen. Ich habe keine Ahnung, was und wie es passiert ist – aber es scheint Amber nicht geschadet zu haben. Ich muss mir Gedanken machen um die Leute, die uns tatsächlich schaden können...“
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    • Schön hier!

      ...musste Amber zugeben. Sie fuhren weiter und kamen auf ein weites Tal, das dicht und grün von frischem Gras bewachsen war – flankiert von dichtem Urwald. Weiter vorne standen einige Wellblechhangare und kleinere Bauten – und eine alte, schmutzigweiße Beech Bonanza stand dort herum. Amber sah sich weiter um und bald tauchten einige Gestalten zwischen den Hütten auf und winkten. V-Dar meinte: „Ja – so gesehen ist es schön. Das war mal ein Feldflugplatz der U.N. Aber komm nicht auf die Idee, hinter die Büsche am Waldrand zu gucken...“
      Skeptisch sah Amber den Indianer von der Seite an und der meinte: „Im Unterholz wurden damals all die Typen entsorgt, die sie damals hier erschossen haben – dürften so etwa 9000 sein...“
      Schließlich hielt die Kolonne – und V-Dar und Kaela stiegen aus, um mit den Leuten zu reden. Amber sah ein wenig unsicher aus – solche Kleidung hatte sie noch nie getragen. Ja, das war mit Sicherheit etwas, das jemand wie Kaela tragen konnte, ohne rot zu werden. Da wäre als Erstes eine knallrote, schulterbetonte und glänzende Lederjacke – taillenkurz. Da Amber es so gewohnt war (und es wahrscheinlich auch bei dieser Jacke schon in der Vergangenheit so gemacht wurde), hatte sie die Ärmel etwas umgekrempelt. Dazu ein schwarzes, bauchfreies Top, das einen rosenquarzhellen, unglaublich ebenmäßig geformten Bauch präsentierte, der von einigen wenigen, fremdartigen... Linien durchzogen wurde. Eine von einem weißen Lochnietengürtel gehaltene fleckig-hellblaue Stretchjeans, die weiße Seitenstreifen hatte, wirkte eher wie... auflackiert – und die Beine steckten schließlich in einer gekonnten Mischung aus schwarzen Motorrad- und Stulpenstiefeln, die eine Handbreit bis über die Knie reichten. Was Amber aber erröten ließ, war die Tatsache, daß diese Klamotten wirklich sehr gut passten – und sie sich sehr gut vorstellen konnte, wie eine Person wie Kaela sie mit lässiger Eleganz präsentierte.
      Amber selber hingegen war sich nicht sicher, wie sie darin wirkte. Zweifelsohne – sie war bunt.
      Gut. Kurzentschlossen legte sie sich das neue Koppel um, in dem die Automag steckte – und hängte sich ihre `Großwildpistole´ um, stopfte sich mit all dem anderen Krams voll und nahm sich vor, mit bewährter, leicht punkiger und suizidaler Entschlossenheit zu punkten. Dazu fehlte nur noch Eines – ihre futuristische BORGHESIA-Sonnenbrille. So ausstaffiert war sie tatsächlich ein Anblick, der im Gedächtnis blieb – ein weiblicher FullBorg, wie frisch aus einem alten Baller-Actionfilm der Achtziger des letzten Jahrhunderts. Was auch den Geschmack der Kumpelz rund um Phat Sexy zu treffen schien: „Al-ter-Lachs!“
      „Jetzt echt mal – sowas wie Dich sollte es öfter geben!“
      „Was für eine Karosserie! Und dann noch der vollverglaste Vorderkopf...“
      Und plötzlich knallte eine Hand auf Amber´s Hintern – und Kaela stand hinter ihr und grinste: „Ich wusste nicht, daß ich in dem Fummel so scharf aussehe, harhar...“
      Tatsächlich – Amber war nun fast so groß wie die Samojedin – was bedeutete, daß ihre anderen Klamotten nun zu klein waren – ihre Hosen wären fast... Capri-Hosen. Dann kam Ryan und meinte: „Okay, Leute – so sieht´s aus: Weiter hinten – über dem Berg da ist der See – also, der, wo´s diese komischen Schmetterlinge geben soll – und wo StMichael und seine Bande rumhockt. Die Leute hier sagen, daß er selber in einer Bude hockt, die an eine Art `Wasserrad´ gebaut worden ist – auf der anderen Seite des Sees. Da ist ein Steilhang und ein Wasserfall, der von der Hochebene runterkommt...“
      „Weil der Typ ein 400-Kilo-Fullborg ist – und ab und zu Power braucht.“ vervollständigte Phat Sexy die Information und Ryan nickte: „So sieht´s aus. Wir sollten uns von nun an also etwas vorsichtiger bewegen – und Scouts losschicken, die sich einen Überblick verschaffen...“
      „...und da hatte ich `ne Idee...“ wies Kaela auf die Beech Bonanza.
      „Fliegt das Ding noch?“ betrachtete V-Dar die Maschine skeptisch.
      „Wenn wir nachhelfen, bestimmt...“ lächelte die Samojedin zuversichtlich. Ryan meinte dann: „Okay – wir könnten hier unser Basiscamp aufmachen: Freier Stellplatz für die Fahrzeuge, Hütten und Hallen haben wir hier auch...“
      „Und wir liegen hier hübsch im Weg, sollte StMichael sich auf den Weg nach Zentralafrika machen wollen.“ nickte Phat Sexy.
      „Klingt nach `nem Plan – okay, auf geht’s!“ meinte Kaela und ging zu den Einheimischen, um ihnen mitzuteilen, was nun als Nächstes passieren würde. Amber dachte nach: „Ist das nicht gefährlich für die Leute, wenn wir hier sind?“
      „Ach, was...“ winkte Phat Sexy ab: „Auf die wird sowieso geschossen. Man weiß inzwischen nicht mal mehr, wieso genau – aber ob man jetzt auf sie schießt, weil gerade Dienstag ist – oder weil wir hier sind... hey, die sind froh, wenn wir hier sind, denn sie können sich sicher sein: Wir schießen zurück.“
      Dann stand er so neben Amber – stutzte kurz – und sah dann zu ihr auf, weil Amber doch etwas größer war als er: „Sag mal... bist Du das?! Wie geil...“
      „Was bin ich?“ runzelte Amber die Stirn – und Phat Sexy hüpfte um sie herum: „Du riechst TOTAL wie´n neues Auto! Ist ja irre!“
      Und sein Kumpel, der mit den enormen Rastazöpfen schnupperte an ihr: „Hey – er hat recht... Strange, mann...“
      Dann fragte der Mann: „Was machst Du eigentlich, wenn Dir der Saft ausgeht? Hast Du irgendwo... was weiß ich - `ne Steckdose oder sowas?“
      Tatsächlich hatte Amber sich das auf der Fahrt hierher auch schon gefragt – und sie konnte... sich selber abfragen. Dennoch konnte sie beruhigt feststellen, daß sie auch weiterhin mit Essen und Trinken zu funktionieren schien – dank BiMetall-Stoffwechselzellen und thermoreaktiven TefloCarbon-Membranen auf molekuralem Level – was auch immer das bedeuten mag. Wie auch immer: Sie war inzwischen so weit, daß sie ein paar Tricks gelernt hatte – wie das willentliche Verstellen ihrer Stimme, was sie auch gleich vorführte – und so bei den Jungz für eine gediegene Gänsehaut sorgte...



      Und das klappte allem Anschein nach auch bei Ryan, der inzwischen zu ihnen rüberkam: „Was zum Henker... ?“
      Lachend streckte sich Amber durch und meinte: „Ich gewöhne mich langsam daran...“
      „Gut so!“ kam Kaela zu ihnen rüber und hielt Amber eine Kamera hin: „Dann kannst Du ja sicherlich auch mit mir mitkommen und ein paar schicke Schnappschüsse machen...“
      Amber sah zu dem Flugzeug rüber: „Es funktioniert?“
      „Da es großteils aus Glasfaserzeugs gebaut ist... was kann da rosten? Der Motor ist aus Aluminium, alles ist angenehm verölt... okay, er sieht etwas begrünspant aus, aber der Vogel fliegt noch lange, da bin ich sicher.“ nickte die Söldnerin zuversichtlich: „An solchen Dingern ist kaum was dran, was kaputtgehen kann – und wenn, dann tut´s auch etwas Panzertape und ein gutes Leatherman. Was meinst Du, warum hier vornehmlich solche Dinger fliegen?“
      „Okay – dann los!“ rief Amber fröhlich aus und lief zu dem Tiefdecker mit dem charakteristischen V-Leitwerk. Und Kaela ging ihr zufrieden und gemütlich hinterher.
      „Du bist ein glücklicher Mann.“ nickte Phat Sexy zu Ryan rüber und der sah ihn fragend an: „Bin ich das? Gut, daß Sie mich darauf hinweisen...“
      Phat Sexy musterte Ryan – und fragte nach: „Du... schnallst es echt nicht, was?“
      Er tippte Ryan auf die Brust: „Okay, mann – weil ich so´n nettes Kerlchen bin erkläre ich´s mal: Die Turbobraut da – die mag Dich!“
      „Aber voll, mann.“ bestätigte sein Kumpel. Ryan sah sie skeptisch an: „Ich denke, eher nicht so – sie meint, ich sei´ne Schreibtischflöte.“
      „Dann wirst Du eine sehr glückliche Flöte sein, mann. Sowas wie die da wird’s so schnell nicht noch einmal geben – gutes Baujahr, sozusagen.“ schlug Phat Sexy Ryan auf´s Kreuz, wie um ihn wachzukriegen. Dann hob er den Zeigefinger: „Also sieh zu, daß Du Dich nicht allzusehr blamierst – sonst muss Dir der alte Phat mal den Marsch blasen – und dann pfeifst Du aus dem letzten Loch.“
      „Momentan sollten wir aber eher mal hoffen, daß alles glattgeht. Nicht, daß diese Möhre da drüben vom Himmel geblasen wird...“ sah V-Dar dem startenden Sportflugzeug nach und Phat Sexy meinte: „Du hast eine unnachahmliche Art, einem mit Deinen Bad Vibes den Tag zu versauen.“
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    • Im Dunklen

      ...des Kraftwerks war es ruhig. Wassertropfen fielen von der Decke. Und das war gut. Nur das dumpfe Geräusch des Wasserfalls war zu hören – und das überlud seine akustischen Sensoren nicht. Er musste seine Sinne noch nachjustieren. Ansonsten war diese Art der Existenz gar nicht mal so übel... Keine Schmerzen, kein Hunger in dem Sinne, nichts, was einen ablenkte... Und wenn man so aussah wie er, wurde einem ganz unwillkürlich der Respekt entgegengebracht, der einem zustand.
      StMichael war ein FullBorg.
      Alles, was ihn einst ausmachte – die organische Komponente - war in einem LSC (Life-Support-Containment) untergebracht, das grob aussah wie eine undurchsichtige, überdimensionale Glühbirne. Wobei das, was seinen Kopf darstellen sollte, aussah wie eine schlechtgelaunte, beigefarbene Billardkugel von annähernd 40 cm Durchmesser. Diese war halb verborgen hinter einer Art Stehkragen aus Panzerstahl untergebracht – und das hatte einen simplen Grund: Panzerung. Eine Kugel ist eine optimale Form – besteht sie auch noch aus geeignetem Material, ist sie sehr robust. Und in dieser Kugel waren seine optischen Sensoren untergebracht – was ihn eben so schlechtgelaunt aussehen ließ. Amüsanterweise war es gerade dieses Aussehen, das StMichael am meisten erheiterte. Er war prinzipiell ein drei Meter hoher tarnfarbener Kampfroboter – der einen runden, kahlen Schädel hatte mit zwei bösartig guckenden Optiken, die durchaus als seine Augen durchgehen konnten. Ein Schreitpanzer mit einem Gesicht, das gerade zur Hälfte aus einer mächtigen Halsberge hervorsah.
      Sicher – als er noch ein Mensch war hatte er einen echten Schlag bei Frauen – er sah gut aus. Das könnte man ein wenig vermissen – wenn da nicht diese neuen Fähigkeiten wären – wie im Alleingang eine Fußgängerzone zu entvölkern und bis zur Unkenntlichkeit zu verwüsten zum Beispiel. Oder einen Schützenpanzer aufzubiegen wie eine Raviolidose. Klar unternimmt ein Söldner seine Vorhaben, um irgendwann sein Leben so richtig genießen zu können – aber was, wenn es jemanden gäbe, der es einfach genoss, ein wahrer Kriegsgott aus Metall zu sein? Er hatte sogar Montagestellen für Schulter- und Unterarmwaffen.
      Was konnte besser sein?
      Außer der Möglichkeit etwas anzustellen, das die Welt zutiefst verstören würde – wie irgendwas mit Atomwaffen? Er ist wenigstens ehrlich – man weiß genau, was man von ihm zu erwarten hat – nicht wie diese armseligen Würstchen mit ihren Religionsphantasien oder all dem anderen bigotten Quatsch von der Endzeit und dem Paradies...
      Oh, eines wüsste er...
      Es gab noch eine Frau, die ihn interessierte...
      StMichael wusste noch genau, was er damals dem BlackDoc erzählte, als er noch in diesem Aquarium steckte...
      „Ich hab´ erst später erfahren, wer das mit mir gemacht hat...“
      „Ich gehe davon aus, daß es der Pilotin egal war – Ihr Fahrzeug war ein Bodenziel wie so viele andere auch...“
      „Ich weiß das! Halten Sie mich nicht für einen Idioten! Und es ist mir egal – ich will, daß sie bezahlt!“
      „Für die Operation?“
      „Ich will Rache! Sie soll wissen, daß alles Konsequenzen hat!“
      „So wie Ihr momentaner Zustand eine Konsequenz Ihres bisherigen Lebens ist?“
      Der Arzt besah sich die Unterlagen, die StMichael´s Adjutant dagelassen hatte: „Interessante Person...“
      „Sehen Sie sich nur diese Mischung aus Eleganz und Arroganz an – ich bin mir sicher, sie weiß ganz genau, was sie mit einem Äußeren wie diesem alles anstellen kann... das ist das schönste Feindbild, das ich jemals erhalten habe...“
      „Sie vergleichen Ihr früheres Ich mit ihr?“
      „Wir hätten uns früher kennenlernen sollen – unter anderen Umständen. Wir wären wie geschaffen füreinander gewesen!“
      „Sie meinen, diese Person würde Sie sympathisch finden?“
      „Sie hat einen ihrer Vorgesetzten mit einer Aerosolbombe zum Teufel gejagt – ich bin mir sicher, hätte sie es gekonnt, hätte sie eine Wasserstoffbombe genommen! Lesen Sie die Akte – und dann sagen Sie mir, daß sie nicht ein Todesengel ist - mit dem Gebaren eines Panthers, im Körper einer Frau! Sowas finde ich unglaublich erregend!“
      „Gut. Gesetzt den Fall, Sie würden ihrer habhaft werden – was dann?“
      Da musste StMichael in der Tat drüber nachdenken... Einerseits hatte er sich vorgenommen, den Piloten, der ihn beinahe getötet hatte zu hassen und zu töten... Andererseits... wusste er damals noch nicht, wie absolut faszinierend diese Person sein würde, der er den Komplettverlust seines organischen Körpers verdankte. Wie fesselnd der Gedanke, sie in seiner Gewalt zu wissen – mit ihr machen zu können, was er wollte... Er könnte sie brechen, foltern und dann... neu aufbauen – als sein Haustier – oder seine verdrehte Geliebte... Mit etwas Nachdenken würde er bestimmt auf einige sehr anregende Ideen kommen. Da war er nun – ein paar Kilo lebender, denkender Materie, in einer Nährlösung schwimmend, nur zur Kommunikation fähig durch ein Neuralinterface, etwas Optronik und ein Sprach- und Hörmodul. Und dennoch fühlte er sich... stimuliert. Erregt. Das war faszinierend.
      „Endorphinausstoß. Es kann passieren, daß die Drüsen, die dafür verantwortlich sind, bei Fullborgs größer werden – und dem Gehirn so das Wohlgefühl geben, für das ansonsten andere Körperregionen zuständig gewesen wären.“ erklärte der BlackDoc und fügte hinzu: „Man kann süchtig danach werden – also Vorsicht.“
      „Was habe ich denn sonst noch?!“ fluchte der Glasbehälter.
      Das war, bevor man einen passenden Körper für ihn gebaut hatte – nun hatte er beinahe alles. Die Leute, die Macht – fehlte nur noch die Gelegenheit. Wobei ihm einfiel, daß er schon lange nichts mehr aus Zentralafrika gehört hatte – was machen seine Leute da eigentlich?

      Die Beech Bonanza flog ruhig durch die Wolken und näherte sich dem See von Osten – also aus der komplett entgegengesetzten Richtung. Kaela und Amber würden ihre Erkundung also sozusagen auf dem Rückflug starten. Die östliche Hochebene war überwiegend weitläufige Savanne. Schließlich fiel sie in ein Grabenbruchsystem ab, in dem zahlreiche Seen zu finden waren – wie eben jener alte Baggersee, um den es hier ging. Sie folgten dem Wasserlauf des Flusses, bis der in einem gut 80 Meter hohen Wasserfall in den See mündete – und Amber begann mit dem Filmen.
      Der Fluss beruhigte sich unten wieder und hatte eine Kiesebene vor dem See aufgeschüttet – auf der zahlreiche Zelte, Hütten und Fahrzeuge standen. Auf dem See selber lagen immer noch zwei alte Baggerschiffe vor Anker. Und man konnte sehen, daß dort auch vereinzelt Krokodile zu finden waren. Allerdings waren die Leute da unten, die aufgeregt zwischen den Gebäuden und Fahrzeugen hin- und herrannten, wesentlich interessanter – als sie begannen mit Stinger-Raketen auf die winzige, weiße Maschine zu schießen. Schließlich kam ein kantiger, grüngefleckter Riese aus dem kruden Wasserkraftwerk an der Felswand, haute einem der Raketenschützen beinahe den Kopf von den Schultern und gestikulierte wild herum. Und Amber wunderte sich noch: „Das´ ja´n richtiger Psycho – der kloppt seine eigenen Leute um!“
      „Der ist nur sauer – weil das nur Munitionsverschwendung ist. Erstaunlicherweise sind wir für Stinger zu klein, zu langsam – und vor allem zu kühl. Die treffen uns wahrscheinlich nicht...“ meinte Kaela, flog aber vorsichtshalber rasch über den Wald. Sie hatten Bestätigung – hier waren sie richtig. Warum also warten, bis die Typen anfangen mit schweren Motorkanonen auf sie zu schießen?
      „Hast Du gesehen, wie fuckin´ riesig der Typ war?!“ fragte Amber nach als die Samojedin Kurs auf ihren Stützpunkt nahm. Kaela grinste: „Ja – das ist gut für uns. So jemand passt in keinen Panzer – und weit und breit ist das alte Wasserkraftwerk der einzige Punkt, wo er regelmäßig an Energie rankommt. Was bedeutet, daß er sich da auch nicht so schnell verziehen wird. Nun brauchen wir nur noch einen Plan, wie wir´s am besten anstellen, ihnen den Hintern zu versohlen...“
      „Na, das kann ja was werden...“ stöhnte Amber, aber die Söldnerin grinste: „Nana... wir haben doch ein paar Leute mit echt großen Kanonen am Start – da lässt sich doch was machen, oder?“
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    • Wer ist das?

      ...staunte Phat Sexy, als V-Dar mit einem kleinen, schmalen Mädchen aus einem Haus zurückkam, das... wie eine magere Teenie-Streunerin aussah. Aber es sah ihm irgendwie ähnlich – was wahrscheinlich an der dunklen Haut und den langen, schwarzen Haaren lag, die fast das gesamte Gesicht verdeckten. Es hatte nur ein ehemals weißes T-Shirt an, eine hellgraue Jeans und tatsächlich hochschaftige Stiefel, die wie Springerstiefel wirkten – und somit ziemlich massiv an der fragilen Gestalt wirkten.
      „Das ist Aika Mendez aus Mexico. Die Leute hier erzählten mir von ihr – sie ist die Tochter eines der Entwicklungshelfer, die hier arbeiteten...“ gab V-Dar zurück.
      „Aha – und wo ist ihr Vater jetzt?“ fragte Ryan nach – und V-Dar wies auf den Waldrand: „Da – irgendwo.“
      „Uh – okay...“ meinte Ryan leise und Phat fragte nach: „Und was nun?“
      „Sie kennt einen guten Schleichweg nach drüben. Hat sie mir gesagt.“ erklärte V-Dar und der Afrikaner staunte: „Du kannst Spanisch?“
      „Klar. Du nicht?“ fragte V-Dar zurück. Dann sah er zu dem näherkommenden Flugzeug: „Zudem hatte ich eine Vision. Aika braucht eine Mutter – und Kaela eine Tochter.“
      „Das kann ich mir nur schwer vorstellen...“ mutmaßte Phat´s Kumpel.
      „Ich kenne Kaela recht gut. Zudem...“ wandte sich V-Dar an die zwei Afrikaner: „Wenn das Universum Dir etwas gibt – dann ist es, was Du brauchst. Nicht, was Du willst...“
      „Alter, Du bist voll strange.“ meinte Phat´s Kumpel.

      Das kleine Flugzeug landete ohne Probleme – und Amber brachte gleich die Kamera ins provisorische Hauptquartier, während Kaela sich erst mal einen Zigarillo anzündete – und gemütlich an das Flugzeug gelehnt einige Rauchringe in die Regenwaldluft blies. Und Kaela findet es heute – wenn sie daran zurückdenkt, immer noch erstaunlich... Als sie Aika das erste Mal sah, wusste die Söldnerin gleich, was es mit ihr auf sich hatte. So einen Gesichtsausdruck vergisst man nie, hat man ihn einmal gesehen – erst recht nicht, wenn man ihn selber einmal hatte. Es war gerade so, als würde die Samojedin sich selber sehen. Unschwer zu erkennen, daß Aika sich damit abgefunden hatte, daß es da kein Zuhause und keine Eltern mehr gab, zu denen sie zurückkehren konnte. Und wie Kaela selber hatte auch dieses Mädchen seinen Vorrat an Tränen für die nächsten Jahrzehnte schon verbraucht...
      Dann aber lernte Kaela was Neues.
      Ja – die Samojedin war eine Söldnerin. Im Prinzip also eine Mietkillerin, die auf militärischem Niveau arbeitet. Aber auch sie war offenbar in der Lage, so etwas wie Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln – wenn auch noch unbewusst. Zuerst war Kaela überrascht, als das kleine, schmale Etwas auf sie zugerannt kam – und die Samojedin umarmte, wie um sie nie wieder loszulassen. Und als Kaela die Umarmung sanft erwiderte, dachte sie sich: `Ja – Hawaii wäre schon `ne tolle Sache...´

      „Okay, es ist offensichtlich – Primärziel ist dieser Schrank da.“ wies Ryan auf das Bild des riesigen CyBorgs: „Ist der erst mal weg, dürfte der Großteil seines Haufens keinen Bock mehr haben. Die, die noch bleiben, haben eben Pech...“
      „Wir sollten den Riesentyp irgendwie aus seiner Wellblechbude rauslocken...“ schlug einer vor und ein anderer erwiderte: „Hat ja dieses Mal schon gereicht´n Flugzeug drüberzuschmeißen.“
      „Ich glaube, der Kerl hat irgendwie´nen Knall. Wenn wir nur genug Lärm schlagen, kommt der schon freiwillig raus.“ mutmaßte Phat Sexy. Ryan überlegte kurz – und gab zu bedenken: “Wir sollten uns nicht darauf verlassen. Haben wir was da, um die Bude wegzublasen?“
      „Alter, was denkst Du, wo Du hier bist? Natürlich haben wir da was... Raketenwerfer, mann!“ antwortete Phat Sexy´s Kumpel, von dem Ryan nun endlich den Namen wusste: Virgil. Hätte Ryan auch von selbst drauf kommen können. Also nickte er: „Okay – es ist ein simpler Plan, aber allgemeinverständlich. Wenn alles und jeder den CyBorg beharkt, wird der schon irgendwann umkippen. Dann schlage ich mal vor, daß wir´s für heute gut sein lassen – und die Geschichte morgen anrollen lassen. Und da sie nun wahrscheinlich schon vermuten, daß sich auf der anderen Seite des Berges was tut, brauchen wir Wachen für heute Nacht...“



      0300 – Kaela schob Wache bis 0600. Geplant waren Vorbereitungen über den Tag, bis man sich abends aufmachte über den Berg vorzurücken. Geplante Ankunftszeit so etwa 0400 – sie selber bemerkte, daß das eine gute Zeit war. Jeder, der einem einigermaßen normalen Tag-Nacht-Zyklus folgt, ist um diese Zeit sehr müde.
      Aika lag momentan bei Amber im Zelt – die Mestizin nannte Amber zwar immer Chica Autómata, was Kaela so gar nichts sagte – aber die zwei schienen sich auf Anhieb zu verstehen. Die Söldnerin musste zynisch grinsen: Straßenkinder und Vollwaisen unter sich sind sich selber Familie genug, so schien es.
      Kaela hatte sich peptidreaktive Kontaktlinsen eingesetzt – sozusagen Restlichtverstärker. Und schon – wurde die Nacht zum Tag. Wenn auch zu einem recht grünstichigen. Da der Dschungel aber ohnehin grün war, machte das eigentlich kaum einen Unterschied. Diese Dinger – von Cephyre Optronics – waren hurenteuer, aber jeden Cent wert. Man lebt immerhin nur einmal – und zu verrecken, nur weil man irgendwen im Dunklen nicht gesehen hat, wäre wirklich saudämlich, fand Kaela.
      Das Problem bei solchen tropischen Wäldern in der Nacht war – sie waren nicht leise. Alle möglichen Viecher geben komische Geräusche von sich, überall tropft Kondenswasser auf große Blätter, Zweige knacken und all sowas... Da sollte man wenigstens was sehen können. Und da gab es auch so Einiges – Schatten in den Baumkronen, fluoreszierende Faulholzpilze und Leuchtkäfer, diverse Schlangen – auch welche, die verdächtig nach Grubenotter aussahen, sogar eine kleine Gruppe Waldelefanten, die über die Graspiste wanderten – und erstaunlich leise im gegenüberliegenden Wald verschwanden. Tiere wissen, wie man sich nachts zu bewegen hatte – und wo sie am besten lang gingen.
      Menschen nicht.
      Ein trockenes, hohles Knacken ertönte links von der Samojedin – am Waldrand. Dem Geräusch nach war da einer auf einen großen Knochen der Typen getreten, die hier seit einiger Zeit am Waldrand rumlagen. Dem Klang nach mag es sogar ein unter dem Laub liegender Schädel gewesen sein. Und schon wieder musste Kaela hart grinsen. Auf was man so alles zu achten beginnt in ihrem Job: Leise, aber spürbare Klicklaute unter den Schuhsohlen, das Entsichern von Waffen, das Summen von Radarwarnanlagen, Diodenklicken, Veränderungen in der Landschaftstextur... alles winzige, aber wichtige Hinweise darauf, daß was nicht stimmt. Glücklich kann sich schätzen, wer das rechtzeitig lernt um daraus seinen Nutzen ziehen zu können. Menschen neigen dazu, dorthin zu gehen, wo es hell ist – also machte Kaela das Gegenteil. Sie schlich weiter in den Wald hinein. So konnte sie die Silhouetten der Vegetation gegen die helle Fläche der Graspiste sehen. Und wie da zwei Schatten waren, die sich bewegten. Zwei Kerle also – einer mit Rucksack, der andere mit irgendetwas Schallgedämpften, wie es schien.
      Die Samojedin hatte bereits eine grobe Vorstellung von deren Plan – es war essentiell, sie zu erreichen, bevor sie zu den Zelten und Hütten kamen. Sie gab den Wachen im Camp durch: „Zwei Boogies aus Osten – kein Licht. Ich wiederhole: Kein Licht. Ich regle das...“



      Die Söldnerin hatte Grund für ihre Anweisungen: Der eine sollte offenbar überall Sprengsätze verteilen und der andere auf ihn aufpassen. Wahrscheinlich waren Sniper östlich im Berghang. Die sollten loslegen, wenn es laut und hell wurde. Also hatte Kaela sich dazu entschlossen, hier im Osten des Camps im Wald zu verschwinden, genau dann, wenn alle – auch sie selber – naturgemäß am müdesten waren.
      Nun aber war sie hellwach. Und sie würde das nutzen... Kaela hatte sich das Gebiet, das sie zu patrouillieren gedachte, schon bei Tageslicht genauer angesehen. So wusste sie genau, wo sie sich wie bewegen konnte, ohne allzuviel Lärm zu machen. Da machte sich ihre Erfahrung schon mal bezahlt. Man wird nicht alt in dem Job, wenn man ein Draufgänger ist – man muss eruieren, wann und wo man sich das erlauben kann – was an sich schon eine eigene Kunst ist. Wie von selbst landete ihr .44er in der rechten Hand und das Khukrie in der linken. Viele Nahkämpfer stehen vor einem Problem, wenn ihr Gegenüber das Messer links führt. Kaela wurde schneller...
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    • Sie beobachten diese Frau?



      ...fragte Professor R. Cane die Vollsynthetin und Dr. Seltsam nickte, während sie die Satellitenaufnahmen beobachtete: „Ich stelle zudem fest, daß sich die Beziehung von Amber zu den anderen und umgekehrt nicht verändert hat – nicht negativ... das gibt Grund zur Hoffnung.“
      „Sehr schön. Was ist hier so besonders?“ fragte der Professor.
      „Diese Söldnerin – Mrs. Khan...“
      „Sie ist nicht verheiratet.“
      „Verzeihung... sie ist momentan... unerwartet risikobereit. Es befinden sich vier feindliche Soldaten in den Wäldern – und sie hat offenbar vor, sie abzufangen.“
      „Wie kommen Sie darauf?“
      „Ihre Bewegungsmuster führen sie in unmittelbare Nähe der Feindkräfte – und sie hat so etwas wie eine Kampfdroge zu sich genommen. Ihr Metabolismus läuft den ermittelbaren Werten nach zu urteilen auf geradezu irrational hohem Level. Es wäre interessant zu erfahren, was sie motiviert...“
      Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen stand Professor R. Cane vor dem riesigen Bildschirm und beobachtete das Geschehen: „Nun, da diese Leute uns zweifellos besuchen kommen, sobald es ihre Zeit zulässt – fragen Sie sie doch einfach.“



      Black Lace ist eine Kampfdroge, die in Russland `erfunden´ wurde – evolutionstechnisch erlaubt sie dem Menschen einen Schritt... zur Seite. Man hatte erkannt, daß die Grenzen des physischen Universums mit den Sinnesorganen erreicht worden sind – man kann Wärmerauschen hören, ein einzelnes Molekül kann gerochen werden und man kann ein einzelnes Photon sehen. Das hat... viereinhalb Milliarden Jahre gedauert – und der Mensch hat verlernt, darauf zu achten. Er kann es – er benötigt dazu nicht mal so ausgeprägte Sinnesorgane wie Hunde oder Katzen – er hat einen Systemunterstützungsrechner – das Gehirn. Aber seltsamerweise... hört er nicht darauf.
      Black Lace ändert das.
      Und Black Lace beschleunigt... einfach alles.
      Es ist tatsächlich wie ein Rausch. Forscher haben festgestellt, daß Naturvölker mehr darauf ansprechen, als Menschen aus Industriestaaten, möglicherweise wegen ihrem noch recht ausgeprägten Hang zum Spirituellen – und die Samojeden haben noch Schamanen. Und solche Leute bleiben auch länger in diesem Zustand, als normale Menschen... manchmal... kann es passieren, daß dieser Zustand in abgeschwächter Form permanent aufrechterhalten wird. Kaela hatte dieses Zeugs einst mitgehen lassen – für besondere Gelegenheiten. Dies war so eine. Als sie sich die Dosis in einem Atropininjektor setzte, kam es ihr vor, als wäre sie ein Motor, der Lachgas zugesetzt bekam. Das Teufelszeug brandete heiß durch ihre Blutgefäße und überlud ihre Synapsen schlagartig. Alles wurde hell, laut, alles stank geradezu nach irgendwas – und alles wurde... langsam... irgendwie... wattig.
      Die pure Lust darauf, etwas zu jagen... die stellte sich automatisch ein.
      Mit knarrenden Kiefern stellte die Samojedin zufrieden fest, daß sie die Typen tatsächlich riechen konnte. Die riechen tatsächlich so, als ob sie nicht hierher gehören würden... und Kaela bemerkte etwas Anderes – sie konnte fast... räumlich riechen. Ja – der Mensch ist immer noch ein unzivilisiertes Etwas – wenn die Gelegenheit dazu da ist. Kaela selber kam sich vor wie in einem Wartezimmer mit einem großen Fernseher, von dem aus sie die Show genießen konnte. Als wäre da eine humanoide, autark fungierende Kriegsmaschine – eine Nahkampfdrohne – und sie saß an den irgendwie nicht so recht ansprechenden Kontrollen. Als biogenetisch aufgerüstete Pilotin war sie ohnehin schon nicht die Langsamste – aber nun wurde es schon fast unheimlich.



      Der Mann mit der MP hörte ein seltsames Geräusch – und wandte sich um. Sein Kumpel sah ihn erstaunt an – und dann... verzog sich sein Gesicht. Eigentlich... verzog sich die Schädelstruktur unter der Gesichtshaut, als Kaela das Khukrie von hinten knirschend aus seiner Schädelbasis zog.
      Das Gesicht des anderen Söldners hingegen verzog sich zu einem Schrei puren Grauens, während Kaela´s Gesicht sich zu einem breiten, scharfzähnigen Grinsen verzog – sie den .44er unter sein Kinn rammte – und abdrückte. Faszinierend... Unsicherheit und Angst kann man tatsächlich riechen... Und schon war sie wieder unterwegs...

      Inzwischen waren im Camp alle wach. Und so recht wusste keiner, was Sache war. Phat Sexy redete mit den Wachen im Camp, die Kaela´s letzten Funkspruch empfangen hatten – kein Licht. Was die Sache natürlich nicht besser machte. Spätestens seit dem Schrei und dem dumpfen Schuss waren auch Amber und Aika wach. Und während die kleine Mestizin sich hinter Amber versteckte, fragte diese V-Dar, was er davon halte. Und der Indianer stand da, schien zu überlegen – und beobachtete die Wälder: „Hört ihr das?“
      Amber runzelte die Stirn: „Was denn? Ich höre nichts...“
      „Eben.“ entgegnete V-Dar: „Der Wald schweigt. Da ist was auf der Jagd. Etwas... nicht Normales.“

      Dieses langgliedrige, sehnige Etwas wuchtete sich mit absurder Geschwindigkeit durch das Dickicht und nahm die Luft um sich herum wahr – mit all den Gerüchen und Pheromonen – da war Phat Sexy, dessen fast schon pathologischer Wahn für Körperhygiene ihn riechen ließ wie frisch aus dem Badezimmer, sein Kumpel Virgil, der immer nach dem Zeugs roch, das er gerade rauchte – V-Dar, der es schaffte immer nach kühlem Waldregen zu riechen – und Amber, die tatsächlich wie ein gottverdammtes, neues Auto roch.
      Ein Leopard in einem der Bäume, der sich irgendwie bemühte nicht aufzufallen, Orchideen, Vögel, Affen... wilde Bienenstämme und zwei Gerüche, die sie nicht kannte. Und die sie nicht mochte. Es war so hell – gut für sie, Sie konnte alles so dermaßen glasklar sehen, daß sie bestimmt die molekularen Fraktale erkennen würde, wenn sie mal genauer hinsah. Und wie dreidimensional alles war! War sie vorher tatsächlich so dermaßen blind gewesen? Sahen... Eulen die Welt immer so? Farben, die sie nicht einmal benennen konnte... Sie prügelte einen dicken Ast aus ihrem Weg, der erstaunlich laut in Späne zerplatzte und sie flog geradezu zwischen den Büschen und Stämmen hindurch. Wozu leise sein? Die sollten ruhig wissen, daß sie kam. Und Kaela war inzwischen schon soweit, daß sie hechelte. Sie konnte die Geruchsmoleküle selbst auf ihrer Zunge spüren, während sie die kühle Nachtluft gierig durch ihren Rachen tief in sich hineinsog. Sie stellte fest, daß die anderen beiden ebenfalls als ein Team arbeiteten – wo der eine dem anderen notfalls Feuerschutz geben würde. Gut für die Söldnerin... Hakenschlagend stürmte sie auf die zwei Scharfschützen zu...

      Knackendes Geäst und Feuerstöße waren im Wald am Berghang zu hören – ebenso wie die gedämpften Lichter von Mündungsfeuer aufleuchteten. Unschlüssig standen die Leute im Camp herum und konnten nur mutmaßen, was sich da oben abzuspielen schien.
      „Schwarz... die Wespe ist tatsächlich schwarz...“ murmelte V-Dar. Er sah sich zu den anderen um: „Was immer auch gleich passiert – keine hastigen Bewegungen! Und packt die Waffen weg!“
      „Was ist los, Mann? Weißt Du was, das wir nicht wissen?“ fragte Virgil – und der Indianer antwortete: „Was gleich hier ankommt hat uns wahrscheinlich alle gerettet – aber eine falsche Bewegung und viele werden sterben.“

      „Interessant... das gesamte Verhalten ist... etwas unüblich. Haben wir ein DNA-Muster von dieser Person?“ fragte Professor R. Cane und Dr. Seltsam nickte: „Ich rufe es auf...“
      Der Professor setzte seine Lesebrille auf, musterte das DNA-Schema auf seinem HoloCom, entschlüsselte es in ACGT-Codes – und bekam große Augen: „Welch seltene Konfiguration! Sie ist anfällig für retrogenetische Mutationen! Möglicherweise erleben wir heute abend eine Überraschung! Ich muss schon sagen, ich bin ein wenig neidisch auf Miss Khan...“
      „Was meinen Sie?“ fragte Dr. Seltsam. Der Professor wandte sich zu ihr um: „Manche Menschen haben Telomergruppierungen in ihren Chromosomen, die es ihnen erlauben, spontane Mutationen zu durchleben – wenn sie einem gewissen Schlüsselreiz ausgesetzt werden. Und diese Kampfdroge scheint ein kompletter Schlüsselbund voller solcher Reize zu sein! Was wissen wir über diese Droge?“
      „Nicht viel, fürchte ich...“ meinte Dr. Seltsam und der Professor fing an breit zu grinsen: „Dann sollten wir uns mal besser anschnallen!“
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    • Ohne nachzudenken

      ...tat Kaela´s Körper das, was nötig war. Momentan benötigte er Unmengen an Energie. Sie selber konnte sich nicht vorstellen, wofür – aber auf dem Weg durch den Regenwald griff sie sich einige Eidechsen und Kleinsäuger, die sie sich einfach so tief in ihren Hals schob. Was sogar problemlos funktionierte, worüber sie sich momentan allerdings eher wenig wunderte...Tief in Kaela´s Unterbewusstsein bemerkte sie aber, daß das, was da in ihrem schrottpressenartigen Muskelmagen landete, nur noch wenig Zeit zum Zappeln hatte – als schließlich das Pochen in ihrem Schädel begann. Eigentlich bedauerlich, daß diese beiden Scharfschützen schon nicht mehr mitspielten – die seltsamen Schmerzen machten sie rasend. Andererseits... möglicherweise wäre die letzte Schranke dort gefallen, wo die Reste von ihnen lagen – und dieses gefräßige Etwas, das nun anstelle von Kaela diesen Körper regierte, hätte sich einfach da bedient, wo nun schon die ersten neugierigen Waldbewohner hervorlugten...

      „Black Lace ist so etwas wie der Handelsname dieser Kampfdroge – eigentlich heißt sie Metamorphin-6.“ stellte Dr. Seltsam bei ihren Netzrecherchen fest: „Es gibt schon eine Definition für Metamorphin in der westlichen Welt – in Russland ist diese aber anders besetzt – und zudem geheim.“
      „Ich vermute mal schwer, daß das `Morph´ in der russischen Variante für Umwandlung steht?“ fragte Professor R. Cane nach und Dr. Seltsam nickte: „Es begann zu der Zeit, als islamistische Extremisten im Dagestankrieg anfingen, alles Mögliche in die Luft zu sprengen – wie verschreckt man jemanden, der den Tod offenbar nicht fürchtet, fragte man sich im russischen Zentralkommando...“
      „Die Amerikaner würden es mit `Shock and Awe´ versuchen...“ mutmaßte Cane.
      „Die Russen taten dies auch – allerdings auf einem völlig neuen Level.“ nickte Dr. Seltsam und las weiter auf dem Bildschirm: „Dieses Mittel wurde an Spetsnazleute und andere Kommandoeinheiten ausgegeben – und diese begannen nach der Einnahme überaus gewalttätig und furchtlos zu werden. Sie begannen ihre Feinde im Nahkampf zu zerreißen – was eine überaus beachtliche Kraftanstrengung darstellen muss – und sie begannen andere... Dinge zu tun, was dazu beitrug, daß sich die Extremisten aus Dagestan und den anderen besetzten Gebieten zurückzogen. Allerdings soll es zu Nebenwirkungen gekommen sein – psychischer und anatomischer Art. Diese Soldaten nannte man dann оборотни – was in etwa Gestaltwechsler bedeutet.“
      „Dann sollten wir uns vielleicht noch besser anschnallen.“ meinte Cane trocken.



      Jemanden im Nahkampf zu töten ist eine überaus intime Erfahrung. Das war mit ein Grund für den Erfolg beim Einsatz dieser Droge. Mit dabei zu sein, wenn man sieht, wie das Leben aus einem Körper weicht – vor allem, wenn man weiß, daß man selber dafür verantwortlich ist – ist etwas völlig Anderes, als jemanden auf 1400 Meter Entfernung umzulegen. Und wenn man zusehen muss, wie etwas Wahnsinniges auf einen Kameraden zugerannt kommt – und diesen dann in irrsinniger Geschwindigkeit zu zerfetzen beginnt – wobei dieser noch nicht unbedingt tot sein muss – dann kann man sich gut vorstellen, daß man in abergläubischer Furcht so schnell wie irgend möglich aus dieser Gegend verschwindet.
      Kaela lag nun auch am Boden – ihr war heiß. Irgendwie... fielen ihr die Zähne aus, um Platz für neue zu schaffen, so schien es – zudem... schienen weiter hinten pochend welche hinzuzukommen...
      Sie konnte es knistern und knacken hören, als sich in der Struktur ihres Schädels etwas tat. Das Ziehen und Pochen in ihrer Muskulatur war ebenfalls nicht sehr angenehm. Ihr Körper schleuste sämtliche Nährstoffe und Hilfsbotenstoffe dorthin, wo momentan etwas zu tun war – was schwer war, denn sie war nicht unverletzt. Egal, wie schnell man ist – wenn mit vollautomatischen Waffen herumgeschossen wird, kann einen immer etwas treffen – aber das war Kaela momentan egal. Was auch immer hier gerade passierte – es war eine neue Erfahrung. Und obwohl sie nicht gerade angenehm war, genoss Kaela das seltsamerweise – war das nicht ein Beweis dafür, daß sie einfach ungeheuer lebendig war?

      Der nächtliche Regen erfüllte die Dunkelheit mit einem beruhigenden, entladenden Rauschen. Es war ein typischer Tropenregen – kraftvoll, gleichmäßig und warm. Phat Sexy und die anderen standen weiterhin da und versuchten, außer diesem Rauschen noch etwas Anderes wahrzunehmen.
      „Auftrag ausgeführt...“ meldete sich eine rauhe Stimme hinter Ryan – was ihn und die anderen zusammenzucken ließ.
      Und da stand dieses Etwas, das Kaela erstaunlich ähnlich sah... es lud einen Seesack ab, voll mit allem möglichen Zeugs, Waffen, Claymore-Minen und C4-Paketen. Es musterte die anderen aus Augen, die seltsam opalisierend aus dieser dunklen Silhouette hervorleuchteten.
      Niemand bewegte sich – weil es einfach niemand konnte. Selbst hier, im Regenwald, konnte man den heißen erregten Atem dampfen sehen, der von dieser dunklen Silhouette ausging. Ryan hingegen war direkt vor ihr – er konnte nicht nur einen seltsamen Geruch nach Rauchsalz wahrnehmen, er konnte auch winzige Details innerhalb dieses Schattens erkennen – wie dieses matte Grinsen, das... etwas breit wirkte. Beinahe wie das eines Hais. Und er merkte, wie sie ihn beobachtete – mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck. Etwas zwischen objektiver Neugier und Müdigkeit, so schien es. Sie sagte leise: „Ich denke, ich will nach Hawaii...“
      Dann fiel sie dem überraschten Ryan regelrecht entgegen – und riss ihn mit um, als sie ohnmächtig wurde.

      „...Mujer León de Montana...“ hörte Kaela schließlich wieder – irgendwer flüsterte das. Und eine erleichtert aussehende Amber blickte ihr ins Gesicht: „Na? Wieder wach?“
      „Sie machen ja Sachen! Unter Anderem mit sich selber! Was ist passiert?“ wollte Ryan wissen, der überaus besorgt aussah. Und wie hell es hier schon wieder war... Kaela lag in einer der Hallen – auf einem Feldbett, soviel war ihr klar. Sie fragte leise: „Na, wie sieht´s aus – bin ich arg lädiert?“
      V-Dar und Phat Sexy schmissen hastig diverse medizinische Utensilien hinter sich und versteckten ihre blutigen Hände hinter dem Rücken: „Och, nöö – eigentlich nicht...“
      „Kaum der Rede wert...“
      „Abgesehen von einem Wadendurchschuss links – einem Steckschuss unterhalb der rechten Schulter, einem riesigen Holzsplitter im Rücken und einem Durchschuss an der linken Flanke – und dem offensichtlichen Einfluss von etwas, das höchstwahrscheinlich so dermaßen illegal ist, daß ich es nicht mal identifizieren konnte!“ fluchte Virgil und hob den Zeigefinger: „Das war vollkommen irrsinnig, mann! Was war das? Domestos mit´nem Schuss erbgutveränderndem Reaktorwasser?“
      Kaela runzelte die Stirn: „Erbgutverändernd?“
      Wortlos hielt Virgil Kaela einen Handspiegel vor´s Gesicht – und sie musterte sich darin. Sie wirkte so wie sonst auch, fand sie – nur etwas... kantiger. Oh, Moment... ihr Mund... der gesamte Gesichtskiefer war etwas ausgeprägter, fand sie. Und ihre Augen... die hatten eine satte, intensive türkisfarbene Tönung angenommen.
      „Diese Omniflex-Kontaktlinsen von Dir habe ich rausgenommen – die sind hier.“ meinte Virgil: „Dachte zuerst, diese Farbe kommt davon – aber das liegt wahrscheinlich an dem Zeugs, das Du genommen hast... Und dann das hier...“
      Er hob das auf, das einmal Kaela´s Einsatzweste war: „Das Ding ist dermaßen blutig, daß das alles nicht von Dir sein kann. Was immer Du auch getan hast – wenn sowas dabei rauskommt, erzähl´s keinem, behalt´s für Dich.“
      Dann hob er wieder den Zeigefinger: „Und pass´ auf, daß Du Dir nicht auf die Zunge beißt. Nchdem ich festgestellt habe, daß sich Deine Kieferstruktur verändert hat, ging ich lieber auf Nummer sicher – und siehe da – ein neues Gebiss – nebst Weisheitszähnen. Und dieses Gebiss... hat´s in sich.“
      Und während Kaela zusammen mit Amber und Aika verblüfft ihr recht scharfzähniges Gebiss untersuchte - und staunten, wie weit diese Kiefer aufgingen, wunderte sich Phat Sexy: „Ich weiß nicht, was mich mehr verblüfft – daß Du soviel Ahnung von Medizin hast – oder daß Du echt mit einem Handspiegel rumflitzt! Mit einem Handspiegel?! Grundgütiger...“
      „Acht Jahre Medizinstudium in Pretoria. Und klar, mann – ich will gut aussehen – ist ja wohl logisch...“ meinte Virgil trocken und Phat Sexy musterte ihn und seine Rastazöpfe: „Du... hast ein Versuchslabor für Parasitenforscher auffem Kopf! Das widerspricht allem, was Du gerade gesagt hast!“
      „Das ist nur der Neid der Besitzlosen...“ spielte Virgil auf die Glatze seines Kumpels an – und dann ertönte ein anderer Ausruf: „AY!“
      „Aika hat sich an Kaela´s Reißzahn geschnitten!“ rief Amber aus.
      Virgil atmete genervt aus: „Ich will was rauchen, verdammt...“
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    • Die Teeniezeit

      ...stellt so manche Eltern vor nicht unerhebliche Probleme. Der hoffnungsvolle Nachwuchs rebelliert aus unerfindlichen Gründen, baut gerne leichtsinnigen Mist - und lotet dabei seine Möglichkeiten aus. Aika tat dies nicht. Sie war vierzehn Jahre alt, also eigentlich im besten Rebellenalter – aber sie war froh, daß da jemand war, der sich für sie interessierte – eine beruhigend große Mischung aus... Wachhund und Mutter – und großer Schwester.
      Die Mestizin würde also den Teufel tun von hier wegzugehen – oder irgendeinen dummen Streit vom Zaun zu brechen. Diese große, streitbare Frau mit dem für Aika fast außerirdischen Gesicht war genau das, was sie als `cool´ ansah. Die machte bestimmt keiner blöd von der Seite an. Hier war Aika sicher – und der Super-Jackpot: Irgendwie schien diese Kaela sie zu verstehen. Die Mestizin nahm sich vor, wenigstens etwas wie ihre neue Mutter zu werden, wenn sie groß war.
      Kaela´s neue anatomische Absonderlichkeiten schreckten die Mestizin nicht – im Gegenteil: Sie erinnerten sie an die Geschichten ihrer Oma – Geschichten, die von Jaguar- und Pumageistern handelten, Tolteken, Kaziken und seltsamen und gruseligen Ritualen auf riesigen, uralten Stufenpyramiden. Und von Dolchen aus Obsidian und Vulkanglas – geweiht dem schwarzen Seelenfänger Izlapalotl.
      Das sind natürlich keine Gute-Nacht-Geschichten – aber Mexiko ist ein Land, in dem der Tag der Toten gefeiert wird wie anderswo Karneval – der Dia de los Muertos. Man hat eine andere Einstellung zum Tod – man hat einen gewissen morbiden Charme kultiviert – was nicht zuletzt an den ausufernden Drogenkriegen liegt.
      Und Aika war da keine Ausnahme.
      Momentan saß sie neben Kaela´s Bett – und lag halb darauf. Die Nähe zu ihr ist beruhigend. Aika hört Kaela und diesem Mann, Ryan, zu wie sie sich unterhalten. Der Mann wirkte auf Aika völlig harmlos – eher wie ein großer Gringo-Junge. Und der war wesentlich unruhiger als Kaela. Sie war immer so gelassen – das war toll. Aika konnte sich kaum vorstellen, daß sie mal wütend rumbrüllen würde.
      „Was zum Kuckuck hat Sie zu diesem Selbstmordkommando bewogen?“ fragte Ryan schließlich nach und Kaela sah ihn lange an. Dann meinte sie langsam: „Ich war bisher größtenteils alleine unterwegs... Klar hatte ich manchmal Mitkämpfer, sowas wie Kameraden...“
      „Ja – und?“
      „Najaaa...“ wurde Kaela rot und meinte verlegen: „Aber nun habe ich Leute um mich herum, an denen mir was liegt...“
      Sie setzte sich auf und beobachtete Aika und Ryan: „Dazu... habe ich nun eine kleine, aber sehr putzige Familie. Und ich denke, Mütter tun manchmal wirklich abenteuerliche Dinge, um ihre Familie zu schützen. Ich hatte mit Scouts gerechnet – aber nicht mit einer solchen Angriffsstrategie...“
      Ryan sah Kaela stumm an.
      „Ich weiß, wie man am Boden kämpft – das war mit Teil meiner Ausbildung. Aber dennoch bin ich eigentlich Pilotin. Und als diese Typen gestern auftauchten, wusste ich, daß ich nicht viel Zeit für Erklärungen hatte...“ erklärte die Söldnerin und legte sanft ihre rechte Hand auf Aika´s Rücken. Sie sah zufrieden aus und sagte leise: „Ich wusste in etwa, was passieren würde, wenn ich mir dieses Zeugs spritze – aber es hat meine Erwartungen übertroffen, muss ich zugeben...“
      Dann sah sie an sich runter – und bemerkte ein hellblaues, sauberes Top – und ihre weiße Yoga-Hose: „Mal was Anderes – wie komme ich in diese Klamotten?“
      Ryan wurde rot.
      „Das war ich.“ grinste Amber um die Ecke. Sie kam rein und fuhr fort: „Aika stand Schmiere und ich hab´ Dich ein wenig umgekleidet – Das Top war sowieso im Eimer und Deine Hose muss da hinten irgendwo in der Ecke stehen...“
      „In der Ecke stehen... ?“ zog Kaela eine Braue hoch.
      Amber stemmte ihre Fäuste in die Hüfte und sah Kaela schief an: „Ja – echt! Die steht vor Dreck und... anderem Zeugs! Die kannze eigentlich total vergessen – außerdem hat sie zwei Löcher in einem der Hosenbeine! Und Du selber sahst auch aus wie Hulle. Also musste ich Dich erst mal fast dampfstrahlen...“
      Lachend lehnte Kaela sich wieder zurück: „Alles klar – ich hab´s begriffen!“
      „Und Sie machen so einen Mist nicht noch einmal – Sie können sich nicht alles alleine aufbürden!“ hob Ryan mahnend den Finger und die dunkelhäutige Söldnerin bestätigte: „Ist gut. Ich mache das nicht wieder – vor allem, weil ich von dem Zeugs nichts mehr habe, hähä...“

      Schließlich gingen auch Amber und Ryan aus der Halle, um Kaela etwas Ruhe zu gönnen – als Ryan im Halbdunkel etwas auffiel – er musterte Amber von der Seite mit unverhohlener Neugier – was dem quirligen Mädchen natürlich auffiel. Skeptisch sah sie ihn an: „Was?“
      Ryan meinte simpel: „Ich habe leider keinen Handspiegel wie Virgil – aber das solltest Du sehen – Deine Augen sehen ein wenig aus wie die Scheinwerfer von einem BMW...“
      In einem anderen Tonfall wiederholte Amber: „Was... ?“
      Etwas hilflos machte Ryan mit seinen Fingern kreisende Bewegungen in seinem Gesicht: „Du weißt schon... die haben so matt leuchtende Ringe...“
      „Echt jetzt?“
      „Du glaubst mir nicht?“
      „Wie... findest Du das?“ wollte Amber wissen.
      „Najaaa... Ich würde sagen, abgefahren trifft es am besten. Ihr überrascht mich immer wieder.“ gestand Ryan – und Amber flüsterte ihm ins Ohr: „Du wirst echt platt sein – ich habe einige Stellen an mir entdeckt, die so tiefseemäßig leuchten, wenn ich will. Keine Ahnung, warum... aber das ist voll spacy!“
      „Das kann man wohl sagen.“ konnte Ryan nur zustimmen – und Amber fragte plötzlich: „Soll ich ´s Dir mal zeigen?“
      Bevor der überrumpelte Amerikaner was sagen konnte – zog Amber das T-Shirt aus und präsentierte sich ihm von der Seite. Und tatsächlich – da war je eine dünne, leuchtend hellblaue Linie an ihren Flanken, die ihrem eigenen eleganten Schwung nach zu urteilen einem nicht ersichtlichen anatomischen Zweck dienen mochte. Amber meinte: „Die reichen von knapp oberhalb des Knies hier hintenrum...“ drehte sie sich mit dem Rücken zu Ryan: „...an meinen Schultern lang bis meinen Hals hinten rauf. Irre, oder? Wenn´s hell ist – leuchten sie nicht...“

      youtube.com/watch?v=RdNGHZ3JTTA&list=RDlT0OOoduHZw&index=26

      „Gibt´s was Interessantes?“ fragte Kaela und Aika sah weiterhin interessiert aus dem Fenster der Halle: „Amber zieht vor dem Gringo ihr T-Shirt aus. Ich glaube, die steht da irgendwie drauf... Hinten sind Phat Sexy und Virgil, die das beobachten – und jetzt kommt V-Dar von hinten – und zeigt demonstrativ auf sein Bowie. Und jetzt – haben die zwei anderen keine Lust mehr zu spannen...“
      Amüsiert lachte Kaela auf – die Mestizin sah zu ihr rüber: „Der Gringo ist´n bisschen doof – kann das sein?“
      „Das macht ihn so drollig.“ nickte Kaela – Aika sah wieder zum Fenster raus: „Was machst Du eigentlich so, wenn Du nicht gerade draußen rumläufst und Typen killst? Hast Du... Hobbies?“
      Kaela sah etwas überrascht aus – und dachte nach: „Najaaa... eigentlich... wenn ich nix zu tun habe – dann genieße ich das, kommt nicht oft vor...“
      „Echt? Ich baue gerne an Technikkrams rum – und ich mache Musik.“ sagte Aika und Kaela nickte anerkennend: „Respekt! Ich bin so musikalisch wie ein Toast. Was spielst Du?“
      Aika sprang auf, rannte um die Ecke – und kam mit unternehmungslustiger Mine und einem ziemlich großen E-Bass wieder: „Progressive!“



      „Und ich nehme an, Verstärker und der Rest sind Eigenbau?“ pfiff Kaela amüsiert und Aika nickte: „Aber sowas von!“
      „Harhar... ich kann´s kaum erwarten, mit euch allen nach Hawaii zu kommen...“ grinste die Samojedin.
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    • Ich bin ein Computer

      ...sozusagen!“ fluchte Amber in das VidCom, an dessen anderen Ende der Verbindung Agent Tyrone war. Der Mann hörte sehr genau zu – dieses flippige Mädchen war irgendwie... ein Problem geworden. Irgendwie ist sie offenbar zu einer Art hyperfortschrittlichen synthetischen Menschen geworden – mit einer dauerhaften augmentierten Anbindung ans Internet. Und diese Anbindung – und ihre situationsbedingte Programmierfähigkeit schien einfach legendär zu sein...
      „Also, es ist ganz einfach: Ich kann mich nicht von einem PC fernhalten – ich kann mich ja schlecht von mir selber fernhalten. Ich verspreche also, ein nettes Mädchen zu sein und keinen Murks mehr zu bauen – und ich darf wieder nach Maui, okay?“ säuselte Amber auf ihre niedlichste Art und Weise und Tyrone antwortete: „Ich werde zusehen, was ich machen kann. Zudem... möglicherweise könnten Sie uns in Zukunft bei dem einen oder anderen Problem helfen...“
      „Okay – und Parker ist unser Verbindungsmann!“ strahlte Amber. Ryan fuhr weiter den Armadillo und meinte: „Wenn das klappt, wäre das natürlich toll...“
      „Theheee... ja, das wäre lässig! Wir machen am Hookipa Point einen krassen Surferladen auf – und Kaela kann wenn sie will am nahegelegenen Sportflughafen als Fluglehrerin anfangen!“ lehnte sich Amber gemütlich zurück. Ryan meinte dann: „Wird sicherlich nicht billig, die Geschichte...“
      „Oh, kein Problem... ich bin schon kräftig am Sammeln...“ grinste Amber und Ryan zog fragend eine Braue hoch. Amber wurde rot – und erklärte: „Im Internet gibt es pro Tag unzählige Transaktionen fragwürdiger Art... wenn hier und da mal ein Cent verschwindet, was soll´s... Da wird keiner zur Polizei gehen deswegen... Ich habe festgestellt, daß da auch oft dubiose staatliche Organisationen hinlangen – also habe ich ein temporäres Unterkonto geschaffen, das sich in unregelmäßigen Abständen woanders ankoppelt. Und man müsste schon genau wissen, wonach man suchen müsste.“
      „Ich denke, den Rest will ich gar nicht wissen.“ kommentierte Ryan trocken und konzentrierte sich auf´s Fahren – und Amber grinste: „Schön! Dann brauch´ ich´s auch nicht zu erläutern!“

      Kaela saß hinten im Sherpa drin – und brütete vor sich hin. Immer wenn V-Dar durch den Rückspiegel sah, saß sie da wie eine vorgeschichtliche, nachdenkliche Steppenkriegerin – wäre da nicht Aika, die zusammengerollt und friedlich neben ihr schlief.
      Für Kaela´s Geschmack ist sie in diese Geschichte viel zu involviert – das ist neu für sie. Nie zuvor hat sie jemanden so nah an sich herangelassen. Das war... untypisch für sie. Bisher ist sie sehr gut damit gefahren, sich stets um sich selber zu kümmern... Okay, das Angebot von Tyrone, ihr den FSB vom Hals zu halten, war natürlich sehr schick – und man streitet auch nicht mit jemandem, der zeitgleich vier JSOC-Schränke in seinem Büro geparkt hat...
      Was aber war es, das Kaela so mit Amber, Ryan und den anderen verband?
      Möglicherweise die Tatsche, daß sie erfrischend normale Personen waren? Im Gegensatz zu den Typen, die Kaela meistens um sich hatte, waren sie wie... Kinder, irgendwie. Was gehörte üblicherweise zu Kaela´s unmittelbarem Bekanntenkreis? Agenten, Spione, Söldner wie sie selber, desillusionierte Soldaten und der eine oder andere angehende kleine Diktator. Und die alle waren weit davon entfernt, emotional gesehen als `normal´ durchgehen zu können...
      Von Kaela´s natürlich-egoistischem Standpunkt aus konnte sie spüren, wie es ihr gefiel, inmitten dieses bunten Haufens zu sein – weil es ihr guttat. Und nun wurde dieser Haufen in einen Konflikt hineingezogen, der eigentlich vor vier Jahren hätte enden sollen. Also musste Kaela – tatsächlich nun die `Mutter der Kompanie´ darauf achten, daß es nachher nicht allzuviel zu beklagen gab, wenn ihre `Familie´ mit den Leuten zusammentraf, die die Söldnerin eigentlich um sich hatte...
      Typen, die auf lukrative Abenteuer aus waren, Kerle, die es einfach mochten, mit dicken Knarren rumzuballern – oder welche, die hier nur waren, weil sie zu Hause Mist gebaut hatten, gestörte Persönlichkeiten, die dem Krieg etwas abgewinnen konnten, was das Zivildasein ihnen einfach nicht geben konnte. Psychopathen, die es mochten andere leiden zu sehen – und da gegebenenfalls etwas nachzuhelfen bereit waren.
      Kaela´s eigentlicher Job war längst erfüllt – sie hatten verifiziert, daß es in Zentralafrika einsatzbereite Nuklearwaffen gab. Eigentlich hätte sie sich längst wieder verdrücken können, wie sie es schon oft getan hatte... Aber sie war noch hier. Sie könnte den Gedanken nicht ertragen, daß Amber oder Ryan was zustoßen könnte, weil sie sich unvernünftigerweise einer feindlich gesonnenen Truppe entgegenstellen, der jedes Mittel recht ist, an besagte Kernwaffen zu kommen – nachdem Kaela den zweien gezeigt hatte, wie man hier zurechtkommt, betrachtete die Söldnerin sie als ihre kleine Familie – die nun noch um ein Mitglied gewachsen ist. Die Mörder von Aika´s Vater sind ebenfalls da drüben – hinter dem Berg, am See. Möglicherweise musste sich Kaela von ihrer schlimmsten Seite zeigen, um das, was ihr wichtig geworden war zu schützen...
      Das Dumme war nur...
      Seit gestern Nacht weiß sie nicht mal, wie schlimm das werden kann. Sie ist immer noch verletzt – Schmerzmittel gestatten ihr, diese Reise zu unternehmen – aber sie weiß... In den Untiefen ihres instinktgesteuerten Geistes, da lauert etwas. Etwas, das mit Freuden die Ketten der Vernunft abstreifen würde, um in einer Explosion purer Gewalt aufzublühen wie eine schwarze Orchidee, die nur aus Klingen und Stacheln besteht...
      Andererseits...
      Kaela erinnerte sich genau. Sie saß auf einer Dachterrasse. Es war ein Hochhaus neben anderen Hochhäusern am Strand – und hier oben war ein Café, in dem sie sich mit verschiedensten Tortenkreationen vergnügte. Kaela mochte Süßkrams. Wahrscheinlich, weil sie dank ihrer Profession nur selten Gelegenheit hatte, sich damit zu befassen...
      Schönes Wetter am Meer, eine leichte Brise und Torte ohne Ende. Es könnte nicht besser sein. Und es wurde auch nicht besser. Es begann mit einem dumpfen Brummen, das immer näher kam. Die Leute drehten sich um – und sahen zwei knallgrün lackierte Ospreys, die einen ebenso lackierten Blackhawk eskortierten. Gerade sind sie über die Strandpromenade geflogen, als eine der Ospreys aus unersichtlichen Gründen nach rechts ausbrach – und in eines der Strandhotels krachte. Die Erschütterung war weit zu spüren – und kurz darauf begannen Sirenen zu heulen und Explosionen waren in der Stadt zu sehen. Und während die ratlose Starre der Leute in Panik umschlug, galt Kaela´s erster Gedanke nur... ihren Freunden.
      Sie wachte auf – und lag immer noch in der Halle, in der sie verarztet worden war. Das war ein verdammt realistischer Traum.
      Und nun, hier auf dem Armadillo... erinnerte sie sich immer noch an jedes Detail. Was eigentlich unüblich ist – die meisten Träume verblassen bekanntlich schnell wieder, aber der...
      Wie dem auch sei; Kaela´s Entschluss stand fest...

      StMichael stand unruhig in seiner Halle. Von seiner Spezialtruppe noch keine Nachricht – gut konnte das nicht sein. Sogar eine schlechte Nachricht von denen wäre besser als gar keine. Er ging zu den massiven Gestellen, in denen seine Ausrüstung hing – und begann sich auszustaffieren. Er drehte sich um und stieg rückärts auf die beiden Fußrasten, die bei etwa 300 Kilogramm verifiziertem Gewicht mit der AutoStacking-Prozedur begannen. Zwei kompakte .50BMG-Motorkanonen mit gekürzten Läufen wurden auf seine Unterarmschienen geschoben und arretiert, elektronische Kontrollen mit Induktionskontakten verbunden – und zwei sechsschüssige 40mm-Granatwerfer auf Schulterlafetten montiert. Schlussendlich wurde eine Art riesiger tarnfarbener Umhang aus ballistischem Material an seiner stählernen Halsberge befestigt, der alleine schon gute 20 Kilogrmm wog. So ausstaffiert setzte er sich wieder an seine Ladestation, auf der er nun mehr denn je wie ein thronender Schlachtenkaiser Hof zu halten schien. Der CyBorg sah zu seinem Adjutanten: „Sag den Leuten, sie sollen sich bereithalten. Ich weiß, daß bald was passieren wird. Wenn einer beim Pennen erwischt wird, hau´ ich ihn persönlich in die Pfanne.“
      „Wird gemacht, Boss!“ erwiderte der Mann und sah zu, daß er dem Anliegen des Halbtonnen-Kolosses nachkam. StMichael´s massiver linker Zeigefinger klackte laut auf das Stück Metall, das als Armlehne diente. Mit der Zeit klackte er im selben Moment auf das Metall, wie die Wassertropfen von der Decke auf den nackten Steinboden fielen. Der CyBorg fand das entspannend – seine Leute allerdings erinnerte das Geräusch eher an eine uralte, riesige und beunruhigende Standuhr. Aber da er momentan ohnehin nichts tun konnte als abzuwarten... das war schwer. Warten war nicht sein Ding...
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    • Das Inferno

      ...war vollkommen. Aika war zurückgeblieben, weil Kaela nicht wollte, daß sie zu nah an das Geschehen rankam und in Gefahr geriet. Aber das war egal – das `Geschehen´ schien ihr entgegenzukommen. Eigentlich dachte sie, mitansehen zu müssen, wie ihr Vater starb, wäre schlimm gewesen, aber das hier...
      Leuchtspurmunition machte die Nacht zum Tag. Sämtliche Geräusche, die die Welt jemals erzeugt hatte, schienen hier mit einem Schlag freigesetzt worden zu sein. Der Berghang zum Seeufer runter wurde mit allem beharkt, was zu finden war. Ein Geländewagen flog dermaßen in die Luft, daß ein Teil der Hinterachse über die Bergkuppe flog und keine zwei Meter neben Aika zur Ruhe kam – das Einzige, was verhinderte, daß sich ein Waldbrand ausbreitete, waren die hier so ergiebigen Regenfälle. Die Mestizin konnte hören, wie größere und kleinere... Dinge ziemlich schnell durch die Luft flogen, Stämme streiften und durch´s Laub pfiffen. Explosionen so laut und heftig, daß die Bäume in den Druckwellen rauschten – und die Erde bebte. Aika kauerte sich hinter einem Baumriesen zusammen – und hielt sich die Ohren zu.
      Und dann...
      ...rollte ein Arm zu ihr den Abhang hinunter.



      Ryan hatte niemals so etwas erlebt – damals, als er noch ein Soldat war, gab es so etwas wie Feuerdisziplin. Selbst beim Gegner. Hier – gab es nichts außer brüllendem Chaos. Hier schienen nur psychisch Gestörte mit Feuerwaffen zu hantieren. Er sah Virgil, der hinter dem Hellcat seinen Hilfsverbandsplatz vorbereitete, während dieser kleine Panzer regelmäßig runter ins Tal feuerte. Ja, das war dumm – damit machte sich der Panzer für... irgendwas zum Ziel. Aber eine andere Deckung gab es hier nicht. Büsche und kleinere Bäume wurden ruckzuck gerupft und zerpflückt, als er realisierte, was dafür verantwortlich war – irgend jemand da unten hatte zumindest ein MetalStorm-System.
      Oh ja – sie sind ganz offenbar erwartet worden. Aber nicht nur vom Feind – hier tauchten plötzlich noch andere Männer auf. Mit wild zusammengewürfelter Ausrüstung, alten FN-FAL-Sturmgewehren und Motorradhelmen... einer hatte sogar eine knallorange Schwimmweste aus Hartschaum an. Wäre die Situation eine andere, wäre Ryan vielleicht amüsiert gewesen – aber nur Sekundenbruchteile später begriff er – auch Motorradhelme und Hartschaumschwimmwesten können einige Granatsplitter aufhalten. Und jetzt, wo der Tinnitus ein wenig nachließ und er wieder zu Sinnen kam, fiel ihm ein, daß Amber weg war. Er erinnerte sich daran, daß sie offenbar auf eine Mine trat, als sie ausstieg...

      Die wachte wieder auf, sah sich um – wurde von etwas dröhnend am Kopf getroffen und sank zurück. Um sich wieder aufzusetzen, wieder getroffen zu werden – und dann sauer zu werden: „Hey! Jetzt echt mal...“
      Dieses Mal traf so ein Ding sie auf der Höhe der Schulter. Das konnte ganz schön ziehen – sie sah sich Kaela´s knallrote Jacke an – und sah ein kleines Loch: „Was zum... ?“
      Ihr linker Stiefel sah ziemlich ramponiert aus – und sie spürte so etwas wie einen komischen Knubbel links unter dem T-Shirt. Und als sie dieses Etwas mit den Fingern unter dem Tank Top rausholte, stellte sie fest, daß es etwas gelblich-Metallisches war, das aussah wie ein ausgedrückter Zigarettenstummel. Und es dauerte etwas, bis sie begriff, daß das... ein plattgedrücktes 7.62er Projektil war: „Holy fuckin´ jumpin´ Jesus Christ!“
      Und es dauerte noch etwas, bis sie begriff, daß da noch mehr unterwegs waren – sie sirrten um sie herum, zupften hier und da an ihrer Kleidung – und prallten ab und zu an ihren Schenkeln ab: „Ja, Fistfuck! Meint ihr, das tut nicht weh – oder was jetzt?!“
      Und als sie aus diesem seltsamen flachen Erdloch rauskam und ihre akustischen LevelDamper wieder herunterfuhren, begriff sie erst, was wirklich um sie herum passierte – und bekam große Augen. Amber sprang auf, und suchte nach ihrem ganzen Zeugs – und als sie sich nach ihrem Rucksack bückte, traf sie wieder etwas – genau auf den Hintern. Worauf sie wirklich wütend wurde und sich umdrehte: „AUU! SACK ZEMENT!! Ich komm´ euch gleich da runter, verdammte Hacke!“

      Währenddessen lauerte V-Dar auf seine Chance und richtete sich mit dem 20mm Anzio ein – Phat Sexy war bei ihm, um ihm notfalls Deckung zu geben. Anfangs dachte der Indianer, daß dieser korpulente, aber hyperaktive Afrikaner mit seinem tragbaren M-134 ein wenig overdressed war – aber nachdem den Sherpa nun einige Löcher in der Kühlerhaube zieren und ihre Jungz schwer dabei waren Deckung zu suchen, musste er zugeben: Gut, daß dieser kleine Psycho hier war. Und Phat hielt sich auch nicht zurück – tatsächlich pfiff er auf Deckung, bewegte sich von Baum zu Baum – oder zu deren Resten und beharkte die Ecke, aus der dieser unheilige Kugelhagel kam. Dann geschah etwas, mit dem in diesem Abschnitt wohl keiner gerechnet hatte...
      Zuerst flog eines der großen Räder den Abhang runter – offenbar in eine bestimmte Richtung. Komplett mit Resten des Lenkgestänges, der Felge... Dann folgte eine Wagentür.
      Ziemlich zielsicher, das Ganze.
      Phat und V-Dar sahen sich ungläubig an.
      Die verbogene, aber immer noch gut erkennbare Stoßstange eines Landrovers flog vorbei – und scheuchte weiter unten irgendeinen Kerl mit Gewehr aus seiner Deckung. Und rings um ihn herum flogen großkalibrige Kugeln ins Erdreich, die ihn grotesk tanzen ließen. Schließlich bekam der Schütze einen Auspufftopf ins Kreuz, was ihn kopfüber umfallen ließ.
      Und dann kam eine leicht zerfledderte, aber ansonsten unverletzt aussehende und sichtlich aufgebrachte Amber den Abhang runter – sich nicht um all das Zeugs kümmernd, was um sie herum einschlug. Irgendetwas traf sogar eine weitere Mine neben ihr – was sie nicht im Mindesten zu kümmern schien – stattdessen zog sie erneut ihre Automag und begann auf den Kerl zu feuern, als der wieder aufstehen wollte: „Na? Macht´s Spaß? Ich hoffe doch sehr!“
      Phat Sexy und V-Dar standen mit ziemlich dummen Gesichtern da – und konnten nicht glauben, was sie da erlebten. Schließlich meine Phat: „Okay – sie riecht nicht nach Auto – sie riecht nach Panzerwagen.“

      Wie so oft hatte Kaela auch dieses Mal recht – sollte sie ein Sturmngewehr brauchen, würde sicher eines irgendwo rumliegen. Um genau zu sein waren es sogar mehrere. Sie entschied sich für ein simples AK-47. Damit hatte sie gelernt – und sie konnte sicher sein, daß es funktionieren würde. Die Samojedin nutzte gekonnt alles aus, das irgendwie Deckung versprach – über ihr pfiffen die Granaten des Hellcat ins Tal und über den See – und explodierten entweder in der Wellblechhalle – oder in der Felswand darüber, so daß Geröll in nicht unerheblichen Mengen auf das schräge Dach fiel. Als sie an den See kam, näherte sie sich dem Ufer vorsichtig durch die Büsche – ihr Plan war eine der noch vorhandenen breiten Ab- und Zuleitungen des Schwimmbaggers zu nutzen, um über den See zu kommen – sie waren etwa 120 cm breit, mit Gitterflächen belegt und hatten an einer Seite ein Geländer. Alles, was sie zu tun hatte, war sich so unauffällig wie möglich da rüber zu bewegen, während man damit beschäftigt war, sich von Ufer zu Ufer zu beharken. Wenn sie auf Wachen und diese dämlichen Krokodile achtgab, müsste es eigentlich funktionieren...
      Der Plan war simpel – rüber und diesen verdammten StMichael ausschalten. Dann müsste eigentlich Ruhe einkehren. Ausschalten – ein Witz, passend bei einem CyBorg. Die Kunst war es, das schnell genug hinzubekommen, ehe all zu viele ihrer Kameraden draufgehen würden. Daß sie nun im Dunklen einigermaßen sehen konnte, war natürlich sehr hilfreich – sie sah auch diese zwei Typen, die das MetalStorm-System bedienten... Wieviele von diesen Munitionswürfeln hatten die denn noch? Etwas, was ebenfalls nervig war – da waren schon Tote und Verwundete am anderen Ufer, die Krokodile anlockten – und wieder andere, die auf diese Viecher zu schießen begannen. Äußerst ärgerlich – Aufmerksame Leute am Ufer konnte sie nun überhaupt nicht brauchen...
      Dann begann ein dumpfes, langsames Dauerfeuer – und der Hellcat weit über Kaela wurde von Garben aus schweren Projektilen durchgeschüttelt: „WAS GEHT... hier ab?“
      StMichael kam mit qualmenden Motorkanonen aus der Halle – und er sah äußerst gereizt aus: „Mein Schaltschrank ist im Eimer. Dafür wird jemand bezahlen...“
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    • Und immer noch

      ...lag der Arm da – mit diesen verkrampften Fingern – Und Aika bekam das Bild nicht aus dem Kopf. Lebte der Mann noch? Wie fühlt es sich wohl an, an der Stelle, wo diese Hand einst war... nichts mehr zu fühlen?

      Währenddessen kamen V-Dar zum ersten mal in seinem Leben Zweifel. Das war nicht das erste Gefecht, das er erlebte – aber mit Sicherheit eines der heftigsten. Es wurde mit geradezu surrealer Intensität geführt, die ihm vor Augen führte, wie sinnlos das alles eigentlich war. Das Leben kann unglaublich unfair sein – und recht oft gewinnen die Bösen und scheinen einfach so davonzukommen...
      Die Tausende von Menschen, die in Hiroshima und Nagasaki im nuklearen Feuersturm einfach vom Erdboden verschwunden sind, waren wohl die Glücklichen – die haben höchstwahrscheinlich nicht mal was bemerkt...
      Gibt es so etwas wie Seelen überhaupt? V-Dar hat erlebt, was mit Leuten passiert, die schwere Kopfverletzungen hatten – sie waren oftmals... unvollständige Personen. Der eine konnte sich nicht mehr an bestimmte Lebensabschnitte erinnern – wieder einer konnte nicht mal mehr sprechen... Es sieht so aus, daß wenn das Hirn verletzt wird, dann erleidet auch der Geist Schäden. Was bedeutet, je mehr Schäden das Hirn erleidet, desto unkompletter ist der Geist – man braucht gar nicht so weit zu gehen – man denke nur an Alzheimer und Demenz...
      Und dann erwarten viele Religionen ernsthaft, daß man bei seinem Tod als komplette Seele irgendwo in´s Licht geht?
      Bei... festgestelltem Hirntod zum Beispiel?
      Und dann dämmerte ihm, was seine Patentlösung sein würde – weil er ohnehin nichts ändern konnte. Der Sinn des Lebens besteht darin, nicht zu sterben. Was man dann daraus macht – bleibt einem selber überlassen. Wie zum Beispiel dafür zu sorgen, daß das Böse nicht immer gewinnt.
      „...os jetzt!“
      V-Dar hörte jemanden rufen – und sah den Hang hinunter, wo Kaela auf das andere Ufer wies. Und dann sah er, worauf sie zeigte – denn das Ziel in Form dieses braungrünen Riesen war unübersehbar. Und im Gegenzug dazu war Kaela offenbar unüberhörbar...
      Der CyBorg sah Kaela.
      V-Dar sah den CyBorg.
      Der schwere Umhang fiel von StMichael´s Schultern – und seine rückenmontierten Jumpjets sprangen an. Und bevor V-Dar das Anzio auf den CyBorg hätte anlegen können – bewegte der sich über den See. Wie eine Mischung aus Schwebeflug und Sprung sah es aus, als der aggressive FullBorg sich auf die Samojedin zubewegte – und Kaela sich dachte: `Gar nicht mal so gut...“



      „Alter! Was ist los mit Dir?“ wunderte sich Phat Sexy, als V-Dar begriff, daß er seine Chance wohl verpasst hatte. Von hier oben aus würde er StMichael kaum erwischen können – der krachte gerade wie ein Fels auf das Ufer und griff sich die Söldnerin – die wie eine Puppe in seinem Griff hing: „Man sieht sich tatsächlich immer zweimal im Leben, nicht wahr?“
      Seine massive, linke Hand hatte sie am Hals gegriffen – und Kaela konnte spüren, daß ihre Schultern und ihr Kiefer nicht genug Platz für diese breite Hand boten – würde er etwas fester zudrücken, würden ihre Halswirbel wohl bald überdehnt werden...
      Währenddessen hatte der Hellcat die Metal-Storm-Batterie getroffen, die eindrucksvoll in die Luft flog – und einige der Männer begannen den Hang hinunterzustürmen – worauf sich ein erneutes Feuergefecht entwickelte. StMichael kümmerte das nicht – er betrachtete seinen Fang mit sichtlichem Interesse und surrenden Optroniken: „Na, sieh mal an – in Natura bist Du sogar noch schöner als auf dem Foto... Was mache ich nur mit Dir?“
      Er schmiss Kaela in den Kies und ein Metallfuß landete auf ihrem Rücken und trieb ihr die Luft aus den Lungen: „DAS hier ist ein Land der Großwildjäger. hm...“
      Er trat nach: „Die nehmen doch IMMER irgendwelche Trophäen – und Du bist recht groß... Soll ich Deinen HINTERN ausstopfen lassen und ihn an die WAND nageln? Willst Du ihn noch mal benutzen?“
      Dann sah er den dreckigen Verband um Kaela´s Taille, der sich links wieder rot färbte: „Upps – war ich das etwa? Wo tut´s denn weh? Hier etwa?“
      Kaela brüllte auf, als er seinen Finger in die Wunde bohrte – und jemand anderes brüllte ebenfalls auf: „HEY, MISTKERL!“

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      Eine schon etwas mehr ramponierte Amber war am Ufer angekommen – und nun war sie wirklich wütend. Das, was als Kleidungsfetzen noch vorhanden war, war... spärlich, gelinde gesagt. Und so sah StMichael eine Erscheinung, von der seine Optronik ihm meldete, daß sie artifiziell sei – obwohl er sich an eine solche Baureihe von FullBody-Replacements nicht erinnern konnte. Nicht mit einer dermaßen ausgefeilten Symmetrie.
      „Wer – oder vielmehr was – bist Du denn?“ sah StMichael mit wachsendem Interesse zu Amber hin.
      „Ich bin STINKsauer!“ schoss Amber dem CyBorg ins Fußgelenk, so daß er zurücktaumelte – und Kaela freigab. Und während Amber die riesige Pistole nachlud, sah Kaela zu, daß sie Abstand gewann – wenn auch auf allen Vieren. Amber kam näher – ihr Ballistikrechner riet ihr dazu - warum, das sollte sich bald zeigen. StMichael – sichtlich überrascht von dieser für seine Verhältnisse kleinen Seitenwaffe fing sich rasch wieder – und einer der beiden 40mm-Granatwerfer feuerte auf Amber. Das dicke Geschoss schien langsam auf sie zuzufliegen, aber immer noch zu schnell um auszuweichen – und traf sie direkt am Bauch.
      Und... prallte ab, um schlingernd in einem Bogen zurückzukommen und zwischen StMichael und Kaela im Kies zu detonieren, so daß es überall um sie herum Kies regnete. Und die Samojedin hielt es für eine gute Idee, sich rasch noch weiter zurückzuziehen: „Verdammte Kacke... !“
      Amber fing sich ebenfalls wieder und StMichael sagte anerkennend: „Robust gebaut... Du bist zu nah – die Granaten haben eine Sicherung, die sie erst ab 20 Meter scharfmacht, raffiniert...“
      „Und damit ich besser auf Dich schießen kann!“ feuerte sie erneut – und traf sein linkes Schultergelenk, so daß der Arm funkensprühend steif wurde: „Verdammt! Das... Ich denke, ich habe Dich unterschätzt!“
      Und gerade, als Amber zu grinsen anfing – schoss StMichael seine rechte Motorkanone auf sie ab und holte sie von den Beinen. Dann rannte er zu ihr hin und fing an, sie wuchtig durch die Gegend zu treten: „Verflucht – muss ich euch erst alle einzeln in den Staub trampeln, oder was?! Hartnäckig wie die Lokusfliegen...“

      Phat Sexy war wie der Hellcat damit beschäftigt, die Kerle am anderen Ufer niederzuhalten, während der Rest der Truppe um das Ufer herum vorrückte. Und Ryan war inzwischen bei V-Dar angekommen und sah das Debakel unten am Hang: „Mein Gott – der Typ ist ein Monster! Können wir gar nichts machen?“
      „Der Panzer kann nicht so weit nach unten schießen – und vor allem ist seine Zielvorrichtung für sowas nicht ausgelegt... und das Anzio ist – naja...“
      Der Indianer wies auf den Abhang, der inzischen so gut wie kahl war. Aber Ryan konnte sehen, wenn man es von hier aus feuern würde, wäre eine flache Erhebung im Weg. Bis sie eine geeignete Stelle finden würden, könnte es allerdings schon zu spät sein... Seine Zähne knirschten, als er sah, wie dieses Metallungetüm da unten wütete... dann hatte er eine Idee. Er kniete sich am Rand des Abhangs hin – und sah zu, daß er seinen Rücken auf allen Vieren gerade machte: „Leg´ es auf. Das müsste klappen – und versau´s nicht!“
      V-Dar wunderte sich: „Bist Du sicher? Ich weiß nicht...“
      „MACH´ SCHON!“ brüllte Ryan – und der Indianer kam der Bitte nach und klappte das Zeibein auf. Ryan keuchte auf, als er realisierte, was dieses Zweimeter-Ungetüm tatsächlich wog. Und V-Dar begann im Stehen nach unten zu zielen. Das ging sogar besser, als er dachte. Es dauerte etwas, bis er StMichael im Visier hatte, und wartete einen Moment ab, an dem der CyBorg verhältnismäßig still hielt...
      Und dann drückte er ab.
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    • Ich bin nicht besorgt

      ...meinte Dr. Seltsam, während sie dem Geschehen zusah, das ein Satellit in Echtzeit auf den riesigen Bildschirm brachte. Professor R. Cane beobachtete das Ganze ebenfalls und war zufrieden mit dem, was sie beide in Gemeinschaftsarbeit geschaffen hatten. Selbstverständlich könnte man einen Vollkörperersatz auch nach wesentlich weniger anspruchsvollen Vorgaben konstruieren – aber hierfür gab es einen Grund. Amber war immerhin der zweite Prototyp.
      Dann gab es ein neues Fenster – und eine Warnung erschien. Die Stirn runzelnd sah Dr. Seltsam sich das genauer an...

      01001001001011011011001001011-MINIMAL DAMAGE-SAFETY+LOCKDOWN+POSTPONED-STARTING+NANOREPAIR+PROCEDURE-YES/NO-0010010011011011011

      Amber setzte sich wieder auf – und sah den Metallhünen vor sich – mit einem ziemlichen Loch da, wo eigentlich sein `Bauch´ hätte sein sollen. Das wenige Material, was noch da war, konnte das Gewicht des Oberkörpers aber nicht mehr halten – und so sackte StMichael schlingernd erst etwas zusammen – um dann in zwei Hälften umzukippen. Und schon stand Amber wieder auf – und der Regen wusch sie wieder schnell sauber, dank der Lotus-Oberfläche ihres Körpers. StMichael´s LSU war wohl noch intakt – und der CyBorg richtete sich auf, so gut er konnte: „Was bist Du? Du bist... unverletzt?“
      Amber trat ihm gegen den Kopf und knurrte: „Von wegen – ich hab wahrscheinlich blaue Flecken OHNE ENDE!! Du saublöder Blechhaufen – und jetzt guck Dich an – Du bist SCHROTT, mann! Also verhalt´ Dich auch so!“
      Dann rannte sie rüber zu Kaela und sah nach ihr: „Was ist mit Dir – geht’s einigermaßen?“
      „Ich bin auch Schrott, glaube ich...“ lächelte Kaela gequält und kam langsam wieder auf die Beine: „Aber noch geht’s. Sieht so aus, als würde endlich Ruhe einkehren...“
      Und in der Tat – der Hellcat machte Feuerpause und die anderen Fahrzeugen waren auf dem Weg, die Piste um den See herum zu nehmen – auf das Lager von StMichael´s Leuten zu. Währenddessen kamen V-Dar und Aika den Hang hinunter. Und die Mestizin musterte Kaela: „Du siehst endsfertig aus.“
      „Oh, passt schon – nicht so fertig wie unser Freund da hinten...“ sah Kaela zu StMichael rüber und V-Dar meinte: „Wir nehmen die LSU mit – dann kann er vor Gericht gestellt werden...“
      Amber sah sich um und wunderte sich: „Wo ist Ryan eigentlich abgeblieben?“
      „Der Gringo ist bei dem Typ mit den fetten Rastalocken und lässt sich das ramponierte Kreuz auswuchten.“ erwiderte Aika – und V-Dar wurde rot.
      „Ist was?“ fragte Amber den Indianer – und Aika grinste: „Der Gringo hat V-Dar gesagt, er soll mit dieser verdammt riesigen Kanone auf seinem Rücken anlegen, weil es ansonsten keine Möglichkeit gegeben hat, den ausgeflippten Sicherungskasten da zu treffen...“
      „Öhhm... ja...“ stimmte V-Dar zu und Kaela fing an zu lachen – was ihr nicht gerade guttat: „Ich denke, ich sollte auch mal beim `Rastatypen´ vorbeigehen...“
      „Mit vorbeigehen wird’s da nicht getan sein.“ bemerkte Aika trocken.

      „Ihr treibt mich noch zum Wahnsinn, Mann.“ wetterte Virgil, als er Kaela zum zweiten Mal verarztete: „Was denkt ihr euch eigentlich? Wahrscheinlich nix... Ich bin nicht ständig da, um euch die Figur geradezuziehen...“
      Kaela saß auf einem Tisch, den die Leute irgendwie besorgt hatten – und neben ihr, auf einer Trage lag Ryan – bezeichnendereise auf dem Bauch. Kaela zog anerkennend eine Braue an: „Zwei heftige Risswunden im Rücken und eine gebrochene Rippe? Sie überraschen mich immer wieder... all das, um uns aus der Klemme zu helfen?“
      „Nicht zu vergessen: Ein angebrochener Dornfortsatz am Rückenwirbel... Ich konnte das Ding SEHEN. Der Kerl hat nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ grummelte Virgil und Ryan stützte sein Kinn auf seine Unterarme, um wenigstens etwas geradeaus sehen zu können: „Ich konnte nicht einfach dastehen und nichts tun...“
      „Nunja – und ich musste feststellen, daß es zwar Sturmgewehre en Masse gab – aber gegen den Kerl hätte sowas wahrscheinlich nicht geholfen – gegen sowas tritt man nun mal nicht alle Tage an...“ sinnierte die Samojedin. Und Amber musterte beide – und sah sie an wie jemand, der bereit wäre, eine nette kleine Standpauke vom Stapel zu lassen: „Ihr solltet euch jetzt mal sehen – meine Fresse, ihr seht aus wie die letzten Penner aus der Neuverfilmung der Mumie oder sowas!“
      „Was ist eigentlich mit Dir? Wie kommt es, daß Du so... unverletzt bist?“ drehte Ryan seinen Kopf mit Mühe zu der lebhaften, punkigen Extremsportlerin rüber – und Aika fing an zu lachen.
      „Was ist jetzt so witzig?“ wollte Amber wissen und die Mestizin grinste breit: „Irgendwie... stehst Du regelmäßig fast ohne Klamotten rum, wenn der Gringo in der Nähe ist – bin ich die Einzige, der das auffällt?“
      Amber wollte gerade etwas sagen, als ein seltsames, hohl rauschendes Geräusch ertönte. Und es... kam von oben. Irgendetwas kam mit rasender Geschwindigkeit durch die nächtlichen Regenwolken und schoss – einen Kondensstreifen hinter sich herziehend – mitten in den See, wo es für nicht unerhebliche Wellen sorgte...

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      Schließlich schlugen die Wellen hoch an das Kiesufer, brachten diverse Krokodile durcheinander – und den Schwimmbagger zum Schwanken. Gespenstisch knarrte die Metallkonstruktion vor sich hin – was Echos über den ganzen See warf... Alle standen wie vom Donner gerührt da – und sahen auf den See – in dessen Mitte es... zu blubbern begann. Und dieses Blubbern wurde stärker.
      „Was ist? Was passiert da?“ fragte Ryan nach und Virgil meinte: „Keine Ahnung, Mann – sieht aus, als wäre irgendwas krass Schnelles in den See gefallen...“
      Indes kamen bei Amber in Sekunden haufenweise Daten rein, die sie, was sie gar nicht bemerkte – auch noch auswerten konnte – und plötzlich rannte sie zum Hellcat und fragte die Männer darin: „Habt ihr eine Bordsprechanlage – sowas wie ein Mikrophon da drin?“
      „Öhhm... nö... Warum?“ sah der Bordschütze sie verblüfft an.
      „Ich hab´ hier hinten´n Megaphon...“ meinte einer der anderen.
      „HER DAMIT!“ forderte Amber bestimmt – griff sich das Gerät und rannte zum Abhang, wo sie das Megaphon anschaltete, das quietschend zum Leben erwachte: „RAUS AUS DEM TAL – SOFORT! DA STEIGT GAS AUF! DIE BERGHÄNGE RAUF! SCHNELL!“
      Das Blubbern wurde stärker – inzwischen war es vom Seeufer aus sogar zu hören. Kaela stand auf und sah über das Heck des Panzers: „Was machst Du da? Was ist denn los?“
      „Das hier ist nicht einfach ein See in einem Tal – das alles hier ist ein steinalter Vulkankrater!“ antwortete Amber gehetzt und sah wieder ins Tal – wo in dem See der Schwimmbagger inmitten des schäumenden Wassers schließlich kenterte: „Erinnert sich einer von euch an die Toten vom Nyos-See? Das war Kohlendioxid – es ist schwerer als normale Luft. Man riecht es nicht – man fällt einfach um...“
      „Scheiße, mann!“ fluchte Virgil und Phat Sexy fragte: „Sind wir hier dann überhaupt sicher?“
      Amber sah sie alle an: „Ich... weiß es nicht. Kommt darauf an, wie groß diese Blase ist... aber für uns gibt es momentan ohnehin keinen höheren Punkt als diesen hier...“
      Die ersten Krokodile liefen das Ufer hoch – man konnte hören, wie die Tiere im Wald in Panik gerieten – und endlich bewegten sich auch die Männer in die Wälder, die Hänge hinauf. Sie rannten, so schnell sie konnten. Fast der ganze See begann zu kochen. V-Dar stand ungerührt neben Amber und beobachtete die Katastrophe, als sowas wie ein Geysir in der Mitte des Sees zu explodieren schien, den Boden erzittern ließ – und Aika sich an Kaela klammerte, die sie schützend umarmte.
      „Das hat einer mit Absicht gemacht.“ war der trockene Kommentar des Indianers und Amber nickte finster: „Und ich werde rauskriegen, wer das war – und warum. Und der sollte sich dann besser verdammt warm anziehen...“

      (Falls sich jemand mal gefragt hat, wie man V-Dar ausspricht: Wiidar.)
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    • Der See



      ...war tot. Unzählige Fische trieben neben Krokodilen im Wasser – tote Krokodile lagen auch neben den Leichen des Gefechtes am Ufer... Wer wusste schon, wie es weiter landeinwärts im Wald aussah? Man konnte keinen Ton hören, kein Tier – nichts. Der Wasserspiegel des Sees war um etwa zweieinhalb Meter gefallen – aber er würde sich wieder füllen – und am anderen Ende dieses Tals wieder abfließen. Dort, wo sich momentan wahrscheinlich das Kohlendioxid in der Tiefebene verteilen musste... Das würde genau dort sein, wo Kaela und die anderen eigentlich zurückfahren wollten. Also mussten sie erst einmal... warten. Eine Woche sicherlich.
      Nach dieser Woche war der See fast wieder voll – und sie sahen sich weiter unten um. Das, was sie sahen, war erschütternd. Sogar zahllose Insekten lagen überall herum. Viele Tiere sind einfach aus den Bäumen gefallen – andere waren wohl nicht schnell genug – wie Frösche und Schildkröten zum Beispiel. Größere Kadaver begannen schon, sich in der Sonne aufzublähen – was auch auf viele der etwa 900 Toten galt, die man fand. Das Gas war weg – aber der Gestank hing betäubend in dem Tal – fast könnte man meinen, daß die Luft, oder vielmehr das Miasma des Verfalls... flimmerte. Und immer noch war kein Geräusch zu hören – außer einmal, als eines der aufgeblähten Krokodile im See einfach platzte – und sank. Das alles hier war sehr bedrückend – in all der Zeit wurde wenig gesprochen. Man brütete vor sich hin, sah zu, daß man sich um Verwundungen kümmerte, erledigte stoisch nötige Reparaturen, sah nebenbei zu, wie ein vorwitziges Löwenrudel am See ankam – und einschlief – oder wie einige neugierige Geier einfach aus dem Himmel fielen. Als sie schließlich dieses Todestal betraten, dann nur, um die Toten zu beerdigen – und um in alter Gewohnheit alles einzusammeln, was noch zu verwenden war.
      Aika blieb neben einer Leiche stehen.
      Und sah sie an.
      Offenbar war er ins rechte Bein geschossen worden – und war nicht mehr rechtzeitig weggekommen. Phat Sexy kam vorbei und betrachtete die Fratze der Verzweifelung, die gerade noch zu erkennen war: „Armer Teufel...“
      „Teufel? Ja, das schon...“ meinte Aika und ging weiter. Sie hob einen alten Revolver auf, der hier rumlag – und schoss auf die Leiche – immer wieder.
      Bis es nur noch klickte – und Phat Sexy und die anderen sie ansahen wie eine Irre.
      V-Dar´s Hand legte sich auf die Schulter von Virgil, als er zu der Mestizin hinwollte – und der Indianer schüttelte den Kopf.
      „Das war der Mörder ihres Vaters.“ meinte der Indianer leise.

      „Wo sind Sie jetzt?“ fragte Agent Tyrone.
      „Das werde ich Ihnen nicht sagen – ich habe einstimmig beschlossen, daß wir Ihnen und Ihrerm sauberen Verein keinerlei Rechenschaft mehr abzulegen haben.“ antwortete Amber. Vier Tage später waren Amber, Kaela, Ryan, V-Dar, Phat Sexy und Aika wieder unterwegs – auf den Weg nach Südafrika – in die Drakensberge. Virgil begleitete die schwerer Verwundeten und all die anderen Söldner wieder zurück nach Zentralafrika. Doch die Samojedin und ihre kleine Familie hatten noch etwas zu erledigen. Da gab es zwei Leute, die hoffentlich viele Antworten auf viele Fragen hatten. Momentan allerdings saßen sie alle an einem Lagerfeuer und verbrachten eine ruhige Nacht in der Savanne.
      „Was wollen Sie damit sagen?“ hakte Tyrone nach und Amber sah ihn kühl auf dem Monitor ihres LapTops an: „Ich habe keinen Bock darauf, wieder eine Rakete von Ihren `Wettersatelliten´ abzukriegen...“
      „Das kam nicht von uns – das kam von Langley.“ antwortete Tyrone und Amber fluchte: „Ist mir völlig Rille – das Ding sollte MICH ausknipsen! Wissen Sie, wer wegen diesem Bullshit alles verreckt ist? Parker wäre ebenfalls fast krepiert – ihr EIGENER Mann, mein Gott... Aber ich werde Ihnen jetzt mal drei Dinge sagen. Erstens: Präsident Slade hat uns durch Aleen McManus mitteilen lassen, daß Luanda eine sehr böse Überraschung erleben wird, sollte so ein Ding oder etwas Vergleichbares jemals in Zentralafrika runterkommen. Jeder weiß, daß in Luanda Ihr Südatlantik-Kampfverband im Marinehafen stationiert ist.“
      Tyrone wurde bleich – und wollte etwas sagen, als Amber fortfuhr: „Zweitens: Ich habe Ihre Satelliten gehackt. Tun Sie etwas, das mir nicht taugt – können Sie in Langley demnächst´ne Tiefgarage mit neun Etagen bauen. Klar soweit? Und wenn das noch nicht reicht: Das wird auch passieren, sollte mein Herz aufhören zu schlagen.“
      „Sie sind ja wahnsinnig!“ presste Tyrone zwischen den Zähnen heraus und Amber grummelte: „Ich bin extrem sauer – und das ist schlimmer, das können Sie mir glauben. Kommen wir zu Drittens: Wir werden DEFINITIV irgendwann auf Hawaii aufkreuzen – und NIEMAND wird uns da jemals auf den Keks gehen und wir werden auch keinen Behördenärger kriegen – ansonsten wird es unangenehm. Ich nehme doch mal schwer an, daß ich mich nicht wiederholen muss. Sonst knipse ich der Ostküste den Strom aus. Sagen wir... für zwei Wochen, okay?“
      „Sie haben keine Ahnung, mit wem...“ begann Tyrone und die aufgebrachte Extremsportlerin fiel ihm ins Wort: „Oh nein – SIE haben keine Ahnung, mit wem SIE sich anlegen – Ihre ganze Verwaltungs- und Überwachungsstruktur – auch die der NSA und all Ihre schmutzigen kleinen Geheimnisse und Hamsterkonten – all das ist elektronisch und vernetzt – und ich... BIN das Internet. Ich kann das JETZT ALLES SEHEN. JEDERZEIT. Und wenn ich etwas sehe, das ich nicht mag – dann ÄNDERE ich es. MEIN WILLE GESCHEHE – und MEIN REICH KOMME. In diesem Zeitalter der totalen Information BIN ICH IHRE VERDAMMTE GÖTTIN. Und Sie sollten mir besser nicht auf die dumme Tour kommen, sondern mich schön brav anbeten, so wie Sie bis jetzt alles Andere vergöttert haben – wie Ihre Vorgesetzten, Ihre von Sklavenhaltern verfasste Konstitution, an die Sie sich ohnehin nicht halten – und all das verfluchte Geld. Sie wollen mir drohen? Kein Problem: Willkommen im Jahr 1910. War das jetzt deutlich genug?“
      Amber klappte den Laptop lautstark zu und drehte sich demonstrativ weg: „Blöder Mongo...“
      „Und die nennst Du `Kleine Sonne?´ Was war das dann jetzt? `ne Sonneneruption?“ fragte Aika den Indianer leise – und der... fing an zu lachen.
      „Alter – die sollte man echt nicht sauermachen! Ich würde aufpassen – nachher macht die Dich zu Hause mir nix Dir nix zum illegalen Mexikaner, wenn ihr was nicht passt – und dann geht’s ab über die Mauer!“ flüsterte Phat Sexy rüber zu Ryan, worauf der anfing zu lachen und Aika grummelte: „Hey! Das ist nicht witzig!“
      „Mein lieber Herr Gesangsverein – wenn Du hoch pokerst – dann aber richtig, was?“ musste Kaela lächeln und Amber drehte sich zu ihr um: „Ach, komm... Damnfuck – ich hab´ nix zu verlieren! Diese Typen wollten mich killen!“
      „Da hast Du recht. Aber ich muss schon sagen – Du bist wirklich wagemutig.“ nickte die Samojedin anerkennend. Dann sah sie zur Bonanza, mit der sie herkamen: „Okay – wer will, kann im Flugzeug schlafen – morgen geht’s weiter. Wer übernimmt die erste Wache?“

      Am nächsten Tag überflog die betagte, schmutzigweiße Bonanza die Drakensberge. Und als sich die bunte Truppe den GPS-Koordinaten näherte, wo sich diese eigenartige, getarnte Behausung von R. Cane und Dr. Seltsam befinden musste, suchte Kaela schließlich nach einer Grasebene, wo sie landen konnten. Nach einem Marsch von etwa einer Dreiviertelstunde kamen sie zu den Bergen, auf deren Gipfeln sie die Gebäude vermuteten – und erlebten eine Überraschung. Hier, wo die Bergwälder begannen, breitete sich von Nord nach Süd eine ziemlich breite – und ziemlich ebene Piste aus. Man konnte sich gut vorstellen, daß sie unter den Bäumen von oben aus so gut wie nicht auszumachen war. Und auf dieser Piste stand... so etwas wie ein Auto. Es war auf den ersten Blick nicht zu sehen, wo da jetzt vorne oder hinten war – es sah aus wie ein metallicfarbenes dickes Smartphone – mit den verchromten Scherköpfen von Rasierapparaten als `Rädern´. Diese hatten etwa 70 cm Durchmesser – und das ganze Ding war gute sechs Meter lang. Schließlich waren sie nahe genug gekommen, daß sie auf dem Heck die Bezeichnung `Fleet Shuttle´ ausmachen konnten. Dann gingen die sehr breiten Türen auf... es waren Flügeltüren, die weit in die flache, dunkelgrün irisierende Kuppel dieses Dings hineinreichten – und sechs Schalensitze drehten sich einladend zu den Seiten raus. Und Amber erinnerte sich wieder an ihren eigenartigen Traum von damals, als Ryan sachlich feststellte: „Ich... glaube, wir werden bereits erwartet.“
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    • Es war leise

      ...in diesem Wagen. Er war hochmodern – und auf jeden Fall ein Fahrzeug, das eigentlich in urbanes Umfeld gehörte. Man konnte sich gut vorstellen, daß er vor einer modernen Villa nicht fehl am Platze wirken würde. Der Wagen fuhr zudem von selber.
      Er nahm eine Abzweigung den Berg hinauf – und fuhr Serpentinen hinauf, die so angelegt waren, daß auch Lastwagen sie nehmen konnten, ohne sich Sorgen wegen den Kurven machen zu müssen. Und so kamen sie vor eine von Moosen und Hängepflanzen bewachsene Felswand – deren nackter Teil... einfach zur Seite glitt.
      Und dahinter war eine Art Fabrikhalle.



      Sie alle sahen sich mit großen Augen um. Kisten und Container standen hier rum. Unbemannte Lastfahrzeuge stapelten sie nach einem nicht ersichtlichen Schema ein und fuhren auf in den glatten Boden eingelassenen Induktionsspuren entlang. Kleine, runde Putzmaschinen wuselten wie übergroße Asseln über den Boden, um diesen sauber zu halten. Und so kamen sie zum Halten vor einem... riesigen BattleMover. Das grundierungsgraue Ungetüm stand in einem Wartungsgestell und man konnte sich gut vorstellen, daß es Vorteile hat, einen Schreitpanzer in einer Stadt oder in gebirgigem Gelände parat zu haben – wie diesem hier. Und als die Wagentüren sich öffneten, hörten sie eine Stimme: „Ahh... da sind Sie ja! Willkommen! „Willkommen in den Laboratorien von Professor R. Cane, wo die Zukunft von morgen schon heute gemacht wird!“
      Etwas konsterniert stiegen sie aus und sahen einen dürren Mann mit grauen Haaren in einem Laborkittel, der gerade aus einer der Wartungsluken des BattleMovers rausschaute. Mühsam kletterte er dort raus: „Uhm... ich sehe schon, die Muppet Show war vor Ihrer Zeit... nun gut...“
      Schließlich richtete er sich auf dem Gestell auf und stellte sich vor: „Ich bin Professor R. Cane!“
      „Das haben wir uns gedacht...“ lächelte Ryan und stellte seine Freunde der Reihe nach vor – und R. Cane meinte: „Sie sehen erwartungsgemäß recht gesund, aber mitgenommen aus – wollen Sie sich etwas frischmachen?“



      Tatsächlich fanden sie alle sich in Apartements wieder, die einen... absolut neuen und sehr modernen Eindruck hinterließen. Der Teil dieses nicht gerade kleinen Komplexes nannte sich schlicht Ebene Neun. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad - und in jedem Apartement lag auf den großzügig dimensionierten Betten neue Kleidung parat, die zudem auch noch gespenstisch gut passte. Kaela musste unwillkürlich an die typischen James-Bond-Filme denken – und deren Superschurkenfestungen. Sie stand unter der Dusche, die tatsächlich sprachgesteuert war und sah auf ihre massive Titanuhr... Abendessen um 1800 in Ebene Zwei. Interessant. Sie war schon gespannt... Und entspannt. Sie hatten noch Zeit für ein wenig Schlaf – genau das, was sie jetzt brauchen konnte...

      „Wisst ihr, was? Diese Klamotten... sind gedruckt!“ flüsterte Amber, als sie schließlich alle im Aufzug standen.
      „Du meinst bedruckt!“ wies Phat Sexy auf sein T-Shirt und Amber schüttelte den Kopf: „Nein, nein... Gedruckt! Das ist heftig...“
      Der Aufzug fuhr ohnehin nur rauf zur Ebene Zwei. Schließlich ging die Tür auf und sie kamen in eine Art riesigen Aufenthaltsraum, der eine Deckenhöhe von etwa vier Metern hatte. Eine Seite war vom Boden bis zur Decke verglast und gab den Blick frei ins Gebirge – und die Tiefebene, wo als kleiner weißer Fleck die Bonanza am Horizont im Gras stand. Und es wurde schon dunkel – der Sonnenuntergang war wirklich atemberaubend.
      Inmitten dieses hellen, modern eingerichteten Raumes stand eine Tafel – allem Anschein nach aus einer einzigen Malachittafel geschnitten - auf der ein richtiges und opulentes Dinner vorbereitet worden war. Und daneben stand eine Person, die aussah wie Amber´s große Schwester.
      „Bitte nehmen Sie doch Platz – und herzlich willkommen.“ sagte Dr. Seltsam mit ihrer angenehmen Stimme – und Aika bekam große Augen: „Wooahh – die sieht ja aus wie Du, Amber! Nur cooler!“
      Phat Sexy fing lauhals an zu lachen, Amber bekam einen hochroten Kopf und V-Dar sah aus wie vom Donner gerührt. Soweit er das begriffen hatte, soll diese Dr. Seltsam eine Art... Roboter sein?
      Diese... Erscheinung hier sah aber ganz und gar nicht danach aus. Sie trug völlig weiße Kleidung – wie eine Art... CatSuit. Selbst ihre Schuhe – zweifellos elegante, flachsohlige Schuhe aus einer Art dünnem Stoff – waren weiß. Wie die Haut ihrer Hände und ihres Dekolletees. Nur ihr Gesicht war normal... oder so. Ihr kurzes, mondän frisiertes Haar war so eisblau wie ihre anscheinend pupillenlosen Augen – und da war noch etwas... irgendwie nicht Greifbares, das V-Dar sehen konnte. Aber er konnte es nicht beschreiben. Dann wurde er von hinten angeschoben – und von Kaela zusammen mit einem ebenso verblüfften Ryan zum Tisch manövriert: „Okay jetzt – marsch, marsch, ab zum Essen fassen. Das riecht schon alles so gut – und ich muss sagen, daß ich ein wenig Hunger habe...“
      Belustigt sah Dr. Seltsam zu, wie sich dieser bunte Haufen am Tisch breitmachte – und ohne Umschweife begann, ordentlich hinzulangen. Nach einer langen Zeit MRE-Zeugs war dies eine willkommene Abwechselung – und es war einfach großartig. Ein nicht näher definierbarer Bratenaufschnitt mit brauner Bratensauce, Kroketten und in Trüffelbutter geschwenkter Rosenkohl – etwas, das Phat Sexy und Aika so zum Beispiel gar nicht kannten – aber offensichtlich sehr genossen. Der Nachtisch sah ebenfalls sehr aufwendig aus – und schmeckte angenehm nach Vanille und Amaretto. Eigenartigerweise gab es als Getränk dazu Pfirsicheistee – noch dazu in wirklich großen Gläsern, aber das war ganz offenbar die richtige Wahl gewesen, wie Dr. Seltsam zufrieden feststellen konnte. Schließlich fragte sie: „Ich darf hoffen, daß alles zu Ihrer Zufriedenheit war?“
      Und bevor Ryan auch nur irgendwas sagen konnte, brach es aus Phat Sexy hervor: „Wie bitte?! Das war der absolut lukullische Gnadenhammer, mann! Wie Sie sehen können – ich kenne mich mit Essen aus – und das hier war so ziemlich das Krasseste, was ich mir jemals eingeworfen habe!“
      Er lehnte sich zurück und grinste breit: „Man kommt sich vor wie ein König, oder sowas! Das...“ hob er anerkennend den Daumen: „...war wirklich allererste Klasse!“
      Dr. Seltsam hob eine Braue – und fing an zu lächeln: „Ich mag Sie – Sie sind lustig! Gut – ich werde das Programm abspeichern...“
      Phat Sexy´s Augen wurden groß und er sah Ryan an: „Sie hat mich gesiezt! Oh, mann! Und sie mag mich!“
      „Sie kennt Dich ja auch noch nicht.“ grinste Ryan und Kaela runzelte die Stirn: „Ab... speichern?“
      „Aber ja.“ entgegnete die Vollsynthetin. Die unirdisch elegante Frau stand auf, kratzte dabei locker an der 195cm-Marke und machte eine um sich weisende Geste: „All das hier existiert nur für einen einzigen Zweck – und ich glaube, Sie alle würden gerne wissen, worin dieser besteht, richtig?“
      „Das stimmt.“ meinte Ryan knapp.
      „Der Zweck ist die Sicherung der Zukunft.“ erklärte Dr. Seltsam: „Dieses Dinner wurde artifiziell hergestellt. Und das wird vielleicht bald nötig sein.“
      „Kunstessen?“ staunte Aika und die Vollsynthetin lächelte sie an: „Die Zubereitung von Essen ist auch eine Kunst, nicht? Was ich zu sagen versuche ist Folgendes: Dieses Essen wurde maschinell hergestellt – alle Ingredienzien waren verschiedene simple Molekülkombinationen, denen Struktur verliehen wurde. Und diese Kombinationen werden abgespeichert – als Rezept.“
      „Sie haben etwas Großes im Sinn...“ schlussfolgerte Kaela und Dr. Seltsam nickte: „In der Tat. Etwas, das sozusagen Ihr aller Karma ist, wenn Sie so wollen. Das Größte von allen – es befindet sich... direkt da draußen.“



      Sie wies durch das Fenster nach oben – direkt in den Himmel. Und hier war die Luft so klar und rein, daß man mehr Sterne sehen konnte, als unten im Tal – oder in einer Stadt, wo die Lichtverschmutzung alles überstrahlt. Aber hier... konnten sie alle die Antwort fast schon in den zahllosen Sternen lesen. Und die Samojedin riet weiter: „Und Amber ist jetzt... tiefraumtauglich.“
      „Resistent gegen Strahlung und Schwerelosigkeit, mit einer Impaktreaktion gegen Mikrometeoriten, beidhändig, vollverlinkt mit allen elektronischen Apparaturen, in der Lage bei Tiefsttemperaturen zu hibernieren – und sie kann sehr große Fliehkräfte aushalten. Ja, Miss Amber Wilkinson ist die Erste ihrer Art – ein raumtauglicher artifizeller Mensch...“
      „Krass!“ staunten Amber und Phat Sexy gleichzeitig und Aika fragte: „Und was sind Sie?“
      „Meine Geburt fand im Internet statt – und Professor R. Cane gab mir die Möglichkeit mir einen eigenen Körper zu erschaffen – ich bin eine Vollsynthetin.“ erklärte Dr. Seltsam: „Ich bin Calin.“
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    • Das Chaos

      ...antwortete Calin auf die Frage, wie sie hätte im Internet geschaffen werden können. Und Phat Sexy brachte es mal wieder auf den Punkt, als er sagte: „Lady – Sie sind so next-Level-verschärft, daß ich Ihnen alles glaube, was Sie sagen! Auch, wenn ich keinen Plan hab´ davon!“
      Calin lächelte ihn an und lehnte sich an die Tischkante: „Ich versuche, es zu erklären. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine riesige Menge von Bausteinen – Legosteinen, meinetwegen. Wenn man die regelmäßig bewegt, wird mit genügend Zeit etwas Unvorstellbares daraus entstehen. Das kann sehr lange dauern – aber es ist unvermeidlich.
      Das Leben auf diesem Planeten hat gute dreieinhalb Milliarden Jahre gebraucht, um eine Lebensform hervorzubringen, die sich ihrer selbst bewusst ist – und die in der Lage ist, Werkzeuge zu benutzen. Das ist eine ziemlich lange Zeit und das hat sicherlich auch niemand so geplant – aber es war unvermeidlich. Eines Tages musste es soweit kommen. Nun zu mir...“



      Sie ging zu einer Wand, berührte sie – und es erschienen verschiedene Videoeinblendungen aus der Geschichte der elektronischen Datenverarbeitung, der Medizin, Biologie – und der... Filmgeschichte: „Die Menschheit träumte seit jeher von einem `Kunstmenschen´ - wenn auch aus verschiedenen Beweggründen – sei es der Golem aus Prag, oder der Dampfgolem aus den späten 1880ern, der dazu gedacht war, Kutschen zu ziehen, die Androidenfrau aus METROPOLIS... An anderer Stelle forschen die Menschen an medizinischen Problemen,begriffen, daß das Leben aus winzigkleinen Bausteinen besteht – den Zellen. Was der modernen Biologie auf die Sprünge half – und zur Biogenetik führte.“
      Mit der Zeit wurden die beinahe dokumentarisch aneinandergereihten Bildausschnitte immer weniger. Waren es zuerst noch 32, waren es bald nur noch 16 – dann acht... wie eine... Zellteilung im Rückwärtsgang. Es war geradezu hypnotisierend, dieser Präsentation beizuwohnen, als Calin weiter erläuterte: „Dann kam die Erforschung der Elementarteilchen - und die Quantenmechanik. Und seit der Erfindung der ersten Computer und Großrechner träumten Menschen von der künstlichen Intelligenz. Vom... sogenannten Elektronengehirn. Der technologische Fortschritt von einfach allem griff immer weiter ineinander, noch weiter beschleunigt durch die Einführung des Internet, womit sich Wissenschaftler und Universitäten in immer schnelleren Taktzahlen haben miteinander austauschen können – und so entstanden in der virtuellen Welt Datenfraktale, freitreibende elektronische – digitale DNA, wenn Sie so wollen – und in dieser unglaublich schnell zirkulierenden virtuellen Ursuppe aus purer Information war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Konglomerat bildete, das aus Algorhythmen, Rechenprogrammen, den Resten von Suchroutinen und all den anderen frei verfügbaren Ressourcen zuerst auf Logik basierende `Instinkte´ entwickelte – und das schließlich mit einem eigenen Bewusstsein vollends erwachte... ich war da. Und inzwischen, seien Sie versichert... bin ich nicht mehr allein.“
      Ein Bild.



      Alle waren wie gebannt.
      „Das ist das Chaos – es nutzt Gelegenheiten und mit genügend Zeit ist alles möglich. Die Menschheit aber, mit all ihrer Kreativität hat diesen Vorgang unterstützt – und nicht unerheblich beschleunigt. Sie alle... sind meine Eltern.“ schloss Calin ihre Erklärung – und verneigte sich elegant.
      „Daß wir eine neue Schöpfung eingeläutet haben, bedeutet natürlich nicht, daß wir Götter sind...“ kam R. Cane in den Raum. Er hob den Zeigefinger: „Nein, es bedeutet nur, daß wir in der Lage sind, unsere Evolution selber zu steuern – uns aufzusplitten und uns symbiotisch mit unserer Schöpfung zu verbinden. Zusammen werden wir Unglaubliches erschaffen – und tatsächlich in Dimensionen vorstoßen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist! Na? Wenn das nichts ist!“
      „Beam me up! Das ist ultra-spacy! Aber was – was ist Calin nun? Irgend´ne Plastikbraut – oder was?“ fragte Phat Sexy nach – und bekam Ryan´s Ellbogen in die Rippen: „Hey!! Was denn? Ich will das wissen!“
      „Gut, daß Sie fragen! Nein – Calin unterscheidet sich in nichts von Ihrer Kameradin, Miss Wilkinson. Außer darin, daß sie nie ein normaler Mensch war. Ansonsten ist ihre Anatomie vollkommen identisch. Sie sind aus artifizieller Biomasse – Maschinenzellen auf Basis hochmoderner, semibiologischer Materialien.“
      „Du bist also nicht magnetisch?“ fragte Aika und sah Amber an – und die meinte: „Nö, ich glaub´ nicht...“
      Calin ging neben der Mestizin in die Hocke und meinte: „Auch in Deinem Körper sind Metalle – Eisen macht Dein Blut rot – deshalb aber bist Du nicht magnetisch...“
      „Ich fand sie eines Tages im Netz – in Südostasien. Also begannen wir uns zu unterhalten. Wir trafen uns regelmäßig im Netz zwischen Japan und Korea.“ grinste R. Cane: „Wir diskutierten miteinander und Calin wurde neugierig, wie ihre Erschaffer wohl wären... Ich erzählte ihr von meiner Vision für die Zukunft – und wie weit die Menschheit von diesem Ziel noch entfernt war – und so entschloss sie sich, mir zu helfen. Und im Gegenzug gestattete ich ihr Zugriff auf meine Anlagen – und sie erschuf sich einen Körper.“
      „Sie meinen DEN Körper!“ nickte Phat Sexy andächtig und V-Dar runzelte die Stirn: „Weshalb war es Ihr Wunsch, so auszusehen wie wir?“
      „Sie sieht ja wohl Null so aus wie Du!“ erwiderte der Afrikaner und Ryan meinte: „Er meint – warum sieht sie aus wie ein Mensch?“
      „Was ist los mit euch? Wäre euch ein größenwahnsinniger Toaster lieber?“ sah Phat Sexy seine Kameraden skeptisch an, was Calin dazu brachte, etwas zu tun, womit man bei ihr wohl am wenigsten gerechnet hätte – sie begann schallend zu lachen. Professor R. Cane stand da mit seinen hinter dem Rücken verschränkten Armen und wippte auf seinen Zehenspitzen: „Nun, also... In der Tat – sie könnte eigentlich aussehen wie immer sie wollte – und ich war selber überrascht. Aber ihre Wahl ist logisch durchdacht.“
      „Mensch und Maschine ist immer noch durch einen großen Graben getrennt – was natürlich ist, da Maschinen Dinge tun, zu denen Menschen nicht in der Lage sind. Aber um die Menschen zu verstehen und mit ihnen erfolgreich zu interagieren, muss ich mich unter sie begeben – und das geht... in dieser Form am besten.“ stand Calin wieder auf und wies auf sich: „Das ist die optimale Form, um Sie alle kennenzulernen – um Sie zu begreifen. Näher kann ich Ihnen nicht kommen.“
      „Woah, Lady – Sie können mir so nahe kommen, wie Sie wollen!“ stand Phat direkt vor ihr – was in gewisser Weise lustig anzusehen war, denn Calin war ein gutes Stück größer als er. Und sie lächelte ihn an: „Sie sind wirklich sehr nett und lustig. Sie müssen aber wissen, daß dieser Körper gewisse... Nebenwirkungen auf mein Wesen hat.“
      „Die Nanozellen haben die menschliche DNA sozusagen kopiert. Neben einigen nützlichen Upgrades und den anderen Eigenschaften, die ich ihnen gab – ein Hai bekommt niemals Krebs, ein Krokodil ist immun gegen Infektionen fast aller Art und Lurche können verlorengegangene Gliedmaßen vollständig regenerieren – hat dieser Körper alle Eigenschaften eines menschlichen Körpers. In antomischer Hinsicht – was auch die Funktionen ihres Hirns angeht – ist Calin durchaus eine normale Frau.“
      „Das heißt, sie steht nicht wie Amber regelmäßig ohne Klamotten rum?“ fragte Aika nach – Kaela fing an breit zu grinsen, Amber wurde wieder knallrot – und Phat Sexy sagte schlicht: „Völlig rille – sie ist nicht eine Frau – sie ist die Cyber-Eva! Meine Fresse.... Beine bis zum Arkturus-4!“
      „Okay. Eine... andere Frage.“ kam Ryan nach vorne und fragte: „Was hat es mit der Aufrüstung Zentralafrikas auf sich?“
      „Liberté, Fraternité, Egalité.“ konterte Professor R. Cane.
      „Gewisse Industrienationen müssen zuallererst mal lernen, daß der Rest der Welt kein Supermarkt ist, wo sie sich nach Gutdünken bedienen können – das haben sie in Nahost versucht – und nun haben sie den Salat.“ erklärte er.
      Ryan war versucht, Phat Sexy´s Hand wegzuschlagen, die sich diskret um Calin´s Taille schlich, während diese fortfuhr: „Die Mächtigen dieser Welt müssen begreifen, daß in allen Ländern Menschen leben, die ein Recht auf ein gutes Leben und auf Träume haben – wie sie selber. Zur Zeit geht das aber nur dadurch, daß diese Länder eine vernünftige Regierung bekommen – und daß so ein Land in der Lage ist, sich gegen Bedrohungen zu behaupten. Diplomatie ist eines der Gebiete – im Gegensatz zur Technologie – auf denen die Menschheit weitestgehend immer noch in der Antike steckt. Religion und Rassenvorurteile – all das steht Ihnen im Weg zu einer wahren Weltgemeinschaft.“
      „SIE haben Batista Slade irgendwie zum Präsidenten gemacht...“ schlussfolgerte die Samojedin. Und R. Cane stand hinter Calin und Phat Sexy – und machte breitgrinsend ein Victory-Zeichen.
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    • Die Nachtluft war klar und kühl



      ...oben auf dem Berg. V-Dar saß ruhig da – und sah auf die Steppe hinaus. Er musste nachdenken. Kurze Zeit später bemerkte er Pfeifenrauch und drehte sich um. Gute zwei Meter von ihm stand Professor R. Cane und streckte sich durch: „Interessanter Abend, nicht wahr? Was für eine Aussicht! So wie hier muss es auf dem Mars ausgesehen haben, als er noch eine Atmosphäre und flüssiges Wasser hatte...“
      „Sind Sie religiös?“ fragte V-Dar. Der Wissenschaftler sah ihn an: „Um Gottes willen – nein, natürlich nicht!“
      Er kam zu dem Indianer hin und sah mit ihm auf die Ebene: „Ich kenne Ihre Religion nicht, aber ich denke, Ihre Art von Glaube kommt dem, was möglich – wahrscheinlich – ist, noch am nächsten. Taoismus und Shintoismus – ist nah dran. Buddhismus ist eine Philosophie – Jainismus im übrigen auch. Der Rest ist Unsinn.“
      „Wieso sagen Sie das?“ fragte der Indianer nach und R. Cane antwortete: „Ich weigere mich, an einen Gott zu glauben – nur aufgrund von sehr spärlichen bis nicht vorhandenen Beweisen für seine Existenz.“
      „Sie sind also ein Atheist...“
      „Das sind Sie auch – in gewisser Weise. Glauben Sie an Thor? Shekhmet – oder Venus? Ich denke nicht... Ein schlauer Mann hat einmal gesagt, daß die Menschheit mit jeder Religion, und jeder Gottheit, die sie hinter sich lässt, der Wahrheit einen Schritt näher kommt. Als Atheist – oder Anti-Theist geht man nur konseuent einen Schritt weiter. Es gibt einen riesigen Friedhof toter Götter – und der nennt sich Mythologie.“ konterte der Wissenschaftler.
      „Manchen Leuten spendet ihre Religion Trost...“ gab der Indianer zu bedenken und R. Cane erwiderte: „Und anderen den Tod. Das sehen wir ja nun schon seit Jahren. Unsere drei Hauptreligionen sind Unsinn – passen Sie auf – beginnen wir mit der ältesten: Da ist ein Gott, der ein komplettes Universum erschafft – 13,8 Milliarden Jahre ist es her. Sonnen explodieren, schwarze Löcher verschlingen ganze Sonnensysteme, Gammablitze fegen Welten kahl, Pulsare bombardieren nahegelegene Sternsysteme mit harter Strahlung... vor 5 Milliarden Jahren klumpen sich Gaswolken und Staub zusammen und unsere Sonne ist geboren – und unser Sonnensystem. Ein marsgroßer Planetoid krachte auf die Ur-Erde – und so entstand unser Mond. Vor gut dreieinhalb Milliarden Jahren tauchten die ersten Einzeller auf. Das Leben entwickelte sich – und wurde wieder und wieder auf katastrophale Art und Weise zurechtgestutzt. Ein Gammablitz im späten Kambrium, ein riesiger Vulkanausbruch im Perm, ein Asteroid im Kreidezeitalter... Über 90% aller Arten, die jemals existierten - sind ausgestorben. Dann, nach 65 Millionen Jahren tauchten die ersten Menschen auf – und hatten Angst – vor einfach allem. Warum bebt die Erde? Warum donnert es – und was sind Blitze für Dinge? Sturmfluten? Seuchen? In allem einen Sinn suchend erfanden sie das Konzept der Religion. Und da es der erste Versuch war, das Unerklärliche zu erklären, war es auch der unzureichendste Versuch. Heute haben wir für fast alle Mysterien plausible und nachweisbare Erklärungen. Gut – also, nehme wir an, da sei ein Gott – und all die Zeit sieht er sich die unglaubliche Verwüstung und Zerstörung und all das Leiden und Sterben auf der Erde mit verschränkten Armen an – bis er vor einigen Jahrtausenden die Nase voll hatte und sich dachte, daß es an der Zeit wäre zu intervenieren. Aber nicht in China, wo man schon schreiben, rechnen und lesen konnte – nein – er tat dies in der unwirtlichsten, steinigsten und zurückgebliebensten Region des bronzezeitlichen Palästina. Und was kann besser sein, seine Offenbarung zu inszenieren als ein schickes, kleines Menschenopfer?“
      V-Dar sah den Mann erstaunt an.
      „Und wem das noch nicht reicht – rein logisch betrachtet muss ein Gott, der all das ungerührt zulässt, entweder sehr nachlässig oder sehr faul sein. Oder aber er interessiert sich schlichtweg nicht für seine Schöpfung. Was bedeutet, daß er entweder unfähig ist – oder nicht ganz so nett, wie wir es vielleicht gerne hätten.“ fuhr R. Cane fort.
      Dann hob er den Zeigefinger: „Oh und er ist jähzornig, rachsüchtig und steht auf Genozide. Jemals das Alte Testament gelesen? So einer Person möchte ich wirklich nicht begegnen! Die Midianiten, Malachiten, Kanaaniten und andere Völker wurden mal eben ausradiert um Platz für das `Erwählte Volk´ zu schaffen. Und dann die Zehn Gebote – es kommt noch besser: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Sagen Sie selbst – sollte da nicht eher Platz für was Wichtigeres sein? Besser geht es nicht? Und dann sagen nicht wenige Kirchenleute: Die Bibel ist das beste Buch, das wir haben. Oh, wirklich? Da steht nichts drin, das sich nicht irgendein Nahost-Warlord in der Gegenwart oder aber jemand aus der Bronzezeit hätte aus den Fingern saugen können. Das Wort Gottes...“
      R. Cane macht eine theatralische Geste: „Man stelle sich nur mal vor, wie herausragend und überwältigend eine Inschrift und ein Werk von einer Wesenheit sein muss, die ein ganzes Universum geschaffen hat! Und was haben wir? Leute, die die Mehrheit der Amerikaner davon überzeugt haben, daß da ein unsichtbarer Mann mit Bart in den Wolken hockt, den es brennend interessiert, was wir essen, wen wir heiraten und wie wir mit ihm schlafen? Die Amerikaner haben Zugriff auf Wasserstoffbomben! Meine Güte – bin ich der Einzige, der bemerkt, wie die Religionen uns als halbwegs intelligente Spezies ausbremsen?“
      Er sah V-Dar an: „Da bemerkt man als wacher Beobachter gleich, daß wir uns bisher nur ein halbes Chromosom von Schimpansen unterscheiden. Das ist erniedrigend. Wir sollten es eigentlich besser wissen. Nun zu Ihnen. Ihre Religion beruht wahrscheinlich auf einer Verehrung der Ahnen und der Naturgeister?“
      „Öhhm... so in der Art...“ antwortete der Indianer und R. Cane strahlte ihn an: „Wie ich es mir dachte: Leute wie Sie haben mehr Grips, als allgemein vermutet wird! Sie haben sich Ihre Instinkte bewahrt und können Anzeichen in der Natur erkennen, die anderen verborgen bleiben. Ein EEG von Ihnen wäre wahrscheinlich sehr interessant! Und ich denke, die Natur beginnt gerade damit, Menschen wie Sie zu belohnen. Sie sind wahrscheinlich psychisch begabt, richtig?“
      „Ja, das stimmt!“ staunte der Indianer.
      „Dann sind Sie der nächste logische Schritt der Evolution – der Mensch, der sich seines Umfeldes voll bewusst ist – und mit der Zeit lernt es durch pure Gedankenkraft zu manipulieren!“ strahlte der Wissenschaftler V-Dar an. Und der fragte plötzlich: „Sie meinen, ich kann tatsächlich irgendwann... mit den Seelen der Toten reden?!“
      Ernüchtert musterte R. Cane den Indianer und sagte leise: „Wir haben keine Körper – wir SIND Körper. Es ist nicht so viel Geheimnisvolles an dem grauen Zeugs in unseren Köpfen – sonst wäre Calin nicht möglich gewesen. Auf dieser Welt haben wir nur unseren Geist. Es ist vielmehr wichtig, mit den Lebenden zu kommunizieren, meinen Sie nicht?“
      R. Cane fuhr fort: „Wenn mein Körper mal nicht mehr mitmacht, werde ich mich in einen Vollsyntheten transformieren – ich muss dabeisein und zusehen, wie alles weitergeht...“
      „Sie weichen mir aus?“ wunderte sich V-Dar – und der Wissenschaftler fuhr herum: „Wenn wir sterben – verrottet unser Körper und aus. Abgesehen davon verschwinden wir in denselben Nicht-Zustand wie vor unserer Geburt. Da ist nichts dran, was einem Angst machen muss.“
      „Sie meinen also, wir haben keine Seele?“ fragte V-Dar nach.
      „So wenig wie Calin. Es gibt keinen Nachweis für etwas, das den Tod überdauert – zumindest noch nicht.“ gab R. Cane zurück. Er dachte nach und fragte sich: „Sie haben sich gewundert, wie Sie mit ihr umgehen sollen, nicht? Calin ist kein Anathema, sie ist ein hochintelligentes, zu Gefühlen fähiges Lebewesen – ihr EEG und ihre Kirlian-Aura verraten, daß sie tatsächlich am leben ist. Ihr Herzschlag sagt dasselbe aus.“
      Der Wissenschaftler wandte sich zum Gehen: „Ich sagte ja bereits – die Wissenschaft hat inzwischen plausible und belegbare Erklärungen für FAST alle Mysterien parat – aber nicht für alle. Und ich sagte BISHER gibt es keinen Beweis dafür, daß so etwas wie eine Seele existiert. Sie aber könnten es sein, der uns alle überraschen wird, mein Bester – und danach wird es Calin tun...“
      „Sie sind also doch religiös!“ staunte V-Dar.
      Und wieder grinste R. Cane sein knarrendes Grinsen: „In gewisser Hinsicht – ja. Es sind meinen Berechnungen nach viel zu viele Variablen und Ungewissheiten da – zu viele `Zufälle´, die dazu führten, daß wir hier sind – selbst, wenn es ein Unfall war – dafür gibt es eine Ursache... und die finden wir auch irgendwann. Da bin ich mir sicher. Und sie wird weitaus beeindruckender sein als ein brennender Busch in einer Wüste...“
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    • Ebene 04

      Amber und Phat Sexy waren beschäftigt – mit Wettessen. Kaela, Ryan und Aika hingegen wurden von Calin herumgeführt. Schließlich kamen sie in eine Halle. Diese war nicht sehr hoch – aber sie war groß. Der Boden war spiegelblank und Aika amüsierte sich über die kleinen autarken Putzmaschinen, die hier wieder unterwegs waren.
      Kaela aber starrte wie gebannt auf das, was in diesem Raum stand...
      Flugzeuge.
      Keine großen – aber man sah ihnen an, daß sie aus einem bestimmten Zweck hier standen. Und Ryan, der schon mal auf internationalen Militärmessen war, wusste auch aus welchem Grund – simpel gesagt: Zum Angeben. Aber nach einem genaueren Blick wurde auch er auf die Details aufmerksam, die Kaela von Anfang an ins Auge gefallen wren – mit diesen Flugzeugen konnte man durchaus angeben. Es waren nicht die neuesten Maschinen – aber sie waren dennoch... brandneu. Neuer als neu genau gesagt.
      Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes... makellos.
      „Ich wusste, daß Ihnen das gefallen würde.“ lächelte Calin und Ryan wunderte sich: „Wie... machen Sie das?“
      „Was genau?“ fragte Calin mit schiefem Kopf nach. Ryan wies auf die Maschinen – vor ihm stand eine Northrop YF-23, die neben einer ebenfalls schon fast unnatürlich neu aussehenden Focke-Wulf-190 stand: „Wieso sehen die alle so... perfekt aus?“
      Er ging um die Propellermaschine rum: „Ich meine – sogar die hier... alles ist... so glatt. Normalerweise sind da...“ peilte er über die linke Tragfläche: „...immer irgendwelche Dellen und Beulen drin – aber das hier ist wie ein riesiges Modellflugzeug!“
      „Oh, ach so... Das fällt nicht jedem auf, erst bei der Wartung... sie sind gedruckt.“ lächelte die Vollsynthetin: „Wir haben einen Großrechner für 3D-Modelle und die technischen Details – und dann gehen wir an den MegaFrame-Printer – und drucken sie sektionsweise aus...“
      „Die auch?!“ fragte Ryan mit offenem Mund auf die YF-23 und Calin kicherte: „Ja, auch die.“
      „Funktionieren die auch?“
      „Aber ja – ich funktioniere doch auch...“
      Ryan sah die Vollsynthetin an wie vom Donner gerührt. Und sie sah erstaunt zurück: „Öhhm – mein Körper kommt aus einem modifizierten MediFrame-Printer. Sagte ich das nicht?“
      „Cool!“ staunte Aika.



      Sie fanden Kaela beinahe andächtig neben einem Flugzeug, das aussah wie eine Computergrafik, die flüssiges Silber in Form eines Jets darstellen sollte. Ryan fuchtelte mit seiner Hand vor ihr rum – und die Samojedin erwachte wie aus einer Trance. Etwas benommen sah die Samojedin Ryan an, der besorgt fragte: „Stimmt was nicht?“
      „Oh... ich dachte gerade daran, wie ich einmal in Monino war – da gibt’s ein Museum für russische Flugzeuge. Da stand auch so eine... Die sah aber bei Weitem nicht so gut aus...“
      „Ich mag sie - sie ist schön. Deshalb habe ich sie blank gelassen...“ gestand Calin und Kaela nickte: „Die Yakovlev-28-P. Turmanski-Triebwerke, Tandemfahrwerk – etwas ungewöhnlich, aber sehr elegant auf ihre Art. Ich kann das verstehen...“
      Und auch hier fiel Ryan auf, daß die Oberflächen nicht aussahen wie die eines Flugzeugs – eher wie die einer Edelkarosse, so blank und ebenmäßig waren sie – sogar die Lichtreflexe der Deckenbeleuchtung glitten wie über einen nassen Fisch...
      Kaela besah sich jedes Detail. Tatsächlich – weder Schweiß-, noch Nietspuren – der gesamte Rumpf war... ein Stück. Wie eine an beiden Enden spitz zulaufende, gestreckte Spindel. Die Tragflächen mit den Motorgondeln waren angesetzt, das war klar – aber auch hier – alles aus einem Guss... Bis auf die diversen Ruder und Klappen – und die Wartungsklappen, versteht sich. Das Flugzeug mit der langen, spitzen weißen Nase wirkte beinahe surreal – sogar die Art und Weise, wie die Cockpitscheiben eingesetzt waren – makellos.
      „Natürlich haben wir die Technik modernisiert und EMP-geschirmt. Mit dieser Fetigungstechnologie können wir so ziemlich alles realisieren. Und das in kurzer Zeit. Wenn´s was Größeres sein soll – drucken wir zuerst die Segmente für einen größeren Drucker aus. Und damit wir beweisen können, was damit möglich ist – haben wir das hier gedruckt...“ wies Calin ans Ende der Halle – wo etwas stand, das... ungeheuerlich war.
      Ein PzKw-VII – ein Löwe.



      „Sieht aus wie ein dicker, russischer Panzer.“ meinte Aika. Mit Panzern kannte sich Kaela nicht so aus – sie sah nur, wie... riesig das Ding war. Sie klopfte gegen die schrägen Seiten des Riesen – und es klang nach... Nichts. Als hätte sie gegen einen Felsen geklopft. Kein Zweifel – dieses Monster war massiv: „Daß der Boden das aushält...“
      „Das hier ist ein Mikro-Kraton. Der gesamte Berg ist massiver Dolerit.“ erklärte Calin.
      „Klingt wie´n Eis...“ runzelte Aika die Stirn und die Vollsynthetin lächelte: „Es ist ein uraltes Basaltgestein – und härter als Granit...“
      „Und den haben Sie auch modernisiert?“ wies Ryan mit dem Daumen auf den Panzer und Calin nickte: „Ja. Er hat nun Ketten mit Hartgummipolstern drauf. Er hat einen 2400HP-Vielstoffmotor, besteht aus einem 20cm-CeraTitanverbund und hat eine Kanone, die aus voller Fahrt feuern kann – und die dementsprechende Feuerleitanlage... Er würde auf jedem modernen Kriegsgebiet eine sehr gute Figur machen.“
      „Öhhm... okay, okay. WARUM drucken Sie sowas aus – und dieses uralte Propellerdingen?“ fragte Ryan weiter.
      „Weil ich es kann.“ erwiderte die Vollsynthetin.
      Ryan sh sie entgeistert an: „Wie bitte?!“
      „Sie müssen verstehen – wir gehen nicht auf normale Messen, wo sowas verkauft wird – wir gehen auf Leute zu, die Unterstützung brauchen – und von denen wir überzeugt sind, daß sie ein Ziel haben, das mit unserem übereinstimmt – wenn auch zuerst auf ihrer regionalen Ebene. Diese kommen höchstwahrscheinlich mit ihren Fachleuten. Und diese sind es, die wir überzeugen müssen.“ erklärte Calin geduldig und fuhr fort: „Es gibt kaum noch bemerkenswerte, bekannte Dinge aus dem Zweiten Weltkrieg, die aus Deutschland stammen – und diesen Panzer, den kennen nur Leute, die Sie als `Insider´ bezeichnen würden. Weil es ihn nie gab.“
      „So, wie die YF-23 und die TSR-2.“ komplettierte Kaela und Calin nickte: „Ganz genau – so wie diese Maschinen. England war nach den Zweiten Weltkrieg beinahe bankrott – sie hatten nur eines, in dem sie brillierten – das Bauen von Triebwerken und Flugzeugen. Die TSR-2 ist herausragend – und wenn man sie technisch anpasst, ist sie es auch heute noch. Man muss das Rad nicht neu erfinden – man muss es nur... auswuchten. Dasselbe gilt für die Avro Arrow aus Kanada. Beide sind politischen Querelen zum Opfer gefallen, die nicht zuletzt von U.S.-Rüstungskonzernen unterstützt wurden – dem Militärindustriellen Komplex, vor dem Eisenhower einst gewarnt hatte...“
      „Sie klingen, als hätten Sie Mitleid mit den Maschinen...“ sah Ryan die Frau an – und sie lächelte entschuldigend: „Ich kann meine Wurzeln nicht verleugnen – ich stamme von ihnen ab. Von Resten, um genau zu sein. Resten von Programmen und Projekten, die einfach so vergessen wurden.“
      Nachdenklich sah sie zu der YF-23 rüber: „Und ich denke an all die Menschen, die Zeit und Arbeit in diese Maschinen gesteckt haben – in gewisser Weise liebten sie sie. Das bringt sie mir näher... Sie wollten sie in erster Linie nur fliegen sehen. Es ging ihnen nicht darum, daß diese Maschinen für militärische Zwecke gebraucht werden würden – sie wollten sie nur komplett und funktionsfähig sehen...“
      Calin wandte sich wieder an Kaela und Ryan: „Was müssen all diese Menschen niedergeschlagen gewesen sein, als all ihre Träume einfach so... gelöscht worden sind? Sagt man das so? Gelöscht von einem undurchsichtigen Apparat der Bürokratie und der Mauschelei, den sie nie zu Gesicht bekamen – und noch weniger zu durchschauen in der Lage waren... Abgesehen davon, daß nicht wenige von ihnen danach auf der Straße standen. Das hier ist mein Tribut an die Leistungen dieser Menschen. Ich mache Unmögliches wahr – das ist etwas, worin ich wirklich gut bin.“
      Ryan konnte nur dastehen – und staunen. Kaela aber begann zu lächeln: „Sieh an, Sie sind menschlicher, als Sie es selber vielleicht glauben mögen... Ich mag Ihre Art zu denken – Sie sind ehrlich und emotional. Das ist gut. Das ist sehr gut.“
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    • „Sagt Dir der Begriff Retrogenetik etwas, meine Kleine?“
      „Nö...“
      „Das ändern wir.“



      „Falls sich jemals jemand die Frage gestellt hat, wie sich haufenweise Mistkerle zu Gangsterbanden oder sonstigem Gesocks zusammenrotten können, ohne daß es der Polente auffällt... Keinen Plan!“ stellte Phat Sexy ehrlich fest und sah in die Fabrikhallen tief unter den Drakensbergen: „Und wo man seine Leute herbekommt, die tatsächlich dichthalten wie bei krassen Geheimorgnisationen, weiß ich auch nicht.“
      „Viele Dinge stellen wir hier her – andere werden zugekauft – oder woanders hergestellt.“ erklärte R. Cane, während überall um sie herum geschäftiges Treiben von Leuten in weißen Overalls herrschte. Von vielen Dingen, die hier komplettiert wurden, konnte keiner von Kaela und den anderen sagen, wozu sie überhaupt gedacht waren. Aber schon bald wieder wurde Kaela´s Blick von etwas magisch angezogen... Hier sahen sie alle einen MegaFrame-Printer in Aktion. Und hier entstand auf unglaublich futuristische Art und Weise gerade ein düsterer, fast schwarzer Rumpf eines kräftigen Jets. Die gedrungene Form mit der aggressiven Bugpartie und der nicht komplett gerade durchgehende Grat zwischen Cockpit und Seitenruder ließ ihn... muskulös erscheinen. Er hatte orange Düseneinlässe, einen orangefarbenen Radarkonus – und auch orange Luftbremsen. Man konnte erkennen, wo die Ansätze für die Tragflächen waren – allerdings war für den nicht Eingeweihten ein Detail seltsam – die kleinen Tragflächen sollten anscheinend vor die großen montiert werden. Das hier wurde eine J-37. Mit einer Comicfigur an den Seiten des Cockpits – einer schwarzen Wespe.
      „Das ist... meine Maschine!“ konnte Kaela dem metallisch dunkel gefärbten Rumpf ungläubig beim Wachsen zusehen, wie er Schicht um Schicht der Länge nach Gestalt annahm.
      „Ist es nicht.“ erwiderte R. Cane und die Samojedin sah ihn fragend an. Und Dan runzelte die Stirn: „Kommen wir jetzt zu dem Grund, weshalb wir hier sind?“
      „Sie? Sie haben Glück gehabt – und wir auch, irgendwie. Überschätzen Sie sich bitte nicht.“ konterte R. Cane und Dan sah ihn baff an.
      „Unsere Großrechner haben Suchroutinen und Profilerprogramme. Heutzutage ist fast jeder zivilisierte Mensch aufspürbar, auslesbar und einschätzbar. So kommen wir an Leute, auf die wir uns verlassen können. Mit Glück hat das eigentlich nichts mehr zu tun – bei Ihnen waren wir uns nicht sicher, Sie sind von der C.I.A., Sie erinnern sich?“ lächelte der Wissenschaftler und Amber kicherte: „Theheee... Jetzt nicht mehr!“
      „Richtig. Sie hatten also Glück – auf dem Schirm hatten wir Sie nicht – und Miss Wilkinson auch nicht...“ stimmte R. Cane zu – und sah zu der Samojedin rüber: „Sie hingegen fielen schon in die engere Auswahl – Sie mögen eine Söldnerin sein – aber tatsächlich sind Sie mehr so etwas wie ein moderner Ronin.Sie gehen mit wesentlich offeneren Augen durch diese Welt, als man es Söldnern im Allgemeinen zutraut – das ist gut. Das ist sehr gut.“
      Er sah zusammen mit Kaela der J-37 beim Wachsen zu und grinste: „Aber Mr. Parker hat recht – kommen wir zum Geschäft: Ich brauche ab und an eine verlässliche Begleitung für Dr. Seltsam. Und einen... `Sensei´ für zwischenmenschliche Belange – worin ich selber nicht gerade brilliere. Sie sind entschlussfreudig – aber auch besonnen. Diese Maschine hier ist Ihre - wenn, wenn, wenn... Sie zustimmen, ab und an für uns zu arbeiten – vorwiegend also auch in repräsentativer Art und Weise. Ich habe gehört, in der Nähe von Maui gibt es einen großen Sportflughafen?“
      „Das stimmt!“ grinste Amber und R. Cane nickte: „Schön! Wir liefern diese Maschine dahin – und unseren Geschäftsvogel. Den werden Sie brauchen. Oh ja – Sie haben sich sicherlich schon Sorgen gemacht wegen Ihrem Konto in Luanda, Mrs. Khan?“
      Mrs. Khan?“ runzelte Kaela die Stirn und der Wissenschaftler wies auf Aika: „Sie sind nun Mutter, nicht wahr? Darauf wird in den U.S.A. Wert gelegt. Keine Sorge – wir haben den Gegenwert Ihres Schließfaches auf ein Konto überwiesen, das Miss Wilkinson gut kennen dürfte. Genau... jetzt.“
      „Sie wissen von...“ stutzte Amber und R. Cane sah sie an wie ein Hundejunges: „Kommen Sie – meinen Sie, Ihr spezieller Trick an Geld zu kommen wäre so etwas Besonderes? Was meinen Sie, wie ich das alles hier habe möglich machen können?“
      Er strahlte sie alle an: „Klingt alles ein wenig... unglaublich, nicht wahr? Doch keine Sorge, denn der Professor – und das bin ich – hat alles genau durchdacht und geplant. Wenn alles wie geplant funktioniert, verzweifacht, verdreifacht – ver... ganzvielmehrfacht er Ihr persönliches Wohlbefinden im Handumdrehen!“
      „Und wenn es nicht funktioniert?“ fragte V-Dar.
      „Dann helfen wir nach. Unmögliches wird sofort erledigt, auf Wunder muss man etwas warten – und auf Wunsch wird gehext!“
      „Die Zukunft von morgen wird heute gemacht...“ fiel V-Dar wieder ein und R. Cane nickte: „Sie haben es begriffen. Politische Korrektheit und religiöse Dogmen sind nicht die Lösung unserer Probleme – Fakten sind es. Und die Art, wie man diese Probleme zu lösen gedenkt.“
      Er sah zurück in die zyklopische, lärmende Fabrikhalle: „Unsere Lösung ist also vielleicht nicht die eleganteste und schönste – aber momentan ist es die Lösung, die am geeignetsten ist.“
      Und Phat Sexy bekam eine Gänsehaut und sah V-Dar ungläubig an: „Das Universum gibt Dir nicht, was Du willst – sondern das, was Du brauchst...“
      V-Dar zog eine Braue hoch und R. Cane nickte anerkennend: „Besser hätte ich es nicht sagen können.“
      Dann fuhr ein kleiner Roboter vor, der ein Kästchen in den Manipulatoren hielt, das der Professor ihm abnahm: „Sie wollten doch nach Maui? Ich habe da etwas arrangieren lassen...“
      Er reichte das Kästchen Amber und die sah neugierig hinein. ID-Cards, zentralafrikanische Reisepässe, Flugtickets erster Klasse von Kapstadt nach Honolulu, Greencards, seltsam aussehende Kreditkarten... einige identische Schlüsselbünde – und ein Foto von einem flachen, großen und modernen Bungalow – an den ein Ladengeschäft grenzte, auf dessen verhangenen Schaufenstern `OPENING SOON!´ zu lesen war. Amber´s Augen wurden groß: „Hookipa Park Avenue 07, MAUI HAWAII... !“
      „Sie arbeiten nun für die Zukunft dieser Welt. Und um das überzeugend tun zu können, sollten Sie das mit Stil tun – finden Sie nicht?“ fragte R. Cane nach.
      „Aber sowas von!“ nickte Amber begeistert.
      „Von Privatsphäre halten Sie nicht besonders viel, kann das sein?“ fragte Ryan skeptisch nach, bekam Amber´s Ellbogen in die Seite und der Professor konterte lakonisch: „Sagen Sie das der NSA – all diese Details habe ich aus deren Dateien.“

      Etwas später ging Aika alleine durch eines der Gewächshäuser. Hier wuchs alles Mögliche, das unter Umständen für Komponenten von Medikamenten Verwendung finden mochte. Hier war es angenehm ruhig. So konnte sie ein wenig nachdenken. Vor wenigen Wochen noch dachte sie, daß sie wohl nie wieder aus der Wildnis auftauchen würde... Und nun...
      „Du hast eine wirklich schlimme Zeit hinter Dir, nicht wahr, mein Kind?“ hörte sie R. Cane fragen. Der stand einen Quergang weiter und besprühte einige Orchideen mit Wasser: „Die Familie zu verlieren muss hart sein – vor allem auf diese Weise.“
      „Meine Mutter ist eine egoistische Schnepfe. Meine Eltern haben sich getrennt. Entwicklungshilfe war nicht ihr Ding...“ gab Aika knapp zurück.
      „Also bist Du bei Deinem Vater geblieben.“ schlussfolgerte der Wissenschaftler und Aika nickte: „Mein Vater war okay. War nur immer sehr beschäftigt. Und immer in Eile...“
      „Das bleibt bei seinem Beruf nicht aus. Auch er arbeitete an einer besseren Zukunft. Das ist etwas, das ich sehr respektiere.“ begann R. Cane einige Bromelien einzusprühen. Er sah zu der Mestizin rüber: „Du vermisst ihn, nicht wahr?“
      „Natürlich vermisse ich meinen Vater. Aber er ist tot – und nichts kann das ändern. Das Leben geht weiter – und ich muss zusehen, daß ich nicht zurückbleibe...“ murmelte Aika.
      „Du bist ziemlich reif für Dein Alter – und eine starke Persönlichkeit!“ stellte R. Cane anerkennend fest. Die Mestizin sah ihn an, wie er nun so neben ihr herging: „Nein, das bin ich nicht. Kaela ist stark. Ich wünschte, ich könnte mehr so sein... wie sie.“
      Und R. Cane sah zu ihr zurück – und sein breites Grinsen erschien wieder: „Ist das so... Lust auf ein kleines... Experiment?“
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    • Ist das alles?



      Es ist einige Zeit vergangen. Der ziemlich ausgefallen designte Laden `Surfin´ Private Ryan!´ lief gut – und Amber hat ihrem lebhaften Haufen erfolgreich das Wellenreiten beigebracht – und einige andere Stunts. Direkt über der Theke hing ein Bord in Rooivalk-Tarnmuster, auf dem ein übergroßer Colt Government zu sehen war, um den herum in einer Art Wappeninschrift Folgendes zu lesen war: `Every Hawaiian has the Right to bear a Board!´ V-Dar und Amber hatten also viel zu tun, während Kaela Flugunterricht gab und einmal wöchentlich abends Selbstverteidigungskurse für Frauen anbot (mit speziellen Gratislektionen für Aika, versteht sich). Ryan – Namensgeber des Ladens und der Mann für das Finanzielle war zufrieden, sich nun wieder mit Tätigkeiten zu befassen, in denen er wirklich gut war – und so rollte der Rubel – und zwar ordentlich. In seinem Büro hing ein gerahmter Zeitungsartikel an der Wand: `War Criminal from African Bushfire Conflicts sentenced to Life – in a Jar!´ So kann´s gehen. Anfangs recht skeptisch, wie das alles laufen würde, war er nun endlich in der Lage, sich zu entspannen. Zumindest so lange, bis das Telefon klingelte...

      Kaela war in der Stadt – und hatte mal wieder eine Konditorei geplündert. Gerade verstaute sie ihre nicht gerade geringe Ausbeute im Kofferraum des tief weinroten Lincoln Continental Mk.VI mit Teilvinyldach. Sie war, was das anging, eher klassisch veranlagt – dieses Riesending aus den 1970ern war genau ihr Fall – nicht so eine hypermoderne Plastikschüssel mit einprogrmmiertem Verfallsdatum... Frisch ausgedruckt, versteht sich – muss aber keiner wissen. Dank Phat Sexy hat Calin ihre Vorliebe für Autos entdeckt. Gerade saß sie hinter dem Steuer und peilte über die lange Motorhaube, die einen Kühlergrill hatte wie eine kleine Akropolis aus Chrom – da klingelte ihr Handy – und Ryan war dran: „Sieh an – was gibt’s?“
      „Du musst zur Schule fahren. Aika ist beim Rektor!“
      „Wieso das? Ist das was Besonderes an einer Schule?“
      „Hier schon! Das bedeutet, daß sie was ausgefressen hat -. auf dem Schulhof irgendwie!“
      Kaela erinnerte sich daran, daß die Mestizin einige Kurzwaffen eingepackt hat, damals am See: „Hat sie wen umgelegt?“
      „Wiewas?! Natürlich nicht! Sonst wäre die Polizei hier!“
      „Dann wird’s schon nicht so tragisch sein – ich fahre mal vorbei...“ beendete die Samojedin das Gespräch und fuhr gemächlich los. Es war für die Söldnerin immer wieder amüsant, bei was für Anlässen Ryan anfing, nervös zu werden.

      Aika saß im Büro des Rektors. Ungerührt. Rumstehende Erwachsene, die haufenweise Blödsinn laberten – und Ken, der jetzt einen auf Heulsuse machte – Weichflöte. Was steckt er auch `nen gammeligen Fisch in ihren Schulranzen? Und Ken´s Vater, der mal wieder rummoserte – irgend so ein reicher Sack. Nichts Weltbewegendes also – sie hatte weit Schlimmeres erlebt... Schließlich kam der alte Knacker auf sie zu, wie sie so gelangweilt dasaß und brüllte: „Wenn Deine Schlitzie-Eltern bei Deiner Erziehung schon versagen – das kann ich wieder richten!“
      „Seien Sie ruhig – oder soll ich Ihnen das Becken brechen?“ fragte Aika leise zurück – und ließ den Mann erbleichen. Und die Tür ging auf: „Nicht, wenn ich es zuerst breche. Was geht hier ab?“
      Und in der Tür stand eine hochgewachsene, langgliedrige Frau, der man ansah, daß sie sehr athletisch war. Sie hatte wie Aika sehr lange, schwarze Haare, braune Haut, sehr exotische Züge - und dieselben kurzen Augenbrauen. Zweifellos – diese Frau, die ihre dunkelgraue Jeansgarderobe mit der Würde eines Dreireihers zu präsentieren in der Lage war – war Aika´s Mutter: „Ich wiederhole mich ungern – was geht hier ab? Ist das hier eine Schule oder die Inquisition?“
      „Ken hat mich mit seinen Freunden zusammen in der Pause dauernd beleidigt – und mir meinen Schulranzen heute mit´nem alten toten Fisch ruiniert. Der stinkt jetzt total! Also hab´ ich Ken mal vermöbelt – damit er´s lernt.“ gab Aika bereitwillig zurück.
      „Ist das alles?“ fragte Kaela zurück – und grinste Aika stolz an: „Gut gemacht!“
      Sie drehte sich zu dem älteren Herrn mit dem Namensschild am Jackett um, zweifellos der Boss von dem Verein hier: „Und? Wo ist jetzt das Problem? Kinder kloppen sich - das ist nix Neues.“
      Der Rektor sah sie an wie ein Gespenst: „Wo das Problem ist? Ihre Tochter ist gefährlich! Sie hätte Ken fast das Kreuz gebrochen!“
      „Im Gegnteil – sie ist sogar außerordentlich geduldig und besonnen – ich in ihrem Alter hätte den Bengel gleich in den Rollstuhl verfrachtet – oder in die Urne. Sha yi – jing bai*.“ lächelte die Samojedin den Mann entschuldigend an und der konnte sie nur ungläubig anstarren: „Was sagen Sie da?“
      Sie setzte sich an den Tisch des Rektors – und er nahm dahinter Platz – weil er das musste. Was um alles in der Welt... war das für eine Frau?



      „Sehen Sie – ich bin, wie Sie wahrscheinlich schon so richtig vermuten, Aika´s Mutter – was bedeutet, daß ich für das Kindeswohl dieses Mädchens zuständig bin – wozu auch zählt, daß Aika auf sich aufzupassen lernt – und sich um sich selber kümmern kann. Und das habe ich ihr beigebracht – neben anderen... nützlichen Dingen. Wenn dazu das Verdreschen von übermütigen Rabauken gehört – wird sie genau das tun. Sie hätte ihn immerhin auch einfach erschießen können – und das auf große Entfernung, wie ich mit nicht wenig Stolz behaupten kann. Sie ist mittlerweile recht gut darin...“ erklärte Kaela dem Mann geduldig und der fragte nach: „Was ist mit Ihnen los? Sind Sie nicht ganz normal?“
      „Tharharhar! Richtig!“ lachte Kaela ihn vielsagend an: „Ich bin professionelle Söldnerin. Möglicherweise hat Aika ein wenig von mir... geerbt... Wenn sie also einen normalen Kerl – einen Zivilisten - ein wenig zurechtbiegt, dann nicht ohne triftigen Grund.“
      Kaela hat nie gefragt, wie Aika es angestellt hat, daß sie der Samojedin so ähnlich wurde – und die anderen auch nicht. Die Mestizin war alleine, seit sie elf war. Sie konnte also schon lange auf sich aufpassen. Und es machte Kaela ziemlich stolz, daß Aika sich entschlossen hatte, tatsächlich ihre Tochter zu sein – auch wenn sie eigentlich Kaela´s... kleine Schwester war. Sozusagen. So stand die Samojedin auf und wandte sich zum Gehen: „Wenn nun alles geklärt ist... oh ja...“
      Kaela sah Ken´s Vater an und sagte höflich: „Gewöhnen Sie Ihrem Balg gefälligst an sich zu benehmen. Und wenn Sie meiner Tochter noch einmal drohen – dann gibt’s Mische. Ich hoffe, das war deutlich.“

      „Du bist einfach nur turbo-cool!“ sagte Aika, als sie auf dem Beifahrersitz neben Kaela saß – und die grinste: „Ich bin sehr stolz auf Dich. Du hättest ihn aus Versehen abmurksen können!“
      „Nööö... das macht mehr Ärger, als es wert ist.“ winkte Aika ab und Kaela musste lachen: „Tharhar... Da fällt mir ein – Du wirst bald sechzehn. Da wird’s doch gleich mal Zeit zu lernen, was man so alles fahren und fliegen kann...“
      „Yess! Strike!“ freute sich Aika.

      Schließlich kamen sie zu Hause an – wo V-Dar und Ryan schon auf sie warteten. Amber war mal wieder in der Brandung. Und kaum stiegen die beiden aus, fragte Ryan schon: „Und? Was war jetzt?“
      V-Dar wunderte sich eher darüber, weshalb es hier plötzlich nach Fisch roch. Kaela holte ihre Einkäufe aus dem Koffeerraum und meinte beiläufig: „Nichts Besonderes – Aika hat irgend so einen Football-Idioten verdroschen...“
      „Ich hab´ihn mit Aikido plattgemacht!“ führte die Mestizin stolz weiter aus und Ryan´s Augen wurden groß: „Du hast...“
      Er sah Kaela an: „Das hast DU ihr beigebracht, stimmt´s?“
      Aika nickte: „Messerkampf auch!“ ...und Kaela meinte verlegen: „Naja – ich bin mies im Häkeln und Kochen – für´s Fliegen ist sie noch zu jung – und kämpfen ist alles, was ich kann...“
      „Ist sie gut?“ wollte V-Dar wissen und Kaela und Aika nickten gleichzeitig: „Oh ja!“
      „Das ist nicht der Punkt!“ fuhr Ryan auf und Kaela und Aika brachten ungerührt die Einkäufe ins Haus: „Sachertorte?“
      „Au ja!“

      ENDE

      *Chin.: Töte einen – warne hundert.
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    • RUNDE 02

      Zur Erinnerung: Ich weise darauf hin, daß ich einige historische Ereignisse und Unglücksfälle abändere oder weglasse, um mehr stylisches `Zeugs´ zur Verfügung zu haben. Verbuchen wir dies der Einfachheit halber unter künstlerischer Freiheit.

      Berlin, 1939



      Eine Stadt, die mit London und Paris konkurrieren kann. Seit der Olympiade 1936 sehr international. Das Nachtleben tobt, der rezente Reichskanzler ist ein besonnener, parteiloser Mann, der sich darum bemüht, das Renommée des Landes weiterhin positiv zu beeinflussen. Der erste Weltkrieg liegt 21 Jahre zurück und man ist international bemüht, daß es keine Neuauflage gibt – denn Italien und Japan werfen mit ihren außenpolitischen Manövern und Aufrüstungsanstrengungen einen dunklen Schatten auf eine Welt, die sich seit zehn Jahren von einer Wirtschaftskrise ohnegleichen erholt.
      Zudem... England und Frankreich trauen dem Frieden noch nicht so sehr – und Deutschland und die USA trauen Russland nicht so sehr. In den USA hingegen ist man hin und weg von der Weimarer Republik. Deutschland ist Vorreiter im Bau von Flugzeugen mit großer Reichweite – wie der Focke-Wulf Condor und der Junkers 90 der Lufthansa – und immerhin hat die amerikanische Navy drei große Zeppeline aus Deutschland bekommen – die Los Angeles, die Acron und die Macon, die so auch zu Reklameträgern für deutsche Ingenieurskunst und Luftfahrttechnologie wurden. Die Graf Zeppelin und die Hindenburg sind unterwegs zu aufsehenerregenden Luftkreuzfahrten rund um die Welt und Reporter aus aller Welt tun alles, um von diesen Abenteuern zu berichten. Zwar fragt man sich in den USA, wie man in Deutschland an Helium kommt – aber das sind Details... Die Do-X, bewährt seit 10 Jahren, fliegt ebenfalls Fernziele an – wie New York und Rio de Janeiro und die luxuriösen Limousinen von Mercedes, Horch und Maybach machen Rolls Royce und Cadillac Konkurrenz.
      Aber es gibt auch ein anderes Deutschland...



      Ein dunkleres zum Beispiel. 21 Jahre hatten Bitterkeit und Groll ob einer erniedrigenden militärischen Niederlage und der entwürdigenden Friedensbedingungen Zeit sich aufzustauen. Das Gefühl, immer noch im Stacheldraht zu hängen – und sobald man einen Finger rührt, kommt einer mit einem Seitenschneider vorbei – aber nicht für den Draht – sondern für den Finger.
      Die Reichswehr?
      Ein Witz – nicht mal 200000 Mann insgesamt... Luftwaffe? Praktisch nicht vorhanden. Gut – man hatte geheime Werke und Testgebiete in Russland – aber das war so, als ob ein Fuchs fragen würde, ob er im Gebiet der Wölfe seinen Welpen das Laufen beibringen darf – etwas Anderes musste her...
      Und so kam man auf die Idee Forschungsschiffe auszusenden – an Orte, die kein Aas interessierten – wie die Antarktis zum Beispiel. Und hier unten passierten Dinge, von denen die momentane Regierung nichts ahnte... Bahnbrechende Entdeckungen wurden gemacht – tief im Fels – Industrieanlagen errichtet, in denen Sachen entwickelt und gebaut wurden, die unerhört waren und Werftanlagen angelegt. Und so häuften sich die Berichte über die Sichtungen von unbekannten U-Booten auf den Meeren. Und weitere Stützpunkte wurden angelegt, in Feuerland und Patagonien, auf weit abgelegenen, felsigen Inseln im Südpazifik und es bestanden militärische Bündnisse mit Italien und Japan zum Ideenaustausch. Geheime Kleinst-Uboote wurden entwickelt, neuartige Panzerfahrzeuge füllten gigantische unterirdische Kavernen, geheime Organistionen hoben ganze Regimenter und geheime Kampfgruppen aus und es wurde an so futuristischen Konzepten wie Raketen- und Düsentriebwerken gearbeitet – Dinge, unter denen sich selbst der Großteil der Bevölkerung von Industrienationen nichts vorzustellen in der Lage war. In italienischen und japanischen Werften wurden gewaltige Kriegsschiffe gebaut. Und selbst zwei Flugzeugträger nahmen Gestalt an – die Neuschwabenland und die Graf Zeppelin. Man pfiff einfach auf das Washingtoner Flottenabkommen. Unter der Hand wurden selbst die so erfolgreichen Privat- und Verkehrsflugzeuge so gebaut, daß sie mit wenigen Handgriffen und Aufrüstungen in Kampfflugzeuge umgebaut werden konnten. Japan und Italien machten sich also unbeliebt – aber es gab eine Organisation, die im Hintergrund die Fäden zog und kräftig nachhalf: Der Orden des Schwarzen Adlers. Und der würde bald fliegen und einen riesigen Schatten über die Welt werfen. Dann würde es einen neuen Versailler Vertrag geben – und er würde dem Verlierer nicht gefallen... Aber... Noch nicht jetzt – wer 21 Jahre Geduld hat, kann auch noch ein paar Jahre länger warten. Bis seine Macht und der technologische Vorsprung gegenüber allen anderen schließlich so groß ist, daß keiner dagegen anzukommen vermag.
      In Deutschland waren die Veränderungen eher subtiler Natur... Und selbst das Volk bekam kaum was davon mit. Im Gegenteil: Arbeit und Lohn für alle – was kann es in diesen Zeiten Besseres geben? Gleisanlagen mit Schwerlastbetten – die in verdächtige Nähe zur Maginot-Linie führten. Autobahnen – perfekt, um schnell motorisierte Truppen zu verlegen.
      Die modern angelegten Flugplätze – mit betonierten Pisten – kein Vergleich zu den üblicherweise auf Grasebenen angelegten Flughäfen im Ausland...
      Großzügig dimensionierte Hafenanlagen für Frachter und Tanker – mit bemerkenswert dicken Betondecken über den Werkshallen.
      Auch im Inland waren viele Fabrikanlagen wesentlich massiver und stabiler gebaut worden, als es eigentlich nötig wäre. Aber was soll´s? Deutsche Perfektion. Deutschland hatte viel zu tun und den Leuten ging es gut.
      Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...
      So weit der Plan. Er ist in Aktion seit 1926. Eines Tages aber machten Bohrtrupps beim Bau neuer Stollen unter dem antarktischen Eis eine faszinierende und verstörende Entdeckung – ein See. Grünlichblau war das Licht, das durch die Decke des Gletschers auf den See geworfen wurde. Urzeitliche Moose und Farne wuchsen an seinem Ufer – die Höhle war einfach nur riesig. Unbekannte Wesen schwammen in dem erstaunlicherweise recht warmen Wasser – zweifellos gab es auf dem Grund des Sees Thermalquellen. Aber das wirklich Erstaunliche und Verstörende, was sie fanden, steckte halb im äonenalten Erdboden – und doch schien es von der Zeit unberührt...
      Es wurde in den Unterlagen als `Das Objekt´ geführt.
      Und es war augenscheinlich nicht... von hier.

      Berlin Tempelhof – die internationale Luftfahrtwoche

      Bestes Sommerwetter. Alles stand im Zeichen dieses Großereignisses – auf dem Wannsee waren zahlreiche Flugboote gelandet – unter Anderem auch eine Do-X. Die Kinder hatten Sommerferien und so war die ganze Stadt auf den Beinen, um zu sehen, was die Zukunft der Luftfahrt zu bieten hatte.
      Bianca war tief beeindruckt. Das also war ein richtiger Großflughafen! Er war riesig! Das Hauptgebäude hatte etwas an sich, das einen schier zu erschlagen drohte – alleine dadurch, daß es da stand. Die ziemlich attraktive Ameriknerin italienischer Abstammung allerdings passte hier ziemlich gut hin – in ihrer abenteuerlichen Garderobe aus knappsitzender Safarihose, stabilen Schuhen und taillenkurzer Fliegerjacke machte die Frau mit ihrem niedlichen Gesicht und ihrer ungewöhnlichen Haarfarbe eine ebenfalls respektable Figur. Ihre wallende Haarflut war so intensiv karamelfarben, daß man dies eigentlich nur als `falbfarben´ bezeichnen konnte. Was passte, man ihr aber nicht ansah: Bianca Scorsese, Testpilotin und Schülerin von Pancho Barnes, hatte eine Konstitution wie ein Pferd.



      Zudem konnte Bianca von sich behaupten, selber recht geschickt zu sein, was das Instandhalten und aufrüsten von Flugzeugen anging. Aber hier zu sein und diese Giganten der Lüfte zu sehen war noch mal etwas ganz Anderes, als der Job als Postpilotin im Mittelwesten. Man hatte hier ganz andere Designansätze als in den U.S.A. - man verwendete hier vorwiegend Reihenmotoren – was die Maschinen schlanker, schneller erschienen ließ. Das erinnerte sie wieder an einen der Typen von der Alabama Shooting Range, der zu sagen pflegte: „We – Revolvers. Europeans – Automatics.“ Sie bemerkte auch, daß Tragflächen hier keine einfache, gerade Sache waren wie bei der Martin B-10 zum Beispiel – subtile Schwünge, Knicke und Winkeländerungen. Einerseits sah das bei der Junkers 90 sehr elegant aus – aber auch gruselig. Auf ihrem massiven einziehbaren Fahrwerk stand sie da wie eine riesige, silberne Harpyie – und sah aufgrund ihrer für die Amerikanerin andersartigen Linienführung fast beunruhigend aus. Gerade so, als würde sie auf irgendetwas... lauern.
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